“Homophobie ist bei Fußballfans nicht größer”
Am heutigen Samstag wird ab 13 Uhr auf dem Kornmarkt der Trierer “Christopher Street Day” gefeiert. Seit Donnerstag gibt es ein Rahmenprogramm dazu. Das Thema passt in diesem Jahr besonders gut zum tagesaktuellen Geschehen: “Homophobie im Sport – Rote Karte!”. Während die männliche Fußball-Elite in Südafrika um den Titel kämpft, werden in den Stadien und beim Public Viewing nichtsdestoweniger wieder zahlreiche Ballkünstler und Schiedsrichter als “Schwule Sau” beschimpft. Für Tanja Walther-Ahrens kein Grund, die Hoffnung auf ein Ende der Homophobie im Sport aufzugeben. 16vor sprach mit der ehemaligen Profi-Fußballerin und heutigen Delegierten der European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF) über Theo Zwanziger, Sexismus und den Männlichkeitsmythos im Fußball.
16vor: Stellen Sie sich vor, ein Spieler der Fußball-Bundesliga outet sich morgen in einer großen deutschen Tageszeitung als schwul. Was würde mit ihm passieren?
Tanja Walther-Ahrens: Es wäre sicher sehr hilfreich für andere homosexuelle Sportler, wenn jemand diesen ersten Schritt wagen könnte. Aber ein einzelnes Outing würde wohl wenig ändern. Die Unterstützung eines solchen ist daher auch nicht das Elementarste an unserer Arbeit. Wir wollen zunächst einmal die Rahmenbedingungen verbessern, damit lesbische und schwule Fußballerinnen und Fußballer sich überhaupt öffnen können, ohne ihre Karriere damit aufs Spiel zu setzen. Da nehmen wir auch schon eine zunehmende Bereitschaft bei den Vereinen und Verbänden wahr, den Spielern die entsprechende Rückendeckung zu bieten, wenn nach einem Outing für kurze Zeit medial draufgehauen würde.
16vor: Aber dann würden doch nicht nur die Medien draufhauen. Wer die teilweise arg reaktionäre Fußball-Fankultur hierzulande kennt, muss doch sicher befürchten, dass ein betroffener Spieler fortan bei jedem Auswärtsspiel aus 30.000 bierfeuchten Kehlen lautstark als “Scheiß Schwuchtel” geschmäht wird?
Walther-Ahrens: Ich finde nicht, dass die Homophobie bei Fußballfans größer ist als im Alltag. Es ist wohl eher so, dass solche Beleidigungen Mittel zum Zweck und beliebig austauschbar sind. Da braucht man etwa nur an dieses unsägliche Lied zu denken, mit dem Fans ihren Gegner per U-Bahn in ein KZ schicken wollen. Die sind ja nun nicht alle Antisemiten, sondern nutzen entwürdigende Bosheiten, um ihre Kontrahenten zu provozieren und brutal abzuwerten. Das legitimiert solche Aktionen natürlich nicht, aber es zeigt, dass dieses Problem bei weitem nicht nur den Bereich der Homophobie und Schwulenfeindlichkeit betrifft.
16vor: Trotzdem finden einige Kulturwissenschaftler, dass in Deutschlands Fußballstadien rassistische und antisemitische Gesänge in den vergangenen Jahren abgenommen haben, während offener Hass gegen Homosexuelle eher stärker geworden sei. Wie kann das sein?
Walther-Ahrens: Das könnte mit dem im Fußball weit verbreiteten Männlichkeitsmythos zusammenhängen, der einfach nicht totzukriegen ist. Fußball wurde in Deutschland ja schon immer als besonders harter Sport wahrgenommen, in dem sich nur “echte Kerle” durchsetzen können. In Zeiten gesellschaftlicher und politischer Aufweichung dieser geschlechtlichen Zuschreibungen sehen manche im Fußball vielleicht so etwas wie ein letztes Reservat der ursprünglichen, sozial konstruierten Form von Männlichkeit.
16vor: Marcus Urban, der in den 90er Jahren als eines der größten Talente im deutschen Fußball galt und aufgrund der psychischen Belastung durch seine versteckte Homosexualität seine Karriere noch vor ihrem eigentlichen Beginn beendete, sagte einmal: “Wenn ihr nach schwulen Fußballern sucht, dann schaut auf die mit den meisten Gelben Karten.” Das mag im Kern ja nicht falsch sein, aber ist eine solch spitzfindige Formulierung nicht reichlich übertrieben?
Walther-Ahrens: Nein, denn diese psychische Belastung gibt es für Homosexuelle ja auch im privaten Umfeld. Viele können nicht sicher sein, dass ihr Familien- und Freundeskreis verständnisvoll auf ein Outing reagiert. Steht jemand permanent in der Öffentlichkeit, dann potenziert sich das noch. Die betroffenen Spieler unternehmen alles, um eventuell aufkommenden Gerüchten entgegenzuwirken und verinnerlichen bewusst oder auch unbewusst die eben erwähnten Männlichkeitskonstruktionen.
16vor: Welche Möglichkeiten sehen Sie denn konkret, die Homophobie im Fußball abzubauen?
Walther-Ahrens: Ganz zentral ist hier, dass man bereits bei der Trainerausbildung ansetzt. Wenn etwa in der E-Jugend ein Achtjähriger einen anderen Achtjährigen als “Schwule Sau” beschimpft, muss das direkt thematisiert werden, um die jungen Sportler frühzeitig dafür zu sensibilisieren. Neben weiteren Bildungsmaßnahmen und Kampagnen besteht ein anderer wichtiger Schritt in der Unterstützung vonseiten der Verbands- und Vereinsspitzen. Da gibt es beispielsweise beim DFB bereits eine große Offenheit.
16vor: Dort ist das Engagement gegen Homophobie aber sehr stark mit dessen Präsident Theo Zwanziger verbunden. Besteht hier nicht die Gefahr, dass dieser Altherrenverbund, der in der Vergangenheit ja nicht allzu oft durch Fortschrittsliebe aufgefallen ist, wieder in homophobe Zeiten zurückfällt, wenn Zwanziger irgendwann nicht mehr im Amt sein wird?
Walther-Ahrens: Natürlich könnte das passieren, denn Zwanziger hat das Thema wirklich zur Chefsache gemacht und setzte sich mit Leidenschaft und Überzeugung für die Belange homosexueller Sportler ein. Aber im Verband gibt es auch viele andere, die gegen die Diskriminierung von Homosexuellen vorgehen. Mit Philipp Lahm hat sich sogar ein aktiver Nationalspieler in dieser Frage klar für Toleranz ausgesprochen. Was die weitere Entwicklung angeht, bin ich wirklich sehr optimistisch. Ich glaube, mit der Akzeptanz des Sujets “Homosexualität” könnte es langfristig ebenso positiv verlaufen wie mit dem in den vergangenen Jahren erfreulich gestiegenen Image des Frauen-Fußballs.
16vor: Aber gibt es nicht auch im Frauen-Fußball noch immer starke homophobe Tendenzen?
Walther-Ahrens: Klar, doch sie äußern sich anders. Bei Fußball spielenden Frauen wird oft davon ausgegangen, dass sie alle lesbische Mannkerle sind. Eine Abwertung, im Zuge derer nicht Fußball spielende Frauen dann direkt zu Dummchen deklariert werden, die nicht einmal die Abseitsregel verstehen. Frauen sind im Fußball also meist eher bewussten Formen von Sexismus ausgesetzt, egal ob sie aktiv spielen oder sich passiv dafür interessieren.
16vor: Wurden Sie als ehemalige Profi-Spielerin mit diesem Sexismus konfrontiert?
Walther-Ahrens: Ja, und das gar nicht mal so selten. Eine systematische Diskriminierung habe ich schon in der Jugend erlebt, als wir mit unserem Mädchenteam im Gegensatz zu den Jungs den Rasenplatz nicht benutzen durften oder nur alle vier Jahre neue Trikots bekamen, während die Jungsmannschaften zu jeder Saison neue bekamen. Auch ein offener Umgang mit Homosexualität ist im Frauen-Fußball oftmals schwer möglich. Als ich zu Tennis Borussia Berlin kam, wurde den Spielerinnen auch schonmal nahe gelegt, nicht mit der eigenen Lebensgefährtin Hand in Hand zum Training zu erscheinen, weil die Eltern der männlichen Jugendspieler davon abgeschreckt würden. Die Entwicklung ist da aber wie gesagt echt vielversprechend. Wenn im kommenden Jahr die Frauen-Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland stattfindet, erwarte ich in dieser Hinsicht noch einen weiteren Schub.
16vor: Der aber sicher noch nicht die Homophobie aus den Köpfen vertreiben kann. Wird es je einen normalen Umgang mit Homosexualität im Sport geben?
Walther-Ahrens: Davon gehe ich fest aus. Die Frage ist natürlich, wann es so weit sein wird. Aber die Geschichte zeigt ja, dass gesellschaftliche Fortschritte manchmal schneller greifen können, als man gemeinhin denkt. Die Chancen stehen also wirklich gut, auch wenn der Fußball ein Bollwerk des Status Quo ist, in dem das Engagement gegen Homophobie erstmal eine besonders große Herausforderung bleiben wird.
von Christian Baron





19. Juni 2010 (10:24 Uhr)
“30.000 bierfeuchte Kehlen”, “Altherrenverbund” usw.: haben Sie es nicht eine Nummer kleiner, Herr Baron? Wohltuend sachlich dagegen die Ausführungen von Frau Walther-Arens.
Ich weiß nicht, ob man einem Achtjährigen klar machen kann, warum die Beschimpfung “schwule Sau” eine andere Qualität hat als die Bezeichnung “Arschloch” o.ä. Ist es nicht zielführender, den Kindern klarzumachen, das jegliche Herabwürdigung durch solche Beschimpfungen ein Regelverstoß ist und es dafür mindestens die gelbe Karte gibt? Mit einem solchen Verständnis ist die Differenzierung vielleicht gar nicht mehr nötig, weil so erzogene Kinder kein Problem mit Homosexualität und der eigenen Angst davor haben.
19. Juni 2010 (14:47 Uhr)
@exiltrierer
auch wenn ich nur alle 2 jahre fußball gucke und immernoch nicht den unterschied zwischen aktivem und passiven abseits kenn – ich denke trotzdem, daß man schon achtjährigen den unterschied (den sie offensichtlich bei ihrer ausführung leider auch übersehen haben) klarmachen kann und machen sollte:
mit der bezeichnung “schwule sau” wird eben nicht nur das gegenüber herabgewürdigt, sonder auch jeder schwule, ich habe jedoch nicht den eindruck, daß ein arschloch durch die nutzung seiner bezeichnung als beileidigung herabgewürdigt wird…
ansonsten jedoch stimme ich ihnen in ihrer meinung gerne zu!
20. Juni 2010 (10:14 Uhr)
Als Fußball-Fan bin ich auch positiv überrascht von diesem Interview, da die Interviewte einen sehr differenzierten Standpunkt einnimmt, der über das Niveau von Talkrunden im Fernsehen hinausgeht. Der Interviewer Baron lässt sich leider zu einigen Plattitüden hinreißen und erweckt für mich den Eindruck, als würde er bei seiner Interviewpartnerin mit dieser Wortwahl ähnliche Aussagen herausfordern zu wollen. Lasse mich da gerne vom Gegenteil überzeugen, aber so wirkte das eher schlecht.
Mit der Frage zu Theo Zwanziger wird aber leider sowohl von Herrn Baron, als auch von Frau Walther-Arens, Potenzial verschenkt. Es stimmt, Theo Zwanziger hat wie kein anderer DFB-Präsident öffentliches Engagement gegen Rassismus und Homophobie voran getragen.
Aber: Wie ernsthaft war das Engagement tatsächlich? Gerade das unglückliche, wenn nicht dumme Verhalten Zwanzigers in der Affäre Kempter/Amerell, die eher zur Stigmatisierung von Homosexualität im Profifußball beigetragen hat, hätte näher besprochen werden können.
Sonst ein lesenswertes und interessantes Gespräch.
20. Juni 2010 (19:10 Uhr)
Nur weil ich Frau bin, liegt nicht immer gleich ein Fall von Frauendiskriminierung vor, wenn ich weniger Geld bekomme als ein Mann und auch mal anders behandelt werde als meine männlichen Kollegen. Ich kann es auch nicht feststellen, das Homosexuelle in unserer Gesellschaft heute noch so stark diskriminiert sind, wie Herr Baron da den Eindruck erwecken will. In manchen Bereichen unserer Gesellschaft, wie beispielsweise im Medien- und Kunstbetrieb scheint es ja schon fast zum guten Ton zu gehören, mindestens ein bischen bi zu sein. Also Herr B. kommen Sie mal wieder auf den Teppich. Es gibt halt in unserer Gesellschaft Bereiche und Gruppen, in denen bestimmte andere nicht gerne gesehen sind und vielleicht auch nicht so recht dazu passen. Das gilt nicht nur für Schwule. Ein Schalke-Fan wird im Dortmund-Block nicht so gerne gesehen, und der ölbeschmierte heizungsmonteur auch nicht so gerne auf dem Abschlussball der höheren Töchterschule. Und ist es eine sexistische Diffamierung, wenn man jemanden als “schwule Sau” bezeichnet, wenn er gar nicht schwul ist? Seine sexuelle Ausrichtung hat man damit ja nicht angegrieffen, er ist ja nicht schwul.
29. Juni 2010 (08:42 Uhr)
Achja. Unterschiedliche Entlohnung kann man als Frau also tatsächlich gerechtfertigt finden? Und was bedeutet “mal anders behandelt weden”?…
Und das Ende der Stigmatisierung Homosexueller im medialen Bereich zu suchen und dann noch mit den Worten zu kommentieren, es “gehöre zum guten Ton, ein bisschen bi zu sein”…also sorry, aber da bekomme selbst ich als heterosexuelle Frau das k*****.
Damit wird doch nur deutlich, welch stereotypes Bild von Homosexuellen in unserer Gesellschaft verbreitet wird: Der lustige Quotenclown, der ja ruhig auch mal ein bisschen exotisch daherkommen darf mit seiner Liebe zum gleichen Geschlecht, solange es der Einschaltquote dient – und wenn’s einem nicht gefällt, kann man ja umschalten.
Aber bitte nicht im sauberen Fußballsport! Da sind diese “bestimmten anderen” (??!!) eben nicht gerne gesehen!
Also um’s nochmal zu verdeutlichen: hier geht es um Diskriminierung Homosexueller auf breiter Front und nicht um einen Fan, der sich in den Block der gegenerischen Mannschaft vorgewagt hat. Dieser Vergleich hinkt ja mehr als gewaltig! Da wird so getan, als ob ein Homosexueller mit seiner sexuellen Orientierung andere provozieren wolle…wahrscheinlich rührt auch aus dieser Logik die Tendenz, jemanden als “schwule Sau” zu bezeichnen. Ich finde, so etwas sollte überall und immer geahndet werden – nicht nur auf dem Fußballplatz, sondern auch im Bus in Trierers Innenstadt (wo auch noch Beschimpfungen ganz anderen Kalibers in Gebrauch sind – aber das führt nun zu weit).
Also: lieber nochmal drüber nachdenken, Frau Oberkante!
Ansonsten kann ich mich Carsten anschließen. Beim lesen des Interviews habe ich auch darauf gehofft, dass das Thema Kempter/Amarell noch angesprochen wird. Wirklich schade.
Dennoch fand ich das Interview auch als Nicht-Fußballfan interessant.