“Das is nich lustich!”

Die Qualität humoresker Einlagen messen die meisten Menschen an der Anzahl der Lacher, die jemand einheimst. Hagen Rether verweigert sich dieser Jagd nach Pointen schon seit Jahren. Vielmehr hat sich der 40-Jährige als bissiger Jetzt-aber-mal-Klartext-Kabarettist in den vergangenen Jahren ein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Kleinkunstszene erarbeitet. Am Freitagabend las er im Rahmen des “Mosel Musikfestivals” mit seinem dreistündigen Programm “Liebe” vor einem begeisterten Publikum in der Europahalle in gewohnt boshafter Manier Papst, Politik und Postmoderne die Leviten.

TRIER. Neuerdings hat er sogar einen Bart. Gemeinsam mit den schon leicht angegrauten, streng zu einem Zopf gebundenen Haaren und dem hellen Anzug wirkt der auf der Bühne im einsamen Lichtkegel vor seinem Flügel sitzende Kabarett-Star wie eine Mischung aus Musiklehrer und Mafioso. Die Borsten im Gesicht ließ er sich nach eigenem Bekunden aufgrund einer verlorenen Wette stehen: “Ich hab gewettet, dass die Deutschen nach Pakistan weniger Hilfe schicken als nach Haiti.”

Im ersten Teil des Abends denkt er gar nicht daran, in die Tasten zu hauen. Stattdessen holt er sich hinter der Bühne einen Putzlappen samt Flüssigreiniger (“Der Gute vom ‘Frosch’!), um dem staubigen Musikinstrument durch inkompetentes Schrubben einige unansehnliche Streifen hinzuzufügen.

Währenddessen nimmt der Solitär sich seines Lieblingsthemas an, das er offenbar selbst nicht mehr wirklich ernst nimmt und munter drauf los kalauert: “Dieses Papa-Mobil ist doch ‘ne Monty-Python-Nummer, oder? Da sitzt einer im Panzerglastresor und predigt Gottvertrauen. Wenn der Hirte schon Angst vor den eigenen Schäfchen hat, was macht der erst, wenn der Wolf kommt?” Doch der in Bukarest geborene Essener kehrt dann doch schnell wieder in seinem empörten Duktus zu den wirklich wichtigen Themen zurück. “Kaum ist das ganze Krisendesaster in der Realwirtschaft angekommen, da wählen alle die FDP. Was ist das denn für ein Reflex? Wieso wählen die Viehcher immer ihre Metzger?” Auch zum Afghanistan-Krieg hat er natürlich seine Meinung, die er mit kritischen Tönen zur vermeintlichen moralischen Überlegenheit des Westens verknüpft. “Stellen Sie sich mal vor, hier fliegen Leute über unser Land und bombardieren unsere Hochzeiten und sagen uns dann: ‘He, regt euch mal nicht so auf, dafür bauen wir euren Kindern Schulen! Und wenn die dann heiraten, bombardieren wir ihre Hochzeiten!.”

Rether geht es vor allem um die Aufdeckung der vielen Widersprüche kapitalistischer Gesellschaften, aber auch um die möglichst radikale Entlarvung vermeintlicher Wahrheiten als propagandistischen Humbug. Und das gelingt ihm auch an diesem Abend dank seiner Fähigkeit, komplexe Missstände auf den Punkt zu bringen. Beispiel Oskar Lafontaine: “Die Geschichte hat dem Typen schon ein halbes Dutzend Mal bitter Recht gegeben. Jetzt will Merkel eine Börsenumsatzsteuer einführen. Dafür wurde Lafontaine zehn Jahre lang ausgepeitscht. Es geht schon lange nicht mehr um die Inhalte, sondern nur darum, wer etwas sagt.” Ein Umstand, den er auch bei der “perfiden Gleichsetzung von linker und rechter Gewalt” ausgemacht hat: “Was gibt’s da gleichzusetzen? Linke Gewalt ist, wenn ein Porsche angezündet wird, aber rechte Gewalttäter werfen Asylanten aus der U-Bahn.”

Am häufigsten fällt an diesem Abend ein eher resignierender Satz. “Ach, was reg ich mich überhaupt noch auf…” Tatsächlich birgt genau dieser Spruch die fragwürdige Seite von Rethers Engagement, stellt sich doch unweigerlich die Frage: Wen möchte er mit seinen Botschaften erreichen? Die Eintrittskarte kostet knapp vierzig Euro und dürfte für Normalverdiener dicht an der Schmerzgrenze liegen. Im Publikum finden sich dementsprechend fast ausschließlich Besserverdiener gesetzteren Alters, die sich in der Pause auch mal ein kleines Glas Wein für fünf Euro genehmigen. Damit muss sich ein gestandener Kabarettist den Vorwurf gefallen lassen, sein Programm bewirke entgegen des klassischen Anspruchs seiner Profession nicht das Geringste. Walter Benjamin kritisierte die kabarettistischen Auftritte Erich Kästners bereits am Vorabend des Nazi-Terrors in dieser Weise: “Es ist von Haus aus ganz allein diese Schicht, der er etwas zu sagen hat, der er schmeichelt, indem er ihr vom Aufstehen bis zum Zubettgehen den Spiegel weniger vorhält als nachträgt.”

Gleichwohl ist Hagen Rether sicher mehr als ein Clown, der die Bourgeoisie unterhalten will. Das zeigt sich etwa immer dann, wenn er oberlehrerhaft “Das is nich lustich!” in den gelächterdurchtränkten Applaus hineinblafft. Spielend leicht spannt er den Bogen zur allgemeinen Kapitalismuskritik zwischen musikalischen Grönemeyer-Parodien und angriffslustiger Konsumkritik. “Strohpuppen” wie Zumwinkel und Ackermann seien uns ungemein wichtig, weil sie als “Watschenbäume” herhalten können, wenn sie alle paar Monate öffentlich in die Scham-Ecke gestellt werden. Damit dürfen sich dann die wahren Schuldigen ihres schlechten Gewissens entledigen, denn: “Ohne unsere Gier wäre die Gier der Banker nix wert gewesen! Und jetzt jammern? Man kann nicht sein Leben lang Fleisch fressen und dann beim Gichtanfall den Metzger anzeigen.” Nicht einzelne Personen, sondern das System macht Rether für die Misere verantwortlich, denn “der Metzger weiß nix von Gicht. Der hat Familie, und die muss er ernähren, indem er uns Fleisch verkauft”.

Kein Wunder, dass sich bisweilen der Eindruck aufdrängt, als preise Rether seine eigene Existenz als Antikapitalist, Atheist, Nihilist, Pazifist und Vegetarier (“Im Supermarkt wird Bärchenwurst gekauft, aber mit der Katze geht man zum Tierarzt”) mit missionarischem Eifer als einzig wahre Lebensweise. Es fällt einem aber auch schwer, den nonchalant artikulierten Tatsachen etwas entgegenzusetzen. Viel zu klarsichtig feuert der auf dem Klavier rumklimpernde Zyniker seine Argumente heraus. Genussvoll geriert er sich als personifizierter erhobener Zeigefinger, was ihn nach Georg Schramm zum beliebtesten Kabarettisten im Land gemacht hat, außerhalb seiner Gesinnungsgenossenschaft meist jedoch nichts als pure Verachtung hervorruft. Aber das dürfte für jeden Kabarettisten ohnehin das größte aller Komplimente sein.

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4 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Hagens Retter schreibt:

    Ich könnte schwören, dass er sagte, er sei bebärtet, weil er eine Wette gewonnen habe, nicht verloren…

  2. Metallkopf schreibt:

    Stimmt. Er hat sie gewonnen. Der Wetteinsatz seiner afghanischen Köchin wurde aber nicht verraten.

    Hagen Rether hat in vielen Dingen schlicht recht. Was ihn allerdings nicht von dem Vorwurf befreit, in manch anderen Dingen eine wiederum eigenwillig einseitige Sicht der Dinge zu wählen. Aber das ist verschmerzbar… Er ist dabei immerhin saukomisch. Auch wenn einem bei manchen Pointen wirklich das Lachen im Halse steckenbleiben mochte.

    Mich hätte interessiert, was er sich mit Sarrazin zu sagen hätte. Der ist nicht minder zynisch, allerdings nicht so auf Unterhaltung aus.

  3. Iphigenie schreibt:

    Tja, der hohe Eintrittspreis ist wohl Veranstaltersache – Mosel Musikfestival.
    Sein Auftritt in Saarbrücken – Staatstheater vergangenen Sommer kostete in der ersten Reihe “nur” 30 Euro. In vielen Locations ist er noch wesentlich günstiger zu erleben ..
    Vom Konzept der Veranstaltungsreihe und dem restlichen Angebot des Mosel Musikfestivals her – insbesondere dem schaulaufenden Zielpublikum – passt Hagen nicht so perfekt, da gäbe es in Trier bessere Örtlichkeiten. Aber egal. Er ist einfach grandios! Und demnächst in Merzig zu sehen für irgendwas um die 20 Euronen. Lohnt sich.

  4. Nope schreibt:

    Ich wollte auch nur bestätigen,

    dass die Preise Veranstalterabhängig sind.

    Dass ich, als Studentin ihn übermorgen für 22 Euro sehen werde ( das ist 4 Mal im Monat McDonalds – das schaffen Geringverdiener locker)

    Und das darüberhinaus , und das ist eigentlich das wichtigste, man so gut wie jedes Statement von Ihm auf Youtube sehen kann- dort werden sie viel und vor allem von jungen Menschen (und an denen ist es ja etwa zu ändern) gesehenwerden.

    Achso- und Rether sagt von sich selbst er sei kein Nihilist- er tue nur so.
    Ich persönlich find er ist das Gegenteil eines Nihilisten.

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