Marxens Schulweg und andere Spaziergänge
Bei schönem Wetter sind Sonn- und Feiertage geeignet, per pedes die Umgebung zu erkunden. Anleitung dazu bietet “Trier zu Fuß”. Die beiden Journalisten und Autoren Verona Kerl und Roland Morgen laden gleichermaßen Touristen und Trierer zu 14 Spaziergängen ein, die sie in dem handlichen Bändchen veröffentlicht haben. Der Stadtführer bietet viel Bekanntes und einiges Neues zum Entdecken.
TRIER. Stöbert man in den Heimatregalen des örtlichen Buchhandels, steht man vor allem vor einer Menge an Stadtführern in verschiedenen Sprachen, darunter auch einige Exemplare in Deutsch. Rein optisch sind sie alle zum Verwechseln ähnlich, prangt doch die Porta Nigra von fast jedem Cover, wahlweise mit Blumenrabatten davor oder mit freundlich dreinblickenden Touristen, gerne auch angestrahlt vor abendlichem Himmel. Es ist und bleibt das Highlight für Trier-Besucher und so verwundert es nicht, dass auch das kürzlich erschienene Buch der beiden Volksfreund-Redakteure Roland Morgen und Verona Kerl mit dem mehr als 1800 Jahre altem römischen Stadttor auf dem Titel aufwartet.
Während sich der Führer rein äußerlich nicht von seinen Konkurrenten unterscheidet, lohnt sich ein Blick ins Innere allemal. Denn der Blick auf Trier erweitert sich nicht nur räumlich auf die sich in den letzten zehn Jahren weiter entwickelte Stadt, sondern auch auf Zeitspannen und Themen, die sonst wenig Einzug in die klassischen Reiseführer Triers erhalten. Zu nennen wäre hier beispielsweise das Kapitel “Jüdisches Trier”, in dem der Leser auf dem einen Kilometer langen Spaziergang vom “ältesten noch bestehenden jüdischen Haus in Deutschland” aus dem Jahr 1311 in der Judengasse bis hin zu den kürzlich verlegten Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunther Demnig durch die wechselvolle Geschichte der Juden in Trier geleitet wird. Jeder Rundgang wird auf einem – manchmal zu klein ausgefallenem – Stadtplan eingezeichnet, in dem Start und Endpunkt markiert sind, die Zwischenetappen jedoch fehlen.
Dem römischen und mittelalterlichen Trier sind die ersten beiden Spaziergänge gewidmet, hier werden die Klassiker abgehakt. Neben dem gut verständlichen und interessanten Text meist zur Geschichte und Architektur finden sich praktische Hinweise zum öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV), Tipps zum Einkehren, Öffnungszeiten und Adressen. Das durchgehend vierfarbige Buch wartet zudem mit einer Fülle an Fotografien der besprochenen (Bau-) Denkmäler auf. Ein vergleichsweise langes Kapitel begleitet Karl Marx nicht nur auf seinem Schulweg, sondern auf diversen Stationen in der Moselstadt, in der er 1818 geboren wurde und die er auch nach seinem Weggang weiterhin besuchte. Bei dem Streifzug mitten durch die Innenstadt geben Kerl und Morgen immer wieder Hinweise zu Gebäuden und Begebenheiten des 19. Jahrhunderts, was das Lesen und Flanieren abwechslungsreich gestaltet – bei weitem nicht nur für Touristen.
Weitere Touren geben die Gelegenheit, auf den Spuren der Heiligen und Apostel zu wandeln, die das zweitausend Jahre alte Trier bis heute prägen, oder auf dem Weinkulturpfad durch die Weinberge zu streifen und dabei das Weindorf Olewig zu besuchen. Neue Perspektiven bieten die Themenrundgänge zu den verschiedenen Parkanlagen, zum Weißhauswald, zu Brunnen, zum Petrisberg oder auch zu den Museen der Stadt. Auch wenn die Mosel durch die großen Straßen etwas aus dem direkten Blickwinkel der Trierer geraten ist, so ist sie doch das Thema eines lohnenswerten Kapitels in dem Reiseführer. Für viele Trierer bietet die Tour durch das östliche Trier mit seinem Ensemble aus Gründerzeit- und Jugendstilvillen sicher einiges Neues und Sehenswertes.
Allein die Entdeckungstour für Kinder passt nicht so recht in das flott geschriebene Werk mit sympathischem Lokalkolorit. Während Überschrift, einleitende Worte und die Infoblocks an den Seiten an Erwachsene respektive die Eltern gerichtet sind, spricht der Rest des Textes Kinder direkt an. Sollen das die Eltern vorlesen oder mutet man den Kindern diese Bleiwüste zu, die so gar nicht kindgerecht aufgemacht ist? Hier wäre ein durchgängiger Stil weitaus sinnvoller gewesen.
Ist der Leser erst einmal auf den Geschmack gekommen, mit Verona Kerl und Roland Morgen durch Trier zu ziehen, wird deutlich, wie viel Sehenswertes die Stadt zu bieten hat, auch wenn die Superlative während des Textes etwas überhand nehmen. Diese könnte man in einem zweiten Band etwas reduzieren und neue Kapitel einfügen, die jetzt stiefmütterlich behandelt worden sind. Ein Spaziergang zum Mohrenkopf und zur Mariensäule, ein Abstecher zur Kunstgewerbeschule, die zur ihrer Entstehungszeit eine der führenden war oder auch zu den Gebäuden der 50er und 60er Jahre wären diesen Spaziergängen noch gut hinzuzufügen. Ein Anfang ist gemacht, Trier auch abseits der römischen Pfade zu besichtigen. Und auf dem zweiten Band müsste dann auch nicht die Porta Nigra auf den Titel.
Der broschierte Band “Trier zur Fuß” ist im Leinpfad Verlag, Ingelheim erschienen, hat 104 Seiten und kostet 13,90 Euro. ISBN 978-3-937782-90-4.




