Billige Buden, moderater Luxus

Die Bologna-Reform stellt nicht nur den Uni-Betrieb auf den Kopf, sondern hat Auswirkungen auf das gesamte studentische Leben. Dazu zählt auch ein Wandel in den Bedürfnissen nach geeignetem Wohnraum während der universitären Ausbildung. Die Geographin Sabine Ruhnke ist jetzt in ihrer Diplomarbeit der Frage nachgegangen, inwieweit sich die studentische Nachfrage nach urbanem Wohnraum verändert hat und welche möglichen Vorhaben hieraus abgeleitet werden können. Das Studierendenwerk plant ein Studentenwohnheim mit Passivhaus-Standard, und auch die Stadt reagiert mit der Konversion der Gneisenau-Kaserne auf den Bedarf.

TRIER. “The Flag” ist eines der Studentenwohnheime von Morgen. Das Bauprojekt auf dem Petrisberg, zwischen den beiden Universitätscampi gelegen, soll ab dem kommenden Wintersemester mehr als 200 Hochschüler beherbergen. “The Flag” steht auch für einen Wandel studentischer Wohnweisen – von der Befriedigung der Grundbedürfnisse hin zu einer Behausung für den künftigen Manager; was verstärkt zählt, sind moderater Luxus nebst Lifestyle-Faktor.

Sabine Ruhnke schreibt in ihrer Diplomarbeit “Studentisches Wohnen im Wandel – Veränderte Wohnanforderungen einer ausdifferenzierten Zielgruppe” über “The Flag” und ähnliche Projekte, die in Deutschland gleich in mehreren Städten Konturen annehmen, und bezeichnet diese als “Ästhetik der Generation Apple”. Diese Angebote entsprechen ihrer Einschätzung nach auch den Bedürfnissen des “Stereotyp Betriebswirtschaftsstudent”. Damit meint sie das gestiegene Wohlstandsniveau in diesem Land, das auch auf dem studentischen Wohnungsmarkt neue Nachfrage schaffe. Dieser Entwicklung stehe zudem die Nachfrageposition der meisten Studienanfänger gegenüber, die vor allem nach preisgünstigen Wohnungen suchten, welche möglichst nahe der Uni gelegen sein sollten – was auch eine Folge der Umstellung auf die Bachelor-Studiengänge sei, die einen hohen Arbeitsaufwand erforderten und kaum Möglichkeiten zum zeitraubenden Hinzuverdienst neben dem Studium zuließen.

“Ästhetik der Generation Apple”

Eliza S., 21-jährige angehende Sozialwissenschaftlerin, bestätigt dabei viele der Erkenntnisse der Jung-Akademikerin Ruhnke. Demnächst möchte sie von Luxemburg nach Trier ziehen. Von ihrer neuen Wohnung erwartet sie vor allem, dass sie von ihr aus leicht die Alma Mater erreichen kann und einen Rückzugsort vorfindet, wenn sie nach den Seminaren und Vorlesungen nach Hause kommt. Ruhnke hat zu dieser Bewusstseinsänderung innerhalb der Studierendenschaft eine Matrix entwickelt, die zeigt, dass Studenten heute Selbstverwirklichung und ein gehobener Standard wichtig sind, wenn sie eine neue Bleibe beziehen.

Dazu zählen der Untersuchung zufolge eine Internet-Flatrate ebenso wie eine Waschmaschine und ein TV-Anschluss; selbst einen Laminat-Boden hielten 42 Prozent der von Ruhnke Befragten für wichtig. Trotzdem sei auch die typische Studenten-Wohngemeinschaft nicht dem Tod geweiht, stellt die Geographin in ihrer Arbeit klar: “Es wird in Zukunft einfach für jedes Produkt eine Nachfrage geben, sei es die trendige Lifestyle-Wohnung oder die linksromantische Kommune. Wichtig ist dabei nur das richtige Marketing”.

Der Blick in die Zukunft offenbart, dass die Akteure in Trier jetzt gefragt sind, wenn es darum geht, die Herausforderungen studentischen Wohnens zu meistern. Die Stadt hat mit dem Umbau der Gneisenau-Kaserne im Trierer Westen bereits begonnen, voraussichtlich 2012 sollen dort 60 Studenten ein Domizil in FH-Nähe finden. Gleichzeitig verfolgt das Projekt die Aufwertung des in den vergangenen Jahrzehnten städtebaulich vernachlässigten Stadtteils zwischen Markusberg und Moselufer.

Studierendenwerk plant Passivhaus-Wohnheim

Das Studierendenwerk hegt derweil regelrecht visionäre Pläne: So meldete SWT-Geschäftsführer Andreas Wagner im Februar dieses Jahres ein Patent für das so genannte Enercase an. Dahinter verbirgt sich ein Studentenwohnheim, das die gesetzlich vorgegebenen Passivhaus-Standards erfüllen und somit kaum Nebenkosten produzieren wird. Das Gebäude soll nach Plänen des Geschäftsführers unweit der bestehenden Tarforster Studentenwohnheime errichtet werden und 60 Studenten ein ökologisch nachhaltiges Dach über dem Kopf bieten. “Wir wollen damit ein Benchmark setzen und andere Studienorte motivieren, in die gleiche Richtung zu gehen”, erläutert Wagner sein Vorhaben.

Fragt sich, was außer den genannten Maßnahmen noch alles geschieht, um Trier fit für den Wettbewerb um die Ressource Wissen zu machen. Mehrgenerationenhäuser, in denen Studenten zusammen mit älteren Menschen leben und keine Miete zahlen? Hausboote auf der Mosel? Oder die Förderung sozialer Brennpunkte durch Anreize für Investoren, dort preisgünstige Studentenbuden zu bauen? “Um diese Lösungen zu entwickeln, sind alle Betroffenen angesprochen, sowohl die Stadt, die Hochschule als auch die Studierenden selbst”, resümiert Ruhnke in ihrer Diplomarbeit.

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. limoncello schreibt:

    btw:
    Mietkonditionen (Kaltmiete pro Monat)*:
    Einzelappartement 23 m² 275 – 285,- €
    Einzelappartement zw. 39 und 42 m² 370 – 480,- €
    Doppel-Appartement zw. 32 und 38 m² 370 – 450,- €
    Barrierefreies Appartement 275 – 295,- €

  2. Julius schreibt:

    Ja, klar. Angebot und Nachfrage.
    Passend zum Schmalspurstudium demnächst dann auch das Schmalspurwohnen und Schmalspurleben. Am besten so, daß einem gleich ein Zimmer im Wohnheim auf dem Campus zugewiesen wird. Alles inklusive, sich um nichts mehr kümmern müssen, dem gebrechlichen Nachbarn keine Einkäufe in den dritten Stock schleppen, keine ehrenamtliche Tätigkeit, keine Teilnahme und Teilhabe am soziokulturellen Stadtleben (Trier dreht man eh nach spätestens 3 Jahren den Rücken zu). DiMiDo im Appartement und am Wochenende das Macbook schnappen und ab nach Hause. Bieten Wohnheime eigentlich schon 24/7 Liefer-, Putz- und Wäscheservice? Kostet natürlich alles ein bisschen (spart jedoch Zeit) und wenn’s Papi nicht richtet, muß man halt einen Kredit aufnehmen und auf ein Stipendium hoffen.
    In den USA klappt das auch alles ganz prima, inklusive Campuspolizei, spring break, Sportstipendien und Eliteuniversitäten.

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