Lernen auf der Schmalspur

Die Vorlesungszeit ist passé, doch auf dem Tarforster Uni-Campus ist noch längst keine Ruhe eingekehrt. Im Gegenteil: Viele Studierende schreiben in diesen Wochen ihre Klausuren. Auch 16vor-Mitarbeiter Volker Haaß, der als Magisterstudent begann und seit einem Fachwechsel im neuen System studiert, musste sich zahlreichen Prüfungen unterziehen. Sein Fazit: Der Druck steigt, das Niveau sinkt. Kritische Anmerkungen von einem, der in den letzten Wochen endgültig zum Bachelor-Studenten mutierte.   

“Ich habe mich angepasst an die Gegebenheiten, die mir das neue Studiensystem bietet. Im Gegenzug fühle ich mich ausgebrannt, an einen bürokratischen Apparat gekettet, obendrein sehe ich meinen Bildungsanspruch dahin vegetieren. Langsam frage ich mich, was das alles soll, wer beabsichtigt, mein Studium zur physischen wie psychischen Qual werden zu lassen. Ich frage mich auch, was unsere Politiker unter dem Begriff “gute Bildung” subsumieren, wenn wir, die Studierenden, einzig Lernstress und Prüfungsangst damit assoziieren?

Insgesamt sieben Klausuren durfte ich in den letzten Wochen schreiben – innerhalb von nur elf Tagen und ohne einen Tag Pause zwischen Vorlesungsende und Beginn der Klausurphase. War es im früheren Diplom- und Magisterstudiengang noch möglich, seinen eigenen Seminarplan zu erstellen, so ist im neuen System alles auf einen dezidierten Studienverlauf zugeschnitten. Wer dann bei 28 Semesterwochenstunden die ein oder andere Vorlesung notgedrungen vernachlässigt, wird vom Dozenten ermahnt oder damit abgestraft, dass wichtige Klausurinformationen dem Auditorium verbal mitgeteilt werden. Natürlich ist vieles mit Teamarbeit und gegenseitiger Unterstützung kompensierbar, doch unterm Strich steht dennoch eine perverse Verschulung von einstmals selbstbestimmtem Lernen.

Im Gegenzug zur unmenschlichen Taktung der Klausuren senken die Prüfer das Niveau derselben signifikant ab. Die Frage ist, ob dies das neue Credo der “Bildungsrepublik Deutschland” werden soll: Quantität statt Qualität? Die Entwicklung wird erst verständlich, wenn man weiß, wer hinter diesen ganzen Reformen steckt – ahnungslose Bildungspolitiker und neoliberale think-tanks, die einer Amerikanisierung des deutschen Bildungssystems das Wort reden. Die Prämisse der akademischen Selbstaufgabe ist die Auslese auf unterstem Niveau, um eine schimärenhafte Elite zu schaffen, die unser Land weiter in den Sumpf der calvinistischen Leistungsgesellschaft manövriert. Leistung soll per definitionem die Behauptung unter gegebenen Umständen in einer liberalisierten Welt sein, sprich ohne Ausweis moralischer Attitüde oder sozialem Gewissen. Die Uni wird somit zum Hort des systemimmanenten Stillstands; Degression ersetzt Progression.

Schäbige Vernachlässigung der kritischen Köpfe

In der Wirtschaftssprache beschreibt man einen derartigen Zustand auch als Stagflation: Der Bildungsanspruch stagniert, wobei das Niveau weiter sinkt. Die Politik versucht dem entgegen zu wirken, indem sie das Niveau noch weiter reduziert. Klingt abstrus, entspricht aber der Wirklichkeit. Die Hochschule wird dabei sukzessive zum Unternehmen umgebaut, welches Output in Form perfekt funktionierender Exekutivorgane hervorbringt. Dieses Gebräu wird zunehmend in den Prüfungen selbst offensichtlich. Hier dominiert das reine Reproduktionsvermögen den Transfer abstrakter Modelle. Auf Deutsch: Wer am meisten lernt, der gewinnt. Im Zuge der Bachelor-Debatte wird auch gern vom “Bulimie-Studium” gesprochen, was es ziemlich genau auf den Punkt bringt. Damit verbunden ist eben auch, dass eine schäbige Vernachlässigung der kritischen Köpfe unter den Studierenden stattfindet.

Ein Beispiel aus der Praxis: Gespräch mit einem Tutor vor der Soziologie-Klausur – Ratschlag für dieselbe: “Ihr geht einen Schritt zu weit, wenn ihr die Kernaussagen näher verstehen wollt. Ihr müsst sie einfach nur kennen”. Und derart oder ähnlich läuft es in fast allen Fächern im Grundstudium. Dabei regiert ein Zweiklang die neue Volksverblödung: Einerseits sorgt die hohe Zahl an Klausuren für eine fortschreitende Banalisierung der Inhalte, um das Fach studierbar zu halten. Andererseits fehlt den Studierenden die Zeit, um irgendetwas wirklich zu begreifen, sodass die fachliche Oberflächlichkeit zum perpetuum mobile und damit zum Markenzeichen der Bachelor-Reform avanciert. Zur Verdeutlichung dieses Umstandes noch ein Wortlaut aus einem Gespräch mit einem Mitarbeiter des Fachbereichs: “Regen Sie sich doch nicht so über die vielen Klausuren auf, in der Schule war es früher doch genauso”.

Es ist an der Zeit, der Erosion der gesellschaftlichen Funktion von Universität entgegenzuwirken. Dabei muss der erste Schritt von den Studierenden ausgehen. Schließlich haben die letzten Jahre gezeigt, dass sich kein Minister, Landespolitiker oder nur wenige Professoren für die Belange der Hochschüler einsetzten. Ohne die Bachelor-Studenten und ihren Frust wird sich an der prekären Situation wenig bis gar nichts ändern. Es geht hier schließlich um die verantwortungsvolle Gesellschaftsgruppe der Zukunft.”

von Volker Haaß

12 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Christian schreibt:

    Das ist aber auch ein sehr spezifisches Fachbereich IV-Problem (Wirtschafts- und Sozialwissenschaften) der Universität. Man sollte von den Verhältnissen dort, nicht auf alle Studiengänge der Universität schließen.

  2. hd21 schreibt:

    Als Diplom-Volkswirt vertrete ich die Auffassung, dass der grundsätzliche wissenschaftliche Ansatz bestimmter Fächer völlig anders ist. Die BWL wählt einen normativen Ansatz, während etwa VWL einen deskreptiven Ansatz wählt.

    Vielleicht wäre schon ein Teil des Problems gelöst, wenn man die BWL an eine Art Business School Konzept auslagert (BWL Studenten haben im universitären Bereich einen sehr hohen Anteil). Dann könnte man mit den klassisch wissenschaftlichen Fächern wieder anders verfahren und hätte die breite Masse in einem Konzept, was man dann international ausrichten könnte.

    Ich hatte immer den Eindruck, dass die BWLer das eigentliche Zielobjekt und letztlich die Treiber für Bechalor sind.

  3. Unterstützer schreibt:

    Gut gebrüllt Löwe.

    Zumindest bei Herrn Haaß scheint die von ihm so empfundene Abstumpfungsmaschinerie glücklicherweise völlig versagt zu haben.

    Bleiben Sie so wach !

  4. Martin schreibt:

    Ich würde nicht sagen, dass dies ein spezifisches Problem des FB IV ist. Ich selbst studiere im FB II und auch im Grundstudium der Germanistik läuft es auf das erwähnte “Bulimie-Lernen” hinaus:

    Stures Auswendiglernen für die Klausuren, geraffte Seminarpläne ohne Zeit, wichtigen Stoff wirklich zu behandeln oder zu verstehen. Und wenn die Klausur dann vorbei ist, muss man seinen Kopf schon für die nächste leer machen.

    Ich frage mich wirklich, was nach Ende meines Studiums an Fachwissen bei mir hängen bleibt – ich fürchte, es wird nicht allzu viel sein, da mir auch einfach der Freiraum fehlt, mich selbst aus eigenem Interesse tiefer in die Materie einzuarbeiten. Eigene Schwerpunkte zu setzen ist ja sowieso nicht möglich und auch sonst lässt einem dieses Studiengerüst keine Wahlfreiheiten.

    Ich habe mich inzwischen größtenteils mit der schlechten Situation und Organisation abgefunden und versuche, meinen eigenen Weg zu finden, bei dem ich möglichst viel für mich aus dem Studium mitnehmen kann. Auch wenn das dazu führt, dass ich bei den Veranstaltungen und Inhalten selbst selektiere und anderes dafür vernachlässigen muss. Es geht nicht anders.

  5. Benjamin schreibt:

    Lieber Christian,

    das stimmt so nicht. Geographie z.B. hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, ebenso die Geschichs- und die Politikwissenschaft. Bei anderen habe ich keinen Einblick.

  6. hans hunz schreibt:

    Wer sich mehr Sorgen um die Auswirkungen der aktuellen Entwicklung auf “unser Land” als auf individuelle Bedingungen für Selbsverwirklichung macht und somit rein volkswirtschaftlich argumentiert, hat das System letztendlich schon internalisiert.

  7. TD schreibt:

    Also so ganz stimmt das aber auch nicht, was da steht…

    Vorlesungsende, dann kommt erstmal Wochenende, wo Sie definitiv keine Klausur schreiben, also zwei freie Tage.

    Und was den “freien Seminarplan” angeht, so weiß ich nicht welche Fächer Sie vergleichen, aber in den Wirtschaftswissenschaften waren Seminare sowiso der geringere Teil, der Großteil besteht (bestand) zu Diplom- und M;agisterzeiten auch bereits aus Vorlesungen mit den von Ihnen beschriebenen Eigenheiten.

    Und es steht Ihnen nach wie vor frei den Plan völlig frei zu legen, nur falls Sie sich dazu entscheiden müssen / sollten Sie (wie auch jeder Diplomstudent!) die Verzögerung im Studium einem späteren Arbeitgeber erklären können.

    Außerdem vergleichen Sie Grundzüge-Klausuren, aber mit was eigentlich? Zu Diplomzeiten hat der Studienplan vorgesehen die BWL, VWL und Soziologie-Blockklausur (das entspricht 8 Bachelorklausuren) am Ende eines Semesters zu schreiben und das war dann auch innerhalb von circa einem Monat, also keineswegs so viel besser.

    Die sehr kurze von Ihnen angesprochene Zeitspanne ist bisher in den Wirtschaftswissenschaften nur ein Versuch, eine Evaluation dazu wird noch folgen! Es gibt nunmal zwei Fraktion, eine die die Prüfungen möglichst schnell hinter sich haben möchte um dann noch Ferien bzw. Zeit für ein Praktikum zu haben und eine andere, die Prüfungen über die ganzen Ferien verteilt präferiert. Das beides gleichzeitig nicht geht, ohne die Anzahl der Prüfungen und den damit verbundenen Aufwand zu verdoppeln dürfte klar sein, oder?

  8. Andreas Christ schreibt:

    Wieder mal ein typischer Fall von: Beschreibung stimmt, Analyse führt komplett in die Irre.
    Allein schon die Feststellung das “ahnungslose Bildungspolitiker” für die massive Klausurbelastung verantwortlich sind, ist ja nun mehr als falsch. Die Studiengänge werden immernoch von den Universitäten und den Fachbereichen und Fächern konzipiert.
    Wenn da der Autor nicht mal blind irgendwelchem halbgaren Gebrabbel hinterherläuft.

    Jedenfalls zeigt der Artikel: Dem Herrn fehlt aufgrund der Studienbelastung ganz eindeutig die Zeit zur tiefergehenden Recherche.

  9. C.Z.M. schreibt:

    Lieber Benjamin,
    das Problem ist m.E. sehrwohl in seiner Ausprägung nur im FB IV so vorhanden.
    Ich kenne z.B. ziemlich gut den ein oder anderen Politik-Bachelor-Studenten. Da kann mir keiner erzählen, dass die nicht genug Freizeit hätten (erzählen sie deshalb auch nicht – Im Gegenteil!). Viele Bachelor-Studenten, zumindest die ich in den verschiedenen FBen kenne, haben durchaus einiges an Freizeit. Der FB IV ist da schon etwas speziell und nicht ganz mit den anderen zu vergleichen.

    Im übrigen ist vieles was den Bachelor angeht sehr, sehr schlecht. Ich verstehe sehr gut, dass die jetzigen Bachelor-Studenten wütend sind und zurecht anbringen, dass sie sich kaum vertieftes Wissen erarbeiten können und die Hochschule durch die extreme Verschulung mutiert. Auch ist die Klausurdichte tlwse. ziemlich bescheuert.

    Aber: Man sollte dabei nicht die Vergangenheit verklären. Natürlich ist jeder (auch ich) froh, an dem der Bachelor-Kelch vorbeigegangen ist, aber auch vor Bologna war doch nicht alles für Studenten so paradiesisch wie hier teils der Eindruck entsteht. “TD” hat das ja schon angerissen. Im FB z.B., bei dem es keinen Bachelor gibt, ist auch nicht alles gut. Da hängt dann eben alles an einem Examen ab, ob du vier-fünf Jahre völlig umsonst studiert hast oder nicht. Das ist auch nicht wünschenswert.

    Aber um es kurz zu machen: Der Satz, “Wer am meisten lernt, gewinnt” hatte schon immer gewisse Gültigkeit an der Universität. Und das, wenn man ihn sich mal durch den Kopf gehen lässt, natürlich auch völlig zurecht. Man fragt sich, welche Zustände der Verfasser gerne an der Universität hätte…?!

  10. David schreibt:

    @hans hunz (6): Eben nicht.
    Es besteht ein unbedingter Zusammenhang zwischen dem sich selbst verwirklichenden Individuum und einem Land (bzw. einer Gesellschaft) innerhalb dessen das Individuum lebt. Zusammenhänge zwischen dem Handeln sowie der Lebenswirklichkeit des Einzelnen und dem gesellschaftlichen Rahmen zu erkennen beweist Scharfsinn.
    Im Übrigen fordert Herr Haaß eine Abkehr von der reinen Leistungsgesellschaft. Erst durch diese Abkehr kann eine freie Entfaltung des Individuums ermöglicht werden. Sie spielen Gesellschaftsbewusstsein und freie Entfaltung gegeneinander aus. Dass Herr Haaß das nicht tut, ehrt ihn.

  11. Jens schreibt:

    “Ich habe mich inzwischen größtenteils mit der schlechten Situation und Organisation abgefunden und versuche, meinen eigenen Weg zu finden, bei dem ich möglichst viel für mich aus dem Studium mitnehmen kann.”

    “Natürlich ist jeder (auch ich) froh, an dem der Bachelor-Kelch vorbeigegangen ist, aber auch vor Bologna war doch nicht alles für Studenten so paradiesisch ”

    “das stimmt so nicht. Geographie z.B. hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, ebenso die Geschichs- und die Politikwissenschaft. Bei anderen habe ich keinen Einblick”

    Ist das nicht irgendwie symptomatisch für die Situation des Widerstands gegen die Situation unserer Bildungseinrichtungen der letzten Monate? Es ist nicht gut, es war nicht gut, aber man findet man sich damit ab und relativiert die aktuell besch****** Situation damit, dass es ja nie perfekt war. Man versucht sich durch Modulhandbücher zu kämpfen, Seminare unvorbereitet zu besuchen um irgendwie zu bestehen und nicht allzulange in diesem Bachelor-WirrWarr gefangen zu sein. Man versucht irgendwie fertig zu werden und den ganzen Kram hinter sich zu lassen. Man bekommt das Gefühl vermittelt, man muss es in 6 Monaten schaffen. Man bekommt Klausuren vorgelegt, in denen man die Meinungen anderer Menschen unreflektiert reproduzieren soll und teilweise Meinungen als eine Art “Objektive Wahrheit” dargestellt und abgefragt werden.
    Mir geht das tierisch auf die Nerven und ich hoffe, dass es noch mehr Leuten so geht. Lasst nächstes Semester mal wieder etwas auf die Beine stellen und zeigen, dass sich weder unsere Situation noch unsere Meinung dazu verändert hat!
    Damit wollte ich jetzt übrigens nicht nur Studierende ansprechen, sondern natürlich auch SchülerInnen, Auzubildende, Lehrende und alle Menschen, die sich in diesem System nicht wohlfühlen!

  12. Jens schreibt:

    *6 Semestern

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