Neues aus der Trierer Literatenszene
Zum 37. Mal brachte die Literarisch-Musische Gesellschaft Trier ihre bisher halbjährlich, künftig einmal im Jahr erscheinende Anthologie “Literamus” heraus. Perlen darin sind die Prosabeiträge von Josef Peil, Michael Bräutigam und Hans Greis, die Einblicke in saarländischen Lebensalltag, in die hoffnungslosen Maßnahmen der Arbeitsvermittlungsanstalten, Langzeitarbeitslose bei Laune zu halten, und in eine Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg um den Trierer Till Kappes geben.
TRIER/WAWERN. Es gibt sie, eine Literatenszene in und um Trier herum. Mehr einem Insiderkreis bekannt, aber unermüdlich rege und idealistisch, veröffentlichen ihre Mitglieder in dem nach der humanistisch klingenden Kurzfassung ihres Vereinsnamens (etwa: “Wir machen Literatur”) benannten Periodikum Gedichte, Kurzprosa, aber auch Fortsetzungskapitel aus ausgewachsenen Romanen und Auszüge aus Theaterstücken.
Herausgeber sind der Vorsitzende Hans Greis, pensionierter Hauptschullehrer und zeitweiliger Ortsbürgermeister von Wawern, und der Leiter des Wissenschaftlichen Verlages Trier (WVT) Erwin Otto. Geschmückt wird das schmalformatige, auf kräftigem Papier gedruckte handliche Heft von einem luftigen Aquarell der Mertesdorfer Künstlerin und Dozentin Claudia Schindler, deren freundliche und gutgemachte Arbeiten während der Wawerner Kulturtage auch die Wände in Wawern belebten .
Art und realisierter Anspruch der versammelten Texte sind unterschiedlich, und es wäre ungerecht, auf den zweifellos vorhandenen Beispielen bemühter Stilübungen “im Stile von” herumzureiten. Der Verein bietet Neueinsteigern in ermutigender Absicht eine Plattform, sich in den Formen Prosa und Vers zu üben und, wer weiß, einmal den Weg zu eigenem Ausdruck und eigener Thematik zu finden. Da verzeiht man auch die unter der eigenen Bedeutung schier zusammenbrechende Pose einer Vortragenden beim Wawerner Vorstellungsabend.
Gedichte gibt es auch von erfahreneren Schreibern. Sie zu goutieren, bedarf es eines eigenen Geschmacks wie beim Aufnehmen von Lyrik, neuerer im besonderen ja überhaupt. Manches wirkt kryptisch überkürzt, als hätte der Verfasser seine Pointe noch nicht gepackt, anderes entspricht den heute üblichen Versuchen, mit Klanggerassel zu imponieren, oder verrät eine gehörige Portion Literatenselbstbespiegelung. Bei andern wird der geneigte Leser die Assoziationen zu fertigen Bildern verbinden. In Trierer Mundart verfasste der bekannte Vortragskünstler und Fischers Maathes-Darsteller Helmut Haag seine beiden Reimbeiträge – leider Gelegenheitsgedichte von schwer erkennbarem Interesse über den Anlass hinaus.
Das kann man dem humorig-bösartigen, sich erst spät liebenswürdig auflösenden Redewechsel zwischen Fischers Maathes und seiner Frau Kathrin nicht vorwerfen. Es ist eine reizende szenische Aufarbeitung aus dem Leben des Trierer Originals aus der Feder von Walter Liederschmitt, der also mehr kann, als mit strophenreichen einfachen Gitarrenliedern hinzuhalten.
Perlen sind die Prosabeiträge von Josef Peil, Michael Bräutigam und Hans Greis. Peil gibt in “De Vielesoov mischt seine Gedanke” und “Es git Leit”
humoristische Einblicke in saarländischen Lebensalltag, punktgenau im Dialekt vermutlich seines Mastershausener Wohnortes formuliert (und bei der Vorstellungsveranstaltung pfiffig vorgetragen), gewürzt mit der köstlichen Literateneigenschaft persönlicher und kollektiver Selbstironie.
Bräutigam entwickelt eine Satire auf die hoffnungslosen Maßnahmen der Arbeitsvermittlungsanstalten, Langzeitarbeitslose bei Laune zu halten. Er nennt den Schulungsort nach dem Resultat beziehungsreich “Langenoose” und das Schulungsprogramm “ALLESAMARS” – fast zu konsequent durchdekliniert, aber mit einem überraschenden Schluss, der das Weiterlesen unbedingt lohnt.
Greis erzählt in der 18. Folge seines Romans “Tillmann und Nana”, einer Geschichte aus dem Dreißigjährigen Krieg um den Trierer Till Kappes, wie der junge Humanist und Skeptiker auf seiner Reise nach Italien von Mönchen gerettet wird und auf ihrer Bergstation Gespräche über Gott und die anscheinend wenig gerechte Weltordnung führt. Der unbeirrbar festgehaltene Versuch, einen historischen Roman, der in die Stifterzeit passen könnte, mit aller Liebe und Sorgfalt auszugestalten, im festen Vertrauen darauf, dass es funktioniert und mehr herauskommen wird als ein abgenutztes Imitat, fordert Respekt. Und anders als Umberto Eco in seinen Büchern, an die der eine oder andere Leser denken wird, erspart einem Greis schwerbekömmliche Vorzeigegelehrsamkeit.
Konservative Theologen bekommen einiges zu schlucken, so etwa, wenn Till formuliert: “Alles was Gott gesagt haben soll, haben Menschen sich ausgedacht.” Oder: “Er (Gott) hat uns im Dunkeln vor die Tür gesetzt und macht sich einen Spaß daraus, sich von uns suchen zu lassen. Und wenn wir uns verlaufen, sind wir schuldig und er verdammt uns. Bruder Gottlieb, das kann es nicht sein.”
Literamus Band 37. Herausgegeben von Hans Greis und Erwin Otto (Literarisch-Musische Gesellschaft Trier). WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, April 2010. 112 Seiten, EUR 3,50.




