Workshop-Ideen bleiben auf der Strecke

Anfang 2006 richtete die Stadt einen mehrtätigen Workshop zu möglichen Perspektiven für die Entwicklung des Bahnhofsviertels aus. Im Verlauf des 60.000 Euro teuren “Werkstattverfahrens” lieferten die zahlreichen Teilnehmer viele Ideen, die in ein städtebauliches Rahmenkonzept einflossen. Seither hat man nicht mehr viel gehört von den Bestrebungen, Triers Bahnhofsviertel auf Vordermann zu bringen, und manches läuft den “Leitlinien” sogar zuwider. Das Stationsgebäude wird nicht barrierefrei umgestaltet, und an eine Verbindung vom Hauptbahnhof in den Osten der Stadt ist weiterhin nicht zu denken. Vonseiten der Deutschen Bahn AG heißt es, dass man aufgrund der fehlenden Aktivitäten der Stadt keine konkrete Planung für den Bahnhof habe.

TRIER. Für nicht wenige zählt Trier zu den schöneren Städten der Republik. Wer jedoch mit dem Zug anreist, erst den Bahnsteig, dann die Halle und schließlich den Bahnhofsvorplatz betritt, der könnte erst einmal zu der Erkenntnis gelangen: Die Moselstadt braucht den Negativvergleich mit Orten wie Bielefeld, Wuppertal oder Delmenhorst nicht zu scheuen.

Unter dem Motto “Es gibt keine zweite Chance, einen ersten Eindruck zu hinterlassen”, veranstaltete die Stadt im Januar und Februar 2006 ein “moderiertes Werkstattverfahren für den Bereich des Bahnhofsumfelds”. In mehreren Arbeitsgruppen ersannen die Teilnehmer – darunter Vertreter von Verwaltung, Uni, Kammern, Denkmalpflege, Stadtwerken und Deutsche Bahn AG – eine Vielzahl von Ideen, wie die künftige Entwicklung von Triers Entrée für Bahnreisende vonstatten gehen könnte.

Am Ende standen Leitlinien und Ziele mit so wolkigen wie wohlklingenden Formulierungen wie “Der Bahnhofsbereich bildet ein attraktives Gelenk zwischen der Innenstadt und den östlichen angrenzenden Stadtteilen”; oder “Als Stadteingang für Bahnbenutzer ist der Bahnhofsbereich attraktiv zu gestalten, der Bahnhofsbereich ist Visitenkarte der Stadt Trier”. Doch obschon in vielen Punkten zwischen den Beteiligten Konsens herrschte, hat sich auch fast fünf Jahre nach dem Workshop nichts an der Gesamtsituation geändert; und auf die vielen “offenen Fragen”, die der Abschlussbericht dokumentiert, scheint es bis heute keine Antworten zu geben.

Keine Verbindung nach Osten

Beispiel Verbindung des Hauptbahnhofs nach Osten: Seit Jahren verweist man in diesem Zusammenhang auf die Brücke, die dereinst Teil des geplanten Petrisbergaufstiegs sein und über die Gleise führen soll. Doch bis dato ist noch völlig unklar, ob und wann die neue ÖPNV-Trasse, die auf dem Teilstück von der Fabrik- zur Güterstraße auch von Radfahrern und Fußgängern genutzt werden könnte, überhaupt kommen wird. Und die derzeit vorliegenden, eher rudimentären Planungen werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. Doch eine Verlängerung der bestehenden Unterführung, die den Hausbahnsteig mit den Gleisen 12 und 13 verbindet, kommt für das Rathaus nicht infrage. Die Konsequenz: Die Verbindung wird es auf absehbare Zeit nicht geben, Reisende von der anderen Seite müssen weiterhin zeitraubende Umwege in Kauf nehmen.

Unterdessen ist entlang der Güterstraße der Abriss des alten Güterbahnhofs im Gange. Der Bau des neuen “Zustellstützpunkts” für die Deutsche Post AG, der von der Triwo AG realisiert wird, ist die erste nennenswerte Baumaßnahme auf dem größtenteils brach liegenden Areal seit Jahren. Doch wenig spricht dafür, dass das neue Gebäude, das schon in wenigen Monaten stehen soll, eine  Attraktivitätssteigerung für die Ostseite des Bahnhofsgeländes bringen wird. Von ursprünglichen Überlegungen, das Alleencenter über die Gleise auszubauen und an der Güterstraße ein neues Hotel zu errichten, hat man sich bei der Triwo verabschiedet.

Dafür, dass ein wesentlicher Baustein des städtebaulichen Strukturkonzepts zum Bahnhofsbereich bereits auf der Strecke blieb, sorgte auch die Landesregierung. Mit der Entscheidung, zwischen Kürenzer Straße und der Straße “An der Reichsabtei” das Polizeipräsidium anzusiedeln, hat sich die im Rahmen des Workshops diskutierte Idee, dort eine verdichtete Wohnbebauung zu planen, erledigt. Auch an eine Aufwertung des Umfelds von St. Maximin ist derzeit nicht mehr zu denken, denn um die Straße “An der Reichsabtei” aufzugeben oder zumindest verkehrsberuhigt umzugestalten, müsste die Kürenzer Straße ausgebaut werden. Doch dieser Ausbau würde wiederum nur Sinn ergeben, wenn auch der so genannte Moselbahndurchbruch zur Metternichstraße käme (wir berichteten).

Bahn AG sieht bei Stadt “keine Aktivitäten”

So hängt alles miteinander zusammen, was auch einer der wesentlichen Gründe für ein Gesamtkonzept gewesen war. Bliebe noch eine Aufwertung des Hauptbahnhofs, doch auch hier zeichnet sich nahezu nichts ab, was für eine spürbare Verbesserung des Ist-Zustands spräche. Dabei kann man der Deutschen Bahn AG nicht vorwerfen, sie hätte in den vergangenen Jahren nichts in das 1952/1953 auf der Grundfläche des im Krieg zerstörten Bahnhofs errichtete Empfangsgebäude investiert. So wurde 2005 der Verkaufsraum umgestaltet. Seither gibt es dort immerhin ein Café, in dem es sich aufhalten und entspannt warten lässt, sowie einen zeitgemäßigen Presseshop. 2006 und 2007 wurden außerdem zwei Aufzüge errichtet, die seither eine barrierefreie Verbindung zwischen den Bahnsteigen gewährleisten. Doch eine barrierefreie Toilettenanlage ist nicht in Sicht – wer mal muss, der muss in den Keller, was vor allem für gehbehinderte Menschen unzumutbar ist.

Laut Bahn AG verzeichnet der Hauptbahnhof täglich etwa 12.000 Ein- und Aussteiger, die mit rund 65 Regionalexpresszügen, 100 Regionalbahnen oder einem der wenigen ICs an- und abreisen. Auf die Frage, welche konkreten Investitionen sein Unternehmen aktuell plane, erklärte ein Sprecher: “Die Fassade im inneren, stadtseitigen Eingangsbereich wird noch diese Jahr saniert, Investitionssumme ca. 70.000 Euro”. Zudem habe man im vergangenen Jahr die Öffnungszeiten des Reisezentrums “auf Wunsch des Landes” erweitert. Auch eine Sanierung der über weite Strecken maroden und sichtlich in die Jahre gekommenen Gleisüberdachtung sei angedacht – mit deren Realisierung sei ”aber nicht vor 2012″ zu rechnen.

Überhaupt hält sich die Motivation des Konzerns, an der Situation in Trier etwas zu ändern, erkennbar in Grenzen: “Von städtischer Seite wurde eine Planung für eine gemeinsame gesamtheitliche Entwicklung des Bahnhofsumfeldes begonnen. Derzeit registieren wir keine Aktivitäten und von daher gibt es auch von unserer Seite keine konkrete Planung für den Bahnhof”. Gefragt nach dem Stellenwert des Trierer Hauptbahnhofs aus Sicht der Bahn AG antwortete der Konzernsprecher: “Das Angebot im Bahnhof und an Zügen entspricht der Anzahl seiner Nutzer”.

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9 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Sascha Gottschalk schreibt:

    “Negativvergleich mit Orten wie Bielefeld, Wuppertal oder Delmenhorst” – keine Ahnung, wie die Bahnhöfe in Wuppertal oder Delmenhorst aussehen, aber der Bielefelder Hauptbahnhof präsentiert sich samt Umfeld im Topzustand.

    (Anm. d. Red.: Herr Gottschalk hat Recht: Bahnsteige und Rückseite des Hauptbahnhofs präsentieren sich in Bielefeld in einem guten Zustand. Der eher negative Eindruck drängte sich dem Verfasser vor allem beim Überqueren des Bahnhofsvorplatzes und dem Passieren der Bahnhofstraße auf.)

  2. Sören Stock schreibt:

    Abgesehen davon, dass mir absolut schleierhaft ist, was dem Verfasser am Bielefelder Bahnhofsvorplatz bzw. in der dortigen Bahnhofstraße negativ aufgeschlagen ist (sowohl der Vorplatz als auch die Bahnhofstraße als Haupteinkaufsstraße der Stadt wurden in den letzten Jahren meines Erachtens städtebaulich durchaus ansprechend und hochwertig neugestaltet), ist in Bielefeld gelungen, was in Trier vermutlich nie gelingen wird: Die Entwicklung eines neuen Stadtviertels auf einer Industriebrache “hinter der Bahn” und, vor allem, dessen fußläufige Anbindung an die Innenstadt durch Durchbindung des Bahnhofstunnels auf die andere Seite!

  3. Klartexter schreibt:

    Das wichtigste Ziel ist die Verbindung zur Güterstraße! Ein ganzer Stadtteil muß riesige Umwege in Kauf nehmen. Wir brauchen m.E. dringend die Verlängerung der Unterführung, denn auf die Brücke in Zusammenhang mit dem Petrisbergaufstieg will ich persönlich nicht wetten.

  4. Kritischer Student schreibt:

    Vielleicht wäre es für die Stadt Trier sinnvoll sich endlich von den (m.E.) utopischen Projekten “Petrisbergaufstieg”, “Stadt am Fluus” (oder wie auch immer) etc. zu verabschieden und endlich einmal kleinere Projekte anzugehen und diese umzusetzen. Denn es macht leider immer öfter den Eindruck, dass weder die finanziellen Ressourcen für solche Projekte zur Verfügung stehen, noch die Humanressourcen.

    Was derzeit in Kürenz und am Hbf geschieht, ist eine Schmach sondergleichen, von Lebensqualität kann hier nicht die Rede sein. Und jetzt, wo auch noch die Post in die Güterstraße Einzug hält, wird es den Durchstoß nach Kürenz wohl nie geben! Und auf eine Brücke, da schließe ich mich Klartexter an, möchte ich nicht wetten bzw. weitere 10-15 Jahre warten. Diese Lethargie der Trierer Verwaltung ist einfach nicht erträglich.

    Think Global, Act Local! Für Trier wäre letzteres schon schön!

  5. Roland Struwe schreibt:

    Die Verbindung zur Güterstraße muss endlich unabhängig vom Petrisbergaufstieg realisiert werden. Es ist m.E. unverantwortlich eine so wichtige Verbindung nur in Verbindung mit einem Projekt zu diskutieren, bei dem Technik, Finanzierung und Zeitplan immer noch völlig offen sind!

  6. Allrounder schreibt:

    Für mich bleibt es bis heute ein Rätsel warum die Bahn jeden Bahnhof und Haltepunkt bis zum letzten verkommen lässt und damit auf jede Art lukrativer Nebengeschäfte in den Wind bläßt.

    Am Beispiel Hauptbahnhof Trier, ich zitiere:

    “Laut Bahn AG verzeichnet der Hauptbahnhof täglich etwa 12.000 Ein- und Aussteiger, die mit rund 65 Regionalexpresszügen, 100 Regionalbahnen oder einem der wenigen ICs an- und abreisen.”

    wären das über 4,3 Millionen Reisende Ein- und Aussteiger pro Jahr, die allesamt nichts als Froh sind, wenn sie diesen unattraktiven Bahnhof wieder schnellstens verlassen haben. Diese Zahl sollte man sich mal auf der Zunge zergehen lassen.

    Ich finde das hier die Bahn, in übelster Art und Weise und Manier, fahrlässig und vorsätzlich Ihre möglichen Einnahmequellen zur gewinnbringenden Erhaltung Ihrer Infrastruktur in den Wind bläßt!

    Aber wie wir alle ja wissen, sind der Deutschen Bahn, großkotzige Projekte die kein Mensch braucht wichtiger (Wie zum Beispiel der Berliner Superbahnhofspalast dem bei ein bisschen Wind tonnenschwere Betonpfeiler aus der Fassade brökeln)

    Ich persönlich finde die Deutsche Bahn nur noch peinlich und meide diesen Laden soweit es nur möglich ist. Schade !

  7. Justus schreibt:

    Anders als in Stuttgart wollen die Trierer liebendgerne einen Tunnel unter die jetzigen Gleise! Wir sind kein Kopfbahnhof dennoch fahren hier kaum wichtige Züge direkt irgendwohin. Egal ob der Bahnchef Mehdorn oder Grube heißt, wieso kümmert sich keiner der von uns angestellten Manager um uns willige Bahnfahrer?
    Haben die Manager in Berlin/Frankfurt Angst, dass Prof. Monheim, dann noch schneller bei Ihnen sein würde? Hat man Angst, dass die SNCF oder CLT Trier dann als Einfallstor für das deutsche Schienennetz “missbrauchen” würden? Oder ist ihnen das alles einfach nur egal, weil man hier einfach nicht die Möglichkeit hat irgendwelchen Günstlingen Geld in die schwarzen Kassen leiten zu können?

  8. Marlis P. schreibt:

    Ich kann Justus nur Recht geben. Setze sogar noch eine weitere These drauf: Auch das Land Rheinland-Pfalz hat uns Trierer mit ziemlicher Sicherheit längst abgeschrieben. Vielleicht sollten wir als ganze Stadt in Luxemburg Asyl suchen, bzw. um Eingliederung ins Großherzogtum bitten. Dann wären wir nicht mehr eine Region irgendwo am Rande Deutschlands, sondern endlich im Herzen Europas angekommen. Zumindest würde das auch mal die dusselige Mainzer Politik daran erinnern, das wir uns selbst noch lange nicht abgeschrieben haben. Und auch Herr Rammsauer würde dann mal wieder an uns erinnert werden.
    Ein passender Name für dieses Projekt wäre dann natürlich “Trier21″

  9. Joe Dalton schreibt:

    Ich bin vor rund zwei Jahren von München nach Trier gekommen und fahre täglich mit der Bahn nach Luxemburg. Es war schon ein kleiner Kulturschock! Die Bahnöfe von Konz sind Schrottplätze. In Trier sieht’s nicht viel besser aus. Jeder Vorstadtbahnhof in München hat Ausgänge zu beiden Seiten. In Trier: Fehlanzeige. Es macht auf mich den Eindruck, als sei diese ärmliche Region komplett abgeschrieben worden und kein Mensch ist bereit, irgendetwas zu investieren. Die Bahn am allerwenigsten. Sieben Milliarden Euro für den neuen Bahnhof in Stuttgart sind kein Problem. Eine lächerliche Million für eine Unterführung in Trier dagegen unbezahlbar. In München brauche ich kein Auto, um mich in Stadt und Umland gut zu bewegen. Doch ich glaube, in Trier werde ich jetzt doch noch zum Autofahrer.

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