Liebe in ihrem vollen Spektrum

Ein ausdauerndes Publikum fand sich am Freitagabend im Amphitheater zu einem szenischen Projekt im Rahmen der Antikenfestspiele ein. Man war bereit, sich gemeinsam der Herausforderung zu stellen: Unter dem Titel “Fragmente der Liebe” bot Corinna Harfouch gleich drei aufeinanderfolgende Lesungen, die ein vierstündiges Kulturerlebnis versprachen.

TRIER. Bei drückenden 30 Grad muss das Publikum auf glühenden Plastikstühlen Platz nehmen. Die Temperatur ist jedoch eine gute Einstimmung auf die hitzige Leidenschaft der drei Frauen aus der griechischen Mythologie, um die es an diesem Abend geht: Medea, Elektra, Phädra. Der Lesungsmarathon wurde bereits mit großem Erfolg auf Schloss Hardenberg bei Berlin und der “Lit.Cologne” aufgeführt. Für die Antikenfestspiele wurde allerdings die Reihenfolge des szenischen Projekts verändert, das mit der Lesung des Phädra-Stückes von Racine in der Nachdichtung von Schiller beginnt.

Nicht nur die Zuschauer haben sich einiges vorgenommen, sondern auch die Schauspielerin Corinna Harfouch. Lediglich der Komponist und Musiker Johannes Gwisdek (DJ Shaban) steht ihr musikalisch zur Seite.

Harfouch schlendert in ihrem eleganten, bodenlangen schwarzen Kleid zur Bühne und eröffnet nach einer musikalischen Ouvertüre die Lesung mit einer Einführung in die Geschichte um die erste Protagonistin Phädra. Dabei fühlt man sich leider ein wenig an schlechte Schulreferate erinnert, in denen komplexe Zusammenhänge eher unbeholfen auf das Simpelste heruntergebrochen wurden. Allerdings wird dem in der griechischen Mythologie wenig Bewanderten so deutlich, dass Zeus mit Europa “ein Kind gemacht” hat, nämlich den späteren König Minos, der “ständig in der Welt herumreist und Kriege veranstaltet hat. Dessen Tochter ist wiederum Phädra, die mit Theseus verheiratet ist, allerdings dessen Stiefsohn Hippolyt liebt. Die Tragödie nimmt ihren Lauf…

Wie es eine szenische Lesung mit nur einem Vortragenden mit sich bringt, versetzt sich Harfouch in alle einzelnen Charaktere und überzeugt dabei besonders in der Rolle der leidenschaftlichen Phädra, als sie im fünften Auftritt des zweiten Aufzugs ihre Textblätter regelrecht vom Tisch fegt. Darauf hat man als Zuschauer schon die ganze Zeit gewartet, nachdem die Akteurin erst zaghaft und dann immer beherzter die Papierbögen über ihre Schulter geworfen hatte. Dabei rutscht ihr aus Versehen ein Blatt zu viel davon, woraufhin sie nur mit einem beherzten “Oh, halt. Das war falsch!” dem Zettel nacheilt und dann mit einem Lachen eingesteht, dass das Werfen aber auch einfach Spaß mache.

Es sind sympathische Momente wie dieser, die den Funke auf das Publikum überspringen lassen und entsprechend endet der erste Teil der Lesung mit viel Applaus. Sich durchaus anscheinend bewusst, was dieser Abend dem Publikum an Ausdauer abverlangt, bittet die Schauspielerin das Publikum, nach der 20-minütigen Pause doch möglichst vollständig zurückzukehren.

Erfreulicherweise ist nach der Pause auch nur ein minimaler Schwund zu bemerken. Harfouch erscheint nach einem Garderobenwechsel zusammen mit DJ Shaban auf der Bühne. Letzterer hatte bisher im Hintergrund gewirkt. Jetzt allerdings ist sein Musikequipment auf dem Tisch aufgebaut, hinter dem zuvor die Lesende gesessen hat. Mit seinem Laptop voller bunter Aufkleber geht in diesem Moment zwar ein bisschen Antikenflair verloren, aber die Textcollage des Medea-Materials aus Stücken von Heiner Müller, Euripides und Seneca bringt die Zuschauer schnell wieder in die der Veranstaltung angemessene Stimmung. Dabei erzielt besonders der kontrastierende Rahmen aus Müllers modernem Text um die antiken Dramenfragmente eine reizvolle Wirkung. Da Harfouch dem Trierer Publikum zutraut, die Lesung um Medea auch ohne inhaltliche Einführung in deren Genealogie nachvollziehen zu können, wird das entsprechende Vorwissen an dieser Stelle beim Zuschauer vorausgesetzt.

Die von ihrem Mann Jason betrogene Medea wird von Harfouch brillant verkörpert. Gleich zu Beginn lassen die kraftvollen Klageschreie der hintergangenen Ehefrau die Verzweiflung dieser Figur spüren, die aus Liebe ihren Bruder tötete und ihr Vaterhaus verriet. Nun sieht sie sich ersetzt durch eine Jüngere, von ihrem Mann fallengelassen und von der Verbannung bedroht.

Die Dialoge zwischen Medea und Jason werden dabei besonders stark dargestellt. Mühelos schlüpft Harfouch von der einen Rolle in die andere. Mit dem einfachen Mittel des Hutaufsetzens wird dabei der Wechsel zwischen den Charakteren markiert und so das Verständnis des beeindruckenden Schlagabtausches erleichtert.

Schade ist dabei nur, dass gelegentlich DJ Shaban irritiert, der seine Textblätter von der rechten zur linken Seite wandern lässt und dadurch den Blick von der Akteurin ablenkt. Ohne dem an dieser Stelle einmal flapsig als “Geräuschemacher” bezeichneten Gwisdek seine Anerkennung verweigern zu wollen, so ist er doch für den Gesamtwirkung der griechischen Tragödie um Medea auf der Bühne eher weniger vonnöten.

Wenn man sieht, wie der DJ auf einen Knopf seines Mischpults tippt, um beispielsweise ein Donnergrollen auszulösen, nimmt dies zudem ein wenig den Zauber der Vorstellung. Die Abenddämmerung hingegen unterstreicht dabei perfekt die immer dunkler werdenden Gedanken der in Rachesucht entbrannten Medea. In einem atemlosen Monolog wird deren Besessenheit deutlich, die im Mord an ihren beiden Söhnen gipfelt.

Den letzten Teil der Lesung bildet nach einer weiteren Pause der Elektra-Komplex, der bereits von der hereinbrechenden Nacht umhüllt wird. Und auch jetzt kehren mehr Zuschauer an ihre Plätze zurück, als man nach bereits dreieinhalb Stunden Lesung erwarten würde. Vielleicht auch von diesem Durchhaltevermögen der Zuschauer beflügelt, ließ sich eine kontinuierliche Steigerung der schauspielerischen Leistung Harfouchs verzeichnen. Noch leidenschaftlicher als zuvor schon als Medea beklagt sie nun als Elektra ihr Leid. Dabei wurden Textfragmente von Aischylos, Hugo von Hoffmannsthal und Sartre verarbeitet. Und natürlich durfte auch hier nicht der von Harfouch sehr geschätzte Heiner Müller mit seinem Werk fehlen. Es ist gerade diese kunstvolle Komposition der verschiedenen Textfragmente, die jeweils eigene Sichtweisen auf die drei Frauen Medea, Elektra und Phädra ermöglicht. So wird an diesem Abend die Liebe in ihrem vollen Spektrum von unbändiger Leidenschaft über Hass bis hin zum auf Enttäuschung folgenden Rachedurst dargestellt.

Entsprechend der gelungenen Umsetzung dieses Projekts endet der Abend mit drei Runden Applaus. Sichtlich gerührt fällt Harfouch nach ihrer beeindruckenden Darbietung vor dem sie im Stehen feiernden Publikum kurz auf die Knie.

Isabel Nündel

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Tom R. schreibt:

    Dass der DJ Johannes Gwisdek Corinna Harfouchs Sohn ist, wäre vielleicht der Erwähnung wert gewesen…

  2. mel w. schreibt:

    Herr Rü. da haben sie absolut Recht – und dass er derzeit einen sehr erfolgreichen Film im Kino hat könnte dann auch noch erwähnt werden :) Grüße aus A

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