Flüchtlingslager in den Thermen

Bis zu dreißig Personen wirkten an dem Theaterstück “Die Aeneis” mit, das unter der Regie von Florian Burg am Donnerstag in den Viehmarktthermen seine Premiere feierte. Das ist für den Rahmen der Antikenfestspiele eigentlich keine beeindruckende Schar an Darstellern, wenn das Stück nicht als Laienprojekt mit Trierer Bürgern verwirklicht worden wäre. Entstanden ist eine Performance, die dem theaterpädagogischen und einem hochgehängten künstlerischen Anspruch so über die Maßen gerecht wird, dass das diesjährige Antikenprogramm für dieses Heimspiel mehr als dankbar sein kann.

TRIER. Unter dem taghellen Abendhimmel versammeln sich vor den Viehmarktthermen etwa 120 Besucher, begrüßen Freunde, plaudern über das Wetter, den hinter sich gebrachten Arbeitstag, halten Ausschau nach bekannten Gesichtern. Schon das übliche Warten im Theaterfoyer fügt sich unter freiem Himmel in den Charakter der Inszenierung: Hier versammeln sich Bürger auf dem Marktplatz – der Agora, einem Ort, der schon im antiken Griechenland einen zentralen Stellenwert im öffentlichen Raum einnahm. Aus dieser Ansammlung von Bürgern treten einzelne hervor und gruppieren sich zum Spiel: es sind Trierer und zugleich Trojaner, das Volk des Aeneas.

Seit Beginn des Jahres hat sich aus einem ersten Gründungstreffen im Bürgerhaus Trier-Nord bis zur Aufführung unter Ausdauer, Mühen, Fleiß und natürlich auch Spielfreude und Spaß dieses Ensemble herausgebildet. Die ein oder anderen Mitstreiter verlor man unterwegs, weil Sie zum Beispiel glücklicher Weise einen Job gefunden haben, manche blieben aus anderen Gründen nicht bei der Stange.

Zu einem späteren Zeitpunkt kam Raimund Wissing dazu, der als einziger professioneller Schauspieler einen Anker bieten sollte und die Rolle des Aeneas übernahm. Die, die blieben, sind im letzten halben Jahr zu einem beeindruckenden Ensemble zusammengewachsen. Die Menschen, die nun vor den Thermen in Position gehen, sind von unterschiedlichem Alter, Geschlecht, sind unterschiedlicher Herkunft, alteingesessene Trierer, zugezogene Migranten, gehen unterschiedlichen Berufen nach, sind unterschiedlicher Hautfarbe, haben unterschiedliche Körper, unterschiedliche Lebenserfahrungen, gehen noch zur Schule oder studieren. Diese Trierer stellen ein Volk dar, wie es für diese Stadt – seit sie sich mit der NPD im Stadtrat herumschlägt – symbolischer und appellierender nicht sein kann: Diese Gruppe ist heterogen, ohne auseinanderzufallen, getragen von einem starken Ensemblegeist.

Im Laufe der Aufführung stellt man dann fest, dass es sich um einen Glücksfall handelt oder vielmehr um gelungene Arbeit: Nicht nur die Idee des gemeinsamen Theaterspiels, nicht nur der symbolische Wert des Projekts machen die Qualität aus, sondern, die hervorragende Umsetzung aller Beteiligten, eingebunden in ein überzeugendes Inszenierungskonzept. Vor allem die gute Leistung aller Darstellerinnen und Darsteller, absolut textsicher mit Stimme und Sprache in den unterschiedlichen Räumen umzugehen, im Freien und in den Thermen, beeindruckt. So kommen die rhythmischen Verse des Autors Olivier Kemeid in der eingängigen Übersetzung Frank Heiberts voll zur Geltung.

Mit pyrotechnischem Knallen und Knistern, Explosionen und Technobeats beginnen die lange währenden Irrfahrten: Troja brennt, Aeneas tritt die Flucht an. Die Darsteller gruppieren sich zum klassischen Bild: Aeneas nimmt den Vater Anchises (Richard Tito) auf den Rücken, den Sohn Ascanius (Miriam Seiler) an die Hand, gebückt tritt er die Flucht an, hinter ihm sein Volk. Seine Frau kann er nicht mehr retten. Wie wird ihr Sohn wohl als Mann aussehen? Sie wird es nicht erleben, sondern aus dem Totenreich über ihre Familie wachen: “Falle nicht/ Du hast nicht mehr die Zeit mich zu begraben”, ruft Olga Masur als Creusa ihnen nach. Achates (Hejo Kessler) spricht die traurig-schönen Verse: “Der Tod ist eine Lücke/ eine Kluft geschlagen in die Wände unsres Daseins/ die wir niemals füllen können.” Das Flüchtlingsdrama beginnt.

Das Publikum wird in Gruppen durch einen schwarz abgehängten Beschlag geführt. Zum Glück ist er nicht so beengend wie ein echter Container. Aber nun wird klar, dass wir geschleust werden – hinüber in die Theaterwelt und in die unbequeme Rolle der Fliehenden. Die Reise geht hinunter in die Thermen.

Dort ist das Stück als Stationendrama inszeniert und stets werden wir von einer Szene zur nächsten durch die Thermen ge-trieben und ver-trieben. Mal ist es eine erboste Hotelmanagerin (Bernadette Carstens-Neumann), die uns vom Privatstrand vertreibt, mal ist es der Wind, der uns packt und weiterschiebt (sehr entzückend die Kinder aus der Ambrosius-Grundschule als Wirbelsturm). An der letzten Station ist man froh, wenn einem die Krankenschwester Wasser in Plastikbechern reicht.

Doch immer wieder werden Ängste gegenüber den heimatlosen Fremden geschürt. Immer wieder kreisen die Dialoge um den Unterschied von Fremde und Heimat, Bedrohung und Flucht und darum, was es heißt, einfach ein Mensch statt “der Andere” zu sein. Bevor Aeneas und die Seinen endlich Latium erreichen, kommt es noch zum finalen Kampf. Die Brüder Amin und Ahmed El Gafarami, die eben noch in ihren Sprechrollen glänzten, liefern sich gemeinsam mit den anderen jugendlichen Darstellern einen knallhart choreographierten, nicht ganz ungefährlichen Stockkampf mit virtuosen Stunts, an dem alle in der Umsetzung sicher auch Freude hatten.

Das Theater tat sehr gut daran, dem freischaffenden Regisseur Florian Burg die Federführung zu überlassen. Er ist niemand, der mal eben auf den soziokulturellen Trend aufspringt, sondern hat in vielen theaterpädagogischen Projekten bereits Erfahrung gesammelt – hier in Trier zuletzt mit dem Exhaus-Projekt “Klassenfeind“. Er hat es geschafft, eine stimmige Passung zwischen antikem Stoff und zeitgenössischer Umsetzung zu finden. Das leistet er mithilfe des hervorragenden Textes von Kemeid und der sinnfälligen Nutzung der Spielorte, die von den alten Gemäuern auch schon mal zu Videoinstallationen im Parkhaus führt. Der Autor wird es nicht bereut haben, zur Premiere aus Kanada angereist zu sein. Gestern fand die letzte Aufführung statt, eine Wiederaufnahme wäre wünschenswert.

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2 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Markus Nöhl schreibt:

    Kann mich der Autorin nur anschließen: großartiges Projekt, welches unheimlich viel geleistet hat. Die Qualität der Aufführung und die künstlerische Inszenierung waren den Antikenfestspielen würdig. Die Viehmarktthermen als Theater wurde mit seinen unterschiedlichsten Winkeln, der Verbindung zur Tiefgarage ideal genutzt.

    Dies alles mit einer bunten Truppe von Laien zu bewerkstelligen, war eine große aber sehr gut gemeisterte Herausforderung. Man merkte der Gruppe richtig an, wie sie gemeinsam gewachsen ist. Mehr davon!

  2. Bernd Weihmann schreibt:

    Liebes 16vor,

    als fleißiger Leser von 16vor bin ich sauer auf Euch. Ihr habt wirklich eine sehr gute Kritik geschrieben, aber leider mit einem kleinen Fehler. Dieses Theaterprojekt fand nicht nur im Bürgerhaus Trier-Nord statt, sondern die gesamte Produktion, Finanzierung und die Entwicklung der Gesamtkonzept wird vom Bürgerhaus Trier-Nord getragen.
    sommerliche Grüße
    Bernd Weihmann

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