Rau und schön zugleich
Hier ein ganz heißer Tipp gegen die Hitze: Gehen Sie ins Stadtmuseum! Begeben Sie sich in die zweite Etage des Neubaus und marschieren Sie schnurstracks zur Stirnseite des Raumes. Bleiben Sie nun vor Maximilian Klein von Diepolds Bild “Trüber Tag” – auf dem ein kleines Eifeldorf in einer düsteren, trüben Winterlandschaft zu sehen ist – stehen und lassen es auf sich wirken. Man bekommt eine Gänsehaut. Auch wenn der Themenbereich “Der Winter” nur wenige Werke umfasst, kann dies genauso bei dem ein oder anderen der knapp 150 Bilder der Sonderausstellung “Raue Schönheit. Eifel und Ardennen im Blick der Künstler” geschehen. Am Samstagabend wurde die Ausstellung, die einen großartigen Eindruck vom landschaftlichen Reichtum und urtümlichen Reiz dieser Region vermittelt, eröffnet.
TRIER. “Als Porta Eifel lädt der ziemlich einzigartige Provinzladen und Megapuff Trier die sensorisch nicht gänzlich Verkümmerten allzeit ein, in die nähere nördliche Ferne zu schweifen – nicht, um am Soldaten- und Biergeschmacksfriedhof Bitburg gleich allzu ungeduldig zu stoppen und hofflungslos zu stranden, sondern um dem ferneren Seffern oder Waxweiler oder Pronsfeld sich anzunähern”, empfiehlt der Eifelliebhaber Jürgen Roth in “Das perfekte Wirtshaus”.
“Irgendwo dort, in dieser Gegend, es war vielleicht auch hinter Schönecken, sah ich das leuchtendste Stück Landschaft, das denkbar, das für mich vorstellbar ist”, schwärmt der Frankfurter Schriftsteller. “Es war hinter einer Straßenbiegung, wenige hundert Meter nach Dorfausgang am Ende eines steilen Anstiegs. Unvermutet, wie diese Anblicke uns treffen, öffnete sich oben, auf der Kuppe, rechter Hand eine Lichtung, eine vom Sonnenlicht geflutete Lichtung, zwischen Haselnußhecken, und sie fiel, reines Grün, ganz mählich ab und rollte auf einen Nadelwald zu, einen Nadelwald, wie ihn die Eifel schimmernd und ruhig um Daun herum oder bei Gerolstein so überall hinstellt.”
Ähnliche Erlebnisse wie Roth hatten wohl auch einige der Maler, deren Werke in der Ausstellung “Raue Schönheit. Eifel und Ardennen im Blick der Künstler” (Projektleitung: Dorothée Henschel) vertreten sind. Zumindest vermitteln das ihre Arbeiten. Beeindruckend sind die dargestellte Urgewalt von Natur und Landschaft in Carl Friedrich Lessings “Eifellandschaft vor Gewitter” (1878), die prächtig leuchtenden, sehr plastisch wirkenden Blüten in Wilhelm Degodes “Ginstergold” (1903) und die perfekt getroffene Atmosphäre eines strahlenden Wintertages in Fritz von Willes “Ein klarer Tag” (1906). Ebenso faszinierend sind von Willes düstere und schwermütige Winterbilder “Die Kasselburg im Schnee” (1902) und “Raufrost über Monschau” (1904). Dem gebürtigen Weimarer gelang es vortrefflich, das Charakteristische der Eifel – “diese anmutig einfache, vielleicht auch einfach abgeschiedene Welt” (Roth) – stimmungsvoll wiederzugeben.
Im 19. Jahrhundert wurde die Eifel wegen ihres rauen Klimas als “Preußisch Sibirien” bezeichnet. Die Schönheit der kargen Landschaften dort und in den westlich davon gelegenen Ardennen faszinierte jedoch Schriftsteller und Maler. Johann Wilhelm Schirmer und Carl Friedrich Lessing von der Kunstakademie Düsseldorf bereisten die benachbarte Gegend und malten, was sie vor Ort sahen. Es änderte grundlegend die Auffassung von Naturdarstellungen, dass plötzlich die Natur – und zudem noch die heimische – im Mittelpunkt stand und als eigenständiges Motiv diente. Die Ausstellung bietet also nicht nur einen umfassenden Überblick über die künstlerische Auseinandersetzung mit den ineinander übergehenden Regionen Eifel und Ardennen, sondern zeigt auch die Entwicklung der Landschaftsmalerei (samt den unterschiedlichen Prägungen in Luxemburg und Belgien) in den vergangenen knapp 200 Jahren – von der dokumentarischen Abbildung bis zur Abstraktion.
“Raue Schönheit” ist nicht chronologisch oder nach einzelnen Malern angeordnet, sondern nach markanten Orten und Regionen und nach häufig dargestellten Motiven. Diese Aufteilung erweist sich als sinnvoll, da so unterschiedliche Künstler leicht miteinander verglichen werden können und Stimmungen gebündelt werden. Die nach Themen wie “Felsen”, “Der Winter” und “Eifelgold” zusammengestellten Werke entfalten so besonders gut ihre Wirkung.
Halb- bis dreiviertelseitige Texte geben Informationen zu den Kategorien. So erfährt man bespielsweise zum Thema “Eifelgold”, dass laut einer Sage Gott selbst Ginstersamen ausgestreut haben soll, als er in einer lauen Mainacht die karge Eifel durchschritt. “Aus Mitleid mit den Menschen, die in dieser trostlosen Gegend leben mussten, holte er tausende Sterne vom Himmelszelt, die er über Berge und Täler säte.”
Einen fruchtbaren Grund für solche Sagen boten laut dem Eifler Heimatforscher Johann Hubert Schmitz “eine Menge seltsamer Naturgegenstände”: “Gewässer, schauerlich tief, von hohen Bergkesseln umschlossen; Klüfte und Höhlen, worin nie ein Strahl der Sonne drang; ungeheuere Felsblöcke, bald zerstreut über die Erde hingelagert, bald übereinander gesetzt und hoch aufgethürmt, u.a.m.” Seen, Maare, Flüsse, Wälder, Täler und Felsen boten natürlich auch reizvolle Motive für Künstler.
Die im Stadtmuseum ausgestellten Gemälde sind ein Spiegel der Komplexität dieser Region. Vielen der Landschaftsaufnahmen ist die Stimmung gemein, die rau und schön zugleich ist. Deren Darstellung ist teilweise so eindrucksvoll, dass man in der ersten Etage leicht die in der Mitte des Raumes arrangierten “Stars” übersieht: das “Gemündener Maar” (1936) des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff, eine Bleistiftzeichung von Vianden (1871) des Schriftstellers Victor Hugo und ein Aquarell eines Felsens an der Maas (1839) von William Turner.
Die Ausstellung ist bis zum 24. Oktober geöffnet und kann dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden. Begleitend dazu ist ein Katalog erschienen, der neben einleitenden Aufsätzen alle Exponate abbildet und kurz erläutert.





19. Juli 2010 (12:00 Uhr)
Ein Artikel, der mit starkem Sog in die Ausstellung hineinzieht. Selten überträgt sich journalistische Begeisterung so nachhaltig auf den Leser.