Transsibirische Monotonie
Peking, Wladiwostok, Ulaan Baatar, Nowosibirsk, Jekatarinburg, Moskau – von China durch die Weite der Mongolei entlang des Baikalsees durch den Ural nach Europa. Mit dem legendären, zaristischen Prunkzug, der Transsibirischen Eisenbahn. Eine Traumreise. Jedenfalls für mich. Die an der Universität Trier studierte Literaturwissenschaftlerin Susanne Jaspers versprach mit ihrem Reisebericht “Der Duschenkrieg. Eine transsibirische Reise” einen humorvollen Einblick in eine Gruppenreise der besonderen Art.
Wo, wenn nicht im Zug, sollte sich ein solches Buch besser lesen lassen? Zuglektüre – da gibt es ein paar zu erfüllende Kriterien: Sie muss interessanter sein, als die Gespräche, die man im Großraumwagen belauschen kann, aber nicht so interessant, dass nicht ein gelegentliches Träumen in die Landschaft hinein verhindert würde. Damit fallen Trivial- und Hochliteratur, jedenfalls für meinen Geschmack, schon einmal raus aus dieser Gattung. Andererseits ist nicht gesagt, dass man die Zuglektüre auch innerhalb einer Reise beenden kann. Das macht die Sache diffizil: Zuglektüre muss eigentlich immer einen Tick besser sein, damit sie eben auch mindestens fürs Café taugt (hier gelten im Übrigen sehr ähnliche Auswahlkriterien).
Nun saß ich in den vergangenen Wochen sehr oft im Zug. Und verteilte die Lektüre von recht groß bedruckten 210 Seiten auf mehrere Hin- und Rückfahrten. Die Landschaft in Rheinland-Pfalz, wo Saar und Mosel sich durch die Weinberge schlängeln, die Sonne in unzähligen glitzernden Lichtpunkten reflektieren… Ich schweife ab.
Duschenkrieg in der Transsibirischen Eisenbahn, in sieben Akten. Die Gruppe Weiß reist 14 Tage von Peking nach Moskau, die Ich-Erzählerin kann eigentlich niemanden der Gruppe wirklich ausstehen, noch nicht einmal ihren Mann, der sie nicht ernst und auch nicht wahrnimmt. Vielleicht mag sie auch sich selbst nicht, so oft, wie sie von der Ex ihres Mannes erzählt. Dieser schnäppchenjagende, ständig betrunkene, allen Klischees deutscher Touristen entsprechende Haufen muss sich dabei eine Dusche teilen. Titelgebend erwartet man von diesen eingestreuten Episoden einiges an besonderen Vorkommnissen, die man sich nicht selbst ausmalen könnte, besonders kuriose, komische und katastrophale Begebenheiten. Doch nichts dergleichen.
Stattdessen ein weiterer Gruppenreisen-Bericht, aber ohne Pointen, ohne Originalität. Verfasst wie die Reisetagebücher, die jeder wohl schon einmal angelegt hat: Liest man sie zu Hause vor, findet man sie selbst urkomisch, da die höflich lachenden Daheimgebliebenen diese Annahme gedankenlos bekräftigen. Kann ja keiner ahnen, dass mal jemand auf die Idee kommt, so etwas zu veröffentlichen.
Der Humor mag auf den ersten 20 Seiten noch als bissig gelten, dann werden die Running-Gags langweilig, weil überstrapaziert, Gehässigkeit und Schadenfreude verfehlen schönen schwarzen Humor, weil sie zum Jammern verkommen. Zur Eintönigkeit des Stils tragen zudem unzählige Male angebrachte Lieblingswendungen bei, wie zum Beispiel “nachdem wir uns erfolgreich darum bemüht hatten, diesem und jenem zu entgehen” oder die ständige Zuschreibung “konfuzianischer Gelassenheit”.
Wie auf einer Stehparty im Anschluss an einen Ärztekongress wird die Ich-Erzählerin zudem nicht müde zu betonen, in welch exotische Länder sie schon gereist ist, was sie sich dort für wie viel Geld gekauft hat, um damit implizit auf die Größe des heimischen Anwesens zu verweisen, das all diesen Krempel beherbergt.
Nein, kein Sozialneid. Ich gönne jedem soviel Luxus, wie er braucht. Und lasse mich gerne einfangen von schwärmerischen Reiseberichten über Länder, die mir zu sehen wohl nicht möglich sein wird. Aber dann möchte ich wirklich etwas erfahren über diese Länder, ihre Landschaften, ihre Menschen, ihre Städte, schlicht: Ich möchte Atmosphäre. Darauf legt Susanne Jaspers keinen Wert. Die Zugreise könnte genauso gut von Oberammergau nach Buxtehude verlaufen. Der Autorin, die im vergangenen Jahr den Krimi “Trio mit Ziege” veröffentlichte, gelingt es nicht, die Eindrücke zu transportieren, Bilder vor dem inneren Auge des Lesers heraufzubeschwören.
Stattdessen schreibt sie alle drei Seiten ausführlich über das Essen, wie gut und wie teuer es war, und natürlich über ihre Mitreisenden, deren Beschreibung jedoch über Oberflächlichkeiten wie Kleidung oder Sprache selten hinausgeht. Personen wie Erlebnissen fehlt es an tiefergehender oder doch zumindest origineller Ausarbeitung. Somit ist das Buch tatsächlich der Gattung des Reiseberichts zuzuordnen. Von Literatur kann keine Rede sein, dazu fehlt ein inhaltlicher Zusammenhang, der über den bloßen Ablauf der Tage hinausgehen würde.
Seite 108. Es passiert, was nicht passieren darf: Die Stimme einer etwa Achtjährigen übertönt meine Versenkung in meine Zuglektüre. Sie liest, und das mit steter Hingabe, ihrem kleinen Bruder aus einem Buch vor. Pinguine, die ihre Fahrt auf der Arche Noah antreten, im Koffer den nicht erlaubten Dritten ihrer Art – “An der Arche um Acht” von Ulrich Hub. Wunderbar. Im Großraumwagen zig Wandergruppen wegen Vatertag – still. Alles lauscht. Kichert gelegentlich leise. Wenn sie an einem Wort ins Stocken kommt, möchte man aufstehen und ihr weiterhelfen, die Gummibärchenpause, die sie nach einem Kapitel einlegt, gerät zur Geduldsprobe. Ob sie weiter lesen soll, fragt sie ihren Bruder. Das Abteil hält den Atem an in der Hoffnung, diese Frage möge eine rhetorische gewesen sein. Ich schweife ab…
… und bleibe, die Gruppe Weiß 6.264 Kilometer vor Moskau alleine lassend, lieber im Großraumwagen Richtung Trier, mit dem kleinen Mädchen, ihrem Bruder und stillen Wandergruppen, in der Arche. Großartig. Zuglektüre, die sogar für den Lieblingssessel taugt.
Jaspers, Susanne. Der Duschenkrieg. Eine transsibirische Reise. Editions Guy Binsfeld, Luxemburg. 2010.
von Annika Hand




