Die Mutter des Punk und der Gottvater

Der Auftritt von Nina Hagen am vergangenen Samstag in den Kaiserthermen spaltete das Publikum. Die meisten der knapp 600 Zuhörer feierten die exaltierte, exzentrische Künstlerin; einige taten jedoch mehr oder weniger lautstark ihren Unmut über das Programm kund. Dabei machte Nina Hagen nichts Ungewöhnliches. Sie stellte lediglich ihr neues Album “Personal Jesus” vor. Offenbar wussten manche Besucher nicht, dass sie darauf Traditionals und Country-, Gospel- und Blues-Klassiker interpretiert.

TRIER. Nach fast der Hälfte des Konzertes meint ein Herr im Publikum zu seinem Nachbarn: “Ich habe noch kein einziges Stück gekannt.” Das ist insofern bemerkenswert, als der Zuhörer nicht nur mit dem Œuvre Nina Hagens wenig vertraut zu sein scheint, sondern mit Pop-Musik insgesamt. Denn zu diesem Zeitpunkt hat die Sängerin, die auch noch mit 55 Lackleggins tragen kann, unter anderem “Personal Jesus” von Depeche Mode, “Riders on the Storm” von “The Doors” und ihre eigenen Stücke “Schachmatt” und “Was es ist” gesungen. Der Besucher kennt aber offenbar nur “Ich glotz TV” (O-Ton). “TV-Glotzer”, wie Nina Hagens wohl populärste Nummer korrekt heißt, steht zwar auf der Set-Liste, allerdings von zwei (!) Klammern flankiert. Gespielt wird der Titel an diesem Abend aber nicht.

Nina Hagen stellt vor allem ihr neues Werk “Personal Jesus” vor, auf dem sie das als Konzeptalbum umsetzte, was sich schon seit dem vertonten “Vater unser” auf der in ihrer frühen UFO-Phase entstandenen CD “Nina Hagen in Ekstase” (1985) vereinzelt angedeutet hat: Sie besingt Gott und seinen Sohn in neuinterpretierten Traditionals und Gospels. Nach Ausflügen in esoterischen Spiritualismus und indischen Mystizismus betreibt die “wunderbar versponnene Crossculture-Avantgarde-Space-Spinnerin” (Frankfurter Rundschau) seit ihrer Taufe im vergangenen Jahr verstärkt Missionsarbeit für Christus. Das Programm klingt teilweise sehr nach afro-amerikanischem Gottesdienst, was nicht jedermanns Geschmack trifft. “Wenn sie jetzt noch einmal ‘Oh Lord’ singt, fange ich an zu schreien”, droht ein zorniger junger Mann am Bierstand.

So weit kommt es nicht. Allerdings nimmt schon nach einem halben Dutzend Stücken der Geräuschpegel im Publikum bei den Gospeln “Help me” (u.a. von Elvis Presley) und “Mean old World” deutlich zu. Einige fangen an, sich lautstark zu unterhalten, andere beginnen zu lästern. Dies ist nicht nur unhöflich gegenüber der Künstlerin, sondern auch gegenüber den Zuschauern, die ungestört das Konzert verfolgen möchten. Und immerhin hält sich die Grimassengöttin, der das Adjektiv “schrill” anhaftet wie Günther Jauch das Schwiegersohn-Image, zwischen den Stücken mit dem Verkünden ihrer mit “naiv” noch freundlich umschriebenen Weltanschauung zurück.

Zum Programm gehören auch politische Lieder wie Wolf Biermanns “Soldat, Soldat” und der Country-Song “All you Fascists Bound to Lose” von Woody Guthrie. Highlights sind die mitreißende, sehr emotionale Version von “Hava Nagila”, die die Herzen von Hamas-Anführern erweichen könnte, wenn sie denn Hebräisch verstünden, Nina Hagens bewegend vertonte Fontane-Ballade “Das Trauerspiel von Afghanistan” und die punkige Zugabennummer “My Way”, mit der sie vielleicht noch den ein oder anderen Unzufriedenen versöhnte, der alte Stücke von ihr hören wollte.

Natürlich hätte man sich anstelle von so manchem Gospel- oder Bluestitel lieber gute eigene Sachen wie “Erfurt & Gera”, “Tiere” oder “Sonntagmorgen” gewünscht. Aber auch wenn ein paar Songs von anderen Musikern schon besser gecovert wurden, bereitet es jedesmal großes Vergnügen, ihre beeindruckende, einen riesigen Tonumfang umfassende Stimme – an der zugegebenermaßen ihr Zigarettenkonsum nicht spurlos vorübergegangen ist – zu hören. Besonders wenn sie wie beim Konzert die Stücke mit einem größeren Ernst interpretiert und ihre rollenden Rs und den Kleinmädchenduktus sparsam gebraucht.

Es zeugt zwar nicht von großer Professionalität, dass sie mehrmals zu früh mit dem Gesang einsetzt oder laufend auf einem Teleprompter ihren Text nachlesen muss, aber schließlich ist sie trotz aller musikalischen Experimente auch mit 55 immer noch das, was sie schon immer war: ein Punk.

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3 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. AB schreibt:

    Bullshit :D

  2. vonSemering schreibt:

    Also ich war da und fand es richtig toll. Zugegebenermaßen hat sie nicht mehr die Stimme von vor 30 Jahren. Aber im Leben ändert sich doch alles oder nicht? Über Songs wie “Tiere” oder “Sonntagmorgen” hätte ich mich auch rießig gefreut. Oder über “Du hast den Farbfilm vergessen” und den einen oder anderen Titel aus der Nina Hagen Band Zeit. Wie will man aber seinem ganzen Publikum gerecht werden? Besonders wenn die Karriere schon so lange andauert und musikalisch gesehen so vielseitig ist. Ich lasse mich da wirklich lieber in Sachen Setlist überraschen als uninspirierte heruntergenudelte Greatest Hits hören zu müssen.

  3. Ruud schreibt:

    Sehr Gut!!!! Jesus liebt dich, Nina!!!

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