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“Ich will mein Leben wieder in den Griff bekommen”

Obdachlose sind selbst verantwortlich für ihre Lage und werden aus ihr auch nicht mehr herauskommen, lautet ein landläufiges Vorurteil gegen Wohnungslose. “Blödsinn”, meint Michael-Ron Stallwood. Gemeinsam mit dem Verein “Trier bewegt e. V.” initiierte er jetzt das Projekt “EinTritt”: Vier alkoholabhängige Obdachlose will Stallwood auf ihrem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben begleiten und unterstützen. 16vor traf den Projektleiter und drei Menschen, die wieder in ein geregeltes Dasein finden wollen.

TRIER. “Für Obdachlose kann man nichts mehr machen. Das sind gescheiterte Existenzen”. Zwei Sätze, die Michael-Ron Stallwood bis zum heutigen Tag und wohl auch darüber hinaus beschäftigen. Vor sechs Jahren habe sie ein Kapuzinermönch ausgesprochen, so ganz nebenbei im Gespräch, erzählt Stallwood. Der besuchte damals jene katholischen Gemeinschaft in Frankfurt am Main und konnte kaum fassen, welch pure Verachtung wohnungslosen Menschen gegenüber aus diesen Worten sprach. Zumal Obdachlosen in derselben Einrichtung durchaus geholfen wird, sie beispielsweise kostenfrei Nahrungsmittel bekommen.

Seit 2005 lebt Stallwood in Trier. An einem verregneten Frühsommertag sitzt er nun im Friedens- und Umweltzentrum in der Pfützenstraße. Seine Hände streichen über die Kaffeetasse, der Blick schweift nachdenklich aus dem Fenster. Im Mai startete er in Zusammenarbeit mit dem Verein “Trier bewegt e. V.” das Projekt “EinTritt – Die Würde des Menschen ist unantastbar”. Hinter der an Artikel 1 des Grundgesetzes angelehnten Bezeichnung verbirgt sich eine Initiative von Laien, die Obdachlosen systematisch helfen möchten, wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Bei seinem regulären Job für den Sozialdienst Club Aktiv habe er die Praxis der aktiven Pflege kennen gelernt, berichtet Stallwood, diese wolle er nun auch auf seine Arbeit mit Wohnungslosen übertragen: “Den Betroffenen wird damit geholfen, sich selbst zu helfen. Und die persönliche Betreuung gibt Mut, neu anzufangen.”

Unterstützt wird er dabei von einigen ehrenamtlichen Helfern des Vereins, dem Stallwood vorsteht und den er 2008 gemeinsam mit einem halben Dutzend Greenpeace-Aktivisten gegründet hat. “Trier bewegt e.V.” engagiert sich vor allem im Umweltschutz und hat sich die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements auf die Fahnen geschrieben. So betreibt man unter anderem auch die Internetplattform infotrier.de. Und nun “EinTritt”, ein Projekt, dessen Name “provokant sein und zum Nachdenken anregen” soll, wie Stallwood es ausdrückt.

Unüberwindbare bürokratische Hürden

Er verfolge primär das Ziel, als emotionale Stütze die Suchtbekämpfung der Wohnungslosen zu begleiten, berichtet Stallwood. Außerdem möchte er mit ihnen möglichst parallel die Bewältigung des Alltags angehen. Dazu, so Stallwood, sei zunächst eine individuelle Vertrauensbasis vonnöten, für die ein großes Maß an persönlichem Einfühlungsvermögen unabdingbar sei. So seien die Menschen sichtlich froh darüber, wenn ihnen endlich mal wieder jemand einfach nur zuhöre und ehrliches Interesse an ihnen und ihrer Lebensgeschichte zeige. Der organisatorische Kleinkram dürfe aber nicht vernachlässigt werden – ob nun Kleidung, Krankenversicherung, Wohnungssuche oder wichtige Behördengänge.

Gerade letztere sind seit der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe durch die so genannten Hartz-Gesetze viel schwieriger geworden ist, weil die meisten Mitarbeiter der für Arbeitslosengeld zuständigen Arge aufgrund fehlender Kompetenzen überfordert sind. Deren von der Politik vorgegebener Auftrag besteht darin, Menschen in Arbeit zu bringen. Für konkrete Hilfe beim Ausfüllen der überkomplexen Anträge oder gar für mentale Unterstützung bleibt da keine Zeit. “Da wurden verwaltungstechnische Hürden geschaffen, die für gesellschaftlich marginalisierte Menschen schier unüberwindbar sind”, kritisiert Stallwood, der die Arbeitsagentur eine “Bürokraten-Festung” nennt.

Aktuell betreut er im Rahmen von “EinTritt” vier alkoholkranke Obdachlose, von denen drei zu einem Gespräch bereit sind. Bittere Ironie der Geschichte: Ausgerechnet im kargen Vorhof eines komplett leer stehenden Hauses machen die drei “Platte” – ausgestattet mit drei versifften Matratzen, dünnen Schlafsäcken und einer eher dürftigen Überdachung. Der Eigentümer gab ihnen die Erlaubnis, sich hier eine Weile aufzuhalten. Robert zeigt sich schon bei der Begrüßung als Spaßvogel, entschuldigt sich selbstironisch für seine nicht ganz saubere Kleidung und gibt anschließend fast pausenlos originelle Witze zum Besten. In seinem bisherigen Leben habe er schon 26 Länder gesehen und spreche drei Sprachen fließend, berichtet der 32-jährige Ex-Koch aus Tschechien.

Einer hat es schon geschafft

Derweil sitzt Elke auf ihrer Matratze und dreht sich eine Zigarette. Die freundliche Frau kommt, wie auch Robert, nicht vom Alkohol los, will es aber unbedingt schaffen. “Das ist leider gar nicht einfach”, sagt die zierliche 50-Jährige. Dagegen hat es Armin als einziger der “EinTritt”-Riege bereits geschafft: Kürzlich hatte er einen Unfall und musste im Krankenhaus behandelt werden. Seitdem sei er “trocken”, sagt er stolz, doch die Versuchung lauere überall. Ins Benedikt-Labre-Haus will er deshalb nicht zurückkehren, für einen wie ihn sei das “kein gutes soziales Umfeld”, meint Armin; “da bleib ich lieber hier bei meinen Leuten”.

Der gelernte Schreiner ist für Stallwood ein Beispiel dafür, dass sich Willensstärke und Durchhaltevermögen auch für Menschen auszahlen können, die völlig aus der Bahn geraten sind. Durch Schulden verlor er im November 2009 seine Wohnung, durch den Alkohol scheinbar jede Perspektive. Seine Brille verlor Armin ebenfalls, und weil er kein Geld hatte, sich eine neue zuzulegen, zog er ohne Sehhilfe durch Trier – nicht eben angenehm bei einer Dioptrien-Stärke von minus 5,75. Erst nach seinem Unfall erhielt er von “EinTritt” eine neue Brille. Seit Armin “trocken” ist, glüht er förmlich vor Tatendrang, möchte sein Leben “wieder in den Griff bekommen und endlich meine vier Kinder wieder sehen”. Er zieht ein Buch mit dem Titel “Das Ende meiner Sucht” aus der Plastiktüte hinter seiner Matratze, von dem er berichtet, er lese es gerade mit großem Gewinn.

Geschrieben hat das Buch Olivier Ameisen, ein ehemals alkoholabhängiger Arzt aus Frankreich. Ein Satz daraus macht Armin ein wenig Angst. Er schlägt das Buch auf und liest ihn vor: “Bei keiner medizinisch bekannten Sucht ist der Entzug derart kräfteraubend wie beim Alkohol”. Immer wieder plagen ihn Alpträume. Vor einigen Tagen habe er beispielsweise davon geträumt, wieder zu trinken. Schweißgebadet sei er aufgewacht. Mit der gesellschaftlichen Anerkennung von Alkohol sei das ohnehin so eine Sache, sekundiert Elke: “Zigarettenwerbung ist im Fernsehen zum Glück schon lange verboten, aber Bier wird immer noch als jugendlich und dynamisch dargestellt, obwohl es eine der gefährlichsten Drogen überhaupt ist”. Stallwood erzählt, dass er für “EinTritt” gern eigene Räumlichkeiten anmieten würde, welche die aktive Pflege erleichtern würden. Hierzu seien sie jedoch auf private Spenden angewiesen, denn “wir wollen in jedem Fall unabhängig von Politik und Wirtschaft bleiben”.

Das Image der Obdachlosen in der öffentlichen Wahrnehmung ist nach wie vor verheerend, wenn auch wenige so weit gehen würden wie der Soziologe Zygmunt Baumann, der im Hinblick auf den Umgang mit wohnungslosen Menschen in seinem Buch “Verworfenes Leben” vom “Abfall der Globalisierung” schreibt. “Darunter”, vermutet auch Stallwood, “liegen vielleicht nur noch ehemalige Strafgefangene”. Sprüche wie “In Deutschland muss niemand obdachlos sein” sind meist nicht nur falsch, sondern auch ein Indiz für den sich zunehmend durchsetzenden Zeitgeist, wonach gemeinschaftliche Hilfe nur noch denjenigen für kurze Zeit zukommen soll, die den Kriterien des gesunden, mobilen und flexiblen Aktivbürgers entsprechen. Dabei gerät allzu oft außer Acht, dass sich die Erosion ganzer Lebensentwürfe längst nicht mehr allein auf zuvor prekär beschäftigte oder arbeitslose Menschen erstreckt. Vielmehr scheint es nur noch eine einzige Sicherheit zu geben in dieser Welt voller Unsicherheiten: Es kann jeden treffen.

Weitere Informationen über das Projekt und die Möglichkeiten, dieses zu unterstützen, finden Sie auf folgender Homepage.

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6 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. driver87 schreibt:

    Oh, oh, oh… Der PR-Journalismus hat 16vor erreicht. Dieser Artikel liest sich wie die Pressemitteilung von Stallwood himself. Doch nicht genug – jegliche kritische Distanz scheint abhanden gekommen zu sein – zum Verein “Trier bewegt” ebenso wie zur sicher streitbaren Persönlichkeit des Vorsitzenden.

    Nichtsdestotrotz, das Thema an sich hat Bedeutung. Und sicher darf man nie jedem Obdachlosen die Schuld am eigenen Abstieg geben. Dahinter stecken fast immer bewegende Schicksale. Ich finde es aber wichtig, auch anzuerkennen, dass jeder Mensch für sein eigenes Leben verantwortlich ist. Jeder Alkoholiker hat sich irgendwann entschieden zu trinken – niemand hat ihn dazu gezwungen und keine Situation im Leben lässt aus sich selbst heraus keinen anderen Weg zu. Jeder dieser Menschen hat Fehler gemacht im Leben, die ihn auf den Weg ins Abseits gebracht haben. Jeder Mensch macht Fehler – oft ohne so drastische Folgen. Aber am Ende muss jeder Mensch selbst die Konsequenzen dieser Fehler tragen und sein Handeln selbst ändern. Dabei ist jede Form von Unterstützung gut und wichtig – doch nie darf man den Willen des zu Helfenden steuern. Man muss Angebote machen und den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe geben. Sonst ist der Erfolg ohnehin nicht von Dauer. Und vergessen darf man auch nicht, dass es unter den Obdachlosen unserer Zeit viele gibt, die sehr bewusst dort sind, wo sie sind. Und sie werden auch immer dorthin zurückkehren – mit allen Konsequenzen. Jeder ist eben für sein Leben selbst verantwortlich und muss für seine Entscheidungen geradestehen.

  2. Karo schreibt:

    Lieber driver87,
    ihr Leserbrief zeigt deutlich, dass auch in ihrem Kopf der Zeitgeist herumspukt. Sie scheinen beim Lesen des ersten Satzes hängengeblieben zu sein, ohne sich im Verlauf dieser meiner Meinung nach spannenden Reportage auf den Inhalt einzulassen.
    Es ist heutzutage leider so, dass viele aus dem löchrigen Sicherheitsnetz herausfallen, ohne unbedingt selbst dafür verantwortlich zu sein. Wie im Artikel deutlich wird, kann es jeden treffen – jeden. Wir leben in zunehmender Unsicherheit und wenn einer von uns ganz unten angekommen ist, gibt es nicht viele, die helfen, weil „jeder für sein eigenes Leben verantwortlich ist“. Dieses Leben hängt jedoch von so vielem ab, was wir nicht beeinflussen können – um die ewigen Schlagworte zu bemühen: Krise, Sozialabbau, Neoliberalismus…
    Ganz richtig sagen sie, man muss „Angebote machen und den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe geben“. Nichts anderes macht doch „Trier bewegt“. So,wie ich die Motivation von „EinTritt“ verstanden habe, hilft das Projekt bei den ersten Schritten zurück in die Gesellschaft, damit die Betroffenen danach eigenverantwortlich und würdig weiterleben können.
    Natürlich wird es einige Obdachlose geben, die „sehr bewusst dort sind, wo sie sind“. Aber von einigen wenigen auf die Masse und daraus wiederrum zu schließen, dass dann alle selbstverantwortlich für ihre katastrophale Lebenslage sind, halte ich für absurd.
    Bitte lassen sie uns doch noch an ihrem anscheinend vorhandenen Hintergrundwissen zum Verein und zu Michael-Ron Stallwood selbst teilhaben, aus ihren suggestiven Andeutungen dazu werde ich nicht ganz schlau.
    Zum Schluss kann ich nur plädieren: Öffnen sie ihren Geist. Dazu kann ich ihnen eine weitere Reportage empfehlen: „Unter null – Die Würde der Straße“ von Günter Wallraff.

  3. driver87 schreibt:

    @karo

    es kommt auf die betonung des satzes “jeder ist für sein leben selbst verantwortlich” an. ich möchte die betonung nicht auf “sein (eigenes)” legen, sondern auf “verantwortlich”. es geht nicht um eine egoistische gesellschaft. es geht darum, dass jeder mensch eine verantwortung hat – für sein eigenes leben. und dieser verantwortung kann er sich nicht entziehen. leider tun dies sehr viele menschen, die sich in einer lebenskrise befinden. sie geben die schuld anderen. der gesellschaft, dem arbeitgeber, der politik, der partnerin oder den eltern. die erkenntnis, selbst schuld zu sein an der misere, kommt oft erst so spät, dass es da schon schwer ist, wieder aus den umständen herauszukommen. eigene soziale ausgrenzung, alkoholabhängigkeit, etc. machen einen weg zurück in die “gesellschaft” schwer – rückfälle sind häufig. dazu kommt ein freiheitsdrang, der es quasi unmöglich macht, zurück in feste strukturen zu gelangen.

    immerzu auf das “soziale Netz” zu verweisen halte ich dabei auch für falsch. das soziale sicherungssystem in deutschland ist weltweit beispielhaft. und niemand muss in deutschland unter freiem himmel schlafen (vorausgesetzt er ist deutscher staatsbürger und kein zugereister obdachloser). wer sich aber mit einem alkoholverbot in übernachtungshäusern nicht abfinden kann, wer sämtliche angebote des sozialamtes nicht nutzt, etc., dem kann kein netz der welt helfen.

  4. Jaxx schreibt:

    Der Meinung von Karo möchte ich mich hier ausdrücklich anschließen. Der Beitrag von Driver87 veranschaulicht in erschreckender Weise die Wirkungsmacht medialer Meinungsmache. Ganz im Sinne neoliberaler Ideologien wird hier versucht, ein Versagen auf institutioneller Ebene auf die individuelle Ebene zu übertragen, was (natürlich) dazu führt, dass die Betroffenen – in unserem Fall die Obdachlosen – ins gesellschaftliche Abseits gedrängt werden und sich zunehmend sozialen Stigmatisierungen ausgesetzt sehen.
    Ich möchte an dieser Stelle auf einen Sachverhalt aufmerksam machen, der mir in diesem Zusammenhang bedeutsam erscheint und der m.E. im gesellschaftlichen bzw. politischen Diskurs oft fehlinterpretiert oder bewusst falsch dargestellt wird: der oft beobachtbare Zusammenhang zwischen Alkoholismus und Obdachlosigkeit.
    Entscheidet man sich einfach irgendwann dazu, mit dem Saufen anzufangen und wird schließlich obdachlos? Oder ist es vielmehr so, dass krasse persönliche Rückschläge, die ohne weiteres nicht zu bewältigen sind, die Wahrscheinlichkeit, dem Alkohol zu verfallen, drastisch erhöhen. Diese Rückschläge finden zweifellos auf individueller Ebene statt, dennoch sind sie wohl in den meisten Fällen (gerade in Zeiten struktureller Massenarbeitslosigkeit, wo es nicht mehr selten ist, dass es eben auch Personen aus der ‚bürgerlichen Mitte‘ trifft) auf Ursachen zurückzuführen, die sich vollkommen der Einflussnahme des Einzelnen entziehen.
    Ich möchte hier keinesfalls dazu plädieren, bei persönlichen Krisen sofort zur Flasche zu greifen (dass dies keine Lösung darstellt, steht außer Frage), dennoch ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Bewältigungsstrategie in unserer Gesellschaft durchaus auf Akzeptanz stößt (Stichwort: Frust saufen). Auch möchte ich betroffene Obdachlose (beziehungsweise Alkoholiker, die sich eventuell auf dem Weg dorthin befinden) von einer gewissen Eigenverantwortlichkeit nicht freisprechen. Es sollte hier jedoch beachtet werden, dass sich EinTritt e.V. – glücklicherweise – mit diesen Fragen nicht primär auseinandersetzt, sondern versucht diesen Menschen, die sich bereits ‚falsch‘ entschieden haben, wieder eine Chance (von der in unseren Tagen ja so oft die Rede ist) zu geben.
    Denn eines muss man sich deutlich vor Augen führen: Alkoholismus ist eine Krankheit, für die sich niemand bewusst entscheidet. Und diese Erkrankung bringt es schlichtweg mit sich, nicht mehr in der Lage zu sein, für sich und sein Leben eigene Verantwortung zu übernehmen. Das alltägliche Interesse gilt eher der Frage, wie man zu Geld kommt, um seine Sucht zu stillen; selbst die Versorgung mit Lebensmitteln wirkt für Alkoholiker oft sekundär! Genau hier setzt die Initiative von Stallwood & Co an. Sie greift diesen Menschen unter die Arme, OHNE sie dabei zu bevormunden, gerade mit der Absicht, sie wieder in die Lage zu versetzen, ‚für sich selbst sorgen‘ zu können.
    Man sollte diese Initiative also nicht einfach vorverurteilen, sondern den guten Geist, der dahinter steht, würdigen. Unsere Gesellschaft befindet sich auf einem unsicheren Weg. Durch bürgerschaftliches Engagement kann dieser Unsicherheit etwas entgegengewirkt werden. Dennoch sollte man den politischen Einfluss, der hinter dieser Entwicklung steht, nicht aus den Augen verlieren und weiterhin darum bemüht sein, derartige Missstände in unserer Gesellschaft anzuprangern. Eben solche Artikel wie dieser helfen dabei. Ihn daher dem PR-Journalismus zu zuordnen, wird der Sache keineswegs gerecht!

  5. Exiltrierer schreibt:

    Nun ist driver87 sicher politisch nicht sonderlich korrekt, seine (ihre) Auffassung ist es aber wert, bedacht zu werden, bevor sie reflexhaft abgelehnt wird. Es ist ja nicht von Schuld die Rede, sondern von Verantwortung. Oder anders ausgedrückt: hinfallen ist nicht schuldbehaftet, fürs aufstehen ist aber immer auch Eigenverantwortung erforderlich. Wäre das nicht so, müsste man konsequenterweise jeden Menschen in (extremer) Not für unzurechnungsfähig erklären, damit man auch gegen dessen Willen Hilfe leisten kann. Was auch immer das in diesem Zusammenhang bedeutet. In den Beiträgen von Karo und Jaxx wird Schuld zugewiesen: Wenn es Menschen schlecht geht, hat das System versagt. Und wieder sind wir, wie so oft, bei den Extrempositionen angekommen. Und wie immer hilft das keinen Schritt weiter.

    Diese Gesellschaft hat eine Vollkaskomentalität in allen Schichten. Zeigt der Nachwuchs unerwünschte Verhaltensweisen, sind Erzieher und Lehrer schuld, die Eltern nie. Wird der Grill mit Benzin angezündet und ich muss mit den Folgen der Verbrennungen leben, ist der Notarzt schuld. Begebe ich mich bewußt in eine gefährliche Situationen und komme zu schaden, ist die Feuerwehr oder wer auch immer schuld. Mit diesen Fällen werde ich jeden Tag konfrontiert und ich stelle immer wieder fest, dass diese Form von Schuldzuweisungen den Betroffenen keinen Schritt weiterbringt. Denn wenn andere Schuld sind müssen andere die Sache auch wieder in Ordnung bringen. ich selbst kann ja leider nichts tun. Das hat was lemminghaftes.

    Vor diesem Hintergrund darf man sagen, dass auch der Obdachlose verantwortlich ist. Nicht unbedingt für seine Situation, aber für das Bemühen, sie zu überwinden. Wenn dieses Selbstverantwortungsgefühl nicht vorhanden ist, kann auch das System wenig tun.

    Fazit: Vereine wie EinTritt sind wichtig und jeder Unterstützung wert, wenn sie Hilfe zur Selbsthilfe leisten, mit allen Konsequenzen. Wenn sie allerdings Verantwortung nur externalisieren und ihre Klienten darin bestärken, das die böse Welt (oder das System, das Sozialamt oder die Exfrau) sich ändern muss und alles wird besser, dann werden sie scheitern. Das weiß jeder Psychotherapeut: wenn Patienten sich nicht früher oder später an Vereinbarungen und Verträge halten, funktioniert die Therapie nicht.

  6. driver87 schreibt:

    @Exiltrierer:

    So wie Sie es schreiben, kann ich das absolut unterschreiben.

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