Das Dorf in der Stadt

Am Sonntag, 29. August, ab 12 Uhr laden die Initiative “Renaissance Nells Park” und ein Bündnis von Unternehmen, Vereinen und sozialen Einrichtungen aus Trier-Nord zum sechsten Mal zu einem Familienfest in den Nells Park ein. Unter dem Motto “Trier-Nord bewegt” werden zahlreiche Aktions- und Ausflugmöglichkeiten sowie Sport- und Spielarten vorgestellt. 16vor-Mitarbeiterin und Stadtteilbewohnerin Kathrin Schug präsentiert die Vorzüge ihres vorurteilsbehafteten Viertels schon mal vorab. Eine Hommage an Trier-Nord.

TRIER-NORD. Vor einigen Wochen, kurz nach dem WM-Spiel Deutschland gegen Australien, war auf Facebook eine sonderbare Bemerkung zu lesen: “Das ist ja das Schlimme – nichts ist mehr wie noch vor zehn Jahren: In Trier-Ost feiern Studenten eine 250-Mann-WG-Party, die von der Polizei geräumt werden muss, und in Trier-Süd fahren besoffene Assis durch die Saarstraße. Wahrscheinlich werden in Nord jetzt gerade die Lachs-Canapées gereicht.”

Ein stadtsoziologisch interessanter Beitrag, sagt er doch viel über das Bild aus, das sich manch ein Trierer vom Norden seiner Stadt macht. Mit Trier-West gehört er zu den Sorgenkindern unter den Stadtteilen, gilt als das, was landläufig “sozialer Brennpunkt” genannt wird. Berechtigt oder nicht, eine solch einseitige Betrachtung vernachlässigt das Liebenswerte an Trier-Nord. Es trägt eine Schönheit in sich, die sich erst auf den zweiten Blick offenbart.

Auf den ersten Blick sieht man am einen Rand Folgendes: Zwischen dem Exhaus und den Stadtrandhochhäusern drängt sich das Nordbad, die Badewanne unter den Schwimmbädern. Die Moselwiesen bestehen nur aus wucherndem Gras und Dreck. Am anderen Rand im Nells Park sind die Enten dermaßen überfüttert, dass sie über Brotwürfel nur verächtlich quaken. Das Kapital dieses Stadtteils sind weniger seine Bauwerke noch seine Lage, es sind vor allem die Menschen.

Ihre gastronomische Schnittstelle ist Rosemarie Saaler. Als Inhaberin des “Aom Ecken” ist sie so etwas wie die Revierchefin. Sie weiß genau, wo der Norden beginnt: “Alles ab der Nordallee gehört zu uns.” Saaler wurde in der Maarstraße geboren, dort lebt sie auch heute noch. Die meiste Zeit trifft man sie im “Aom Ecken” an. Diese chronisch überfüllte, kleine Institution eine “Kneipe” zu nennen, wäre ein Euphemismus: Es ist das schlagende Herz von Trier-Nord. Alles, was etwas auf sich hält, kommt zum abendlichen Stelldichein bei Viez und gutbürgerlicher Küche samt Flieten. So viel Trier wie hier war nie – für Neulinge ist es der ideale Start in das Nachtleben des Nordens.

Gerade jetzt in den Sommermonaten entwickelt der unterschätzte Stadtteil mitunter eine mediterrane, lebensbejahende Note. Das Leben spielt sich im Freien ab: die Menschen sitzen auf Stühlen vor ihren Häusern, tauschen Rezepte aus und lassen das Leben auf sich regnen. Das sind französische Verhältnisse mitten im eher mürrischen Moseltal. Zu dieser Leichtigkeit des Seins gehört auch das beständige Wissen um die eigene Vergänglichkeit. Nicht umsonst beherbergt der Stadtteil mit dem Hauptfriedhof die größte zusammenhängende Grünanlage Triers. Im Schatten der Bäume kann man zwischen den Grabsteinen flanieren und so sein ganz persönliches Memento Mori erleben.

Und auch um die Zeit bis zum Tod kurzweilig zu überbrücken bietet die Gegend zwischen Porta und Verteilerkreis eine funktionierende, gewachsene Infrastruktur. In der “Nothilfe”-Boutique in der Thebäerstraße kann man sich preiswert und originell einkleiden, und im “Broadway Filmtheater” in der Paulinstraße werden ab und zu noch richtig gute Filme gezeigt. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln funktioniert einwandfrei, zum Beispiel in “Ritas Tante-Emma-Laden” in der Maarstraße, wo man bereits ab dem zweiten Besuch namentlich als Stammkunde begrüßt wird. Frau Saaler kann das alles in einem Satz sagen: “Trier-Nord ist das Dorf in der Stadt.”

Den besten Zugang findet man, indem man sich Freunde in der Gegend sucht. Dann kann man abends auf ihren Balkons sitzen und das Treiben in den Straßen verfolgen. Optimalerweise mit einem Glas kühlen Riesling. Und dann und wann ein Lachs-Canapée.

Aber auch beim Familienfest am 29. August im Nells Park bieten sich zahlreiche Gelegenheiten, mehr über Trier-Nord und seine Vielzahl an Freizeitmöglichkeiten zu erfahren. Gemäß dem Leitsatz “Trier Nord bewegt” stellen verschiedene Vereine und Institutionen eine Auswahl ihrer Angebote vor, stehen für Fragen zur Verfügung und laden zum Mitmachen ein. Als Kooperationspartner wird Triers größter Sportverein, der Postsport-Telekom e.V., zahlreiche seiner Abteilungen von American Football bis Schach präsentieren. Der Aero-Club Konz ist mit einem Segelflieger vor Ort, der Eifelverein informiert gemeinsam mit der Geschäftsstelle des Saar-Hunsrück-Steigs über neue Wanderrouten und Radtouren auf dem Ruwer-Hochwald-Radweg und passend dazu veranstaltet der ADFC einen Fahrradflohmarkt.

Auch für Kinder wird in der 200 Jahre alten Parkanlage viel geboten. Mit dem Minifassrollen von den “Muselpratschlern” erwartet sie ab 13 Uhr ein erstes Highlight. Zudem sollen der Zirkus “Bombasticus”, das Sportmobil, ein Bewegungsparcours und eine Kletterbrücke für viel Spaß und Bewegung sorgen. Kostenlose Parkplätze stehen bei “Romika” in der Metternichstraße zur Verfügung.

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17 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. steffen schuster schreibt:

    Vor 5 Jahren aus dem Süden der Stadt in den Norden gezogen, stelle ich immer wieder fest: Trier-Nord hat wirklich so einiges an Lebensqualität zu bieten. Und wie es im Artikel anklingt, bietet besonders das Maarviertel eine Vielfalt von kleinen Juwelen, die nur darauf warten, entdeckt zu werden.

  2. Frank schreibt:

    Um Himmels Willen – was für ein verklärender und naiver Artikel…

  3. Johannes Barrot schreibt:

    Das Hauptproblem ist, dass die meisten “Nichtnorder” Trier-Nord immer nur mit einigen wenigen Straßen und Ecken verbinden. Dabei wird aber regelmäßig übersehen, dass Trier-Nord viel mehr zu bieten hat. Leider ist die Kolumne an dieser Stelle auch nicht so differenzierend, wie sie hätte sein können. Gerade die Moselaue ist ein wunderschönes Naherholungsgebiet, das von vielen Joggern, Spaziergängern oder auch anderen genutzt wird. Die “ZurLauben” bieten sehr leckeres Essen. Natürlich ist dieses Gelände insgesamt noch entwicklungsfähig und auch gestaltungsbedürftig. Aber es besteht wahrlich nicht aus “Dreck”.
    Auf der anderen Seite haben wir den Nellspark, der auch ein wichtiges Naherholungsgebiet darstellt und der gerade für ältere Menschen wichtig ist. Dazu gibt es unzählige soziale Einrichtungen und Institutionen. Das Maarviertel mit den kleinen Häusern ist sehr pittoresk Zutreffend ist Trier-Nord als “Dorf in der Stadt” beschrieben wurden. Wir haben alles, was sich eine Stadt wünschen kann.

    Leider haben wir aber auch den Verkehr aus den anderen Stadtteilen, der zu einer unverhältnismäßigen und beträchtlichen Belastung führt. Das muss man unbedingt ändern.

    Johannes Barrot
    SPD Ortsvereinsvorsitzender Trier-Nord

  4. zugezogener Nord-Bewohner schreibt:

    Hui, tatsächlich ein sehr naiver Artikel wie ich ihn eher in einem Anzeigenblatt für Immobilien erwartet hätte. Trier-Nord ist leider nicht alleine das Maarviertel entlang der Maarstraße. Spätestens ab der Zeughausstraße gen Norden wirds definitiv brenzliger und ist es nicht mehr schnuckelig.
    Die Automassen die sich jeden Tag durch Trier-Nord quälen rauben dem Stadtteil den jeden Charme der ihn dörflich erscheinen lassen könnte, egal ob fahrend, stauend oder parkend. Nicht umsonst findet sich rechts bei 16vor in der Meldungen-Spalte mal wieder ein Artikel über eine schwer verletzte Radfahrerin, die von einem PKW erfasst wurde.

  5. Stefan Wolff schreibt:

    Ich les’ immer nur: Lachs-Canapée, kühles Glas Riesling, Balkone, Rezepte tauschen, lebensbejahende und mediterrane Note, Dorf in der Stadt, französische Note, Flanieren.

    Ich seh’ immer nur: Wasserweg, Tinten-Patronen-Füll-Kioske, hässliche Adler-Statuen vor verfallenen Häusern, verstopfte Straßen, leere Ladenlokale, komische Meldungen in den Trierer „Medien“ über Zusammenrottungen an Wohnbunkern, hässliche Löcher in den historischen Straßenzügen, ein vergessenes Flussufer.

    Ich denk’ immer nur: die Wahrheit liegt in der Mitte, Trier-Nord nicht komplett im schönen Maarviertel und verklärende Sozialromantik von Soziologie-Studentinnen auf Holland-Fahrrädern hilft dem vergessenen Trierer Stadtteil, der mehr verdient, nicht wirklich.

  6. Stephan Jäger schreibt:

    “Trier-Süd fahren besoffene Assis durch die Saarstraße.”

    Die Saarstraße IST NICHT Trier Süd!

    Vielleicht, HOFFENTLICH, wird sie es irgendwann!

  7. Tom R schreibt:

    Lieber Herr Jäger;
    wieso darf ich dann den Ortsbeirat wählen? Ich wohne in der Saarstraße.

  8. Paulinstrassbewohner schreibt:

    Stefan Wolff hat absolut Recht, der Artikel ist absolut naiv und entspricht nun so wirklich nicht der Wahrheit………..

  9. Stephan Jäger schreibt:

    @Tom R

    Verwaltungstechnisch gesehen, haben Sie sicher recht.

    Von der Wohngebietsstruktur her ist die Saarstraße genausowenig Trier Süd, wie die Paulinstraße Trier Nord ist. Beide sind momentan (leider) nicht viel mehr, als “inoffizielle Stadtautobahnen” ohne Leitplanken. Und die Stadt schaut zu…oder besser weg!

  10. Hautzenthiel schreibt:

    @ Stefan Wolff
    “…Trier-Nord nicht komplett im schönen Maarviertel und verklärende Sozialromantik von Soziologie-Studentinnen auf Holland-Fahrrädern”…
    best sentence ever!

    Bin in der Maarstraße geboren und 20 Jahre aufgewachsen. Seit fast 10 JAhren leider weg, komme aber sicher wieder! Innerhalb von 5 Minuten per pedes Pochta,Stadion,Nordbad,Zurlauben,( früher Kindergarten, Schule,Bolzplatz) – das Maarviertel,ebenso wie Martin und Paulin haben wirklich so einiges an Lebensqualität!

    Aber klar – hinter dem Wasserwesch Richtung Beidelkaul gibt es sicherlich einiges an Investitionsbedarf.
    Ebenso wenn man die A602 runterkommt und hat auf den ersten Blick mit dem Anschein in eine amerikanische Vorstadt geraten zu sein Arena,Hela,Ratio,McFit,Tankstellen und Fastfood Buden um sich herum – lässt das die Schönheit des Stadtteiles doch nur sehr schwer erahnen!

    Nichts desto trotz – selbst Stuttgart und das schöne Umland reichen da nicht heran. Mag aber auch an den Schwaben liegen!

    Empfehle euch allen das schöne Lied: An einem Sonntag in Trier Nord – selbsterklärend ;-)

    Danke für den tollen Bericht aus der Heimat!

  11. Hannah schreibt:

    Trier-Nord rockt.

  12. TD schreibt:

    Es mag im Maarviertel ja ganz schöne Ecken geben, aber malerisch? Romantisch?

    Hätte der Fotograf nicht Frau Saaler vorm Aom Ecken fotografiert, sondern die Kamera etwas weiter nach links gedreht, wäre da ein zwar sehr schönes, aber leider dem Verfall preisgegebenes Haus zu sehen. Und die Häuser weiter oben in der Maarstraße bzw. die Baulücke sind nicht gerade malerisch, sondern genauso hässlich, langweilig oder von mir aus auch “malerisch” wie der große Rest der Häuser in Trier.
    Von mir aus mag man Trier-Norf auch in einen Teil vor und hinter dem Stadion einteilen, aber alles in Allem gilt eben doch das gleiche wie für fast jeden Stadtteil in Trier, es gibt solche Ecken und eben andere, meist auch mit entsprechenden Bewohnern. Die Höhenstadtteile sind übrigens meistens auch so aufzuteilen!

    Sinnigerweise wird auf dem ersten Foto des Artikels die Benediktinerstraße gezeigt, okay gehört auch zum “Maarviertel”, würde der Betrachter aber genau aus der angegebenen Richtung kommt, sieht er eher auf ein Tor und ein ganz normales Haus, nicht besonders einladend, aber auch nicht zwingend abstoßend.

  13. Altgruftipunk schreibt:

    Zugegeben, Frau Schug dürfte in Trier-Nord weder aufgewachsen sein noch sonderlich lange dort wohnen. Mag stimmen, dass sie das Viertel nicht ausreichend erforscht und mangels Verständnis Fakten der Rhetorik geopfert hat. Andererseits folgt auf ihren Beitrag diese unterhaltsame Kommentarsammlung.

    Ein Wort zur Verortung, der Artikel nennt die (annähernd, da flusskurvige) nordwestliche und die nordöstliche Grenze des Stadtviertels (Mosel; Verteilerkreis, Nells Park). Ergänzt seien die nach Südwesten hin abschließenden Straßenzüge: In Kürze wird die Welt Theodor-Heuss- und Nordallee aus Anlass einer Rallye in Ton und Bild bewundern können. Den Anschluss nach Zurlauben und damit zur Mosel bildet die Lindenstraße.

    In Richtung Südost reicht Trier-Nord für mich (ebenfalls nicht hier aufgewachsen) bis an die Kürenzer Straße, sodass der schönste Supermarkt der Welt (Schöndorfer) definitiv noch zu uns gehört. ;) Ihre Fortsetzung findet diese Grenze in der Metternichstraße, nach einer befahrungstechnischen Lücke, deren Schließung immer mal wieder diskutiert wird. (Weshalb ich seinerzeit die Idee, ins alte Stellwerk einzuziehen, ad acta gelegt habe).

    Dazwischen liegt so allerlei, das Maarviertel mit seinen schönen, urigen Winkeln ist nur der kleinere Teil davon. Denken Sie nur an die eigenartige Balthasar-Neumann-Siedlung, deren Gefüge leider zerstört werden wird. Wer findet, dass Frau Schugs Artikel Wichtiges fehlt, der möge meinem Ansatz folgen und es kommentierend hinzufügen. ;)

    Neugierig: Ein Altgruftipunk

  14. mc 909 schreibt:

    maarstreet boyz in da hood ;)

    best viertel in town

    TR-Nord rules

  15. Justin schreibt:

    Es mag jetzt zynisch klingen, aber zwischen Wasserweg und Verteilerkreis liegen viele Textzeilen der Trier-Nord-Hymne nicht so weit von der Realität entfernt:
    http://www.youtube.com/watch?v=8-uDB_tR6go

  16. FLATTRer schreibt:

    >> Ich FLATTRte diesen Beitrag eben, aber nicht, weil ich ihn inhaltlich zutreffend fand, sondern vielmehr wegen der durch ihn ausgelösten Diskussion ;-)

  17. Kopfschüttler schreibt:

    Es fehlt im Beitrag definitiv die Erwähnung der pittoresken Altmetall-Sammel-LKWs in der Hochwald- und Bernkastelerstraße…. ;-)

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