“Ich habe noch eine Menge zu erledigen”
Nach über vier Jahren ist Claude-Oliver Rudolph wieder in der Stadt. Zusammen mit Stephan Ullmann gastiert er morgen Abend um 20 Uhr in Trier. Bei der “Nacht der Rebellen” lädt der Film- und Serienbösewicht zu einer Reise durch die Zeit der Räuber und Vaganten, der Gangster und romantischen Dichter. Wegen der schlechten Wetterprognose wurde sein Auftritt vom Brunnenhof in die Tufa verlegt. Der Schauspieler trägt Texte von Francois Villon, Heinrich Heine, Charles Bukowski und Jacques Mesrine vor, der Gitarrist und Sänger Stephan Ullmann spielt dazwischen Lieder von Johnny Cash, Hans Albers, The Doors und Iggy Pop. Mit 16vor sprach Rudolph über seine Aussagen über Dominik Brunner, darüber, was einen Rebell ausmacht, und warum er noch lange leben wird.
16vor: Verfolgen Sie den Prozess um den gewaltsamen Tod von Dominik Brunner?
Claude-Oliver Rudolph: Ich habe anderes zu tun. Ich drehe gerade diesen St.-Pauli-Film. Da ist mir eine Finanzierung weggebrochen und ich bin auf der Suche nach einer Viertel Million. Haben Sie nicht den Spiegel gelesen? Ich habe andere Sorgen als Dominik Brunner. Aber erzählen Sie mal.
16vor: Nach Zeugenaussagen soll er zuerst zugeschlagen haben.
Rudolph: Das habe ich damals schon gesagt. Er hat die Brille abgelegt und gesagt: “Jetzt wird’s ernst.”
16vor: Sie sollen auch gesagt haben, dass Brunner kein richtiger Kerl gewesen sei.
Rudolph: Die BILD-Zeitung hat das wie immer verdreht. Ich war im April auf der FIBO, der Fitness- und Bodybuilding-Messe, wollte mein Buch vorstellen und sollte die “Miss FIBO” küren. Dann kam ein Interview mit der BILD zu diesem Brunner-Fall und ich habe gesagt: “Hätte er mein Buch gelesen, wäre das nicht passiert.” Daraus macht die BILD-Zeitung: “Film-Bösewicht verhöhnt toten S-Bahn-Helden.” Damit ging der Skandal los. Man hat mich bei der FIBO rausgeschmissen, ich hatte meinen Auftritt nicht gehabt und es gab unheimlich negative Kritik zu dem Buch. Das ist mal wieder toll von der BILD inszeniert worden.
16vor: Sie sprachen eingangs von dem Film, bei dem die Hamburger Filmförderung absprungen ist und auch Freunde und Produzenten Ihnen die Unterstützung versagen. Könnte das an den Berichten über die Aussagen zu Brunner und über eine nicht bezahlte Tankrechnung liegen?
Rudolph: Genauso groß war ja bei RTL und in der BILD-Zeitung, wie ich das bezahlt habe. Ich glaube nicht, dass das den Ausschlag gegeben hat. Im Moment ist einfach die Kohle unheimlich knapp. Dieses Projekt, das ich mache, ist mal wieder Kunst. Ich glaube, dass die sich dachten: “Mache ich doch lieber ein Kommerzprojekt, mache ich ‘Keinohrhasen, Teil 6′.”
16vor: Was zeichnet für Sie einen Rebellen aus?
Rudolph: Man muss so sein wie ich. Anlegen mit Staat, Kirche, Gesellschaft und den Frauen, dann bist du ein Rebell. Wenn du immer ja sagst, wirst du vielleicht mal reich eines Tages, aber auch unglücklich und impotent.
16vor: Sie haben sich mal als “politischer Rebell” bezeichnet. Woran machen Sie das fest?
Rudolph: Wenn du jung bist, an vielen Vorstrafen. Wenn du älter bist, daran, welche Bedeutung du in der Gesellschaft hast. Wie viele Leute auf dich hören; ob du ein Multiplikator geworden bist.
16vor: Francois Villon wurde zunächst zum Tode verurteilt und dann verbannt, Heinrich Heine starb wohl an Syphilis, Jim Morrison an einer Überdosis Heroin und der Gewaltverbrecher Jacques Mesrine durch 19 Polizeikugeln. Wie möchten Sie am liebsten sterben?
Rudolph: Am liebsten gar nicht. Oder wie Melville sagt: “Unsterblich werden und dann sterben.” Da mache ich mir keine Gedanken. Ich habe gute Gene. Mein Papa ist 87, meine Großmutter ist 97 geworden, und ich habe noch eine Menge zu erledigen.
16vor: Zum Beispiel?
Rudolph: Es gibt unglaublich viele Ideen, die man realisieren muss. Unglaublich viel Stoff, der auf der Straße liegt. Als nächstes mache ich den Mafiafilm “Farewell to the Godfather“. Das ist aber nur Kommerz, das mache ich als Schauspieler. Dann das nächste Projekt in der Pipeline passt wieder mehr zum Rebellenimage. Ich habe ein Buch über Hans Albers geschrieben, das heißt auch “Der blonde Rebell”. Hans Albers ist der einzige deutsche Star, der sauber aus der Nazizeit herausgekommen ist. Allein das rechtfertigt schon eine Hommage an ihn. Abgesehen von seinem total lustigen Leben. Das wird ein neunzigminütiger Videoclip.




