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“Was hier abgeht, ist nicht mehr normal”

Vor dem Heimspiel gegen Wormatia Worms im vergangenen September versuchten 35 Eintracht-Anhänger, gegnerische Fans anzugreifen. Im Derby gegen den 1. FC Saarbrücken vor sechs Wochen konnten größere Ausschreitungen nur durch ein massives Polizeiaufgebot verhindert werden. Zuletzt wollten nach der Niederlage gegen Bayer Leverkusen II vor zehn Tagen Mitglieder der Ultras – der in jeder Hinsicht radikalsten Fans – den eigenen Spielern ans Leder. 16vor sprach mit dem Leiter der Polizeiinspektion Trier Lothar Herres und dem “Szenekundigen Beamten” (SKB) Theo Roth über die Entwicklung des Fanverhaltens bei Eintracht Trier.

16vor: Gab es bei den Eintracht-Anhängern schon mal eine solche Phase der Aggression?

Roth: Das ist schwer zu vergleichen. Nach dem Abstieg aus der zweiten Liga hatten wir auch mal eine Szene, die recht aggressiv war, aber auf eine andere Art. Die momentanen Gruppierungen halten sich an keine Regeln.

16vor: Was kann man tun, wenn Leute in Gesängen ankündigen, im Falle eines Abstieges den Spielern ans Leben zu wollen?

Roth: Wir werden alle Möglichkeiten ausschöpfen, dem Einhalt zu gebieten.

16vor: Und was kann man konkret gegen solche Gesänge machen?

Herres: Wenn jemand singt: “Wir schlagen euch tot”, ist das eine Sache, die strafrechtliche Relevanz hat. Das könnte eine Aufforderung zur Straftat im öffentlichen Raum sein. Wer dazu auffordert, Straftaten zu begehen, so wie das hier war, wird strafrechtlich verfolgt.

16vor: Konnte die Polizei jemanden ausmachen, der dafür zur Verantwortung gezogen wird?

Roth: Wir haben Verdachtsmomente gegen einige Personen.

16vor: Wie viele Problemfans hat die Eintracht?

Roth: Wenn man gewaltgeneigte und gewaltbereite Fans zusammennimmt, circa 50.

16vor: Hat die Zahl in den vergangenen Jahren zugenommen?

Roth: Die ist ziemlich gleichbleibend. Ich gehe mal davon aus, dass wir insgesamt 70 bis 80 Ultras haben. Das sind aber nicht alles Problemfans. Die Gruppe ist ungefähr gleichgeblieben. In der zweiten Liga waren es streckenweise mal über 100.

16vor: Hat sich denn in der Szene die Herkunft, das Alter oder der soziale Status geändert?

Roth: Die kommen querbeet aus allen Schichten. Man kann nicht sagen, dass die nur aus sozial schwachen Gebieten stammen. Die kommen aus Trier, Konz, dem Hochwald und von der Mosel. Das Altersspektrum liegt zwischen 14 und 25 Jahren.

16vor: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum die Aggression zugenommen hat?

Roth: Man kann es ja momentan in den Medien verfolgen. Bundesweit versuchen die Ultras, Einfluss auf den Verein zu nehmen. Meistens sind es recht große Gruppen, die auch eine gewisse Lobby haben. Nach ihrer Ansicht sind sie die Fans. Sie unterstützen die Mannschaft und denken deshalb, sie könnten sich Einiges rausnehmen. Auch unter Missachtung von Regeln und Gesetzen. Das ist bundesweit der Trend.

Die Gewaltbereitschaft in der Gruppe ist größer geworden. Bei den Ultras früher war das mehr oder weniger Support und ein paar harmlose Spielereien. Mittlerweile ist es so, wenn wir Leute mit einem Stadionverbot belegen, weil wir ihnen Straftaten nachweisen konnten, werden die heute hingestellt als Märtyrer. Das sind nicht die Schlechten in der Truppe, sondern die Helden. Damit ist im Moment schwierig umzugehen. Ich habe mit Kollegen gesprochen, die wesentlich größere Szenen haben wie Köln oder Kaiserslautern, die haben die gleichen Probleme. Anders als in den vergangenen Jahren lehnen die jetzt auch den Kontakt zur Polizei ab. Bei uns geht das aber noch. So ganz weg sind sie noch nicht.

16vor: Wie kann man solche Angriffe wie im Spiel gegen Leverkusen vermeiden, wenn man kaum noch an solche Leute herankommt?

Roth: Mein Job ist es in erster Linie, frühzeitig zu erkennen, wo Probleme aufkommen. Eine Gruppe zu isolieren und deren Machenschaften zu unterbinden. Das gelingt leider nicht immer. Die nutzen die moderne Technik, womit sie uns auch mal entwischen. Und die reisen konspirativ an. Mittlerweile fahren die nicht mehr mit dem Supporters Club Trier, sondern mieten selbst Busse oder reisen alleine oder mit dem Zug. Auf jeden Fall nur noch unter sich. Wir kriegen zwar Vieles heraus, aber alles kannst du nicht abdecken. Hier und da gelingt es ihnen, uns mal auszutricksen. Dann kommt es zu solchen Dingen wie gegen Leverkusen. Wir hatten die Situation früh erkannt und konnten den Sportplatz isolieren. Dann hat jedoch hinten zum Block heraus eine Tür aufgestanden, die nicht aufstehen darf. Da sind sie dort raus und es kam zu den ersten Verfehlungen, die wir aber auch schnell unterbinden konnten. Im Gros hatten wir die Sache immer unter Kontrolle.

16vor: Das klingt ganz so, als betrachteten manche Fans das als Spiel?

Roth: Für die ist das ein Spiel. Dem ein oder anderen, mit dem man noch reden kann, habe ich versucht zu erklären, auf welch dünnem Eis die da laufen.

16vor: Es sind ja nicht alle Ultras gewaltbereit. Gibt es da niemanden mit Vorbildfunktion, an den man noch herankommt? Oder hält man untereinander zu sehr zusammen?

Roth: Der Gemeinschaftsgefühl ist schon sehr groß. Obwohl die Dinge, die in den letzten Spielen passiert sind, von Teilen auch verurteilt werden. Aber leider sind die, die mit Stadionverbot belegt sind, die Helden. Die habe so viel Einfluss, dass die anderen, die das Ganze nicht so akzeptieren, immer wieder überstimmt werden. Von unserer Seite her ist da schwer heranzukommen. Das ist jetzt eher die Sache des Fanprojektes.

Herres: Da sind viele auf dem ganz schmalen Grat, Straftaten zu begehen. Der Einsatz von Pyrotechnik beispielsweise ist ein Verstoß gegen das Sprengstoffgesetz. Manche Parolen könnten die öffentliche Aufforderung zum Begehen von Straftaten seien. “Wir schlagen euch tot” geht über das hinaus, was man unter “Fangesängen” versteht.

Rivalität ist nicht das Problem. Da wird es keinen Polizisten geben, der dafür kein Verständnis hat. Das gehört zum Fußball dazu. Aber Straftaten machen alles kaputt. Vor 20 Jahren war die Polizei noch die Ausnahme auf dem Sportplatz. Was jetzt hier abgeht, ist nicht mehr normal. Dass Fans durch die Gegend reisen, die weiter nichts im Blick haben, als bei jeder Gelegenheit, insbesondere wenn sie auf andere Fans treffen, Gewalt anzuwenden.

Roth: Die Hools nach dem alten Muster haben sich untereinander verhauen. Wenn einer lag, war die Sache erledigt. Die hier gehen gegen jeden. Das kann auch ein ganz normaler gegnerischer Fan sein.

16vor: Nach den Übergriffen bei Hertha BSC Berlin vor ein paar Wochen, wo über 100 Krawallmacher nach dem Spiel auf den Platz stürmten und randalierten, hat der DFB angekündigt, drastischere Urteile zu fällen. So wurden beispielsweise schon beim Spiel St. Pauli gegen Hansa Rostock nur 500 personalisierte Karten an Rostocker herausgegeben…

Roth: … worüber sich die Ultras von St. Pauli beschwert haben. Das muss man sich mal überlegen. Da kann man nichts mehr sagen. Direkt neben dem Millerntor-Stadion ist der große Kirmesplatz, der Hamburger Dom. Da war dann natürlich Zinnober hoch drei.

Herres: Man muss sich daran gewöhnen, dass man bei gewaltgeneigten und gewaltbereiten Fans keine normalen Maßstäbe anwenden kann. Es ist schon schizophren: Wenn wir einen Fußballeinsatz planen, müssen wir in unsere Überlegungen miteinbeziehen, welche Fans, die mit Trier überhaupt nichts am Hut haben, zum selben Zeitpunkt durch die Gegend fahren. Welche Strecken die eventuell benutzen, und auf welchen Bahnhöfen oder Autobahnraststätten die zusammentreffen könnten. So umfangreich muss man denken, wenn wir Fußballeinsätze planen. Das ist nicht mehr normal.

16vor: Was nützen dann Stadionverbote, wenn es eh außerhalb zu Konfrontationen kommt?

Herres: Das kriegt man mit Stadionverboten nicht in den Griff.

16vor: Welche Möglichkeiten gibt es dann? Kann man beispielsweise diese Glorifizierung von ausgesperrten Fans nicht dadurch vermeiden, indem man sie in ihrer Szene drin lässt, aber soziale Arbeitsstunden machen lässt oder ihnen pädagogische Bewährungsauflagen macht?

Herres: Es ist eine Aufgabe des Fanprojektes, ein Bewusstsein zu erzeugen, dass so etwas beim Fußball nichts verloren hat. Und dass es ein Fehler ist, genau die zu glorifizieren, die im Zusammenhang mit Fußball Straftaten begehen. Eine Bewusstseinsänderung muss her. So wie der Gruppendruck in negativer Hinsicht viel bewirkt, kann das auch in positiver Hinsicht so sein.

Roth: Wenn man früher Hools eine Straftat nachweisen konnte, hatten sie halt diese Sache verloren. Die waren sich dann aber bewusst, dass sie etwas falsch gemacht haben. Für die war klar, die Strafe zu akzeptieren. Heute sind wir die Schlechten. In den Augen vieler Ultras sind wir die, die sie zu den Straftaten treiben, weil wir zu aggressiv seien oder sie provozierten. Schon unsere Anwesenheit provoziere sie. Die Einsicht, dass sie Straftaten begehen, ist nicht mehr gegeben. Daran muss gearbeitet werden. Wir haben natürlich schon Etliche bekehrt, die massiv bestraft worden sind. Der ein oder andere ist nach so einem Urteil dann mal weggeblieben. Der sagt sich: “Einmal passiert mir so etwas, dann ist aber gut.”

16vor: Mit welchen Konsequenzen müssen die Täter rechnen, die beim Heimspiel gegen Worms den Bus der Gästefans angreifen wollten?

Herres: Da stehen Verhandlungen vor dem Amtsgericht an. Strafbefehle sind raus und gleichzeitig wurden Stadionverbote erteilt. In einigen Fällen wurden auf ein Stadionverbot verzichtet, weil wir nicht nachweisen konnten, dass die Betreffenden aktiv daran teilgenommen haben.

Roth: Es gibt inzwischen bundesweit eine Änderung bei Stadionverboten. Früher war die Höchstandrohung fünf Jahre, jetzt sind es nur noch drei. Und wenn ein Ermittlungsverfahren eingestellt wird, müssen wir auch das Stadionverbot zurücknehmen.

16vor: Eben wurde gesagt, dass eine gesunde Rivalität zum Fußball dazugehöre. Beim Spiel gegen Bayer Leverkusen II ging es aber nicht gegen gegnerische Fans.

Herres: Bei dem Spiel gab es gar keine gegnerischen Anhänger. Das waren nur Freunde und Angehörige der Spieler. Wegen gegnerischer Fans hätte die Polizei gar nicht da sein müssen, es waren nur Trierer unter sich. Doch was muss die Polizei machen: Die Spieler vor den eigenen Fans schützen. Das ist doch verkehrte Welt, oder?

Roth: Das hat nichts mehr mit Fansein zu tun. Das hat den Anstrich von einer “erlebnisorientierten Freizeitgestaltung”. Für die, die in der Ultra-Szene schwer zugänglich sind, ist das jedes Wochenende der Kick, zu machen, was sie wollen.

16vor: Vergangene Woche haben sich Mitglieder der Ultras beim Verein für ihr Verhalten beim letzten Heimspiel entschuldigt. Ist das kein positives Zeichen?

Roth: Das sind alles Lippenbekenntnisse. Du hast die im Präsidium so klein mit Hut sitzen und zwei Stunden später stehen die in ihrer Gruppe wieder in der ersten Reihe. In Bonn haben 30 Trierer nach einer Stunde geschlossen das Stadion verlassen, weil einige Kollegen mit Stadionverbot, die davor standen, des Platzes verwiesen wurden. Daran sieht man, dass die nicht interessiert, was auf dem Spielfeld geschieht.

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11 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. qwertz schreibt:

    Unglaublich

  2. SE schreibt:

    Sehr reißerisch, Herr Jöricke! Ähnlich wie bei einer großen deutschen Zeitung mit einem roten Logo!

    Zu den Herren mit dem “Grünen-Logo” ist zu sagen, dass man sie vermutlich wohl als total intolerant einstufen muss.

    Und das ist das Problem, man will Ultras nicht verstehn, nicht tolerieren und ihnen keine Chanche geben. Nein man muss sie Kriminalisieren.

    Aber liebe Herren, weiter so, wird schon richtig sein.
    Gruß

  3. Holger schreibt:

    Kaugummiverbot für Theo Roth, sonst Stadionverbot!

  4. Geht garnit schreibt:

    Unglaublich!!

    Da Sieht man mal wieder wieviel plan die herren in grün haben,nämlich null!!Was hier gesagt wird von den herren in grün ist ein absoluter witz!!

    Kaugummiverbot für theo roth!!

  5. Intendant schreibt:

    @ SE Was soll denn daran reißerisch sein? Und was soll das, den Interviewer anzugreifen, wenn einem offenbar die Antworten nicht passen?

    Es wird endlich Zeit, dass der Verein hart gegen die Randalierer durchgreift, wie es z.B. der Fanclub “Ostkurv” schon vor Jahren gefordert hat! Die Eintracht darf sich nicht weiter von dem lautstarken Häuflein Chaoten auf der Nase herumtanzen lassen, die meinen sie seien die einzig wahren “Fans”, weil sie auch zu jedem Auswärtsspiel kommen und Radau machen. Natürlich ist es prinzipiell gut, wenn auf der Gegengeraden Stimmung gemacht wird und natürlich unterstützt das auch die Spieler. Aber diese Art von “Fankultur”, wie sie dort praktiziert wird mit der Glorifizierung von Gewalttätern, dem Hass auf Polizei und fremdenfeindlichen Parolen schadet dem Verein und darf nicht toleriert werden! Deshalb Stadionverbot für Gewalttäter für immer! Sonst bleiben die wahren Fans, die wirklich Fußball sehen wollen, die Familien und auch die Sponsoren weg.

  6. Mario schreibt:

    Also ich kann die Sicht der Polizei verstehen. Es kann echt nicht sein, dass “Fans” ihre eigene Mannschaft bepöbeln und Gewalt androhen. Auch die Ultras versteh ich nicht mehr. Weltklasse sind die nicht mehr im Support, sondern v.a. im Beleidigte Leberwurst spielen. Klar übertreibt die Grüne Garde auch manchmal, aber dann muss man denen doch zeigen, dass man es auch besser kann. Dann lieber die gute alte Ostkurv zurück!!!

  7. Sebastian schreibt:

    Kompliment an Herrn Roth, ich bin voll und ganz seiner Meinung. Trier macht sich doch in ganz Deutschland nur noch lächerlich. Aber das merken die “Fans” ja nicht einmal.

  8. tuba schreibt:

    wenn Trier sich in ganz Deutschland lächerlich macht das wär mal was…. noch nicht einmal bis köln dringen die “schrecklichen eskapaden” durch…

    übertreibts mal nicht!!

  9. Det schreibt:

    Leute egal welcher Seite macht Euch nicht ins Hemd,Trier ist und bleibt ein großes Dorf und bald wird es auch auf sportlicher Seite feststellbar sein.Aber dafür haben die handelnden Personen von Seiten des Vereines und auch der Stadt
    schon seit langem gesorgt.
    Die einen weil sie den Verein seit der letzten 2 Liga Saison schon wie einen Provinz
    Club geführt haben, die andere Seite die Stadt hat doch seit dem Schroer nicht mehr OB ist überhaupt kein Interesse und die Saarbrücker Zeitung pardon der Tv hat meistens Mist im Zusammenhang mit der Eintracht verzapft.
    Also ist doch alles dort wo es hingehört, und beim Rheinland-Pokal Halbfinale
    gegen Zell/Bullay usw. ist man auch für die Zukunft in den Regionen angekommen wo man hineinpasst.,und das wieder von allen handelnden und beteiligten Parteien!!!!!

  10. SE schreibt:

    Sehr nett Herr Intendant,

    und das mein ich mit Intoleranz!
    Außerdem nennen Sie mir doch bitte die fremdenfeindlichen Parolen, aber ich versteh schon, ein besonders schlauer unter uns.
    Bei solchen Aussagen kann man nur den Kopf schütteln.

  11. Elwira Gabelspiess schreibt:

    Unglaublich soviel Grütze in einem Interview lesen zu müssen.

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