“Wir wollen eine saubere Partei”
Im November 1890 gründete sich in Trier ein Ortsverein der “Socialdemokratischen Partei Deutschlands”. Was folgte, waren bewegte Jahrzehnte, die zunächst geprägt waren von Ausgrenzung, Verfolgung und Verbot. Nach 1945 entwickelte sich die SPD zu einer der maßgeblichen politischen Kräfte Triers, bis 1992 ein parteiinternes Zerwürfnis einen beispiellosen Abstieg einleitete, der erst bei der Stadtratswahl im vergangenen Jahr gestoppt wurde. Im Rahmen einer Festwoche wollen sich die Genossen für 120 Jahre Partei- und etwas mehr als 90 Jahre Fraktionsarbeit feiern lassen. Angesagt haben sich die ehemaligen Bundesvorsitzenden Hans-Jochen Vogel und Kurt Beck sowie SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles.
TRIER. Am Dreikönigstag 1946 setzte Josef Berthold das “Rundschreiben Nr. 1 / Trier” auf. Große Teile der Moselstadt lagen noch in Trümmern, zwölf Jahre nationalsozialistischer Diktatur und der verheerende Weltkrieg hatten ihre Spuren hinterlassen. Im Auftrag des provisorischen Vorstands der “Sozialdemokratischen Partei der Stadt Trier” wandte sich Berthold an jene Genossen, die schon bis zum Verbot der SPD durch die Nazis mit von der Partie waren. “Viele in unserer Stadt, die 1933 und später zu Hitler stießen, werden oftmals die Stunde verwünscht haben, in der sie solches taten”, schrieb er und appellierte: “Genossen! Wir wollen eine saubere Partei”. Weiter gab Berthold die Devise aus: “Wir können deshalb nicht mehr dort anfangen, wo wir 1933 aufgehört haben.”
Etwas holprig sei er verlaufen, der Neustart der Trierer Sozialdemokraten, berichtete Markus Nöhl am Montag im Rahmen einer Pressekonferenz. Nöhl gehört seit vergangenem Jahr dem Stadtrat an, zudem ist er stellvertretender Vorsitzender der örtlichen SPD. Am Montag ist er in seinem Element – als Historiker, der die jüngere Geschichte seiner Trierer Genossen erforscht hat. Akribisch hat er all die Namen von Triers führenden Sozialdemokraten der vergangenen Jahrzehnte zusammengetragen, die der Vorsitzenden, Bundes- und Landtagsabgeordneten, Ratsfraktionschefs und auch die der Parteisekretäre und Stadtvorstandsmitglieder. Eine lange Liste, welche die Bedeutung der Genossen in der Trierer Kommunalpolitik widerspiegeln soll.
Offiziell gegründet wurde die SPD der Moselstadt am 16. November 1890. Rund 50 Gleichgesinnte hatten sich versammelt, darunter Steinhauer, Maurer und Zigarrenmacher. Nur wenige Wochen zuvor waren Bismarcks Sozialistengesetze ausgelaufen. Wer ermessen will, wie feindlich die damaligen bürgerlichen Kräfte der neuen Partei gesonnen waren, der muss nur aus einem Schreiben des damaligen Trierer Oberbürgermeisters zitieren. In aller Ausführlichkeit erstattete Karl de Nys dem Königlichen Regierungs-Präsidium Bericht über die Neugründung: “Ob die socialistische Partei hier an Boden gewinnen, ob sie ihr Gift in den hiesigen zum größten Theil friedlich gesinnten Arbeiterkreisen verbreiten wird”, sei doch “stark zu bezweifeln”.
Der OB griff zu Flugblättern: “Wählt keinen Sozialdemokraten”
Tatsächlich sollte es noch einige Jahre und Jahrzehnte dauern, bis sich die SPD als bedeutende politische Kraft vor Ort etablieren konnte. In der 1966 erschienenen Festschrift zum 75. Jahrestag der Gründung des Stadtverbands schildert Dr. Heinz Monz, in welchem Maße die Arbeit der Partei und ihrer Mitglieder unterdrückt wurde. Die Genossen standen unter ständiger Beobachtung, die Wirte der Stadt stellten ihnen keine Lokale für Versammlungen mehr zur Verfügung – wegen der scharfen Kontrollen durch die Polizei. Monz schreibt von “offensichtlichem Gesinnungsterror”, den Sozialdemokraten blieb kaum mehr als das Verteilen von Flugblättern. Auch de Nys griff zu Flugblättern, unter anderem im Reichstagswahlkampf 1898: “Wählt keinen Sozialdemokraten” stand auf ihnen geschrieben. Immerhin rund 6,4 Prozent taten es in Trier dennoch, doch mit 62,2 Prozent dominierte klar das Zentrum.
Das tat das Zentrum auch zur Zeit der Weimarer Republik, doch bei den Stadtverordnetenwahlen im November 1919 gelang den Sozialdemokraten ein beachtlicher Erfolg: 26,4 Prozent verzeichnete die Partei – ein Ergebnis, das sie bis zu ihrem Verbot 1933 nicht mehr annähernd erreichen sollte. 1923 rückten erstmals Sozialdemokraten in die Verwaltungsspitze der Stadt auf – Gottlieb Reese wurde zum ehrenamtlichen, Philipp Loosen zum hauptamtlichen Beigeordneten gewählt.
Die junge Demokratie währte bekanntlich nur kurz. In den 1930er Jahren verschärften sich auch in und um Trier die politischen Auseinandersetzungen, die immer häufiger auch blutig ausgetragen wurden. Beispielsweise am 10. Juli 1932 auf dem Sportplatz in Pfalzel. Dort fand eine Versammlung der “Eisernen Front” statt, einem Kampfverband, der aus einem Zusammenschluss des von Sozialdemokraten gegründeten “Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold” mit den Freien Gewerkschaften und anderen Verbänden hervorgegangen war. Die Situation eskalierte, als sich die Teilnehmer einer Ansammlung von rund 200 SA-Leuten gegenüber sahen. Plötzlich gab der Führer der SA-Gruppe den Befehl, auf die Trierer Mitglieder des Reichsbanners zu schießen. “Dann stürzten sich die Nazis auf den Zug, warfen mit Pflastersteinen und schlugen mit Holzscheiten, Zaunpfählen und Schulterriemen auf die Teilnehmer des Zugs ein”, schildert Monz den brutalen Vorfall. Am Tag darauf erlag der Sozialdemokrat Hermann Möschel, der für die sozialdemokratische Zeitung Volkswacht gearbeitet hatte, seinen Verletzungen. Rund 5.000 Menschen sollen seinem Trauerzug gefolgt sein.
Aufstieg und Niedergang: das ungleiche Duo Grimm/Maximini
Nach zwölf Jahren Verbot und nationalsozialistischer Diktatur erfolgte 1945 die Wiedergründung der Trierer SPD. Erster Vorsitzender nach dem Krieg wurde Josef Berthold, doch nach anfänglichen Auseinandersetzungen über den Kurs der Partei gab er die Führung des Stadtverbands bereits im Juni 1947 wieder ab. Der holprige Start verhinderte einen raschen Aufstieg, erst 1956 näherte man sich bei Stadtratswahlen bis auf sieben Prozentpunkte der bis heute stärksten Kraft im Rat der Stadt, der CDU an. Es war die Zeit, als Männer wie Alfons Kraft, Parteichef und technischer Beigeordneter, und der damalige Parteisekretär Karl Haehser die Geschicke der Partei maßgeblich bestimmten. Haehser, der zunächst dem Mainzer Landtag angehörte, bevor er dann für mehr als 20 Jahre als Bundestagsabgeordneter nach Bonn ging und es dort bis zum Parlamentarischen Staatssekretär unter den Kanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt brachte, ist bis heute so etwas wie der Grandseigneur der Trierer Sozialdemokratie. Wann immer seine Genossen zu festlichen Anlässen einladen, sind der 82-Jährige und seine Gattin nicht weit.
Von Christoph Grimm lässt sich das nicht behaupten. Den Ex-Landtagspräsidenten trifft man auf Parteiveranstaltung eher selten an. Grimm steht gleichermaßen für den Aufstieg und Niedergang der Trierer SPD auf kommunaler Ebene. 1980 war der Landtagsabgeordnete an die Spitze der Partei gerückt – als Nachfolger Manfred Maximinis, der weiterhin die Fraktion am Augustinerhof führte. Unter der Doppelspitze errang die Partei 1989 ihr zweitbestes Ergebnis bei einer Kommunalwahl überhaupt – 42,2 Prozent. Lediglich 1964, als Peter Paul Jost an der Spitze der Fraktion stand, hatte man mit 42,8 Prozent noch geringfügig besser abgeschnitten.
Doch mit dem Triumph von 1989 begann auch bald der Abstieg, der sich 1991 dramatisch beschleunigen sollte. Rechnerisch gab es seinerzeit am Augustinerhof eine rot-grüne Mehrheit, die politisch jedoch nie zustande kam. Als die SPD dann 1991 überraschend deutlich die Landtagswahl gewann und die neue Regierung Scharping/Brüderle den Trierer Kulturdezernenten Walter Blankenburg zum Chef der Bezirksregierung machte, kam es in der Moselstadt zum Bruch. Denn Maximini wollte nun Blankenburgs Amt übernehmen, was Grimm und einigen weiteren führenden Mitgliedern der Partei jedoch nicht ins Konzept passte. Es folgten unschöne Auseinandersetzungen, die schließlich in der Abspaltung der UBM von der SPD mündeten. Und es waren vor allem die Sozialdemokraten, die hierfür teuer bezahlten: Dreimal in Folge verloren sie bei Kommunalwahlen dramatisch an Zustimmung, 2004 reichte es gerade noch für 21,9 Prozent.
Von Mundart-Abend bis Poetry-Slam
Fragt man die heutige Parteivorsitzende und den Fraktionschef nach den Lehren aus den Ereignissen der 1990er Jahre, dann antworten Malu Dreyer und Sven Teuber unisono, dass eine politische Sache eben nicht an persönlichen Empfindlichkeiten scheitern dürfe. Die habe es seinerzeit wohl auf beiden Seiten gegeben, räumt Dreyer ein. Derweil glaubt Teuber zu wissen, weshalb die SPD ausgerechnet unter dem ungleichen Führungsduo Grimm/Maximini so stark wurde: Die Beiden hätten es verstanden, zwei unterschiedliche Strömungen zu verknüpfen. Während Grimm die “eher intellektuellen Aufstiegsgewinner” erreicht habe, hätten die Genossen dank Maximini auch das “kleinbürgerliche Milieu”, das vor allem in Vereinen und Verbänden organisiert sei, für die SPD gewinnen können. 2009 konnte die SPD ihren Abwärtstrend vorerst stoppen. Mit knapp 27 Prozent der Stimmen fuhr man zwar das zweitschlechteste Ergebnis bei einer Stadtratswahl seit dem Krieg ein, aber gemeinsam mit Bündnis 90/Die Grünen und Liberalen reichte es für die Bildung eines Ampelbündnisses.
Vom 28. August bis 4. September wollen die Genossen sich nun feiern und feiern lassen – im Rahmen einer Festwoche, deren Programm von einer naturkundlichen Wanderung durch den Mattheiser Wald über einen Mundart-Abend in Zurlauben bis zu einem Poetry-Slam der Trierer Jusos reicht. Eine Mischung aus Unterhaltung und interessanten Gesprächen wolle man bieten, so Dreyer. Höhepunkt des Veranstaltungsreigens wird am 3. September eine Fest-Gala in der Europahalle sein. Dann werden mit Hans-Jochen Vogel und Kurt Beck zwei ehemalige SPD-Bundeschefs sowie Generalsekretärin Andrea Nahles den Genossen gratulieren.
von Marcus Stölb





17. August 2010 (16:51 Uhr)
Wir wollen eine saubere Partei = Ziel verfehlt und das um Längen !!!!!!