Von der Mitte an den Rand

Dass man eines Tages auf der Straße landen könnte, ist für die meisten wohl kaum vorstellbar. Tatsächlich trifft es immer mehr Menschen, und die Wohnungslosen werden immer jünger. Der Caritasverband Trier hat jetzt seinen Jahresbericht für das Jahr 2009 veröffentlicht. Dessen Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der Rand wird immer größer, die Mitte immer kleiner. Das zeigt sich auch im Benedikt-Labre-Haus, wo viele obdachlose Menschen eine Unterkunft finden. Dort wurden schon jetzt die ersten Notbetten aufgeschlagen – Monate vor dem Winter, wenn in der Einrichtung traditionell Hochsaison herrscht.

TRIER. Helmut ist ein Mann in der Mitte der Gesellschaft. Er organisiert Weinproben und erledigt Lieferungen für ein kleines Familienunternehmen. Er hat ein regelmäßiges Einkommen, einen festen Wohnsitz und eine Freundin. “Ich habe immer gerne in der Gastronomie gearbeitet”, sagt er heute, nach einem halben Jahr im Benedikt-Labre-Haus, Triers Auffangbecken für Obdachlose.

Interne Probleme in der Firma, Unstimmigkeiten in der Betriebsführung – es war eine Verkettung unglücklicher Zufälle, die dazu führte, dass von einem Tag auf den anderen das Geld ausblieb. Die Rücklagen schmolzen schnell dahin, bis Helmut die Miete nicht mehr zahlen konnte. Ab diesem Zeitpunkt war der 49-Jährige obdachlos. “Es war der 7. Januar 2010 und ich stand alleine in Trier und fror”, erinnert er sich. “Ich hatte die Wahl, ob ich zu Freunden gehe oder hierher.” Er kannte die Einrichtung von früher, er hatte mehrmals Kleider gespendet. “Dass ich einmal auf der anderen Seite der Tür stehen würde, damit hätte ich niemals gerechnet. Warum auch?”

Helmut steht beispielhaft für einen Trend, der sich auch in Trier abzeichnet. Am Donnerstag hat der Caritasverband seinen Jahresbericht für 2009 vorgelegt. Die Wohnungslosigkeit stand letztes Jahr im Fokus. Betrachtet man sich die Zahlen, dann scheint es, als werde der Rand immer größer und die Mitte immer kleiner: Innerhalb von fünf Jahren hat sich die Auslastung des Benedikt-Labre-Hauses, der im alten Bahnhof von Trier-West untergebrachten Anlaufstelle, um 30 Prozent gesteigert. Insgesamt 7483 Übernachtungen hat die Einrichtung im vergangenen Jahr gezählt. Die Brisanz dieser Thematik scheint inzwischen auch in der Kommunalpolitik angekommen: “Vollkommen zu Recht weisen Sie darauf hin, dass es an bezahlbarem und menschenwürdigem Wohnraum für benachteiligte Menschen im Stadtgebiet Trier fehlt”, attestiert Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Angelika Birk den Initiatoren vom Caritasverband.

Als besonders Besorgnis erregend wertet man dort den Anstieg der Wohnunglosigkeit bei den 18- bis 25-Jährigen. Eine mögliche Erklärung sieht man in den Regeln der Hartz-IV-Gesetze: Die Festlegung der “Bedarfsgemeinschaften” sieht vor, dass jugendliche Bedürftige bis zur Vollendung ihres 25. Lebensjahres bei ihren Eltern wohnen und von diesen unterstützt werden. Als “völlig unrealistisch” bezeichnet Caritasdirektorin Sandra Bartmann diese Vorstellung. In sozialen Einrichtungen habe man erlebt, dass Mütter ihre volljährigen Kinder regelrecht “abgeben”, damit diese ihnen nicht mehr auf der Tasche liegen.

“Auf keinen Fall mit dem Trinken anfangen!”

Erschwerend kommen Besonderheiten des Trierer Wohnungsmarktes hinzu: “Während immer neue schicke Wohnviertel für Besserverdiener entstehen, verschwindet der bezahlbare Wohnraum für einkommensschwache Familien aus der Stadt”, beklagt Bartmann. “Eine Wohnung findet man dann nur mit viel Glück.” Wer dieses Glück nicht hat, dem bleibt nur der Weg zu den karitativen Einrichtungen.

“Uns graut vor dem Winter”, sagt Johannes Maxheim, stellvertretender Leiter des Benedikt-Labre-Hauses, das schon jetzt mit Platzproblemen zu kämpfen hat. Noch ist Sommer, trotzdem sind in den Fluren bereits die Notbetten aufgeschlagen. 2009 waren zu diesem Zeitpunkt 13 Wohnungslose im Haus, in diesem Jahr sind es bereits über 20, die sich Teeküche und Übernachtungsmöglichkeiten teilen. “Bei 40 Bewohnern ist unser absolutes Maximum erreicht”, sagt er, “irgendwann müssen wir die Türen dicht machen.”

Helmut ist zuversichtlich, dass er die Einrichtung im Laufe der nächsten Wochen verlassen kann. Damit ist er eine der Ausnahmen, viele der Bewohner haben sich mit dem Leben ohne festen Wohnsitz arrangiert. Maxheim sagt: “Gäbe es Fälle wie ihn nicht, könnte man diesen Job nicht machen.” Helmut hofft, dass er anderen Menschen helfen kann, die in eine ähnliche Situation geraten sind. “Auf keinen Fall mit dem Trinken anfangen”, wäre sein erster Ratschlag. “Das ist das Schlimmste, was man machen kann”, sagt er mit Blick auf seine Mitbewohner, die morgens um 7 zu Kaufland gehen, um sich “kaputt zu trinken”, wie er es ausdrückt; die im Gemeinschaftsraum immer nur RTL 2 sehen wollen, nie Nachrichten. Wenn er wissen will, was in der Welt passiert, geht Helmut ins Internet.

Einfach weitermachen kann er trotzdem nicht. Das Kapitel Wohnunglosigkeit sei eine Zäsur in seinem Leben. “Ich habe gelernt, mit anderen Augen zu sehen”, sagt er. “Bei aller Vorsicht gibt es immer Dinge, die man nicht planen kann. Und das kann jeden treffen.” Seinen 50. Geburtstag hofft er in einer eigenen Wohnung feiern zu können.

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1 Leserbrief | RSS-Abo

  1. Kartharsis schreibt:

    Tja…
    - da gehen mir doch ein paar Fragen durch den Kopf:
    1. bisher dachte ich, es gäbe zumindest in der U 25 Gruppe der Trierer ALG II Empfänger sogenannte Fallmanager der ARGE, die sich der Rundum Problematiken annähmen.. selbst dem scheint nicht so zu sein. –
    2. mir erscheint die derzeitige sozialtherapeutische Betreuung der Obdachlosen in D eher nach dem Prinzip ” Dienst nach Vorschrift ” zu erfolgen. ( ergo die Mittelosigkeit “zugunsten” der Mittellosigkeit)
    3. was paasiert in diesem Winter, wenn die Tür des Benedikt Labre Hauses “zu” ist , mit denen, die “draußen ” bleiben müssen ?…

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