Nerone im Goldflitter
Hätten die Sänger und Chöre in ihrer Straßenkleidung die undekorierte Kulisse des Amphitheaters bespielt, es wäre ein großer Opern-Abend geworden. Die bei den diesjährigen Antikenfestspielen mit Spannung erwartete Wiederentdeckung von Arrigo Boitos Oper “Nerone” hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Musik, Sänger und Philharmonisches Orchester überzeugen. Die uninspirierte Inszenierung jedoch kämpft mit visuellen Effekten und abgelaufenen Symbolismen gegen das musikalische Erlebnis an.
TRIER. Das 1862 begonnene, mehrfach umgearbeitete, unvollendete und 1924 posthum uraufgeführte Werk des Librettisten und Komponisten Boito macht den inszenatorischen Zugriff nicht gerade leicht. Der krause Plot um die Obsessionen Kaiser Neros, um Oberpriester Simon, Apostel Fanuèl, Prinzessin Asteria oder Vestalin Rubria lässt die Faszination des Librettisten für Neros ambivalente Persönlichkeit als selbernannter Künstler und egomanischer Despot erahnen – Dekadenz und gebrochene Persönlichkeiten als die großen Themen des Fin de Siècle.
Boitos dunkles Melodram mit seinem Symbolismus und Ästhetizismus verführt die Regisseurin Andrea Schwalbach – eigentlich Spezialistin für Wiederentdeckungen vergessener Opern – zu einem Sammelsurium disparater Inszenierungseffekte. Die Mischung aus halbherziger Psychologisierung, Monumentalität, Burleske, Hochdramatik, Zirkus und Pyrotechnik hinterlässt skurrile Szenen, die weder dramatisch noch visuell überzeugen.
Statt einer interpretativen Konzeption setzt die Regie zusammen mit Bühnenbild (Nanette Zimmermann) und Kostüm (Stephan von Wedel) auf die Effekte der Ausstattung. Die Überfrachtung mit recycelten Symbolen und Deko-Kitsch wirkt banal und beliebig.
Eine Manege mit zu engen und zu niedrigen Zugängen, dafür aber mit einem Riesen-Putto, lässt es eng werden für die Massenszenen. Am Hang des Amphitheaters sorgen herumliegende Leichen und überdimensionale Lettern (COLOSEO), die mit Varitieté-Lichterketten versehen sind, für Grusel, Dekadenz und aktuellen Bezug. Über den Boden rollende Totenköpfe, auf Stäbe gesteckte Schädel, Pierrots, Schwellköpfe, Goldflitter und Goldmasken symbolisieren auch irgendwas. Das Volk (der Chor) trägt Anzüge aus Goldlamé, darüber schwarze Gummischürzen und später weiße Kittel mit Blutflecken (das Volk arbeitet in der Fleischfabrik oder in der Pathologie?).
Als zu Beginn des vierten Aktes aus einem Engelsflügel eine große Menge roter Gegenstände den Hang des Amphitheater herabrollt, fragt man sich, wo der Hubschrauber bleibt, der rote Rosen und Fußbälle abwirft.
Solcher Klamauk lenkt ab von der schönen Musik Boitos in der gelungenen Interpretation des Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von GMD Victor Puhl. Schließt man die Augen, hört man grandiose Sänger – allen voran Rachael Tovey, die als Prinzessin Asteria bei 40 Grad im Schatten für Gänsehaut sorgt. Gianluca Zampieri setzt sich mit einem ironischen Augenzwinkern über sein Duce-Kostüm hinweg und überzeugt als Nerone. Sang Lee als intriganter Oberpriester Simon und Bruno Balmelli als Apostel Fanuèl setzen Akzente. Silvia Pasini singt von der Seite die Partie für die kurzfristig erkrankte Eva Maria Günschmann, die auf der Bühne ihre Rolle der Rubria (weiße Kunsthaarperücke) mit Inbrunst spielt. Chor und Extrachor beeindrucken trotz ihrer wenig atmungsaktiven Bekleidung mit großer Spielfreude und Kondition.
Das von den stimmigen Musiktheaterinszenierungen der letzten Spielzeit des Trierer Theaters verwöhnte, sehr faire Publikum dankt Musik, Orchester, Sängern, Darstellern und Chören mit freundlichem Applaus.
Weitere Termine: Heute, 14., 16. und 18. Juli jeweils um 20.30 Uhr.
von Christa Blasius





12. Juli 2010 (20:54 Uhr)
Andrea Schwalbach hat es sogar fertiggebracht, in der Frankfurter Oper Oscar Straus’ “Walzertraum” kaputt zu machen. Sie kann’s nicht und wird doch immer wieder auf unsere, also Steuerzahlerkosten, engagiert, um ihre verworrenen Ideen unters Volk zu bringen, abst0ßend. Alfred Karl.
13. Juli 2010 (08:38 Uhr)
Wer den Abend auch anders erlebt hat, oder erleben möchte, sei hier auf die sehr gute Beschreibung von Dieter Lintz verwiesen:
http://www.volksfreund.de/nachrichten/kultur/regionalkultur/Kultur-in-der-Region;art764,2492395
16. Juli 2010 (10:34 Uhr)
Warum muss man alles auf eine Person ( A. Schwalbach) reduzieren? Warum wieder alles ” kaputt” reden? Warum bieten ” Sie” nicht mal “Ihr” Regietalent dem Herr Weber an, wenn Sie es so besserwisse(n/r).
Mir hat`s gefallen! Toller Chor! Verweise auch auf Artikel von Dieter Linz
16. Juli 2010 (13:48 Uhr)
Von “uninspirierter Inszenierung”, “Klamauk” und “banaler und beliebiger Wirkung”, “Überfrachtung mit recycelten Symbolen” zu sprechen, finde ich doch wohl etwas übertrieben und aus einseitiger Sichtweise betrachtet. Da finde auch ich die Besprechung von Dieter Lintz objektiver!
Für uns war die Aufführung, sowie auch die anderen gebotenen Vorstellungen der diesjährigen Antikenfestspiele, auf jeden Fall hervorragend und sehenswert. Sie waren die längere Anfahrt -wir kamen extra aus Aachen – wert und bleiben bestimmt in dauernder Erinnerung. Das Trierer Theater und alle Beteiligten können stolz auf diese Leistung sein.
Was ich nur zu bemängeln hätte, ist die dürftige Werbepräsenz der Anktikenfestspiele insgesamt. So konnte man ausserhalb des Trierer Raumes kaum einen Hinweis auf dieses großartige Ereignis finden. Auch in Trier selbst fand man mehr Plakate und Hinweise auch Flohmärkte und Rockkonzerte als auf diese großartigen Festspiele ! Selbst die “Trier Information” an der Porta Nigra
bot nur mangelhafte Hinweise.
Bei mehr und besserer Werbung kämen bestimmt zahlreichere Besucherströme um diesem einmaligen Sommerereignis beizuwohnen.
Wir besuchen die Antikenfestspiele nun schon seit Jahren und freuen uns auf weitere erfolgreiche Aufführungen in dieser einmaligen Umgebung der antiken Spielstätten.
20. Juli 2010 (09:17 Uhr)
Seien Sie nicht so puristisch, liebe Frau Blasius, mit Ihrer “Nerone-Besprechung”!
Römische Sandalen und Tunikas – oder Lagerfeld-Klamotten und Birkenstock-Latschen, sei hier die Frage! Man stelle sich nur die Primadonna in “Kurzem-Schwarzen” vor! – Dann aber schon lieber etwas kitschig mit einem kühnen Überwurf. Wir Opernfans wollen auch etwas für’s Auge, – nicht nur für’s Ohr! – Dann lieber gleich eine CD. Aber wir wollen uns doch lieber über diesen Opernabend und andere Programmpunkte der diesjährigen Antikenfestspiele freuen!
Weniger begeistert war ich über einige Dinge, die nur am Rande mit der Vorstellung zu tun hatte:
1. Ein fast vollkommenes Fehlen der Werbung für die Antikenfestspiele – selbst in der Stadt Trier. Nichts im Informationszentrum an der Porta Nigra. Über alle Flohmärkte und andere Events im weiten Umkreis beste Information; nur über die Antikenfestspiele herzlich wenig! Jede kleinste “Festspielstadt” – wie z.B. Monschau in der Nordeifel ist da rühriger.
2. Erneut hat mich das seltsame Geschichtsverständnis und die Kommentierung des Dramaturgen Dr. Larsen vom Stadttheater im Vorspann amüsiert.
Römische “Demokratie” mit der unserigen heute, so kühn zu vergleichen, verschlug mir doch die Sprache. – Multi-Kulti, die Spaßgesellschaft und “panem et circensis” in eine Melange zu werfen, ist wahrlich “voll krass” – um einen heutigen Ausdruck zu verwenden. Ach ja, – die “Oligarchen” sind wieder da, – aber wer und wo sind die Sklaven? Vielleicht war die Sommerhitze für Dr. Larsens kleine Anleihe bei Guido Westerwelle schuld. – Schade, daß Nero ein Römer war und nicht einer mit “fremden Wurzeln”, da könnte man noch andere zitieren (z.B. Herrn Sarazin)! –
Aber nichts für ungut! – Die Vorstellung war schön – das Wetter auch!