Große Sorge bei den Kleinen
Wissenschaftsdisziplinen, in denen relativ wenige Studierende eingeschrieben sind und die aus Sicht der Wirtschaft zu wenig ökonomisch verwertbares Humankapital auf den Arbeitsmarkt bringen, werden oft als “Orchideenfächer” tituliert. Mit den Kleinen ist die Uni Trier groß geworden. Am Donnerstag befasste sich der Senat der Hochschule mit einem dieser Fächer: Im Rahmen der bevorstehenden Vakanz des Lehrstuhls für Slavische Philologie diskutierte das Gremium über eine Neubesetzung. Dabei offenbarte sich, dass die Lage der kleinen Fächer zunehmend prekärer werden könnte. Gleich mehrere Professoren äußerten gegenüber 16vor ihre Sorge um den langfristigen Fortbestand ihrer Disziplinen.
TRIER. “Ich finde nicht, dass dieses Thema für die Presse von Belang sein sollte”. Mit deutlichen Worten machte Uni-Präsident Professor Peter Schwenkmezger zum Abschluss des Tagesordnungspunktes “Slavistik” seinem Ärger darüber Luft, dass die zur Debatte stehende Personalie auf öffentliches Interesse stößt und vonseiten vieler Studierender auch als Signal für andere kleine Fächer gesehen wird. Doch auch wenn die Wiederbesetzung der W 3-Professur für Slavische Philologie am Ende ohne Gegenstimme und bei zwei Enthaltungen beschlossen wurde, so sprechen doch einige Indizien dafür, dass der langfristige Weiterbestand des Faches keine reine Formsache ist. Mehr als 30 Studenten der Slavistik sowie Henrieke Stahl, Professorin und Geschäftsführerin des Faches, trugen dem Senat ihre Befürchtungen in eigenen Statements vor.
Bislang gibt es je einen Lehrstuhl für Slavische Philologie und Slavische Literaturwissenschaft. Werde einer der beiden wegfallen oder qualitativ abgewertet werden, so wäre laut Stahl nicht nur das Hauptfachstudium unmöglich, auch eine hohe Fluktuation auf dieser Position wäre dann programmiert: “Wir befanden uns bereits bis zum Jahr 2003 in einer solchen Situation, als wir mehr als elf Professoren innerhalb weniger Jahre hatten”. Das führe unweigerlich zu einer dramatischen Verschlechterung des Betreuungsverhältnisses, was sinkende Studierendenzahlen nach sich ziehe und damit eine schleichende Abschaffung des Faches bewirke. Entsprechend klar formulierte die Slavistin ihre Forderung an die Senatsmitglieder: “Entweder Sie schließen uns gleich das Fach, oder Sie geben uns die Möglichkeit zur Konsolidierung.”
Uni-Präsident Peter Schwenkmezger erklärte die Beibehaltung eines möglichst breiten Fächerspektrums zu seinem persönlichen Anliegen: “In meiner Amtszeit kam es mit einer Ausnahme noch nie zu Fächerschließungen, und diese Strategie will ich auch weiterhin verfolgen.” Abgesehen davon, dass die personelle Ausstattung der Ethnologie seit Jahren schleichend zurückgefahren wird, betrifft die besagte Ausnahme mit der Abschaffung der Lusitanistik vor knapp zwei Jahren ein Fach, dessen Nachfrage tatsächlich stark zurückgegangen war. Aufgrund der zunehmenden wirtschaftlichen und politischen Bedeutung des portugiesischsprachigen Brasiliens könnte diese Nachfrage aber schon bald wieder anziehen.
“Es gibt eindeutig diesen Trend”
Vertreter gleich mehrerer kleiner Fächer äußerten auf Anfrage gegenüber 16vor ihre Sorge um den langfristigen Fortbestand ihrer Disziplinen. Insbesondere in Zeiten von Bachelor und Master fiele als erstes diese Fächergruppe den Ökonomisierungstendenzen zum Opfer, beklagt Professor Angelika Braun (Phonetik): “Deutschlandweit gibt es diesen Trend eindeutig, wie auch eine entsprechende Umfrage des Philosophischen Fakultätentages belegt”. Der Altphilologe Professor Stephan Busch glaubt darüber hinaus, dass sich finanzielle Zuwendungen künftig noch mehr darauf konzentrieren werden, wo der Bedarf absolut gesehen am größten ist. “Deshalb”, so Busch, “haben es kleine Fächer in vielen derzeit brennenden Fragen schwerer, ihren ebenfalls bestehenden Bedarf geltend zu machen”. Eine Gefahr, die für Professor Bärbel Kramer (Papyrologie) vor allem dann besteht, wenn der Wert der Fächer nicht erkannt wird: “Ein kleines Fach muss interdisziplinär vernetzt sein, aber es kann als Fach nur überleben, wenn es selbständig bleibt und eigene Studiengänge anbietet. Diese Möglichkeit ist durch Bachelor und Master eingeschränkt”.
Der Ägyptologe Professor Sven Vleeming sieht dagegen nicht so sehr in den neuen Studiengängen, sondern vielmehr in politischen Ereignissen wie der Finanzkrise und drohenden Staatsbankrotten Gefahren für Kleinfächer: “Wenn wir massive Einsparungen erwarten dürfen, ist jedes kleine Fach alarmiert. Denn wenn man sehr viel oder sehr oft einsparen will, ist bei den kleinen Fächern die kritische Grenze schneller erreicht als bei den Großen”. Unisono betonen die befragten Professoren hingegen, dass sich die Universität Trier bislang als leuchtendes Beispiel für ein besonders vorbildhaftes Fächerangebot bewiesen habe.
Was langfristig natürlich nichts bedeuten muss. Die Slavisten sind jedenfalls schon in Alarmbereitschaft versetzt. Als mahnende Beispiele konnte Henrieke Stahl im Senat von der Schließung der Slavistik an den Unis von Saarbrücken, Bonn und Frankfurt am Main berichten: “Die Studierendenzahlen sind dort nicht etwa zurückgegangen. Vielmehr wurde das Fach aus rein ökonomischen Erwägungen heraus geschlossen. Es war den Damen und Herren schlicht zu teuer.” Dass solcherlei Überlegungen auch in Trier eine erhebliche Rolle spielen, zeigt ein Statement des zuständigen Controllers Thomas Künzel, das Schwenkmezger im Rahmen der Senatssitzung verlas.
Demnach werde eine gleichwertige Fortführung der Professur ausdrücklich nicht empfohlen und stattdessen dazu geraten, die Stelle aufgrund einer unklaren Entwicklung der Studierendenzahlen zunächst abzustufen und zu befristen und gegebenenfalls in ein anderes Fach zu verlagern. Darüber hatte der Senat zwar noch nicht zu entscheiden. Schwenkmezger ließ jedoch ebenso wie viele weitere Senatsmitglieder durchblicken, dass sie eine Befristung für die bestmögliche Lösung halten. Die Ansage an die Trierer Slavistik nach dem ersten Etappensieg scheint damit klar: Der Kampf geht weiter.
von Christian Baron





7. Mai 2010 (09:35 Uhr)
“‘Ich finde nicht, dass dieses Thema für die Presse von Belang sein sollte’.”
Mit solchen Äußerungen tut man sich keinen Gefallen. Die Universität ist eine öffentliche Institution, die aus öffentlichen Mitteln bezahlt wird, warum sollte man da was dagegen haben, wenn die Bürger auch dainformiert werden, wie man so mit ihren Steuergeldern umgeht. Wer die Öffentlichkeit fürchten muß, Herr Schwenkmezger, sollte überlegen, ob er noch auf dem richtigen Weg ist!
Im Übrigen: man kann sich als Universität doch nicht immer beim Studienangebot nach den aktuellen Moden richten. Eine Universität ist keine Volkshochschule, sondern eine Institution wissenschaftlicher Forschung und Ausbildung. Wohin es führt, wenn man sich immer vom Druck des Zeitgeistes bzw. der (vermeintlichen) Ökonomie bestimmen läßt, kann man sehr gut an der Uni Bonn sehen. Die hatte vor einigen Jahren die Lehramtsausbildung gestrichen und nach Köln verlagert (Einsparpotenzial, Synergieeffekte blablabla…) Dann stellte man kurz darauf fest, daß man ja eigentlich Lehrermangel hat und daß die anderen Unis den zusätzlichen Ansturm gar nicht so gut schultern können und hat die Lehramtsstudiengänge wieder eingeführt.
Heute heißt es: wer braucht schon Slavistik? So wie es vor zwanzig Jahren vielleicht geheißen hat: wer braucht schon Sinologie? Heute ist China die zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Erde. Gestern hieß es: die Zukunft liegt in der Finanzindustrie – eine Wirtschaftskrise später sieht das schon wieder anders aus. Wer traut sich schon zu, zu sagen, was in Zukunft wichtig sein wird und was nicht? Die beste Vorbereitung ist Vielseitigkeit!
7. Mai 2010 (11:14 Uhr)
Ich glaube, da ist etwas falsch rübergekommen. Ich habe mich nicht dagegen geaüßert, dass die Presse sich dieses Themas annimmt, sondern nur gegen die Art und Weise, wie das im Vorfeld der Senatsentscheidung geschehen ist. Natürlich ist die Universität eine öffentliche Institution, die sich der öffentlichen Diskussion stellt.
Entgegen dem Bericht in 16vor habe ich auch nicht eine Befristung für die bestmögliche Lösung gehalten. Ich kenne die Schwierigkeiten, die dann entstehen können, sehr gut. Prinzipiell ist aber eine Befristung möglich. In manchen Bundesländern ist sie bei Erstberufungen sogar die Regel.
Im Übrigen: Ich halte mich an meine auch öffentlich abgegebene Erklärung, dass ich in meiner Amtszeit als Präsident der Universität Trier keines unserer erfolgreichen kleinen Fächer schließen werde, so weit dies in meinem Einflussbereich liegt. Die Entscheidung liegt aber beim Senat. Eine Ausnahme stellte vor einigen Jahren die Lusitanistik dar. Die Gründe dafür sind im Bericht von 16vor richtig wiedergegeben.
Peter Schwenkmezger, Präsident der Universität Trier
7. Mai 2010 (11:23 Uhr)
Erst werden die Studierenden in ihrem Studienprogramm eingeschränkt, jetzt auch noch bei der Studienwahl?
Ich mag den Teufel nicht an die Wand malen, doch wenn nun immer mehr Einschränkungen erfolgen, so sehe ich die Vielfalt der deutschen Hochschullandschaft in Bedrängnis. Was Hochschulabsolventen bisher ausgezeichnet hat, das “Denken über den Tellerrand”, wird damit langsam aber sicher begraben, wir verkommen zu “Fachidioten” und müssen dann wieder von “Spezialisten”vernetzt werden. Warum das alles? Nicht alles muss monetarisierbar sein, nicht alles immer einen direkt messbaren Effekt haben. Wohin das führen kann, mussten wir doch zum Teil schmerzlich erfahren.
7. Mai 2010 (15:45 Uhr)
Es steht nach dem Beschluss des Senats und den Äußerungen des Präsidenten wohl außer Frage, dass relevante Gremien der Uni Trier die “Orchideenfächer” stützen und erhalten wollen. Es bleibt aber höchst fraglich, ob diese Position haltbar ist. Nicht nur angesichts der allgemeinen (finanz-)politischen Situation ist anzunehmen, dass anhand der auch in RLP und Trier stattfindenden Wettbewerbspolitik als Bildungspolitik diese Fächer in Zukunft keine Chance haben werden. Die Debatte um das geplante neue Hochschulrahmengesetz zeigt, dass der Präsident wesentlich stärkeren Einfluss auf die interne Mittel- und Stellenverteilung haben wird. Jedoch ist diese “Autonomie” mit größter Vorsicht zu genießen. Herr Schwenkmezger deutet dies mit seinem Halbsatz “so weit dies in meinem Einflussbereich liegt” an. Denn er ist auch gezwungen, die vom Land und der Hochschulleitung focierte Profilierung von forschungsstarken Fächern mit der Mittel- und Stellenverteilung zu unterfüttern. Dieser Prozess wird die kleinen Fächer schwächen und den Hochschulen nicht mehr Einfluss und Gestaltungsspielraum garantieren, sondern sie noch mehr Sachzwängen und Mangelwirtschaft auferlegen. Aus diesem Grund muss der Präsident und die Universität die marktorientierte Hochschulsteuerung der Landesregierung ablehnen und gemeinsam mit den Akteuren innerhalb der Universität verhindern, dass das Hochschulrahmengesetz mit seinen neoliberalen Handlungsimperativen in dieser Form umgesetzt werden. Ansonsten ist das Bekenntnis zu den Orchideenfächern nicht mehr als ein Lippenbekenntnis wider besseren Wissens.
9. Mai 2010 (04:38 Uhr)
Es war doch abzusehen: Die neuen Studiengänge, die zunehmende Verschulung und die Vereinheitlichung der Studienlaufbahnen bedeutet langfristig auch das Ende der Selbständigkeit der kleinen Fächer. Interessant, daß jetzt, wo es um ihre Unabhängigkeit und ihre Stellen geht, auch die Professoren ihre Befürchtungen die schöne neue Ausbildungsuniwelt betreffend auf das Tapet bringen. Bisher kam es mir nämlich so vor als würde man zwar murren, sich dann aber in den Lehrstuhl zurücklehnen und die Modularisierung durchwinken, vielleicht auch nach dem St.-Florians-Prinzip “verschon mein Fach, zünd ‘s andere an”.
Den kleinen Fächern sollte es langsam dämmern, daß sie über kurz oder lang als Nebenfächer und/oder in irgendwelchen Alternativmodulen versickern werden. Dann braucht man auch keine Lehrstühle mit vollem Tross mehr, eine befristete W3 oder eine Lehrkraft für besondere Aufgaben tuts dann bestimmt auch. Von den größeren Fächern würde ich mir in den Bestrebungen nach Selbständigkeit auch keine Unterstützung erwarten, diese versuchen nämlich auch momentan, ihren status quo zu sichern und würden sicher gerne noch die ein oder andere Stelle schlucken.
Vielleicht hätte man sich auch von Seiten der Dozenten stärker gegen Bologna wehren sollen (man vergleiche z.B. das Beharren der Juristen auf ihr Staatsexamen) – jetzt ist es leider dafür zu spät, der Stein ist schon am rollen (und – wie es aussieht – steil bergab).