“Der Verstand fährt immer mit”

Manfred Weber arbeitet seit über 20 Jahren bei der Deutschen Post. Wahrscheinlich ist er einer der schnellsten Mitarbeiter. Denn seit 2006 fährt der Trierer Motorradrennen. Und das mit Erfolg. Beim Saisonstart der Deutschen Historischen Motorradmeisterschaft vor einem Monat auf dem Nürburgring wurde er auf einem Serienmodel (Yamaha RD 350) mit zwei zweiten Plätzen Tagessieger. An diesem Wochenende geht der 54-Jährige beim “Post-Classic-Zweitakt-Cup” in Walldürn (Odenwald) mit einer richtigen Rennmaschine, einer TZ 250, an den Start. Warum der ehemalige Crossfahrer an Rennen teilnimmt, hat – zumindest aus Sicht eines Motorsportlers – einen vernünftigen Grund: “Auf der normalen Straße ist es mir zu gefährlich.”

TRIER. Normalerweise ist eine Harley-Davidson das letzte Motorrad, das sich ein Mann kauft. Die teuren, schicken Chopper sind beliebt bei Herren ab der zweiten Lebenshälfte – wenn die Kinder längst aus dem Haus sind und man sich beruflich nichts mehr beweisen muss –, die nochmal die Jugend aufleben lassen wollen. Bei Manfred Weber fing der zweite Motorradfrühling erst mit einer Harley an.

Auf einer “Sportster” gemütlich durch die Gegend zu tuckern, genügte ihm bald nicht mehr. Also wurde eine BMW angeschafft, an der er jedoch auch schnell die Lust verlor. Auf den Tourer folgte eine Sport-BMW, mit der der Motorsportfan erstmals an einem Straßenrennen – bei der Deutschen Seriensportmeisterschaft – teilnahm. Von den leistungsmäßig weit überlegenen Maschinen, die dort an den Start gehen, sah er jedoch nur den Auspuff. Als Zuschauer beim “Spa Classic” hatte er dann die Idee, auf ein klassisches Rennmotorrad umzusteigen.

Schon im Vorschulalter saß der Feyener zum ersten Mal auf einer Maschine. Als Jugendlicher kaufte er sich ein Moped und – als er alt genug dafür war – ein Motorrad. Dann ging es ins Gelände. 14 Jahre lang fuhr der gelernte Feinblechner Moto Cross. “Ich wäre lieber Straßenrennen gefahren, aber das war zu kostspielig”, sagt der Zweitakt-Liebhaber Weber. “Dort fuhren die Motorräder, die man gerne gehabt hätte.” Für die Familie und den Beruf gab er den Motorsport auf.

Heute sind zwei seiner drei Söhne erwachsen und der 54-Jährige fährt die Maschinen, die er damals bewunderte. Vor einigen Jahren kaufte er sich eine Yamaha RD 250, die er komplett umbaute. “Das hatte am Ende nichts mehr mit einer RD zu tun.” Das Serienmotorrad erhielt unter anderem einen Alutank, einen anderen Sitz und einen selbstgefertigten Auspuff. “Dabei kam mir meine Lehre zugute.” Bei seiner ersten Teilnahme an der Deutschen Historischen Motorradmeisterschaft (DHM) des Veteranen-Fahrzeug-Verbandes belegte er 2006 in den beiden Läufen gleich den zweiten und vierten Platz. “Dann kam irgendwann der Wunsch auf, eine Original-Rennmaschine zu fahren.”

Im vergangenen Jahr verkaufte Weber die RD und kaufte sich eine Yamaha TZ 250 G aus dem Jahre 1980, die bei nur 106 Kilogramm Gewicht rund 60 PS auf das Hinterrad bringt – ein echtes Geschoss. Außerdem besitzt er noch eine RD 350 (Baujahr 1987). Vor vier Wochen startete er mit beiden Maschinen beim ersten Saisonrennen der DHM auf dem Nürburgring. Mit der RD wurde er zweimal Zweiter und damit Tagessieger. Mit der TZ hat er es nicht ins Ziel geschafft, weil die Bremse nicht richtig funktionierte. Nachdem Weber bis gestern an dem Motorrad schraubte, hofft er nun, den Fehler behoben zu haben. Denn mit seinen “Henn Yamahas”, benannt nach dem Trierer Zweiradgeschäft von Georg Lamberty, mit dem er seit Moto-Cross-Zeiten befreundet ist, und der ihm stets mit Spezialwerkzeug, seltenen Ersatzteilen und Tipps aushilft, will er heute und morgen wieder auf die Rennstrecke.

An diesem Wochenende feiert auf dem Fluplatz Walldürn der neue “Post-Classic-Zweitakt-Cup” Premiere, bei der auch ehemalige Profirennfahrer antreten. “Der Ehrgeiz packt einen schon, wenn man gegen Deutsche Meister fährt”, gesteht der Post-Mitarbeiter, der gerade wegen des Veranstaltungsnamens hofft, seinen Arbeitgeber als Sponsor für sein Hobby gewinnen zu können. Allerdings ist dem Motorsportler auch jede andere Unterstützung recht.

Auf etwas anderem als einem alten Zweitakter möchte Weber nicht mehr fahren. “Bei neuen Maschinen spürst du fast gar nicht mehr, dass du auf einem Motorrad sitzt. Außerdem muss es hinten raus nach Rizinus riechen.” Rizinusöl soll bei Zweitaktern die besten Schmiereigenschaften haben.

Zu dem Faible für klassische Rennmotorräder kommt die Lust auf Geschwindigkeit. Dieses Bedürfnis möchte er nicht auf einer normalen Straße ausleben. “Eigentlich fahre ich Rennen, weil mir alles andere zu gefährlich ist.” Auf der Rennstrecke führen alle in die selbe Richtung, es kämen keine Traktoren aus Seitenstraßen und es gebe sofort ärztliche Hilfe. Letzteres hat er noch nie bei einem Wettkampf benötigt. Wichtiger als der Sieg sei ihm, auf der Maschine sitzen und heil zu bleiben. “Der Verstand fährt immer mit”, betont Weber. Um nicht leichtsinnig zu werden, hat er die Buchstaben “G, P, L, N” auf die Gabelbrücke der Rennmaschine geschrieben. Es sind die Initialen seiner Frau und seiner Kinder.

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