“Wir versuchen, Talente herauszukitzeln”

“Ich pack’ das”, sagen sich jedes Jahr rund 100 junge Leute und absolvieren das gleichnamige Programm des RWE, um auf diese Weise ihre eher bescheidenen Aussichten auf einen Ausbildungsplatz zu verbessern. Dank intensiver und individueller Betreuung und mehreren Praktika in unterschiedlichen Betrieben gelang es am RWE-Standort Trier, zwischenzeitlich fast 40 Männern und Frauen einen Weg auf den ersten Arbeitsmarkt zu bahnen. Am Freitag informierte sich Bischof Dr. Stephan Ackermann vor Ort über die Maßnahme. Sein Fazit: “zur Nachahmung empfohlen”.

TRIER. David Grill hat es gepackt. Das war nicht unbedingt zu erwarten, denn der 22-Jährige aus Olzheim bei Prüm hatte einiges getan, was seine Chancen auf einen Ausbildungsplatz zunächst gen Null tendieren ließ. In der Schule sei er “ziemlich faul” gewesen, räumt er unumwunden ein. Die Quittung kam dann in Form eines sehr mäßigen Abschlusszeugnisses – mit einem Notendurchschnitt von 3,6 hatte Grill mehr schlecht als recht die Mittlere Reife erreicht. Was die Situation zusätzlich erschwerte: Er hatte anfangs keinen blassen Schimmer davon, welchen Beruf er ergreifen sollte.

Am Freitag sitzt David Grill im Trierer Aus- und Weiterbildungszentrum der RWE Rheinland Westfalen Netz AG, einem Tochterunternehmen des Essener Konzerns. Ihm gegenüber haben einige Vertreter des Unternehmens Platz genommen, links und rechts von Dr. Stephan Ackermann. Der Bischof ist gekommen, um sich über die Initiative “Ich pack’ das!” zu informieren. Grill ist einer von acht Absolventen, die von ihren Erfahrungen berichten sollen. Dabei war für ihn die auf ein Jahr angelegte Maßnahme schon nach wenigen Monaten wieder beendet: Während eines zweiwöchigen Praktikums bei der Firma Spezial-Technik Lichter hatte man ihm einen Ausbildungsplatz angeboten. Grill ergriff die Gelegenheit und ließ sich zum Zerspanungsmechaniker ausbilden – ein Job, der ihm bis heute großen Spaß macht, wie er sagt.

Praktische, theoretische und soziale Kompetenzen vermitteln

Menschen wie David Grill sind für Dr. Heinz-Willi Mölders, Personalvorstand der RWE Rheinland Westfalen Netz AG, der personifizierte Beleg dafür, dass das Programm funktioniert. Vor sechs Jahren gestartet, konnte inzwischen mehreren Hundert jungen Menschen der Weg in einen Ausbildungsberuf geebnet werden. Am RWE-Standort Trier, dem einzigen in Rheinland-Pfalz, an dem die Maßnahme angeboten wird, kommen jedes Jahr sechs weitere Teilnehmer hinzu. Es gehe vor allem darum, praktische, theoretische und auch soziale Kompetenzen zu vermitteln, berichtet Rainer Philipp, Personalchef vor Ort. Wer sich für einen der jährlich sechs IPD-Plätze bewerben möchte, müsse einen Hauptschulabschluss vorweisen können. Von einer “Teamwoche” über Unterrichtsinhalte wie “Kommunikation” und “Feedbackregeln” reiche der Lehrplan, so Philipp.

Dabei müssen die Teilnehmer nicht einmal einen technischen Beruf anstreben. Im Gegenteil: “Wir versuchen, Talente herauszukitzeln”, sagt Personalmanager Philipp und ergänzt, dass man ganzheitlich an die Sache heran gehe,  “Kopf, Herz und Hand” erreichen wolle. Einer der Trierer Absolventen arbeitet inzwischen als Koch, andere kommen als Kraftfahrer oder Industriekaufmann zum Einsatz; viele treten im Anschluss an die Maßnahme eine Ausbildung beim RWE an.

Diesen Weg nahm auch Jérôme Mehler. Der Berliner kam vor einigen Jahren nach Trier, schon seit längerem war er auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz – ohne Erfolg. Dass sich die Betriebe nicht nach ihm rissen, kann er heute durchaus nachvollziehen. Schließlich sei er in der Schule weniger gewesen, “als ich hätte sein sollen”, berichtete er am Freitag zur Erheiterung des Bischofs und der RWE-Verantwortlichen. Nachdem ihm die Arbeitsagentur nicht hatte helfen können, erfuhr er vom IPD-Programm. Nach einem Dreivierteljahr startete er beim RWE eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik, kurz EBT. Er war nun auf den Geschmack gekommen, und auch mit vermeintlichen Sekundärtugenden wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit klappte es längst. So sehr, dass er seine Abschlussprüfung vorziehen konnte. Der Lohn: eine Festanstellung bei der Konzern-Tochter RWE IT GmbH.

Laut Philipp liegt die Vermittlungsquote bei IPD-Absolventen inzwischen bei mehr als 70 Prozent. Im Rahmen des Programms, für das keinerlei öffentliche Fördergelder fließen, absolvieren die Teilnehmer mehrere Praktika und erhalten monatlich ein Taschengeld von 220 Euro – und eine intensive und möglichst individuelle Betreuung. Kommen auf einen Meister normalerweise zwölf Azubis, ist das Verhältnis bei IPD 1 zu 6.  “Wenn Sie den Zugang zu den Leuten finden, dann haben sie 50 Prozent erreicht”, weiß Ausbildungsmeister Christian Hein aus Erfahrung. Eine Mischung aus Einfühlungsvermögen und Konsequenz ist vonnöten, um soziale Kompetenzen wie Durchhaltevermögen, Pünktlichkeit und Arbeitsstabilität zu stärken. Für viele ist die Teilnahme an der Maßnahme eine große Herausforderung: Täglich um 7.30 Uhr in Euren auf der Matte stehen und bis nachmittags um 4 durchhalten, ist nicht jedermanns Sache.

David Grill kam eigentlich immer zu spät, erst gegen 8 Uhr traf er im Ausbildungszentrum der RWE ein. Früher ging es nicht, schließlich nahm der junge Mann bereits den ersten Bus am Morgen. Um halb 6 startete er in Prüm, mehr als zwei Stunden dauerte die Fahrt nach Trier – fast fünf Stunden war Grill täglich unterwegs. Heute arbeitet er kaum mehr als zehn Minuten von seinem Heimatort entfernt, bei der Firma Spezial-Technik Lichter in Weinsheim, die ihm eine Festanstellung gab.

Bischof beeindruckt von Maßnahme

Der Bischof vernahm diese und weitere Berichte sichtlich beeindruckt, das Projekt sei “zur Nachahmung empfohlen”, meinte der Kirchenmann, dem vor allem der Stellenwert der sozialen Kompetenzen im Rahmen des Programms imponieren. Ackermann war erst wenige Minuten im RWE-Ausbildungszentrum, da lud er sich schon zu einem weiteren Besuch ein. Zuvor hatte Klaus Voußem, Leiter des RWE-Regionalzentrums Trier, in seiner Begrüßung auch Bezug auf die aktuelle politische Diskussion über die weitere Nutzung der Kernenergie genommen.

Voußem vermied es zwar, in diesen Tagen häufig gebrauchte Begriffe wie “Restlaufzeiten” oder “Brennelementesteuer” in den Mund zu nehmen. Doch seine Informationen über die Entwicklung der regionalen Energiewirtschaft waren wohl mit Bedacht gewählt. Sei noch vor 15 Jahren fast der komplette Strombedarf in und um Trier aus Großkraftwerken im Ruhrgebiet und im Raum Aachen gedeckt worden, so komme heute im großen Maßstab Sonne und Wind zum Einsatz. Laut Voußem gibt es in der Region Trier inzwischen 4800 “Einspeiser”, die ihren regenerativ erzeugten Strom ins Netz einspeisen. Darüber müsse man sich nochmal ausführlicher unterhalten, schlug Ackermann vor und kündigte bei der Gelegenheit schon mal scherzhaft einen weiteren Besuch an.

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