Nachwuchs auf dem Vormarsch
Seit Jahren klagen fast alle Parteien über Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel, mancherorts drohe gar eine Vergreisung des politischen Personals. Dass das allgemeine Interesse an Politik bei den meisten Jugendlichen gering bis gar nicht vorhanden ist, zeigen nicht nur die Ergebnisse der Shell-Jugendstudien. Ein Befund, der sich auch auf Trier übertragen lässt. Doch seit der letzten Kommunalwahl scheinen junge Menschen in nahezu allen politischen Gruppierungen der Moselstadt auf dem Vormarsch. Einige sitzen im Stadtrat, viele in Ortsbeiräten, manche in den Vorständen ihrer Parteien.
TRIER. Sich bewusst für eine politische Richtung und damit auch für eine politische Organisation zu entscheiden, ist für viele Menschen eine große Herausforderung, meint Dirk Louy, Vorsitzender der Jungen Union Triers. Und dass immer mehr Menschen Schwierigkeiten damit haben, sich “in gewisser Weise zu binden”, dafür hat der 34-Jährige durchaus Verständnis. Dieser Trend sei bekanntlich auch in anderen Bereichen, beispielsweise in Sportvereinen festzustellen, ergänzt Louy.
Tatsächlich klagen nicht nur Parteien über fehlenden Nachwuchs – auch Vereine und Verbände wissen ein Lied davon zu singen, wie schwer es mitunter ist, Mitglieder für die Vorstandsarbeit zu begeistern. Kampfkandidaturen bekommen da Seltenheitswert, die Qual der Wahl haben nur die, denen der einzige Bewerber um ein Amt nicht passt. Häufig fehlt die Bereitschaft, zumindest für ein oder zwei Jahre Verantwortung zu übernehmen. Wer es dennoch tut, noch dazu in einer Partei, muss sich im eigenen Freundes- und Familienkreis schon mal rechtfertigen. Parteipolitisches Engagement klingt für viele junge Menschen so verlockend wie eine Kaffeefahrt nach Kobern-Gondorf.
Dutzende Trierer bringen sich dennoch ein, mischen mit in der Kommunalpolitik. Sie engagieren sich aus Überzeugung vor Ort – weil es Spaß macht, eigene Ideen einzubringen und sie eventuell sogar umzusetzen; bei einigen kommt sicherlich auch ein Schuss Berechnung für die weitere berufliche Lebensplanung hinzu. Das Ergebnis der Kommunalwahl im Juni vergangenen Jahres sorgte in den Gremien auf Stadt- und Ortsteilebene teilweise für eine deutliche Verjüngung. Mitglieder der Jungen Union und der Jusos, der Julis und auch der Generation U 30 der Grünen treten seither stärker in Erscheinung.
Menschen wie Anna Gros etwa. Die 27-Jährige ist eine von drei Sprecherinnen der Trierer Jungsozialisten. Mehr als 130 Mitglieder der sozialdemokratischen Jugendorganisation sind 30 Jahre und jünger. Seit der Bundestagswahl habe man zahlreiche Zugänge verzeichnet, berichtet die Sprecherin. Gros gehört dem geschäftsführenden Vorstand der örtlichen SPD an und wurde kürzlich sogar in den Landesvorstand ihrer Partei gewählt. Zudem ist sie Mitglied des Ortsbeirats von Trier-Nord. Jeweils drei Jusos sind in den Ortsbeiräten von Mitte/Gartenfeld und Nord vertreten, und auch im Süden der Stadt sowie in Pfalzel und Heiligkreuz ist man mit eigenen Leuten präsent. Mit Sven Teuber und Markus Nöhl stellt der SPD-Nachwuchs zudem zwei Ratsmitglieder, die zugleich Vize-Vorsitzende der Mutterpartei sind.
Für die Jusos gilt, was für alle politischen Nachwuchsorganisationen typisch ist: Es engagieren sich fast ausschließlich Menschen aus dem studentischen oder akademischen Milieu. Gros schätzt den Anteil von Abiturienten, Studenten und Hochschulabsolventen unter den aktiven Jusos auf rund 75 Prozent. Auch Dirk Louy berichtet von einer “eindeutigen Mehrheit von Studenten in unserer Organisation”. Tobias Schneider von den Julis meint: “Grob geschätzt würde ich sagen, dass drei Viertel bis vier Fünftel unserer Mitglieder diesen Gruppen angehören”. Bei der Grünen Jugend sieht es nicht anders aus. Offenkundig erreichen die Parteien kaum noch junge Menschen, die nach ihrem Schulabschluss eine Ausbildung absolvieren und einer Beschäftigung nachgehen.
Es sei eben schwierig, in einer Studentenstadt wie Trier “immer einen möglichst großen gesellschaftlichen Querschnitt unter den Aktiven zu finden”, meint Tobias Schneider. Der Student rückt am 1. September in den Ortsbeirat von Tarforst nach, dann werden die Julis in immerhin vier Stadtteilen die Politik vor Ort ein wenig mitbestimmen dürfen. Für den 25-Jährigen sind die Jungen Liberalen inzwischen “eines der wichtigsten Standbeine der Trierer FDP”; die Häfte des Kreisvorstands wird von Julis gestellt, Schneider ist obendrein Vize-Vorsitzender. Da verwundert es wenig, dass der Politikstudent mit der “gegenwärtigen Situation sehr zufrieden” ist. Zumal die Julis laut Schneider in Trier mehr als 50 Mitglieder zählen, von denen wiederum 47 unter 30 sind. “Dass gewisse Diskussionen generationsübergreifend vielleicht etwas schwieriger sind, ist für uns eher Ansporn als Ärgernis”, so Schneider.
Als die Union im Dezember 2008 ihre Liste für die Stadtratswahl aufstellte, gab Bernhard Kaster die Losung vom “Generationenmix” aus: Zwar sollten junge Christdemokraten aufrücken, doch auf die bewährten älteren Kräfte wollte Kaster keinesfalls verzichten. So weit wie bei der sozialdemokratischen Konkurrenz, deren geschäftsführender Vorstand inzwischen zur Hälfte aus Jusos besteht, mochte man bei der CDU nicht gehen. Mit Jörg Reifenberg stellt die Junge Union nun immerhin ein Ratsmitglied, der zudem Chef der CDU in Trier-West/Pallien ist. Kollege Hendrik Heisse führt die Partei in Zewen. Sieben Vertreter der JU wurden im vergangenen Jahr in Ortsbeiräte gewählt. Louy, der auf Platz 18 der Stadtratsliste antrat, landete im Juni 2009 weit abgeschlagen auf einem der hinteren Nachrückerplätze. Ein Ergebnis, das ihn anfangs schmerzte. Der Umweltwissenschaftler, der als Vorsitzender der Jungen Union kooptiertes Mitglied der Stadtratsfraktion ist, kann sich dennoch einen neuerlichen Anlauf vorstellen: So er denn 2014 noch in Trier lebe, wolle er es auf jeden Fall wieder versuchen.
Fabian Jellonnek strebt nicht nach neuen Ämtern. Als er im vergangenen November für die Bunte Liste in den Beirat für Migration und Integration gewählt wurde, gehörte der 25-Jährige nicht einmal einer Partei an. Vor einem halben Jahr dann trat er dann doch den Grünen bei – eine Entscheidung, die ihm nach eigenem Bekunden nicht leicht gefallen ist, was aber mehr mit der Politik seiner Partei auf Bundesebene zu tun gehabt habe. Zudem mache er sich nicht gerne gemein mit Gruppen, räumt der Student offen ein.
Unterdessen hofft Peter Weber auf weiteren Zulauf für die Grüne Jugend, deren Kreisverband sich erst vor wenigen Wochen gegründet hat. Der Schüler aus Gusenburg wurde kürzlich in den Vorstand des Grünen-Kreisvorstands gewählt. Bei den “Altgrünen” finde er Gehör, so Weber. Der 18-Jährige beklagt aber, dass es “vielen einfach egal ist, was in unserem Land und in der Welt geschieht”. Dennoch hofft er auf “ein paar junge Menschen, die das politische Leben in Trier und im Kreis Trier-Saarburg mitgestalten” wollten. Lange Zeit galten die Grünen als die junge Kraft am Augustinerhof, doch inzwischen dürfte sich das Durchschnittsalter der Fraktionsmitglieder dem der politischen Mitbewerber angenähert haben.
Außer vielleicht dem der einstigen UBM und heutigen FWG. Mit Christiane Probst stellt die Gruppierung zwar eine junge Fraktionschefin, aber die Jugend macht sich rar, wie auch Vereinschef Professor Hermann Kleber einräumt. Von den aktuell rund 290 Mitgliedern der FWG seien gerade mal zehn jünger als 30 Jahre, schätzt Schriftführerin Beate Schäfer. Um daran etwas zu ändern, berief der Verein mit Daniel de Pugh einen Jugendbeauftragten in den Vorstand. Ob der viel ausrichten kann, werden die nächsten Jahre zeigen. Kleber glaubt, dass es einer Freien Wählergemeinschaft grundsätzlich leichter fallen müsste, Nachwuchs zu finden. Denn gegenüber Parteien herrsche meist doch eine größere Distanz.
In einer Interview-Serie wird 16vor in den nächsten Wochen Trierer Nachwuchspolitiker der im Stadtrat in Fraktionsstärke vertretenen Parteien vorstellen. Den Auftakt macht in der kommenden Woche JU-Chef Dirk Louy.
von Marcus Stölb





18. August 2010 (10:54 Uhr)
Und was ist mit der linksjugend ['solid] dem Jugendverband der Linkspartei?
(Anm. d. Red.: Wir konzentrieren uns bei der Berichterstattung über die Jugendorganisationen der Parteien auf jene, die in Fraktionsstärke im Rat der Stadt Trier vertreten sind)
18. August 2010 (14:08 Uhr)
Das sich nun 16vor als erster in Trier dem Thema Jugendpolitische Organisationen widmet ist sehr zu begrüßen. Dieses Thema wird in allen Medien sehr stark vernachlässigt. Wie mir scheint hat es die SPD verstanden junge Leute in Verantwortung zu nehmen und das es Frau Gros bis auf die Landesebene geschafft hat, freut mich besonders. Auf den kommunalen Ebenen hat sich ebenfalls mehr Verjüngung bei der SPD gezeigt.
Frau Gros scheint die einzige Frau in diesem “Führungsquartett” der vorgestellten Organisationen zu sein. Auch das spricht für sich. Das der Bericht bei dem Anfängt der im Vergleich zu den anderen Personen, am wenigsten Posten und damit Einfluss hat, ist sehr freundlich. Herr Louy scheint was Frauen in herausgehobenen Positionen angeht, sich lediglich dafür einzusetzen diese, nun schon im zweiten Jahr, als Trierer Weinhoheiten zu platzieren. Tolle Politik.
Herr Schneider wird wohl noch großes erreichen. Ohne die Julis wird in der FDP wenig laufen. Ein wenig erschreckend ist zwar wie verbissen diese junge Truppe um Posten kämpft aber dadurch scheint sich ja auch was in der Partei zu bewegen. Mal sehen was passiert wenn Egger nach der Wahl nach Mainz zitiert wird. Naja und die Grüne Jugend wird sich bestimmt schnell wieder auflösen. Schon erstaunlich das in der Partei die man am meisten mit jungen Leuten in Verbindung bringt, schon eher eine “Vergreisung” zu beobachten ist.
Ich bin gespannt wie es weiter geht.
18. August 2010 (14:57 Uhr)
“Kleber glaubt, dass es einer Freien Wählergemeinschaft grundsätzlich leichter fallen müsste, Nachwuchs zu finden.”
Möglicherweise kommt es ja auch – individuell – ein ganz klein wenig darauf an, wie gut die Politik, für die diese “Freie Wählergemeinschaft” steht, in die Zeit passt, Herr Professor.
18. August 2010 (15:51 Uhr)
zitat: “Naja und die Grüne Jugend wird sich bestimmt schnell wieder auflösen. Schon erstaunlich das in der Partei die man am meisten mit jungen Leuten in Verbindung bringt, schon eher eine “Vergreisung” zu beobachten ist.
Ich bin gespannt wie es weiter geht.”
oh, das stimmt, die grüne jugend in trier entsteht & vergeht seit jahren relativ schnell. aber der grund ist ein ganz einfacher: diejenigen, die bleiben – und viele junge, studierende menschen zieht es weg aus trier – werden “aufgesogen” in die alt-partei. nicht aus bösartigkeit, sondern weil die beiden organisationen – gjb & grüne partei – schlicht komplett unabhängig voneinander sind. folglich: schon wenn man über die aufstellung von kandidaten und listenplätzen mitbestimmen will, hat man dann ein problem. und der weg von der grünen jugend zur “mutter-partei” ist tatsächlich schlicht eine einbahnstraße – den aber, wenn man sich den politischen weg mancher alt-grüner anschaut, doch recht viele nehmen, seitdem es überhaupt erst eine jugendorganisation gibt (12 Jahre?).
so, und damit die redaktion nicht soviel editierarbeit hat: ja, ich bin mitglied des vorstandes der trier-saarburger grünen. ;-)