“Das Exponat mit dem größten Seltenheitswert”

20.000 Euro war sich das Stadtmuseum Simeonstift die Restaurierung seines koptischen Kopfschmuckes wert. Drei Jahre lang sparte das Haus, um die Summe aus dem Restaurationsetat der Stadt zusammenzubekommen. Fünf Jahre dauerte allein die Vorplanung, fast 600 Arbeitsstunden die Restaurierung. Nachdem die Kopfbedeckung, die aus einer Zeit zwischen dem 6. bis 8. Jahrhundert stammt, bisher nur zweidimensional in einem Bilderrahmen betrachtet werden konnte, ist sie nun in ihrer vollen Pracht auf einer Büste zu sehen.

TRIER. Obwohl das Stadtmuseum schon seit Jahrzehnten im Besitz des koptischen Kopfschmuckes ist (die Kopten waren ägyptische Christen) und diesen auch ausgestellt hat, kommt er erst seit gestern richtig zur Wirkung. Die frühchristliche Haube ist nicht mehr auf eine Platte aufgezogen und in einen Bilderrahmen gepresst, sondern liegt auf dem Kopf einer Frauenbüste in einer Vitrine der Textilienabteilung. “Es war mir immer ein großes Anliegen, dass sie in die echte Form gebracht wird, damit man sie richtig erkennen kann”, sagt die Museumsleiterin Dr. Elisabeth Dühr.

Um die seltene Kopfbedeckung mit den zwei langen Schalteilen aus Leinen angemessen und anschaulicher zu zeigen, wurde sie aufwändig restauriert. Allein die Vorplanung, in der unter anderem geprüft wurde, ob eine Restaurierung überhaupt möglich ist, dauerte fünf Jahre. Und auch die Wiederherstellung hatte es in sich: “Fast 600 Arbeitsstunden stecken darin”, erzählt der Diplom-Designer Ralf Schmitt, der das Projekt betreute. Die Hauptschwierigkeit lag in der Beschaffenheit des Materials. “Der Einzelfaden ist dünner als ein Menschenhaar.”

Bis zu zehn Stunden am Tag arbeitete sich die Textilrestaurateurin Tina Philipps behutsam Quadratzentimeter für Quadratzentimeter voran. “Das war das größte Projekt, das ich bisher hatte.” Die filigrane Arbeit hat ihren Preis. Die komplette Restaurierung kostete 20.000 Euro, die aus einem für solche Ausgaben vorgesehenen Etat der Stadt stammen. Drei Jahre habe man dafür gespart, sagt Frau Dühr gegenüber 16vor.

Auf das Ergebnis ist man mächtig stolz im Museum. Nur zwei Exemplare der Haube aus der Zeit zwischen dem 6. und 8. Jahrhundert sind heute bekannt: eines befindet sich im Ägyptischen Nationalmuseum in Kairo, das andere in der hiesigen Sammlung des Stadtmuseums. “Sogar das New Yorker Metropolitan Museum mit seiner großen koptischen Sammlung hat so etwas nicht”, schwärmt Schmitt. “Es ist weltweit das am besten erhaltene Objekt dieser Art.”

Die kostbare Leinenhaube, laut Frau Dühr “das Stück mit dem größten Seltenheitswert”, gelangte als Teil der so genannten Sammlung Rautenstrauch, einem Konvolut spätantiker Textilien, in den Besitz der Stadt Trier. Im Jahr 1896 hatte Dr. Franz Bock seine in Oberägypten zusammengetragenen Grabfunde der Stadt zum Kauf angeboten. Doch Trier war nicht in der Lage, die geforderte Summe aufzubringen. Stellvertretend übernahm der Trierer Kaufmann und Kommunalpolitiker Wilhelm Joseph Rautenstrauch die Kosten und stellte die Sammlung der Stadt zur Verfügung.

Die koptischen Textilien sollten Ende des 19. Jahrhunderts in Trier historischen Studien dienen. Rautenstrauch sah in ihnen Zeugnisse für die frühe Geschichte seiner Vaterstadt. Als Provinz des römischen Reiches waren Einflüsse der antiken Kultur nach Trier gelangt, die das hiesige Leben einst prägten. Möglicherweise gehörte auch die Kleidung dazu.

Am Sonntag um 11.30 Uhr hält Schmitt im Stadtmuseum einen Vortrag zur Restaurierung. In einer Powerpoint-Präsentation zeigt er zunächst die einzelnen Restaurierungsschritte, ehe der Kopfschmuck im Original vorgestellt wird.

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5 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Studentin schreibt:

    Ich gehe gern ins Museum. Ich mag alte Sachen und finde es toll, wenn Geschichte für die Nachwelt konserviert wird. Allerdings wirft der Artikel bei mir auch Fragen auf. Ist es verhältnismäßig, 20.000 Euro für ein Stück Stoff auszugeben? Sollten mit öffentlichen Mitteln nicht lieber andere Zwecke gefördert werden? Sollte das Geld nicht lieber in das wirkliche Erbe der Menschheit – die Menschen – gesteckt werden? Solange es auf der Welt, oder auch nur in Deutschland, ein Kind gibt, das hungert oder dem aufgrund seiner Voraussetzungen ein steiniger Weg bevorsteht, muss man diese Fragen stellen. Das ist jetzt natürlich ein krasses Beispiel, aber das Geld wäre vielleicht auch in der Jugendförderung besser aufgehoben. Jugendtheaterprojekte, die Förderung des Interesses von Kindern an Geschichte oder ähnliches.

  2. Monika Grünwald schreibt:

    Kleine Korrektur: die Kopten waren nicht nur ägyptische Christen, sie sind das immer noch.

  3. Schneider schreibt:

    Ich sehe das genauso wie Frau “Studentin”.
    Warum muss man so viel Geld in einen Lappen stecken der schon so alt ist und uns nur etwas von früher erzählen kann. Würde man noch etwas warten wäre er doch eh dahin gegammelt. Lieber dieses Geld in Kinderprojekte oder den Weltfrieden stecken. Aber warum sollte man das Geld wie vorgeschlagen bei uns in “Jugendtheatergruppen” stecken. Auf der ganzen Welt gibt es so viel Hunger und Leid und hier wären 20.000 Euro bestimmt noch sinnvoller investiert wie hier in Deutschland, den unseren Kindern geht es bestimmt noch relativ gut.

    Also mal im ernst, wenn wir eine solche Argumentation zulassen, sollte auch das öffentliche Geld für Theater, Kultureinrichtungen (wie Museen), Schwimmbäder (man kann ja auch in der Mosel schwimmen) oder Bafög streichen….. .

    Danke Liebes Stadtmuseum das Ihr das Geld nicht in pädagogische Jugendtheatergruppen sondern in den Erhalt der Menscheitsgeschichte investiert habt!!!

  4. Studentin schreibt:

    Natürlich geht es deutschen Kindern vergleichsweise gut. Keiner muss frühs mit einem Eimer zum Wasserloch gehen um Trinkwasser zu holen. Das kann man gar nicht mit afrikanischen oder meinetwegen osteuropäischen Verhältnissen vergleichen. Aber wenn wir ein starkes Land mit Zukunft wollen, müssen wir auch in unsere Kinder investieren. Und nur ein starkes Land kann auch etwas für die Welt, für andere Länder, tun. Fremdenfeindlichkeit, mangelnde Bildung, Perspektivlosigkeit, Kriminalität,.. Da gibt es hier noch eine Menge zu tun.

    Ich wollte diesen Gedanken nur einmal aufwerfen, weil mir diese Summe von 20.000 Euro schier unendlich hoch erscheint für die Restaurierung eines kleinen Stoffstückes. Und was nützt das schönste Exponat, wenn die breite Masse nicht ins Museum geht?

  5. Ralf Kotschka schreibt:

    Die bekannte Moralkeule: sie wird immer dann hervorgeholt, wenn einem sonst nichts einfällt. Wenn man schon Äpfel gegen Birnen aufrechnet – was hätte dann in dieser Welt alles keine Daseinsberechtigung mehr, weil das ausgegebene Geld woanders (moralisch) besser angelegt wäre? Bitte dann auch keinen Joghurt mehr im nichtverrrottbaren Plaste-Becher kaufen, weil der eh nachher in Indien auf der Deponie landet. Oder sollte auch das Grünflächenamt diesselbe Summe jährlich einsparen, und dann in den Rabatten vor der Porta Kies streuen.

    Nein, Tatsache ist doch, dass die Aufgabe des Museums, sich um das Gemeinwesen zu kümmern, gerade in der sinnvollen Aufarbeitung von Geschichte liegt. Und wenn der Museumsführer angesichts dieses wunderbaren Textils nur in einem kleinen Halbsatz auf die frühere Exportfähigkeit Lybiens oder Jordaniens eingeht, hat die Schülergruppe davor viel mehr über die frühen Umverteilungen im globalisierten Weltmarkt gelernt als sie es in einer wochenlangen “Alice im Wunderland”- Probe tun wird.

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