Suizid sei nie Thema gewesen

Freunde der toten Studentin, die im Juni vergangenen Jahres vor den Augen ihres Exfreundes an einer Überdosis Lösungsmittel starb, bekräftigten in der gestrigen Verhandlung den Eindruck, den man bisher vom Angeklagten und dem Opfer gewonnen hatte: Er soll sie geschlagen, gedemütigt und erpresst haben, sie sei ihm hörig gewesen und habe es aus eigener Kraft nicht geschafft, von ihm loszukommen. Die Freunde betonen unisono, dass die Tote nie eine Suizidabsicht geäußert oder zu Kurzschlusshandlungen geneigt habe. Auch habe sie nie “geritzt” und auch kein Verständnis dafür gezeigt. Auf dem Bauch der 20-Jährigen waren die Worte “Leave me” eingeschnitten.

TRIER. Der Angeklagte V. hat die Hände gefaltet und blickt vor sich auf den Tisch, während eine Freundin des Opfers redet. Irgendwann schüttelt er nur noch den Kopf. Die Zeugin berichtet, wie er in einem Telefonat mit seiner Expartnerin behauptet habe, an Krebs erkrankt zu sein und bald sterben zu müssen. Die 24-Jährige habe das über den Lautsprecher des Telefons mitgehört. Zudem habe er dem Opfer durch Vorwürfe oft Schuldgefühle bereitet. “Während und nach den Telefonaten ist sie immer ein anderer Mensch gewesen”, so die Zeugin, was auch ein Freund, der im Anschluss aussagt, bestätigt. Sie habe gezittert, geweint und sei immer “richtig fertig gewesen”.

Auch als V. sich verlobte, meldete er sich weiter bei ihr. Und sie ließ es zu – obwohl er sie anscheinend körperlich und seelisch massiv quälte. So erzählt wie schon die ehemalige Mitbewohnerin auch die Freundin des Opfers von Demütigungen und sadistischem Verhalten. Zudem habe er mit der Veröffentlichung intimer Videos gedroht, um ihr den Einstieg in den Lehrerberuf zu verbauen. Im Leben der Studentin duldete der Angeklagte offenbar niemanden neben sich. Es hat den Anschein, dass er sie vollständig kontrollieren wollte. “Sie durfte keinen eigenen Willen haben”, sagt später ihr bester Freund. Auch die weiteren Zeugen erzählen, das V. äußerst eifersüchtig gewesen sei. Er sei im Besitz all ihrer Passwörter und Geheimzahlen gewesen und habe so auch alle Telefonnummern von Männern aus ihrem Handy löschen können. “Sie gehöre ihm und keinem anderen Wesen”, soll er ihr gedroht haben.

“Ich wäre froh gewesen, ich hätte sie von ihm losbekommen”, sagt die Freundin. H. habe sich von ihm lösen wollen und sei kurz vor ihrem Tod auch bereit gewesen, sich psychologische Hilfe zu holen. Allerdings nahm die 20-Jährige “ihre erste große Liebe” vor ihren Freunden auch immer wieder in Schutz und betonte, dass er kein Unmensch oder schlechter Mensch sei und sie auch eine glückliche Zeit gehabt hätten.

Obwohl das Opfer dem Angeklagten offensichtlich hörig war, gab es laut ihren Freunden keine Anzeichen, dass sie sich selbst verletzen oder töten würde. Auf dem Bauch der Leiche waren die Wörter “Leave me” (“Verlass mich”) eingeritzt. H. habe aber nie “geritzt” und auch kein Verständnis dafür gezeigt. Dafür neigt der unter Depressionen leidende Angeklagte zu autoaggressivem Verhalten. Bei seiner Verhaftung hatte er Schnitte in beiden Armen.

Rätsel gibt aber weiterhin nicht nur die “Leave me”-Botschaft, sondern auch der Tod der Lehramtsstudentin auf. Gegenüber ihren Freunden habe sie nie eine Suizidabsicht geäußert. Auch habe es nie Kurzschlussreaktionen bei ihr gegeben. “Sie hatte viele Pläne für ihr Leben”, sagt ihre Freundin. Ebenso wirft die Art ihres Todes Fragen auf. H., die an einer Überdosis eines von ihrem Exfreund als Rauschmittel benutzten Lösungsmittels starb, soll nie Drogen zu sich genommen haben.

Der Angeklagte verfolgt den Prozess wie schon bei den ersten drei Verhandlungstagen größtenteils gleichgültig. Bei den Aussagen der ersten Zeugin, die einen engen Kontakt zum Opfer hatte, schüttelt er oft ungläubig den Kopf. Bei einer entfernten Freundin, die sehr unsicher auftritt und sich äußert vage ausdrückt, wirkt er selbstgefällig. Wirklich zu beschäftigen scheint ihn der Anlass, warum er sich vor Gericht verantworten muss, erst bei den nüchternen Ausführungen eines Kriminaltechnikers, der allen Beteiligten im Saal sachlich und plastisch den vorgefundenen Tatort schildert.

Der Prozess wird voraussichtlich noch bis in den Oktober fortgesetzt.

Informationen zu den bisherigen Verhandlungstagen finden Sie hier.

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