Der Feind in meiner WG
Rund 35 Prozent aller Trierer Studenten leben in einer Wohngemeinschaft. Damit rangiert die gemeinschaftliche Bleibe nach wie vor unter den Spitzenreitern der studentischen Wohnformen. Doch während in den meisten WGs eine freundschaftliche Atmosphäre herrscht oder man zumindest friedlich Tür an Tür wohnt, kann das Idyll auch schon mal in Zwietracht enden. 16vor sprach mit einer Studentin, für die das Leben in der WG zur Hölle wurde, und traf einen Kommilitonen, der einer Mitbewohnerin das Wohnen verleidete.
TRIER. 34 Quadratmeter, Altbau, Innenstadt, 230 Euro warm – nicht nur für Trierer Verhältnisse ein Schnäppchen auf dem Wohnungsmarkt. Das dachte sich auch Antje, als sie 2008 die Anzeige in einem lokalen Kleinanzeigenteil entdeckte. “Das Vorstellungsgespräch in der WG-Küche verlief toll”, erinnert sie sich. Sie bekam den Zuschlag und zog in die fünf Bewohner zählende WG. “Anfangs war alles so, wie man sich das vorstellt”, berichtet Antje. Man sagte “Hallo” und “Tschüss”, ab und zu wurde gemeinsam gekocht, hin und wieder zog man mit den Mitbewohnern um die Häuser: “Das erste Jahr war echt okay”.
Irgendwann aber war ein Großteil der ursprünglichen Mitbewohner weg, die übliche Fluktuation. Schleichend begannen die Dinge, sich zu ändern. “Dass sich da irgendetwas verschiebt, habe ich erst gar nicht wahrgenommen”, sagt Antje rückblickend. Im Nachhinein beschreibt sie es als einen “Shift”, der irgendwann stattgefunden habe: “Plötzlich war ich auf der einen und die WG auf der anderen Seite”.
Man habe sie nicht im Unklaren darüber gelassen, dass sie die Ausgeschlossene in dieser Konstellation war: “Sie hörten auf zu reden, wenn ich ins Zimmer kam, oder schlugen mir die Tür vor der Nase zu. In meiner Abwesenheit wurde fremdes Schmutzgeschirr in mein Zimmer gestellt, und als ich meinen Geburtstag gefeiert habe, haben die anderen sich eigene Gäste eingeladen und sich in ihren Zimmern eingesperrt”, fasst sie heute die gravierendsten Ereignisse zusammen. Dabei waren für die Psychologie-Studentin nicht die eigentlichen Vorgänge das Schlimmste, sondern die Häufung der kleinen Sticheleien, “diese latente Feindseligkeit”. Einmal hatte sie sich einer Mitbewohnerin anvertraut, doch die hatte sie als paranoid bezeichnet und alles bestritten.
Natürlich hängt in jeder WG mal der Haussegen schief, und viele Wohngemeinschaften sind heute nur noch reine Zweck-WGs, deren Bewohner vor allem aus Gründen der Kostenersparnis zusammen wohnen. Aber wenn sich eine Gruppe gegen einen Einzelnen verschwört, sind die psychologischen Kriterien von Mobbing erfüllt: “Ich kam mir vor, wie das schwarze Schaf in einer glücklichen Familie, über das niemand gerne redet”, beschreibt es Antje. Ein Mitbewohner habe ihr eines Tages ins Gesicht gesagt: “Ich kann dich einfach nicht ab. Deine Präsenz stört mich.” Antje wusste zunächst nicht, wie sie damit umgehen sollte. “Das ist ja keine konstruktive Kritik.” Sie reagierte darauf, indem sie so wenig wie möglich zu Hause war: Sie schlief bei Freunden, ging viel aus und achtete darauf, möglichst nicht alleine in der Wohnung zu sein, sondern immer Leute zu sich einzuladen.
Thomas kennt Antjes Problem, allerdings aus einer völlig gegensätzlichen Perspektive: Offen räumt er ein, dass er gemeinsam mit seiner WG eine Mitbewohnerin “rausgemobbt” habe, wie er es selbst ausdrückt. “Irgendwann haben wir festgestellt, dass sie menschlich einfach nicht zu uns passt. Und dann keimt der Hass.” Die Geächtete konnte tun, was sie wollte, es war immer falsch: Die WG hatte ihr Opfer gefunden. “Wir haben sie so lange ignoriert, bis sie merken sollte, dass sie hier nicht erwünscht ist”, beschreibt der Geographie-Student die Vorgehensweise. Wenn die Mitbewohnerin weg war, wurde ihr Essen weggeworfen. Wenn sie da war, hat man sich lautstark über sie lustig gemacht. “Manchmal treffen sich in Wohnungen Wege, die sich in freier Wildbahn nie gekreuzt hätten. Und dann verläuft die Front so lange durch die Küche, bis einer aufgibt”, sagt Thomas. Reue empfindet er nicht. “Aber vielleicht wäre es energiesparender gewesen, ihr einfach zu sagen, dass sie ausziehen soll.”
Antje ist Anfang des Jahres mit einer Freundin zusammengezogen. Mit der Zeit in der WG hat sie abgeschlossen. Sie sei kein nachtragender Mensch, sagt sie. Das Zimmer ist jetzt zwar kleiner und die Miete etwas höher, aber dafür sie kommt abends wieder gerne in ihr Zuhause.
von Kathrin Schug





9. Juni 2010 (09:30 Uhr)
Daß in einer WG auch mal Menschen aufeinander treffen, die sich nicht leiden können, ist wohl normal. Aber was bitte sind denn das für Strategien der Konfliktlösung? Schmutziges Geschirr ins Zimmer stellen, Essen wegwerfen…? Von erwachsenen Menschen sollte man doch wohl erwarten können, daß sie in der Lage sind, solche Dinge einfach auszusprechen und dann irgendwie zu klären. Ich hoffe, das Bild ist nicht repräsentativ.
9. Juni 2010 (10:55 Uhr)
Seit genau 10 Jahren wohne ich schon in Studenten Wg`s.
Als letzter Bewohner der alten WG muss ich mich jetzt
mit 3 neuen Mitbewohnern arrangieren, die 6-8 Jahre jünger
und Bachelor Studenten/innen sind.
Es ist leider Gottes auch nur noch eine Zweck-Gemeinschaft.
Was ich schade finde ist, dass der Bologna Prozess auch
Auswirkungen auf das studentische Leben und die studentische Kultur hat.
Denn Langzeit WG`s in denen Studenten wie alte Ehepaare
zusammen wohnen und studentische Kultur gehegt und gepflegt wird,
verschwinden mit den neuen Studienbedingungen ebenso schleichend.
Nur haben die “Bachis”, wie sie an der Uni genannt werden, nicht die
leiseste Ahnung, was ihnen entgeht.
Wie zu Schulzeiten folgen sie eifrig ihrem Stundenplan und
ins Ausland müssen sie in den 6 Semestern natürlich auch noch unbedingt…
# Jäh erwacht ich. – Glockenklar
tönt’ mir’s in den Ohren:
Heut sind’s runde siebzig Jahr
seit du wardst geboren.
Heut schon liegen hinter dir
der Semester hundert! –
Hell rieb ich die Augen mir,
summte still verwundert:
|: Vita nostra brevis est,
brevi finietur, :|
venit mors velociter,
rapit nos atrociter,
|: nemini parcetur. :|
# Schnell vom Lager sprang ich auf,
rief: Mir hat das Leben
viel in seinem kurzen Lauf,
Leid und Lust, gegeben.
Sei vergessen, was gedrückt
mich mit Sorg und Plage;
heut ein Hoch dem, was beglückt’
meine jungen Tage:
|: Vivat academia,
vivant professores, :|
vivat membrum quodlibet
vivant membra quaelibet
|: semper sint in flore! :|
# Goldne Burschenzeit entflog,
schnell – daß Gott erbarme! –
Ledern zog Philistertum
mich in dürre Arme.
Doch philistern lernt ich nicht,
hoch auf goldnen Schwingen,
trug mich Lieb zum Himmelslicht,
jubelnd durft ich singen:
|: Vivant omnes virgines
faciles formosae, :|
vivant et mulieres,
tenerae amabiles
|: bonae laboriosae! :|
9. Juni 2010 (11:55 Uhr)
Menschen sind halt manchmal tief im Grunde richtige Ekelpakete.
“Edel sei der Mensch, hilfreich und gut”? Wohl eher: “L’enfer, c’est les autres.”
9. Juni 2010 (14:11 Uhr)
Das Verhalten des Geographiestudenten ist einfach nur unreif und feige. In so einem Fall ist es besser Klartext zu reden. Ich hoffe, der Gute studiert nicht auf Lehramt, denn soziale Kompetenzen scheint er ja nicht zu haben und ich würde meine Kinder so einem Menschen nicht anvertrauen wollen!
9. Juni 2010 (18:01 Uhr)
Wie schändlich… Essen wegwerfen in Abwesenheit der Mitbewohnerin, bewusstes Lästern um zu Kränken… das ist wirklich Kindergartenkacke. Fragt sich, warum die Mitbewohnerin menschlich nicht gepasst hat. Vielleicht stand sie einfach über derartig peinlichem Verhalten drüber?
10. Juni 2010 (08:10 Uhr)
@ 16vor: Ich finde es unwürdig, dass ihr solchen Mobbern wie Thomas eine Plattform bietet, sich öffentlich zu profilieren. Schade, dass ihr das offenbar nötig habt. So ein Niveau hätte ich euch echt nicht zugetraut, bin sehr enttäuscht darüber.
10. Juni 2010 (09:21 Uhr)
… und der Ekel lässt sich noch steigern: beim Austauschen von WG-Geschichten in bierseliger Laune rühmte sich ein Bekannter damit, die Zahnbürste seines verhassten Wohnungsgenossen regelmäßig zur Reinigung der Toilette benutzt zu haben…
10. Juni 2010 (15:40 Uhr)
…….und die Welt muss das wissen, damit man sich darauf einstellen kann, mit welchen Eliten wir es zukünftig, zumindest teilweise, zu tun haben. In den WG´s der 70er und 80er hat man sich angebrüllt, aber nicht gemobbt.