Zwischen Wirklichkeit und Traum(ata)

In Hattingen, im Süden des Ruhrgebietes, hat der gebürtige Kölner Ulrich Land einen “Eifel/Island-Krimi mit Rezepten” geschrieben. Der Protagonist Tom Dollinger ist Hauptkommissar bei der Mordkommission Trier. Obwohl Land den Kripobeamten durch vertraute Straßen und Gegenden fahren und regionale Gerichte verspeisen lässt, ist “Einstürzende Gedankengänge” kein typischer Trier- oder Eifel-Krimi. Zwar spielt das Setting auch eine wichtige Rolle, doch entscheidend ist, was in Dollingers Kopf geschieht. Er leidet an einer multiplen Persönlichkeit und wird zum Hauptverdächtigen in einem Mordfall. Durch eine ungewöhnliche Erzählform macht der Autor seinen zweiten Roman in der Reihe “Mord und Nachschlag” (Oktober Verlag) psychologisch und stilistisch besonders reizvoll.

Hauptkommissar Dollinger wird zu einem Tötungsdelikt in Trier-Nord gerufen. Ein in ein Keller eingesperrtes Kind ist verhungert. Alles deutet darauf hin, dass die Mutter dafür verantwortlich ist. Doch ein paar Tage später wird die Frau erstochen aufgefunden. Gefesselt mit Dollingers Handschellen. Der Kommissar hat keine Ahnung, wie die dort hingekommen sind, und muss gegenüber einer Polizeipsychologin einräumen, in jüngster Zeit nicht nur unter Kopfschmerzen, sondern auch unter Blackouts zu leiden. Zudem träumt er nachts wie tags von einem Unfall mit seiner Tochter Marina auf einem isländischen Gletscher. Die Psychologin diagnostiziert eine “dissoziative Identitätsstörung”, eine multiple Persönlichkeit. Dollinger wird vom Fall abgezogen und beurlaubt. Natürlich ermittelt er auf eigene Faust weiter.

Im Laufe des Romans wird deutlich, was eine solche Krankheit, deren Entstehung man vor allem auf schwere kindliche Traumata zurückführt, verursacht haben könnte. Da ist der Autounfall in seiner Kindheit, bei dem er stundenlang alleine bei seiner sterbenden Mutter im Wagen bleiben musste, während der Vater Hilfe verständigte, und da sind die Quälereien des sadistischen Nachbarsjungen Norbert. Meist geht es ums Alleingelassenwerden in Krisensituationen.

Der Autor Ulrich Land, der 2008 seinen ersten Roman (“Der Letzte macht das Licht aus”, ebenfalls in der Reihe “Mord und Nachschlag” beim Oktober Verlag) veröffentlichte und bis dahin vor allem durch Hörspiele und Radiofeatures bekannt war, erweist sich als exzellenter, einfühlsamer Erzähler. Für “Einstürzende Gedankengänge” hat der 54-Jährige eine seltene und in diesem Fall sehr effektvolle Form der Ich-Erzählsituation gewählt. Die Handlung wird zu großen Teilen als innerer Monolog in der Du-Form erzählt, so dass man den Eindruck hat, eine Art Selbstgespräch würde stattfinden oder ein anderes Ich zu der Figur sprechen. “Stammt das Geschrei, das dich da aus diesem schwarzen Traum reißt, von deinem verfluchten Wecker oder vom nicht weniger verfluchten Handy? Hey Mann, du bist auf Island. Warst die ganze Nacht auf Island. Mal wieder mit dem größten Gletscher da gekämpft. Und hast nicht gesiegt.”

Sowohl Duktus als auch Form – bewusste Inkohärenz, freie Assoziationen, Auflösung des syntaktischen Gefüges – wirken in hohem Maße authentisch und tragen zu einer großen Identifikation mit der Hauptfigur bei. Schließlich befindet man sich ja auch in ihrem Kopf. “Aber jetzt erst mal – du musst, mein Gott noch mal, musst mal langsam mal endlich Hilfe holen. Handy. Gut dass es so was inzwischen – Segnungen der Technik – nein, gibt’s doch nicht! War ja klar: kein Empfang, wenn man mal einmal wirklich drauf angewiesen ist!”

Selbst eine alltägliche Freibadszene vermag Land packend und eindringlich wiederzugeben: “Wie im nächsten Atemzug deine Füße auf dem glitschigen Himmelblaukachelboden wegfitschten, beide Kniekehlen von Tritten traktiert einknickten, zementschwere Pranken deine Schultern abwärts drückten und zwei weitere deinen Kopf. Wie du Wasser und Wasser schlucktest. Und Wasser. Wie du nach oben musstest. Du wusstest, du musst nach oben, aber’s ging nicht. Dieser Widerstand, dieser furchtbare Widerstand, gegen den du andrücken musstest mit Schultern und Kopf, vor allem mit dem Kopf! Der musste raus, sofort raus aus dem feindlichen Element. Der brauchte Luft, brauchte einfach Luft.” Beim Lesen glaubt man, gechlortes Wasser zu schmecken.

Land hat das Innenleben des Protagonisten so in den Vordergrund gestellt, dass man trotz der Handlungsorte Trier und Eifel und einigen erwähnten regional typischen Gerichten (z.B. Heusuppe und “Döppekooche”), zu denen es im Anhang amüsant kommentierte Rezepte gibt, nicht von einem “typischen” Trier- oder Eifel-Krimi sprechen kann. Beliebig ist das Setting wiederum auch nicht. Island-Fan Dollinger denkt sich an einer Stelle: “Die Vulkaneifel: das Island des kleinen Mannes”.

In der Nähe von Maria Laach endet der formal und inhaltlich durchgängig sehr spannende Krimi. Nachdem man die letzten 90 Seiten lang glaubte, einem etwas zu glatten Finale entgegenzulesen, hat Land am Schluss eine hübsche Überraschung parat. Das Ende lässt sich am besten mit dem Refrain eines Stücks von Dollingers Lieblingsband “Einstürzende Neubauten” beschreiben, deren Texte ein Leitmotiv des Buches sind: “Was ist ist / Was nicht ist ist möglich / Nur was nicht ist ist möglich.”

Land, Ulrich. Einstürzende Gedankengänge. Münster, Oktober Verlag. 2010.

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