“Jetzt bleiben noch mehr auf der Strecke”
Deutschland braucht mehr Akademiker – sagen Deutschlands Bildungspolitiker. Dass jährlich mehr als 60.000 junge Menschen ihre Schule ohne Abschluss verlassen, gerät da schon mal in den Hintergrund. Im Rahmen einer von der Arge Trier und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds geförderten Maßnahme verhalf der Palais e.V. in den vergangenen fünf Jahren mehr als 60 Schulabbrechern nachträglich zu einem Hauptschulabschluss. Doch damit ist nun Schluss, denn die Bundesagentur für Arbeit hat die Fortführung derartiger Angebote untersagt.
TRIER. Mit 17 flüchtete Ali Ahmadi aus Afghanistan – zu Fuß, im Boot und auf dem Schiff, per Anhalter, im Zug und mit dem Bus. Sein Weg führte zunächst in den Iran, später durchquerte er Italien, erreichte schließlich Frankreich, von wo aus er nach Trier weiter reiste. Hier angekommen, meldete er sich bei der örtlichen Polizei und eröffnete den verdutzten Beamten: “I want to Germany”. Dass er schon in Deutschland war, habe er gar nicht mitbekommen, berichtet Ali Ahmadi schmunzelnd, ursprünglich habe er ja auch nach Hamburg gewollt, ergänzte er. Der junge Mann blieb an der Mosel, wurde hier sesshaft.
An diesem Mittag sitzt er in einem Besprechungszimmer des Palais e.V. im Mehrgenerationenhaus. Neben ihm sitzt Thomas Leick, Sozialbetreuer des Vereins und, wenn man so will, väterlicher Freund und Unterstützer in allen Lebenslagen. Leick ist stolz auf den inzwischen 20-Jährigen mit dem freundlich schüchternen Lächeln. Gerade hat Ali Ahmadi seinen Hauptschulabschluss gemacht, die Noten der Abschlussprüfungen, die von Lehrern der Kurfürst-Balduin-Hauptschule abgenommen wurden, können sich allesamt sehen lassen. Ob es reicht für die gewünschte Ausbildungsstelle zum KfZ-Mechantroniker, ist noch fraglich, doch dass er einen großen Schritt nach vorne gemacht hat, ist Ali Ahmadi schon viel wert. Vielleicht hängt er noch eine Klasse dran, macht nach dem Hauptschul- den Realschulabschluss. An Motivation mangelt es ihm jedenfalls nicht.
Ali Ahmadi ist nicht der Regelfall. “Er ist mein Vorzeigekandidat”, sagt auch Thomas Leick. Der Diplom-Pädagoge verhehlt nicht, dass seine Schützlinge in der Regel von anderem Kaliber sind: junge Menschen, die zum Teil seit Jahren keine Schule mehr von Innen gesehen haben; Jugendliche, die eine Drogenkarriere machten statt eine Bildungslaufbahn einzuschlagen; Jungs, die Gewalt erfahren haben und auch schon gewalttätig wurden; Mädchen, die Mutter wurden, als sie selbst noch eine Mutter gebraucht hätten. Verlässlichkeit sei für viele von ihnen ein Fremdwort, Pünktlichkeit ebenso, sagt Leick.
Diese Kompetenzen zu vermitteln war eines der Kernanliegen von Angeboten wie HASA, das von der Arge Stadt Trier und dem Europäischen Sozialfonds finanziert wurde, berichtet der 31-Jährige. Parallel zu Arbeitsgelegenheiten (Ein-Euro-Jobs) wurde den Teilnehmern die Möglichkeit geboten, innerhalb von zwölf Monaten einen Hauptschulabschluss zu machen. Im wöchentlichen Wechsel lernten sie praktische Fertigkeiten, beispielsweise im Metallbau oder im Malerhandwerk. Dann wieder drückten sie die Schulbank, hatten Frontalunterricht in Fächern wie Deutsch, Erdkunde oder Mathe. Für einige war das zu viel: Weil sie die strikten Regeln nicht beachteten oder den Lernanforderungen nicht gerecht wurden, gaben viele wieder auf. Jeder zweite Teilnehmer der vergangenen fünf Jahrgänge war zuvor mehr als zwölf Monate arbeitslos gewesen, drei Viertel wurden bereits straffällig; rund die Hälfte der HASA-Schüler kämpfte mit Schulden, vier von zehn hatten Suchtprobleme. “Soziale Defizite” hatte irgendwie jeder.
Palais e.V. kritisiert Einschränkung
Kein leichtes Klientel, doch immerhin 24 Absolventen wurden in diesem Jahr zu den Prüfungen zugelassen, von denen wiederum 22 in der kommenden Woche ihren Hauptschulabschluss erhalten werden. In den vergangenen fünf Jahren hat die Maßnahme insgesamt 64 jungen Menschen zu einem qualifizierten Schulabschluss verholfen, berichtet Sandra Grau, beim Palais e.V. zuständig für den Bereich Jugendberufshilfe. Doch jetzt ist Schluss mit HASA – die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg hat den SGB-II-Trägern untersagt, weiterhin Arbeitsgelegenheiten mit flankierenden Qualifizierungen zum nachträglichen Erwerb des Hauptschulabschlusses zu verknüpfen. Einzig “Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (bvb)” sind nach wie vor möglich.
“Mit solchen Maßnahmen erreichen wir diese Menschen aber nicht”, beklagt Grau. Die Entscheidung der Bundesagentur verbaue deshalb vielen jungen Leuten, deren Startbedingungen ohnehin mehr als bescheiden seien, die Möglichkeit, aus der Perspektivlosigkeit heraus zu kommen, meint auch Leick. Mit der Einschränkung auf bvb-Angebote werde “ein gutes Gesetz ad absurdum geführt”, beklagt der Palais e.V. Denn zahlreiche Jugendliche würden keinen Zugang zu einem solchen Angebot finden – zu groß seien die Defizite bei den Betroffenen, zu zahlreich die Hürden. Die Einschränkung werde vielmehr dazu führen, dass noch mehr Menschen, die schon in jungen Jahren vom Weg abkamen oder gar nicht erst auf ihn fanden, nun auch längerfristig auf der Strecke bleiben, erwarten Leick und Grau.
Nachfolgemaßnahme “Perspektivenwerkstatt”
Auch aus Sicht der Arge Trier war HASA ein Erfolg, wie Geschäftsführerin Marita Wallrich im Gespräch mit 16vor mehrfach betont. Doch dass die Betroffenen nun ins Bodenlose fielen, sei mitnichten der Fall, im Gegenteil: Gemeinsam mit dem Palais e.V. biete man schließlich schon ab Juli eine neue Maßnahme an. Die nennt sich “Perspektivenwerkstatt” und soll Schulabbrechern sowie Menschen mit Abschluss, die nach Einschätzung der Arge aber noch nicht ausbildungsreif sind, erreichen, erläutert Wallrich. Und auch hier soll es darum gehen, die Motivation der Betroffenen zu steigern und ihnen, vor allem durch Praktika, einen Weg auf den Arbeitsmarkt zu ebnen. Nach Auffassung von Sandra Grau kein schlechtes Programm, das aber einen entscheidenden Haken hat: Anders als bei “HASA” können die Teilnehmer im Rahmen der “Perspektivenwerkstatt” keinen Hauptschulabschluss machen.
Ali Ahmadi ist vielleicht nicht der Regel-, aber ein ermutigender Einzelfall. Mit den Leistungen aus dem ALG II und dem Geld aus seinem Ein-Euro-Job gelang es ihm, sich den Führerschein zusammen zu sparen. Doch nicht nur der Palais e.V. half dem jungen Flüchtling, in Trier Fuß zu fassen: Bevor er die HASA-Maßnahme antrat, absolvierte er im Multikulturellen Zentrum einen sechsmonatigen Deutschkurs. “Ich will mein Deutsch immer weiter verbessern”, sagt Ahmadi, auch mit Landsleuten spreche er deshalb nur noch die Sprache seines Wahlheimatlandes. Wie es nun weiter geht? So genau weiß er das noch nicht, aber Ahmadi macht nicht den Eindruck, als würde er sich jetzt ausruhen wollen: “Ich versuche immer mein Ziel zu erreichen”.
von Marcus Stölb





18. Juni 2010 (08:19 Uhr)
Es ist unverständlich, dass der Hauptschulabschluss nun nicht mehr gefördert wird in den o. a. Fällen.
Wir als Gesellschaft produzieren damit Probleme, deren Bewältigung bekanntlich wesentlich teurer ist, als die Finanzierung der o. a. Möglichkeit – abgesehen davon, dass es für jeden Menschen zumindest die Chance
geben muss, sein Recht auf Bildung wahrzunehmen.
HIER MÜSSEN SCHON WIEDER DIE SCHWÄCHSTEN ZAHLEN
Wo das Geld für diese Maßnahmen zu holen ist, ist wohl auch dem gutgläubigsten Bürger klar………
Linde Andersen
18. Juni 2010 (15:12 Uhr)
Ich verweise hier auch auf das Politische Feuilleton im DLF: wir können es uns nicht leisten, junge Menschen schlecht oder nicht auszubilden, wenn wir eine vernünftige Zukunftsplanung in unserem Land wollen.
http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/politischesfeuilleton/1204931/