Reformpädagogik im Kreuzfeuer
In den vergangenen Wochen wurden zahlreiche Fälle sexuellen Missbrauchs und Vergewaltigungen von Schülern durch Lehrer der Odenwaldschule bekannt. Die Internatsleiterin geht davon aus, dass die Taten nicht nur in die Zeit des Rektorats von Gerold Becker von 1971 bis 1985 fallen. Vielmehr wurden auch Fälle gemeldet, die bis in die 90er-Jahre hinein reichen. Von rund 40 Opfern und mindestens acht Tätern unter den Lehrern ist bislang die Rede. Ist es sinnvoll, angesichts des Missbrauchsskandals Debatten über Fluch und Segen der Reformpädagogik zu führen? Und welchen Stellenwert hat das Thema im Pädagogikstudium eigentlich an der Uni Trier?
TRIER. Mit der fassungslosen Frage “Wie ist so etwas möglich?” richtet sich nun das öffentliche Interesse auf Institutionen, ihre Leitungen und Vertreter und auf die ideologischen Grundlagen des Zölibats oder der Reformpädagogik. Gestritten wird über politische wie private Überzeugungen. Ist es eine verklemmte katholische Sexualmoral oder der enthemmte Umgang mit Sexualität der 68er-Generation, die das Klima für das Ausmaß dieser Verbrechen schufen? Die Frage nach Ursachen und Verantwortung wird raumgreifender und stellt konservative wie liberale Haltungen grundlegend in Frage.
Im Kreuzfeuer politischer und ideologischer Gefechte steht auch das Lebensprojekt des 84-jährigen Hartmut von Hentig. Der Lebensgefährte Gerold Beckers ist die zentrale Figur reformpädagogischer Bewegungen der Nachkriegszeit, die von Hentig gegründete Laborschule in Bielefeld das Flaggschiff alternativer Schulformen, Hentigs Credo die Tradition einer “Erziehung vom Kinde aus”. An Reformen bis ins Alter interessiert brachte der Pädagoge 2006 die Idee der “Bewährung” in die Schuldiskussion ein und schlug vor, in der schwierigen Pubertätsphase die Schulzeit komplett durch Projektzeit zu unterbrechen, in der die Jugendlichen vor allem anhand praktischer Erfahrung lernen sollen: Hentig baute beispielsweise mit seinen Schülern Wein an. Auch wenn er der Mitwisserschaft verdächtigt, aber keiner Taten bezichtigt wird, so vermisst man eine klare kritische Positionierung seinerseits zu den Vorkommnissen an der reformpädagogischen Vorzeige-Schule im Odenwald. Dass eine derartige Stellungnahme ausbleibt, gilt vielen als Verrat an seinem eigenen Projekt.
Die an einer “Natur des Kindes” orientierte Perspektive auf Erziehung und andere reformpädagogische Grundannahmen begegnen den Studierenden der Pädagogik immer wieder, angefangen bei der Rousseau-Lektüre über die Beschäftigung mit reformpädagogischen Bewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, deren problematische Verstrickungen in den Faschismus, bis zu aktuellen Diskussionen um alternative Schulformen. Im vergangenen Semester stand für die Bachelorstudierenden in zwei Veranstaltungen auch jeweils ein Text Hartmut von Hentigs auf dem Lektüreplan. Viele Studierende sind merklich von Esprit, Eleganz und Charme der menschenfreundlichen Gesinnung fasziniert, die den Lesern aus den Texten entgegen strahlt. Auch wem pädagogisches Gutmenschentum und Kuschelpädagogik suspekt sind, kommt doch nicht umhin, von Hentig analytischen Scharfsinn und eine klare Position zu attestieren. Diese ist nicht zuletzt im Bekenntnis zu Wert und Tugend verankert, was Kritiker aus dem konservativen Lager bisweilen überraschen mag. An dieser Verankerung in moralischer Gesinnung scheiden sich unter Fachvertretern die Geister, an ihrer Streitbarkeit verläuft die im Fach umkämpfte Unterscheidung von “Pädagogik” und “Erziehungswissenschaft”.
“In ihrer vormodernen Ideologie höchst gefährlich”
Jetzt, da das Charisma der reformpädagogischen Bewegung an Strahlkraft einbüßt, mag nun so mancher Kritiker die historische Gelegenheit gekommen sehen, die fach- und schulpolitische Landschaft in Deutschland neu zur Disposition zu stellen. Wenn man es nicht der persönlichen Integrität und Tugendhaftigkeit der Lehrer überlassen will, ob Grenzen im Kontakt mit den ihnen anvertrauten Kindern eingehalten werden, müssen die Probleme und Lösungen zum Beispiel in den institutionellen Organisationsformen gesucht werden. Nicht von ungefähr legt das Trierer Studienkonzept des Fachs Pädagogik seine Schwerpunkte auf Theorien der Organisation und Institutionenkunde.
Geht die im Fach eher ideologiekritisch gelagerte Debatte um Reformpädagogik nicht am Kern des viel wichtigeren Problems des Missbrauchs vorbei? “Es lassen sich sehr wohl problematische Zusammenhänge zwischen reformpädagogischen Ideen und der Organisation von Institutionen diskutieren”, sagt Sebastian Manhart, Juniorprofessor in der Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft im Fach Pädagogik der Uni Trier, doch schickt er zunächst voraus: “Bei allem Interesse an der öffentlichen Thematisierung und auch an einer reflektierten Fachdiskussion rückt meiner Meinung nach aber der strafrechtlich relevante Charakter der konkreten Verbrechen viel zu sehr in den Hintergrund”. Auch wenn die derzeit geführten Diskussionen um Strukturen der Kirche und Schulen von großer Wichtigkeit seien, so werde jedoch der Anlass in seiner allgemein gesellschaftlichen Relevanz zu einem überwiegend moralischen Problem. “In erster Linie geht es hier um Fälle organisierter Massenvergewaltigungen, kriminelle Straftaten, und nicht um die allgemeine Beurteilung moralischer Verfehlungen”.
Eine Gefahr ist sicherlich der strukturelle Faktor der Abgeschlossenheit wie im Falle von Internaten, sei es nun klösterlicher oder reformpädagogischer Art. Was Soziologen unter dem Stichwort “totale Institution” diskutieren, trifft in vielen Punkten auf die reformpädagogische Idee des Landerziehungsheims zu, dessen Isolation in der Natur den Zögling vor negativen Einflüssen bewahren soll. “In ihrer vormodernen Ideologie höchst gefährlich” hält Manhart solche Ideen wie das an der Odenwaldschule vertretene Konzept der “Familiengemeinschaft” von Erziehern und Zöglingen. Die als Kälte verteufelte Distanz der Lehrer sei vor allem auch eine Errungenschaft der Moderne. Im Vergleich zum prekären Nähe-Verhältnis von Geborgenheit und Schutzlosigkeit in Familien dürfe ein Schulkonzept diese fragile Konstellation nicht sozusagen noch “künstlich herstellen”, so Manhart. Schon die Ideologie “organisierter Nähe” leiste einer Grenzüberschreitung Vorschub, ohne dass man erst über die krude Ideologie der Knabenliebe reden müsse. Moderne Organisationen müssten die Einhaltung von Grenzen gewährleisten können.
In vielen Punkten durchaus berechtigt – vor allem in der unmittelbaren Nachkriegszeit – galt die reformpädagogische Kritik den sogenannten staatlichen Regelschulen. Bis heute bleibt in allen Schulformen und sozialen Einrichtungen die Verletzung von Grenzen ein Problem. Es beginnt schon beim zynischen Kommentar und Demütigungen vor der Klasse. Doch nichts, was durch die vormodernen Ideen der Odenwaldschule beschädigt wurde, kann durch die positiven Leistungen der Reformpädagogik für eine Modernisierung des Unterrichts saniert werden.
Diese Diskrepanz zeigt sich am besten an Wolfgang Harder. Von seinem Sitz im Odenwald aus initiierte er 1989 die Schulreformidee “Blicküber den Zaun”. Schulen sollen sich demnach öffnen, gegenseitig besuchen und voneinander lernen. Unterricht sollte bei offenen Türen möglich sein. Die Missbrauchsfälle im Odenwald sollen unter Harders Rektoratszeit 1985-1999 hinter verschlossenen Türen weitergegangen sein. Unter der Aufsicht eines Lehrers hätten sich die Jugendlichen auch gegenseitig misshandelt, heißt es.
Den intimen Raum der Schulklasse oder von Heimen gelegentlich zu öffnen und der Beobachtung auszusetzen, ist sicherlich ein Ansatz, den alle Einrichtungen verfolgen sollten – ganz gleich ob die Schutzbefohlenen unter katholischer, staatlicher oder reformpädagogischer Obhut stehen. Die Begriffe „Obhut“ und „Schutz“ müssen als pädagogische Schlagwörter nun erst wieder an Glaubwürdigkeit gewinnen.
Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Allgemeine Erziehungswissenschaft im Fach Pädagogik der Universität Trier.
von Na Young Shin





17. April 2010 (13:05 Uhr)
“Ist es eine verklemmte katholische Sexualmoral oder der enthemmte Umgang mit Sexualität der 68er-Generation, die das Klima für das Ausmaß dieser Verbrechen schufen?” Jetzt sollen die 68er auch noch für den sexuellen Missbrauch in vorrangig autoritär verfassten Heimen und Schulen verantwortlich sein. Was sagt man den 68ern denn noch alles nach? In der Erziehungswende, die nach 1968 eingeleitet worden ist, wurde auf einen partnerschaftlicheren und demokratischeren Umgang orientiert, der die Würde des Kindes, die von den Autoritären über Jahrzehnte mit Füßen getreten wurde, endlich anerkannt wurde. Wenn es in reformpädagogischen Einrichtungen, die auf Ideen der Zwischenkriegszeit und des Kaiserreichs zurückgehen, zu sexuellem Missbrauch gekommen ist, muss man doch eigentlich fragen, ob die Täter nicht in der Tat den reformpädagogischen normativen Rahmen verletzt haben, als diesen für den Missbrauch institutionell verantwortlich zu machen. Wahrscheinlich ist es doch wohl eher die verklemmte katholische Sexualmoral und ein autoritäres Menschenbild, als der selbstbestimmte Umgang auch von Kindern mit ihrer Sexualität, die für sexuellen Missbrauch verantwortlich zu machen ist. Überhaupt wird die institutionelle Logik hier doch etwas überstrapaziert. Wäre nicht eigentlich nach den persönlichen Defiziten der Täter und ihren Prägungen zu fragen? In den Tenor des Artikels passt gut, dass abwertend von “pädagogischem Gutmenschentum” und “Kuschelpädagogik” gesprochen wird, alles Schlagworte mit dem der Backlash in der Erziehungsdiskussion begründet wird.
17. April 2010 (13:47 Uhr)
Die Kritik an der Reformpädagogik ist berechtigt. Sie hat historisch viele problematische Bezugspunkte. Richtig ist auch, dass in allen Schulen Grenzverletzungen ein Problem sind. Es spiegelt aber die intellektuelle Misere und die politische Feigheit der deutschen “Erziehungswissenschaft”, wenn man diese Grenzverletzung nur in Demütigung vor der Klasse u.ä. sieht. Es ist an der Zeit zu erkennen, dass der Zwangsverband der Klasse selbst ein Übergriff ist. Die Schulpflicht selbst ist eine eklatante Grenzverletzung. Die Kasernierung in Schulen, deren serielle Architektur sich sonst so nur in Gefängnissen, Psychiatrien und Behörden findet, ist eine Grenzverletzung. Wäre die Pädagogik in der Lage zu sehen, dass sie sich selbst an der Legitimierung dieser Verletzungen beteiligt, dann könnte sie sich neu formieren als eine Wissenschaft vom sich bildenden Subjekt – nicht mehr als die klägliche Wissenschaft vom beschulten Subjekt, die sie jetzt ist. Bildung erfordert Freiheit. Die Schule von heute verletzt eklatant und ohne wirkliche wissenschaftliche Begründung die Grundrechte von Millionen junger Menschen in diesem Land. Die Grenzverletzung geht tiefer, als die Autorin meint, die Pädagogik ist aber blind dafür, solange sie sich nicht selbst als Teil des Problems erkennt, als Teil jener “Mikrophysik der Macht” (Michel Foucault), die fortwährend an der Disziplinierung der Körper bzw. der Legitimierung von Disziplinierung beteiligt ist. “Gelegentlich” mal die Klassenzimmer öffnen? Diese feige und ärmliche Empfehlung spiegelt leider nur zu gut den Zustand der deutschen Pädagogik, die sich noch viel tiefer im 19. Jahrhundert befindet, als sie selbst glaubt.
18. April 2010 (02:18 Uhr)
Unleugbar: da hat er recht, der Herr Kittstein. Selber immer gut von den Lehrern behandelt, habe ich in der eigenen Klasse auch nur selten Ausfälle gegen Mitschüler mitbekommen, einen Vorfall immerhin für bemerkenswert genug gehalten, um ihn in einem Theaterstück (“Am Rande” – Nr. XII auf meiner Website) einzuarbeiten.
Einer aufmüpfigeren Klasse spielte der seinerzeit neubestallte Direktor allerdings schon übler mit, behandelte dort 17- bis 19jährige kritisch eingestellte Mitschüler wie Schwerverbrecher mit Schulverweisen, Verwarnungen, Weichenstellungen für lebenslängliche Karriereeinbußen.
Ich entsinne mich insgesamt eher weniger Höhepunkte in der gesamten Schulzeit: am meisten noch einiger guter Lehrerinnen und Lehrern in der Grundschule; am seinerzeit Hindenburg-, jetzt Humboldtgymnasium dann noch des Deutschunterrichts von Gerhard Wohlenberg; der paar Jahre Biologieunterricht bei OStR Mühlmann; des Philosophierens bei einem der Relilehrer, der mir jedoch die verdiente Eins vorenthielt, weil ich zu gut argumentierte, um ausreichend zu glauben. Auch andere, die mir verzeihen mögen, daß ich sie hier nicht hervorhebe, taten Gutes.
Aber Bilanz: überwiegend wertloses Halbwissen, verabreicht in einer Zwangsbeschäftigungsmaßnahme über Jahre hin in einer Beschäftigungstherapieanstalt für junge Leute, die halt irgendwo aufbewahrt werden sollen. Um Schule in der Substanz lohnend zu machen, bräuchte es erheblicher Umstrukturierungen im Angebot und und und. Eine Abschaffung der Schulpflicht wäre nicht übel.
19. April 2010 (12:46 Uhr)
Leider versteift sich der Artikel zu sehr auf den Konflikt zwischen pädagogischen Fachrichtungen. Dieser Konflikt ist aber nur daraus konstruiert, dass sexualisierte Gewalt gesondert behandelt wird. Wenn man hingegen Gewalt generell vorbeugen will, geht das nur durch gesellschaftliche Kontrolle.
Dieses Konzept wird leider nur zu oberflächlich behandelt. Besonders kritisch stehe ich der Tatsache gegenüber, dass der Vorwurf der mangelnden gesellschaftlichen Kontrolle auf Reformschulen bezogen wird. Dabei ist jede Schule im gewissen Maße eine geschlossenes Sozialsystem, das durch explizite Rollen, Regeln und Rituale strukturiert ist.
Wenn wir das Problem der totalen Institution bei Seite legen sind es aber vor Allem die Reformschulen, welche gute Präventionsarbeit leisten. Im Gegensatz zu den “Regelschulen” sind sie weniger auf das Brechen des Willens des Kindes ausgelegt sondern bieten explizite Möglichkeiten, den eigenen Willen einzubringen. Oder anders gesagt: Wenn wir wollen, dass Kinder ihr Leid mitteilen, müssen wir ihnen zeigen, dass wir zuhören. Wenn wir wollen, dass sie “Nein” sagen müssen wir ihnen zeigen, dass wir ein “Nein” akzeptieren.
Hier fliesst aber auch eine Grundsatzfrage ein: wollen wir brave, angepasste Menschen oder wollen wir freie, selbstbewusste Menschen? Ist uns Charakterbildung wichtiger als die Vermittlung von großen Mengen Faktenwissen?