“In der Eifel bedrohte man mich”
Heute vor 150 Jahren wurde in Trier Clara Viebig geboren. Die als Eifeldichterin bekannte Schriftstellerin wurde zu Lebzeiten oft angegangen, da sie das mit Worten beschrieb, was Heinrich Zille gezeichnet hat: die Realität des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts mit seiner ländlichen Armut und städtischen Enge. Hinzu kam ihr kritischer Blick auf die Doppelmoral der Menschen sowie ein in jedem Werk zu findendes starkes Frauenbild.
TRIER. Clara Viebig wurde am 17. Juli 1860 in der Simeonstraße geboren. “Ich habe mir just den schönsten Winkel in der ganzen schönen Rheinlande zum Geborenwerden ausgesucht. In Trier, unweit der ‘Poort’, wie das Römertor im Volksmund heißt, stand meine Wiege; sie schaukelte im Takt mit den frommen Kirchenglocken, ich schlummerte süß bei deren Schall, und doch war ich ein Ketzerkind…” schildert das in eine protestantischer Familie herein geborene Mädchen später. Ihr Vater, Oberregierungsrat und ehemals Abgeordneter für die Stadt Posen in der Frankfurter Nationalversammlung, wurde 1858 als Beamter nach Trier versetzt. Hier besuchte das dritte Kind der Familie Viebig die Hartmannsche Schule, eine private Schule für höhere Töchter aus dem Bildungsbürgertum. Schon 1866 stand die Versetzung des Vaters nach Düsseldorf an. Trier selbst hat sie nur als Kind erlebt, erst als 16-jährige kehrte sie nach ihrer Schulzeit zu einem Freund ihres Vaters für ein Pensionsjahr in die Moselstadt zurück.
“Onkel Mathieu”, der Trierer Landgerichtsrat Mathieu, unterrichtete die Jugendliche in Sprachen und führte sie vor allem auch in die Literatur ein. Bereits von ihrem Vater lernte Clara zeitgenössische Autoren kennen und fand in ihrem Elternhaus eine rege Unterstützung ihrer Leidenschaft. Sie nutzte während ihres Aufenthaltes die Gelegenheit, ihren Förderer bei dessen Ermittlungen in Trier und Umland zu begleiten. “Wenn er mit seinem Sekretär auszog, um Tatbestände aufzunehmen, um Obduktionen beizuwohnen, so zog ich mit ihm aus, das heißt man setzte mich in irgendeinem Wirtshaus ab und empfahl mich der Frau Wirtin”, beschreibt Viebig ihre Trierer Zeit in ihren autobiographischen Skizzen. “In den kleinen Eifelgärten, wo wild durcheinander Unkraut und brennende Liebe, Kartoffeln und Sturmhut, Feuerlilien und Nachtschatten wuchern, hörte ich manche Geschichte von Liebe und Haß, von frommem Gelübde und verbrecherischer Schuld, von Wallfahrtswundern und gebrochener Treue, von Habgier, von Missgunst.”
Genau das sind die Themen, welche die Dichterin in ihrer gesamten schöpferischen Zeit begleiten, mit denen sie aneckt, weil sie ohne zu werten, realistisch beschreibt. Die “Eifeldichterin” verfasst keine einfache und naive Heimatdichtung. Die literarisch gebildete Frau nennt als wichtigsten Ideengeber den französischen Naturalisten Émile Zola mit seinem Werk Germinal, das erschien, als sie 25 Jahre alt war. Thema ist auch hier der Konflikt zwischen Arm und Reich sowie der Umgang mit Ungerechtigkeit.
Schriftstellerisch begann ihr Oeuvre im Jahr 1894 mit einem Beitrag im Feuilleton der Berliner Volkszeitung. Mit ihrer Mutter war Clara Viebig nach dem Tod des Vaters 1881 in die Hauptstadt gezogen, wo sie die Musikhochschule besuchte und sich auf eine musikalische Laufbahn vorbereitete, die sie aber nie begann. Die Familie war alles andere als begeistert, wie sich Viebig erinnert: “Was war das für ein Entsetzen, bei Mutter, Bruder und Verwandten, als sie meinen Namen unter allen möglichen Geschichten in den Zeitungen entdeckten.” 1863 entsteht das erste von mehreren Dramen, welches an der Freien Volksbühne aufgeführt wurde.
Berühmter als mit den Bühnenstücken jedoch wurde sie durch ihre Romane und Erzählungen. Mit schnörkelloser Sprache, in klarem Stil und einer entwaffnendem Ehrlichkeit bringt sie Gegebenheiten aus der Großstadt, vor allem aber aus der Eifel zu Papier. Spät für die damalige Zeit, nämlich mit 39 Jahren, heiratete Clara Viebig den Berliner Verleger Friedrich Cohn, der sie nicht nur persönlich in ihrer Berufstätigkeit unterstützte, sondern auch viele ihrer Texte herausgab. In einer Villa im großbürgerlichen Zehlendorf verbrachten sie – bald mit Sohn Ernst – kreative Jahre im Kreise der Berliner Schriftsteller- und Verlegerszene. In den Jahren bis 1933 war Clara Viebig eine der erfolgreichsten zeitgenössischen Autoren Deutschlands, die auch über die Grenzen hinaus beliebt war. So reiste sie alleine oder mit ihrem Mann nach Basel, Den Haag, Luxemburg, New York City, Paris, St. Petersburg und Wien, um Vorträge zu halten oder aus ihren Werken zu lesen. Fast jedes Jahr entstanden ein neuer Roman, Novellen oder Erzählungen.
Eines ihrer skandalträchtigsten Werke ist “Das Weiberdorf”, welches in dem Dorf Eisenschmitt – im Roman heißt es Eifelschmitt – spielt und beschreibt, wie die arbeitsfähigen Männer aus dem armen Dorf als Gastarbeiter in die Stahlwerke des aufstrebenden Ruhrgebiets ziehen. Pittchen bleibt als einziger Mann zurück, alle anderen kommen nur zweimal pro Jahr für zehn Tage, an denen entsprechend gefeiert wird. Die Frauen nehmen das Ruder in die Hand, Pittchen kann bei so vielen einsamen Frauen nicht treu bleiben und auch sonst ist die Lebensweise der eigentlich gottesfürchtigen Frauen für das damalige Zeitalter nicht akzeptabel.
Das Buch landete so auch schnell auf dem Index der katholischen Kirche. Heute ist Eisenschmitt Sitz des Clara Viebig Zentrums, der Dorfbrunnen ist mit Szenen aus dem Roman geschmückt und anlässlich des runden Geburtstages ist dort eine Ausstellung zu sehen. Weitere Veranstaltungen erinnern an die einst so verhasste Autorin, wie sie notiert hat: “Es hat mir viele Angriffe eingebracht, nicht nur von der Seite der prüden Literaturkritiker. Als ich wieder eine Reise in die Eifel machte, bedrohte man mich, lauerte mir auf. Frauen bewaffneten sich mit Stöcken, Hacken, Mistgabeln und machten sich auf den Weg, um sich meiner zu bemächtigen.”
Regelmäßig besuchte sie allein oder mit ihrer Familie die Eifel, um hier ihre Ferien zu verbringen und in ihrer Wahlheimat sein zu können. In vielen ihrer Romane sprechen die Protagonisten Eifeler Platt. Bad Bertrich, das sie häufig besucht, da es nicht so bekannt, mondän und vielleicht auch weniger teuer war als die beliebten Ostseebäder, erinnert ebenfalls an die Dichterin. Die dort ansässige Clara Viebig Gesellschaft hat es sich zum Ziel gemacht, das literarische Erbe der Dichterin zu erhalten, die Werke und Hintergründe zu erforschen und ihre Werke wieder der Öffentlichkeit zugängig zu machen. Bis in den Oktober hinein reichen die Veranstaltungen und Lesungen zum 150. Geburtstag der Dichterin.
Zur Zeit des Nationalsozialismus hatte Clara Viebig Schwierigkeiten, Neues zu veröffentlichen, da ihr Mann Friedrich jüdischstämmig war und er auch nicht mehr verlegerisch arbeiten konnte. Der Sohn Ernst, Mitglied der kommunistischen Partei und inzwischen Opernkomponist und Kapellmeister, legte den Namen Cohn ab und emigrierte nach Rio de Janeiro. Dem Vater blieb mit seinem Tod im Jahr 1936 eine weitere Verfolgung erspart. Clara Viebig reiste ihrem Sohn und dessen Familie 1937 nach Brasilien hinterher, blieb dort aber nur drei Monate, ohne ihren Sohn danach jemals wiedergesehen zu haben. Ein Teil der Werke jedoch wurde 1939/1940 in Neuauflagen wiederaufgelet, da eine entfernte Verwandtschaft der Dichterin zu Hermann Göring bestand und sie den Doppelnamen Viebig-Cohn nicht mehr führte. Einige ihrer Eifelromane waren sogar äußerst beliebt bei den Nationalsozialisten, wogegen sie wenig Einspruch erhob, wusste sie doch ihren Sohn verfolgt.
Nach der Evakuierungszeit in Schlesien kehrte sie in zwei Zimmer ihrer besetzen Villa zurück. Wenige Jahre später lobte sie der SED-Parteivorstand als eine proletarische Schriftstellerin, die “in einer Reihe mit den besten und größten Epikern unseres Volkes und anderer Völker stellen”. Neue Werke werden nach 1945 weder im Osten noch im Westen von Deutschland gedruckt. Clara Viebig starb mit 92 Jahren 1952 in ihrer Zehlendorfer Villa. Erst in den 1970er Jahren kehrte sie als Frauenrechtlerin wieder in das öffentliche Bewusstsein zurück.
Literatur: Zum 150. Geburtstag ist die – etwas spröde und wenig tiefgehende – Monografie zum Leben Clara Viebigs neu aufgelegt worden: Charlotte Marlo Werner. Schreibendes Leben. Die Dichterin Clara Viebig. Dreieich bei Frankfurt, Medu Verlag. 2010. 320 Seiten. 16,95 Euro.





17. Juli 2010 (09:48 Uhr)
Sehr schöner Artikel! Als Zugezogener würde ich mich über weitere Beiträge dieser Art freuen. Endlich weiss ich wer hinter dem Straßennamen steht :)