Triers alter Bücherbus wieder auf Achse

Was macht eigentlich Triers alter Bücherbus? Er fährt! Das ist nicht die einzige Überraschung, die Recherchen von 16vor ergaben: So soll das vor 31 Jahren erstmals zugelassene Fahrzeug künftig als Wohnbus dienen. Anne Mettner und Martin Schepers wollen von ihrem 50 Quadratmeter-Domizil in den 25 Quadratmeter großen Bus umziehen. Der stand zeitweilig bei E-Bay zum Verkauf, doch wollte niemand für ihn bieten. Bis die beiden Aachener auf den Plan traten und nicht schlecht staunten: Das angeblich marode Fahrzeug, dessen Ende der Stadtrat im Rahmen der Haushaltsberatungen 2007 beschloss, kam auf Anhieb über den TÜV und fährt auch heute noch einwandfrei.

AACHEN/TRIER. Es war an einem Freitag dem 13., im Februar letzten Jahres, als sich Martin Schepers auf den Weg an den Niederrhein machte. Ein denkwürdiges Datum, denn auf den Tag exakt vor 30 Jahren wurde Triers zweiter Bücherbus erstmals zugelassen, und genau dieses Fahrzeug wurde in Uedem im Kreis Kleve von einem E-Bay Verkäufer angeboten. Die Überraschung war perfekt, und wenig später auch der Deal: Für 6.000 Euro verkaufte der kurzzeitige Eigentümer vom Niederrhein den Bus. Schepers hatte deutlich weniger zahlen müssen, als zuvor auf E-Bay verlangt worden war; dort hatte niemand ein Angebot abgegeben, blieb der Mercedes O307 ein Restposten.

Schon seit längerem waren der selbstständige Websdesigner und seine Freundin, die an der RWTH in Aachen Maschinenbau studiert, auf der Suche nach einem Fahrzeug, dass sie in einen Wohnbus umbauen könnten. Ihr Ziel: Sie wollen ihre 50 Quadratmeter große Studentenwohnung gegen eine fahrende Bleibe eintauschen. “Das mobile Wohnen steht eher im Vordergrund als das Reisen an sich, letzteres wird aber natürlich auch zur Genüge stattfinden”, berichtet Schepers und erläutert das Prinzip: Man wolle auf variablen Stellplätzen an Orten Station machen, “zu denen es einen gerade hinzieht”. Campingplätze wollen die Beiden hingegen nicht ansteuern – sie bekämen wohl auch ein Problem, misst doch das Fahrzeug immerhin eine Länge von zwölf Metern.

Die Post will sich das Paar an eine Meldeadresse oder an ein Postfach senden lassen, Telefon wird es nur mobil geben, Internet per UMTS. Die Stromversorgung soll durch Solarenergie sichergestellt werden, im Notfall werde man ein Notstromaggregat einsetzen. Alle zwei Wochen will das Paar Frischwasser tanken und Abwasser wegbringen, die Tanks sind bereits entsprechend kalkuliert und müssen extra angefertigt werden. Ansonsten werde der Wohnbus allen Komfort bieten, vom Herd über die Wasch- und Spülmaschine bis hin zu Kühlschrank, TV, DVD und vor allem Warmwasser-Fußbodenheizung, die eine deutlich angenehmere Wärme bringt als die üblicherweise in Wohnmobil verbauten Umluftgebläse.

Bis die beiden Busbesitzer ihrem Vermieter kündigen können, werden wohl noch bis zu eineinhalb Jahre ins Land gehen. Zunächst muss das Fahrzeug umgebaut werden. Geplant sind beispielsweise seitliche Fenster für mehr Tageslicht, sowie eine große Heckklappe als Zugang zum eigens angefertigten rückseitigen Kofferraum für Fahrräder und Motorroller. Dann folgte der komplette Innenausbau. Er habe zur Aneignung der notwenigen Kenntnisse extra ein mehrmonatiges Praktikum bei einem Schreiner absolviert, berichtet Schepers. Das Grundrissmodell existiert bereits und der Busbesitzer hat es auch bereits zur Diskussion gestellt – in seinem Umbautagebuch unter www.o307.de, welches auf große Resonanz stößt. Da muss der Wohnbusbauherr schon mal erklären, weshalb er an der geplanten zweiten Sitzgruppe festhalten will – “alleine um mal mit dem Laptop auszuweichen oder das Arbeitszeug für eine Mahlzeit nicht wegräumen zu müssen – schließlich arbeiten und studieren wir in dem Bus auch”; oder warum er und seine Partnerin sich für das viel kritisierte Durchgangsbad mit zwei Türen entschieden haben.

Auf ihrem Blog “O307 – Von der Fahrbücherei zum Wohnbus” liefern sie ihren einigermaßen regelmäßig aktualisierten “Umbaubericht eines ungewöhnlichen Wohnmobils”. Unter den Lesern findet sich auch Andreas Reichert aus Trier. Reichert leitet die Werkstatt der Stadtverwaltung, die für die Wartung und Reparatur von rund 300 städtischen Fahrzeugen zuständig ist. Kaum jemand kennt den alten Bücherbus besser als er, und noch bevor Schepers das Fahrzeug kaufte, informierte er sich bei Reichert. Der sei sehr hilfsbereit gewesen und habe auch mit vielen Informationen weitergeholfen. “Herr Reichert hat uns vor dem Kauf die gesamte Reparaturhistorie zukommen lassen. Da stand für uns bereits fest, dass wir den Bus kaufen wollten”, berichtet der Aachener.

Überhaupt scheint es um das Fahrzeug immer besser gestellt gewesen zu sein, als vonseiten der politisch Verantwortlichen im Spätherbst 2007 kundgetan wurde. Wer seinerzeit den Schilderungen des damaligen Kulturdezernenten Ulrich Holkenbrink folgte, der musste den Eindruck gewinnen, dass der Bus nicht viel mehr als ein fahrender Schrotthaufen war, jede weitere Investition also verbranntes Geld wäre. Reichert hält sich bedeckt, lässt aber indirekt durchblicken, dass der Bücherbus mitnichten in einem völlig desolaten Zustand war: “Der war halt 30 Jahre alt, so ein Bus fährt sich natürlich anders als ein Neuwagen”.

Auf Anhieb über den TÜV

“Wir sind vom Verkäufer vom Niederrhein direkt zum TÜV gefahren und haben ohne Beanstandung die Hauptuntersuchung sowie Abgasuntersuchung bestanden”, berichtet auch Martin Schepers. Obendrein gab es die so genannte H-Zulassung für historisch wertvolle Fahrzeuge, berichtet der Aachener, der sich bereits seit 2004 mit der Wohnbus-Thematik befasst und mittlerweile auch das nach eigenen Angaben einzige deutsche Fachforum zum Thema Wohnbusse betreibt.

Fragt man Anne Mettner und Martin Schepers nach dem besonderen Charme des Fahrzeugs, betonen sie zunächst, dass der Verkauf eigentlich eine Vernunftentscheidung gewesen sei. Der Bus sei “die perfekte Symbiose in vielerlei Hinsicht” und eigne sich optimal als Wohnbus. Beispielsweise schon aufgrund der Höhe des Fahrzeuginneren: die misst 2,20 Meter. Auch Martin Schepers, immerhin fast zwei Meter groß, dürfte da die Decke nicht auf den Kopf fallen. Trotzdem biete so ein Oldtimer aber auch seinen ganz besonderen Reiz, und man sei bemüht, das Fahrzeug so gut wie es geht zu erhalten, berichten die Beiden. Ausfahrten auf winterlichen und gesalzenen Strassen werde der Bus zumindest nicht mehr erleben.

Im vergangenen Jahr besuchten Schepers und Anne Mettner die Werkstatt der Trierer Stadtverwaltung. Den Bus hatten sie zuhause gelassen. “Wir wurden herzlich und interessiert empfangen”, erinnern sie sich. Eine Busfahrt in die Moselstadt stehe auch an, doch zunächst soll der Wohnbus fertig gestellt und vorzeigbar sein, so Schepers. Das Interesse in Trier scheint groß zu sein. Die Aachener wollen zeigen, “dass in dem alten Schätzchen doch noch deutlich mehr steckt, als viele vermuten”.

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7 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. augur schreibt:

    Schick sieht er aus unser “alter” Bücherbus und Glückwunsch den neuen Besitzern kann man da nur sagen. Wenigstens bekommt er mit diesem Projekt eine gut neue Verwendung. Bleibt allerdings zu hoffen, dass solche Entscheidungen in Zukunft nicht mehr gefällt werden, oder waren es am Ende doch die zwei Stellen, die mit der “Verschrottung” des Bücherbusses eingespart werden sollten?

  2. Martin - www.o307.de schreibt:

    Ich glaube, die beiden Stellen wurden garnicht gestrichen sondern nur in den Innendienst verschoben. Es ging wohl mehr um die Unterhaltskosten, und dass der Bus wohl nach Aussage des Fahrers nicht mehr gescheit lief.
    Ich kann das nicht bestätigen, wir sind schon über 1000km mit dem Bus gefahren, und er schnurrt wie ein Kätzchen. Er ist eben nur kein topmodernes Fahrzeug mehr. Wir lieben unseren Bus, und werden ihn hegen und pflegen!

    Danke für den schönen Artikel!

  3. Do. schreibt:

    Die Stadt Trier sollte den beiden jungen Leuten dann aber mal auch eine Ausnahmegenehmigung erteilen, dass sie für ein Wochenende mal auf dem Hauptmarkt stehen dürfen, sofern Leute mit einem historischen Buch in der Hand sich mal das Gefährt anschauen dürfen ;-)
    Immerhin war der Bus für viele Trierer auch Teil ihrer Jugend.

  4. Weggezogener schreibt:

    Jedenfalls war es nicht nur Holkenbrink, sondern auch Jensen, der sich damals für die Abschaffung des Busses aussprach. Und es war die Rede von Sanierungs- und Reparaturkosten in Höhe von mehreren 10000 Euro! Einfach peinlich, eine solche Lügerei!

  5. Hanna B. schreibt:

    Unglaublich, was man dank euch alles erfährt… “Mein” alter Bücherbus als neue Studentenbleibe. Sofort sehe ich ihn wieder mit Kinderaugen vor mir, ein unfassbar kurioser Bus, der immer viele Schätze für eine begeisterte Leseratte bereithielt. Den Artikel werde ich gleich weiterleiten nach Arkansas, wo inzwischen die Freundin lebt, mit der ich dort jede Woche gleich den ganzen Nachmittag verbrachte. Den neuen Besitzern wünsche ich eine unvergleichliche Zeit in ihrem neuen Domizil.

  6. Uschi Britz schreibt:

    Upps – dass ist ja ein Ding. Um die Erhaltung damals gekämpft und doch verloren. Da werden wir im nächsten Kulturausschuss aber nachfragen.

    Und dann noch die Legende an die Presse, dass die Abschaffung des Busses die Öffnungszeit der Palais -Bücherei samstag morgens möglich machte.

    Dabei wurde damals im Kulturausschuss gesagt und so stehts im Protokoll, dass die Umstrukturierung nichts mit dem Bücherbus zu tun hatte; dass wäre sowieso gemacht worden.

    Übrigens: Die nächste Aktion des Ampelbündnisses: Öffnungszeiten weiter nutzerfreundlich umstrukturieren. Auch den Samstagnachmittag öffnen!

    Uschi Britz
    Kulturpolitische Sprecherin Fraktion Bündnis 90/ Grüne

  7. Michaele Kupper schreibt:

    Meine jüngste Tochter (8 Jahre) hat nachgefragt, warum denn ausgerechnet -jetzt wo sie lesen kann- der schöne alte Bücherbus nicht mehr kommt. ” Kommt der nie wieder ?” Ich versprach ihr zu recherchieren, wo “Er” sich aufhält. Wir würden es auch sehr begrüßen, wenn Sie Beide mal mit dem Bus nach Trier kämen, gerne würden wir nochmal reinschauen und in Erinnerung schwelgen !
    Ihnen Alles Gute mit “unserem alten Bücherbus”.
    Wir gönnen Ihnen das gute Stück, fühlen uns aber auch von der Trierer Politik hinters Licht geführt.

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