Familien warten weiter auf ihren Pass

Einstimmig beschloss der Stadtrat vor zwei Jahren: “Die Stadt Trier will im 1. Halbjahr 2009 einen Familienpass einführen”. Seither hat man nichts mehr gehört von dem guten Willen, mit dem auch im Kommunalwahlkampf eifrig geworben wurde. Auf Nachfrage kündigte Bürgermeisterin Angelika Birk nun gegenüber 16vor an, im Herbst die städtischen Gremien über den bisherigen Stand der Dinge zu informieren. Dass es so lange dauert mit der Umsetzung des Ratsbeschlusses, begründet Birk mit den “sehr knappen Ressourcen des Jugendamts”. Grundsätzlich offen zeigt sich die Grüne für Überlegungen von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen, Bildungsgutscheine einzuführen.

TRIER. Eigentlich hätte das Thema durchaus Stoff für heftige Kontroversen bieten können, doch als die SPD im September 2008 im Stadtrat einen Antrag einbrachte, der die Einführung eines Familienpasses im ersten Halbjahr des Folgejahres vorsah, da ernteten die Genossen viel Lob und Zustimmung. “Das ist ja eine klasse Sache, die sie da beantragen”, bemerkte – frei von Ironie – CDU-Ratsmitglied Norbert Freischmidt. Zustimmung kam auch von den Grünen, schließlich gebe es derartiges ja schon in vielen Städten, weshalb “das Rad nicht neu erfunden” werden müsse. Auch der FWG-Vorläufer UBM konnte sich mit dem Antrag anfreunden, gab aber zu bedenken, dass auch die finanziellen Mehrbelastungen für die Stadt nicht außer Acht gelassen werden dürften. Dem schlossen sich die Liberalen an, die – wie zuvor schon die Grünen – den Zeitplan für die Einführung des Familienpasses für sehr ehrgeizig hielten.

Das war er dann offenkundig auch, denn obschon der Stadtrat die Verwaltung im selben, einstimmig beschlossenen und auf Vorschlag der CDU nur geringfügig geänderten Antrag dazu aufforderte, “rechtzeitig vor den Haushaltsberatungen einen umsetzungsfähigen Vorschlag einschließlich der finanziellen Auswirkungen vorzulegen”, drang seither nichts nach außen, was für eine baldige Einführung, eventuell im 1. Halbjahr 2011, sprechen würde. Gemeint waren übrigens die Haushaltsberatungen des Jahres 2008. Der Familienpass soll die “bisherigen vergünstigten Leistungen der Stadt Trier für Familien sowie weitere familienfreundliche und Familien unterstützende Leistungen” umfassen, wie es im Antrag heißt.

Bürgermeisterin Angelika Birk (Bündnis 90/Die Grünen) räumte jetzt auf Anfrage gegenüber 16vor ein, dass mit einem umsetzungsfähigen Vorschlag wohl nicht so schnell zu rechnen ist: “Der bisherige Stand zur Arbeit am Familienpass wird im Herbst in den städtischen Gremien vorgestellt”, kündigte sie an. Das klingt nicht, als stünde man vor der Fertigstellung einer Vorlage für den Stadtrat. Der Familienpass soll nach Birks Worten “günstige Leistungen für Familien transparent machen und auch mehr private Anbieter dafür gewinnen, Kindern Angebote zu deutlich ermäßigtem Preis oder kostenlos zu eröffnen”. Sowohl die Zusammenstellung “der Vielfalt bisheriger Angebote – vom Kinderteller im Restaurant bis zum vergünstigten Museumsbesuch – als auch die Gewinnung von weiteren privaten Anbietern für dieses Ziel”, koste eine gewisse Zeit, wirbt Birk um Verständnis für die Verwaltung und ergänzt: “umso mehr als die sehr knappen Personalressourcen des Jugendamtes – nicht zuletzt durch die Schaffung von mehr Kitaplätzen – überlastet sind”.

Die Bürgermeisterin bezog auch Stellung zur aktuellen Diskussion auf Bundesebene: “Bildungsgutscheine und eine Erhöhung der staatlich garantierten Grundsicherung für Kinder dürfen sich nicht ausschließen, sondern müssen sich ergänzen”, verlangt Birk. Die jetzigen Beträge, die Kindern von ALG-II-Beziehern zustehen, “reichen kaum für Essen, Kleidung Ernährung”, beklagt die Grüne. Deshalb forderten viele soziale Fachverbände seit längerem eine Anhebung der Sätze. Da dies bisher nicht geschehe, bemühe sich die Stadt darum, in Kitas und Schulen Kindern, deren Eltern in Geldnot sind, “unbürokratisch einen sehr günstigen Mittagstisch anzubieten”. Birk weiter: “Bildungsgutscheine wären darüber hinaus ein geeignetes Instrument, um zusätzlich auch Kindern aus einkommensschwachen Familien die Teilhabe an Kultur- und Bildungsangebote zu ermöglichen”.

Trotz der angespannten Haushaltslage halte die Stadt auch “weiterhin einige Basisleistungen günstig oder kostenlos vor, wie zum Bespiel die kostenlose Buchausleihe für alle Kinder in der Stadtbücherei oder die sehr günstigen Eintrittspreise für Kinder in den städtischen Bädern”, so Birk, die im Februar die Nachfolge des langjährigen Sozialdezernenten Georg Bernarding antrat. Für Kinder, deren Eltern nicht viel Geld haben, ermögliche die städtische Musikschule “Sozialtarife” für den Besuch ihrer Kurse. Darüber hinaus gelinge es durch Sponsoring, Grundschulkindern aus Haushalten mit geringem Einkommen das Erlernen eines Musikinstrumentes zu finanzieren oder in einigen Stadtteilen den kostenlosen Eintritt in einen Sportverein zu ermöglichen.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Klartexter schreibt:

    “Die Bürgermeisterin bezog auch Stellung zur aktuellen Diskussion auf Bundesebene: “Bildungsgutscheine und eine Erhöhung der staatlich garantierten Grundsicherung für Kinder dürfen sich nicht ausschließen, sondern müssen sich ergänzen”, verlangt Birk. Die jetzigen Beträge, die Kindern von ALG-II-Beziehern zustehen, “reichen kaum für Essen, Kleidung Ernährung”, beklagt die Grüne”.

    Also mehr Geld für die betroffenen Familien? Frau Birk, bitte machen Sie sich uns uns BürgerInnen doch nichts vor: Auch wenn das Mehr an Geld in der Mehrzahl der Familien tatsächlich sinnvoll ausgegeben werden sollte, wird es doch de facto in erschreckend vielen Fällen auch in Trier nicht für Essen, Kleidung, Bildung, sondern für Vodka,Oettinger und Playstation-Spiele ausgegeben werden. Jetzt werden mir zahlreiche Leserbriefschreiber Pauschalismus vorwerfen und mich als sozialfeindlich abstempeln, aber das nehme ich in Kauf, denn hier muß deutlich darauf hingewiesen werden, daß es nicht im Interesse der Kinder ist, einfach nur mehr Geld auszuschütten. Der einzige Weg zu einer Verbesserung ist das Anbieten von Leistungen: Schulessen, Nachhilfegruppen, usw. Darauf sollte sich auch die Stadt Trier konzentrieren.

  2. Metallkopf schreibt:

    Überdies ein Irrglaube, dass man soziale Probleme dadurch löst, indem man die Betroffenen mit Geld zuschüttet…

    Ich bin zwar kein Fan von Chipkarten, aber bereit, sie als notwendiges Übel zu akzeptieren, wenn sie sicherstellen können, dass Kinder in die Bibliothek, ins Schwimmbad oder ins Museum können, oder damit ihr Schulessen bezahlen…

  3. Hinzugezogener schreibt:

    Ich glaube hier verwechseln einige den Familienpass mit der “ALG 2 Reform Chipkarte”. Das sind zwei verschiedene paar Schuhe. Ein Familienpass, wäre nicht zuletzt für sozial Schwächere Familien von Vorteil. Ich nutze zb gerne mit meinem Sohn die Familienkarte des Stadtbades. Sonst gibt es in Trier aber kaum Vorteile.
    Aber das in Trier die Mühlen sehr langsam mahlen ist man schon gewohnt. Wofür andere Städte Monate brauchen, braucht Trier Jahre. Aber da Trier eh in spätestens zwei Jahren Pleite ist, mache ich mir überhaupt keine Gedanken ob so ein Pass überhaupt kommt. Familien freundlich ist die Stadt so oder so nicht. Bis auf die paar Spielplätze die jetzt mal saniert wurden, teilweise nur durch Bürgerspenden, tut sich doch nichts in Trier.

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