Kritische Lobbyisten für Fußballfans
Mit dem Verbleib in der Regionalliga West fand im Juni eine aufregende Saison für Eintracht Trier am “grünen Tisch” ein nicht mehr für möglich gehaltenes Happy-End. Durch die nervenaufreibende und konfliktreiche Spielzeit hindurch wurden die Anhänger der Eintracht vom Fanprojekt Trier begleitet, das im Juli 2009 offiziell seine Arbeit aufnahm und seither die Interessen der Fans nach außen vertritt sowie als sozialpädagogische Stütze fungiert. 16vor traf sich mit Projektleiter Dominik Boulanger in den Räumlichkeiten des Fanprojekts in der Metternichstraße.
TRIER. Derzeit sind Fußball-Schiedsrichter in aller Munde. Im hitzigen Gefecht der Weltmeisterschaftsbegegnungen kommt ihnen die selten gewürdigte, aber unverzichtbare Aufgabe des Regelhütens zu, durch die Emotionen vor dem Überkochen bewahrt und der Ausbruch anarchischer Zustände verhindert werden sollen. Sind in Südafrika die Referees derzeit Lobbyisten für den Weltfußballverband FIFA, so begann bereits im Sommer des vergangenen Jahres Dominik Boulanger als Lobbyist für die Fans der hiesigen Eintracht zu arbeiten. Er erfüllt seitdem eine Mission, die den diplomierten Sozialwissenschaftler zu einer Art “Schiedsrichter neben dem Platz” macht. Der gebürtige Essener leitet das Trierer Fanprojekt, das vom Exzellenzhaus e. V. initiiert wurde, um jungen Eintracht-Anhängern als Auffangbecken zu dienen und eine professionelle Begleitung des Anhangs zu ermöglichen.
Boulanger bewarb sich damals auf die Stelle, weil ihn selbst bereits früh das Fußballfieber gepackt hat. Schon in seiner Jugend feuerte er regelmäßig seinen Heimatteam Rot-Weiß Essen auf der Tribüne an und wurde fester Bestandteil der Fankultur. Aktiv spielte er in der Bezirksliga Essen beim SC Werden-Heidhausen und studierte an der Universität Duisburg-Essen. Qualifikation genug für den anspruchsvollen Job, die Boulanger durch weitere Berufserfahrung ergänzte: “Mein Praxissemester absolvierte ich damals beim Fanprojekt in Bremen, dem ältesten dieser Art in Deutschland.”
Die Anhänger von Eintracht Trier schätzt der Projektleiter als “vergleichsweise manierlich” ein. Gleichwohl demonstrierten die Polizei und vor allem die Trierer Ultras in der Vergangenheit immer wieder ihr ausgeprägtes gegenseitiges Misstrauen. Da sei Vermittlungsgeschick gefragt, so Boulanger: “Wir verstehen uns als kritische Lobbyisten für Fußballfans. Wir sind also zwar parteiisch und vertreten grundsätzlich die Belange der Fans, betrachten dabei jedoch auch deren Verhalten kritisch und beziehen teilweise gegensätzliche Positionen.”
Besonders gegen Ende der Saison war Boulangers Team als Krisenmanager gefragt. Als etwa die Stimmung Ende März nach der unglücklichen Niederlage gegen Leverkusen und dem erstmaligen Abrutschen auf einen Abstiegsplatz auf dem Tiefpunkt angelangt war, wollten nach Schlusspfiff einige aufgebrachte Fans den Spielern an den Kragen, während sie ihnen hinterher brüllten: “Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot!”
Eine kritische Endphase der Saison, an die sich Boulanger noch gut erinnert. Damals habe man sich genau überlegt, wie mit der prekären Lage umzugehen sei. “Bei uns im Fantreff haben wir dann Diskussionsveranstaltungen durchgeführt, bei denen Vorstandmitglieder und einige Spieler sich den Fans stellten.” Aus den kontroversen Gesprächen sei am Ende die für den Projektleiter einzig richtige Quintessenz gezogen worden: “Jedem war klar, dass wir da unten nur gemeinsam wieder rauskommen.”
Allein, sportlich wurde es einfach nicht besser. Der Abwärtstrend setzte sich fort, und die Geschlossenheit zwischen Spielfeld und Tribüne wurde aufgekündigt. Der permanenten Arbeitsverweigerung auf dem Platz folgte eine zeitweilige Unterstütztungsverweigerung auf den Rängen. Und nicht nur im Fußball gilt die Regel, wonach jeder Mensch gerade mit dem besonders kritisch umgeht, den er am innigsten liebt. “Die Leute hängen sehr an ihrem Club”, sagt Boulanger. “Sie sind mit Leidenschaft dabei und wären auch nach einem Abstieg noch mindestens genauso zahlreich zu den Heim- und Auswärtsspielen gekommen.”
Viel lieber erinnert er sich aber an die ersten Wochen und Monate seiner Amtszeit, für ihn die “absoluten Highlights der Saison”. Mit den furiosen Siegen in den ersten beiden DFB-Pokalrunden wurden mit Hannover 96 und Arminia Bielefeld zwei Profimannschaften aus dem Moselstadion geschossen. “Die Stimmung war bei diesen Spielen wirklich großartig, auch die Choreographien auf der Gegengerade kamen super an.”
Daran, so die Hoffnung, soll in der kommenden Spielzeit angeknüpft werden. “Bei uns allen ist die Vorfreude zu spüren. Das Vergangene ist jetzt erstmal abgehakt, zur neuen Saison werden die Karten neu gemischt und wir sind voller Zuversicht.” Neben einer weiblichen Honorarkraft und einem Praktikanten muss das Fanprojekt momentan mit eineinhalb Stellen auskommen, die vom Deutschen Fußball-Bund (DFB), dem rheinland-pfälzischen Innenministerium und den beteiligten Kommunen finanziert werden. Für die halbe Stelle des in Kürze ausscheidenden Thomas Endres sucht Boulanger bereits einen Nachfolger.
Dieser wird aufgrund der großen Nachfrage auch dringend benötigt, denn derzeit zählen etwa 60 bis 70 Eintracht-Anhänger zwischen 14 und 25 Jahren, die oft im 160 Quadratmeter großen Fantreff im alten Milchhof in der Metternichstraße vorbeischauen, zur Stammklientel des Projekts. Dessen Ausstattung ermöglicht mit einer Play Station, einem Tischkicker und einer Dartsscheibe auch eine jugendfreundliche Freizeitgestaltung. Damit die physische Bewegung nicht zu kurz kommt, geht Boulanger donnerstagsabends mit einigen seiner Schützlinge in die Trierer Soccerhalle.
Diese Aktionen sollen den Jugendlichen in erster Linie Halt bei der individuellen Lebensführung bieten. Darüber hinaus fördern sie das Gemeinschaftsgefühl und die Moral, woran es einigen Spielern der Eintracht in der verangenen Saison gemangelt hat.
Der Fantreff in der Metternichstraße 38 ist ab Ende Juli wieder jeden Dienstag von 16 bis 22 Uhr geöffnet sowie zusätzlich bei Heimspielen drei Stunden vor dem Anpfiff.
Lesen Sie hierzu auch: “Mehr als eine Lobby für die Fans” und “‘Was hier abgeht, ist nicht mehr normal’”.
von Christian Baron




