“Nicht um jeden Preis!”
Mehr als ein halbes Jahrzehnt nach dem Abriss mehrerer Gründerzeithäuser in der Paulinstraße zeichnet sich noch immer keine Lösung für eine der größten Baulücken Triers ab. Weder die Stadt noch der Eigentümer rechnen damit, dass die Fläche in naher Zukunft bebaut wird. Wenige Meter weiter südlich zeigt man sich derweil kompromissbereit: Nachdem der Stadtrat per Veränderungssperre ein Bauvorhaben stoppte, signalisierte der potenzielle Investor sein Interesse an einer raschen Einigung. Die Entscheidung des Rats kann auch als Indiz für einen Bewusstseinswandel an der Verwaltungsspitze gewertet werden: Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani plädiert zwar für eine weitere Nachverdichtung, doch dürfe es diese “nicht um jeden Preis” geben.
TRIER. “Hoffnungsschimmer für die maroden Friedrich-Häuser in der Paulinstraße 20 bis 24: Offenbar kommt das mehrfach angekündigte und ebenso oft verschobene Neubau-Projekt jetzt endlich ins Rollen”, vermeldete die Lokalzeitung fast auf den Tag genau vor sechs Jahren. Ins Rollen kamen bislang nur die Bagger: Im November 2004 ließ der Eigentümer, der Fliesen-Unternehmer Friedrich, die drei Gründerzeithäuser niederreißen; “ersatzlos abgebrochen” vermerkt die Denkmaltopographie der Bundesrepublik. Seither klafft in der Paulinstraße eine der größten Baulücken Triers, und das in Sichtweite des Wahrzeichens der Stadt.
Wenig deutet darauf hin, dass sich an der Situation alsbald etwas ändern wird. Im Gegenteil: Auf Anfrage gab sich die Architektin des Eigentümers, Eva-Maria Ladwein, viel sagend wortkarg. Man spreche immer wieder mal mit der Stadt, erklärte sie. Es herrsche zwar “kein Stillstand”, doch von einem wie auch immer gearteten Fortschritt könne auch nicht die Rede sein, räumte sie ein. Das deckt sich mit den Auskünften aus dem Rathaus: Baudezernentin Simone Kaes-Torchiani sieht ebenfalls kein Licht am Ende des Tunnels, man warte auf den Eigentümer. Ursprünglich hatte der ein großflächiges Wohn- und Geschäftshaus samt Verbrauchermarkt geplant, doch vor allem an letzterem stieß sich die Verwaltung. Die sprach von einer “stadtunverträglich hohen Ausnutzung” und brachte kurzerhand einen Bebauungsplan auf den Weg (wir berichteten). Hinzu kam, dass sich Landesmuseum und Grundstückseigentümer nicht über Modalitäten und Finanzierung der notwendigen archäologischen Grabungen einigen konnten. Die Konsequenz: Friedrich lässt die Fläche brach liegen und nutzt sie seit Jahren als Parkplatz.
Wenn Paragraph 34 Baugesetzbuch zum Zug kommt
“Mit Frau Kaes-Torchiani bekommen wir das hin”, gab sich Architektin Ladwein im August 2007 dennoch optimistisch, “wir sind auf dem besten Wege”, behauptete sie gar. Wenige Monate später, im April 2008, hieß es dann, dass nun ein neues Projekt Vorang genieße: die Umwandlung eines denkmalgeschützten Anwesens an der Ecke Petrusstraße/Porta-Nigra-Platz in ein Hotel. Nach zwei Jahren hat sich auch bei diesem Projekt noch nichts getan. Zu den Gründen wollte sich Ladwein nicht äußern.
Anders als der Unternehmer Friedrich scheint der potenzielle Investor, der die Häuser Nummer 10 und 12 in der Paulinstraße erwerben und durch einen Neubau ersetzen möchte, mehr Kompromissbereitschaft mitzubringen. Sein Vorhaben, einen vier- bis fünfstockigen Neubau zu errichten, stieß in Verwaltung, Architektur- und Städtebaubeirat und auch im Stadtrat auf Ablehnung. Dominik Heinrich (Bündnis 90/Die Grünen) spricht von einer “brutalen Höhe”. Das derzeit geplante Objekt würde die benachbarte “Villa Henn”, die unter Denkmalschutz steht, “regelrecht erschlagen”, fürchtet er. Heinrich, selbst Architekt, spricht sich zwar für eine weitere Nachverdichtung aus – “das ist der Weg der Zukunft”; doch müssten die Neubauten auch die Identität eines Viertels oder Straßenzugs wahren. Ähnlich äußert sich die Baudezerntin: Man brauche und wolle Nachverdichtung, vor allem in innenstadtnahen Lagen, so Kaes-Torchiani, “aber nicht um jeden Preis!” Auf ihr Betreiben erließ der Stadtrat in der vergangenen Woche eine Veränderungssperre, zugleich wurde die Aufstellung eines Bebauungsplans beschlossen.
Existiert kein Bebauungsplan, kommt in der Regel der berühmte Paragraph 34 des Baugesetzbuchs zum Zug: Der besagt, dass ein Vorhaben dann genehmigt werden muss, wenn es sich “nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt”. Eine dehnbare Formulierung, die viel Spielraum für Interpretationen und damit auch für Konflikte birgt. Das zeigte sich beispielhaft vor einigen Jahren an der Ecke Friedrich-Ebert-Allee/Merianstraße: Auf Grundlage des Paragraphen 34 hatte die Stadt unter Kaes-Torchianis Vorgänger Peter Dietze (SPD) den Umbau des Gebäudes genehmigt, das einst auch Charles de Gaulle beherbergte.
Das Walmdach wich einem Satteldach mit Gauben im Dachaufbau, zudem wurden gleich drei Balkons angebracht. An seine ursprüngliche Gestalt erinnert an dem Gebäude seither nichts mehr, und mit den benachbarten, ursprünglich im selben Stil errichteten Häusern hat das Anwesen nicht mehr viel gemein. Bei der Stadt war man anderer Auffassung: “Hinsichtlich der Art der baulichen Nutzung fügt sich das Vorhaben (…) in die Eigenart der näheren Umgebung ein” und sei auch “hinsichtlich des Maßes der baulichen Nutzung nicht zu beanstanden”, befand der Stadtrechtsausschuss. Eine Ansichtssache mit Folgen, denn mit Paragraph 34 lassen sich selbst umstrittenste Bauvorhaben genehmigen. Weil aber weite Teile der Stadt noch keinen Bebauungsplan haben, sind Konflikte programmiert.
Auch im Fall des Bauvorhabens in der vorderen Paulinstraße hätte die Stadt die Planung nach Paragraph 34 absegnen müssen. Doch aus Sicht des Baudezernats würde die Realisierung des Projekts die Vorstellungen der Verwaltung für die weitere Entwicklung in der Paulinstraße konterkarieren. Deshalb entschied man sich im Rathaus gegen eine Baugenehmigung. Ein Vorgang, der vor allem beim möglichen Investor für Frustration sorgt. Doch weil der Stadt das Personal und die finanziellen Mittel fehlen, um für sämtliche Teile Triers umgehend Bebauungspläne aufzustellen, dürfte man am Augustinerhof noch häufiger zu Veränderungssperren greifen.
von Marcus Stölb





9. Juli 2010 (12:28 Uhr)
“Das zeigte sich beispielhaft vor einigen Jahren an der Ecke Friedrich-Ebert-Allee/Merianstraße”
PFUI DEIBEL!!! Immernoch.