“Allzu empfindlich sollte man nicht sein”
Sie promoviert in Völkerrecht, spielt in ihrer Freizeit Cello, und nimmt sich die Zeit, vor Ort und auf Landesebene Politik zu machen: Anna Gros, Mitglied in den Vorständen von Stadt- und Landes-SPD sowie Trierer Juso-Sprecherin und Vize-Vorsitzende der rheinland-pfälzischen Jungsozialisten. Im Gespräch mit 16vor spricht die 27-Jährige über Glücksmomente und eher desillusionierende Erfahrungen in der Politik; sagt, weshalb die Nürburgring-Affäre ihrer Meinung nach kein Rücktrittsgrund für Kurt Beck war, das Ehegatten-Splitting abgeschafft gehört, und was man mitbringen sollte, um in der Politik bestehen zu können.Â
16vor: Frau Gros. 2000 engagierten Sie sich erstmals für die SPD, und zwar im Landtagswahlkampf in Nordrhein-Westfalen. Bereuen Sie das inzwischen?
Anna Gros: Nein!
16vor: Aber Sie würden doch heute keinen Wahlkampf mehr für Wolfgang Clement machen…
Gros: Das stimmt, aber ich glaube auch nicht, dass Clement selbst noch für die SPD Wahlkampf machen würde. Er hat sich mit seinen Positionen inzwischen so sehr der FDP angenähert, dass Clement für die meisten in meiner Partei kein Thema mehr ist.
16vor: Sie sind in einer Zeit in die SPD eingetreten, als Ihre Partei bereits auf dem absteigenden Ast war – was nur deshalb kaum auffiel, weil die CDU im Spendensumpf versackte, was den Ruf der Politik einmal mehr ramponierte. Was war für Sie seinerzeit die Motivation, politisch aktiv zu werden?
Gros: Ich war schon immer politisch interessiert, und mir war auch schon früh klar, dass die SPD am ehesten meinen Vorstellungen entspricht. Nach den Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen 1999, als die SPD stark verloren hatte, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis ich eintreten würde. Ich habe mir dann gesagt: Nicht nur jammern, sondern auch aktiv werden.
16vor: Wie waren denn die Reaktionen unter Freunden und in der Familie? Mussten Sie sich da rechtfertigen?
Gros: In der Familie nicht. Mein Vater ist selbst Sozialdemokrat, er hätte es sicher gerne gesehen, wenn ich noch früher eingestiegen wäre. Er hat mich aber nie gedrängt. Ich wollte mir Zeit lassen und das selbst entscheiden, was ich dann auch getan habe. Was die Freunde anbelangt: Da waren die Reaktionen sehr unterschiedlich. Die einen interessierten sich dafür, aber es gibt auch einige, die bis heute nicht nachvollziehen können, dass ich so viel Zeit in die politische Arbeit investiere, und die es manchmal sehr kritisch sehen.
16vor: Und was entgegnen Sie denen?
Gros: Man diskutiert halt über Inhalte, setzt sich in der Sache auseinander.
16vor: Der Kabarettist Georg Schramm hat einmal die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft ‘Sozialdemokraten in der SPD’ angeregt. Welche sozialdemokratischen Grundsätze würden Sie persönlich nie preisgeben?
Gros: Nun, als Juso verstehe ich mich ja noch immer als Jungsozialistin. Da gelten die Prinzipien Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Wir wollen eine Gesellschaft, in der jedem Menschen die Möglichkeit gegeben werden soll, selbstbestimmt sein Leben zu führen und an der Gesellschaft teilzuhaben. Da reicht es dann auch nicht, das formal festzuschreiben –wir brauchen auch materielle Umverteilung.
16vor: Schlagen sich Ihre politischen Überzeugungen denn eigentlich auch im Alltag nieder, beispielsweise im Umgang mit Menschen oder beim Einkauf?
Gros: Ich versuche schon, solidarisch im Umgang mit Menschen zu sein und denen offen gegenüber zu treten, die vielleicht eine andere Herkunft oder einen anderen sozialen Hintergrund haben. Ich fahre auch kein Auto und bevorzuge Unternehmen, die bessere Tarifverträge für ihre Beschäftigten haben.
16vor: Was ist denn das Faszinierende für Sie an der Politik, woraus ziehen Sie persönlich Befriedigung aus diesem Engagement?
Gros: Es macht einfach Spaß, sich inhaltlich zu streiten und sich mit Menschen, die die gleichen Überzeugungen teilen, für gemeinsame Ziele einzusetzen. Was mich gerade auch in Trier besonders freut, ist, dass wir eigene Ideen nun auch umsetzen können, beispielsweise unsere Forderung nach einem Jugendparlament; oder auf Landesebene die Forderung nach der Herabsetzung des Wahlalters auf 16. Diesen Vorschlag der Jusos hat die Landes-SPD jetzt in ihr Landtagswahlprogramm aufgenommen.
16vor: Aber es gab doch sicherlich auch schon desillusionierende Erfahrungen…
Gros: Klar! Wir Jusos fordern beispielsweise seit längerem die ersatzlose Abschaffung des Ehegattensplittings, weil dieses gleichstellungspolitisch völlig unsinnig ist und der übertriebene Schutz der Ehe absolut nicht mehr zeitgemäß ist. Aber die Bundespartei nimmt es einfach nicht in ihr Programm auf. Oder nehmen Sie die Ausweitung der Leiharbeit oder des Niedriglohnsektors – das ist ja vor allem in Zeiten von Rot-Grün passiert; oder die Unternehmenssteuerreform.
16vor: Trotzdem sind Sie weiterhin politisch aktiv und auch noch Mitglied der SPD. Was muss man Ihrer Meinung nach mitbringen, um in der Politik bestehen zu können?
Gros: Man muss in der Sache überzeugt und streitlustig sein. Allzu empfindlich sollte man nicht sein; man darf inhaltliche Auseinandersetzungen nicht persönlich nehmen. Außerdem sollte man im Umgang mit anderen fair bleiben. Ob das jetzt allerdings eine Eigenschaft ist, die man braucht, um in der Politik bestehen zu können, das lass ich mal dahin gestellt. Ich würde es mir in jedem Fall wünschen.
16vor: Gehört nicht auch die Bereitschaft zur Selbstverleugnung dazu, einfach weil die Parteiräson es oft so verlangt?
Gros: Man muss teamfähig sein und eine gewisse Solidarität gegenüber seiner Partei zeigen. Das ist sicherlich manchmal eine schwierige Gratwanderung, aber als Einzelkämpfer nur die eigenen Überzeugungen und Karrierepläne durchsetzen, das funktioniert nicht.
16vor: Nur mal ein Beispiel: Sind Sie der Meinung, dass Kurt Beck wegen der Nürburgring-Affäre hätte zurücktreten müssen?
Gros: Nein! Das muss er auch nicht. Im Kabinett hatte der Finanzminister die Verantwortung für das Projekt übernommen und Deubel ist letztlich auch zurückgetreten. Ich habe Respekt für diese Entscheidung.
16vor: Und jetzt sollen wir glauben, dass Sie eine Julia Klöckner oder einen Christian Baldauf in derselben Situation nicht zum Rücktritt aufgefordert hätten?
Gros: Wenn der CDU-Finanzminister zurückgetreten wäre, dann nicht; je nachdem wie tief Herr Baldauf mit drin gehangen hätte.
16vor: Das Gros der Jusos und auch der SPD-Funktionäre stammt aus dem studentischen und akademischen Milieu. Haben Sie eine Idee, wie Sie wieder verstärkt Nichtakademiker für die aktive Politik begeistern könnten?
Gros: Wir müssen unsere Politik ändern! Einige Entscheidungen, die von der SPD mitgetragen wurden, halten manche aus Gewerkschaftskreisen davon ab, sich in unserer Partei zu engagieren. Die waren zuvor deutlich offener, aber Entscheidungen wie die Rente ab 67 haben sie sicherlich abgeschreckt.
16vor: Sie sind Vize-Landeschefin der Jusos und Mitglied im SPD-Landesvorstand. Bei der Kommunalwahl 2009 verfehlten Sie den Einzug in den Stadtrat. Sehen Sie Ihre Zukunft eher auf der landespolitischen Ebene?
Gros: Die Frage stellt sich frühestens in vier Jahren.
16vor: Menschen, die kaum zehn Jahre älter sind als Sie, sitzen inzwischen in Berlin mit am Kabinettstisch. Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Gros: Ich kann mir vorstellen, in die Politik zu gehen. Aber ich könnte mir auch sehr gut etwas anderes vorstellen, zum Beispiel als Richterin zu arbeiten.
In unserer Interview-Reihe stellen wir Trierer Nachwuchspolitiker vor.
Bereits erschienen: “Man muss auch mal über die Bande spielen” (Dirk Louy)
Kommende Woche: Fabian Jellonnek (Bündnis 90/Die Grünen)
von Marcus Stölb





1. September 2010 (09:39 Uhr)
Ich bin positiv überrascht. Im Gegensatz zum JU-Vorsitzenden werden ganz klar die Fragen beantwortet und sogar einige inhaltliche Stellungnahmen gemacht.
Bin mal gespannt, wie sich der Grüne schlagen wird.
1. September 2010 (11:00 Uhr)
Sehr lesenswert. Gut, dass es so junge politisch aktive Menschen hier in Trier gibt :-)
1. September 2010 (11:26 Uhr)
Die Kritik am Ehegattensplitting teile ich in Gänze. Zum Glück hat sich da auch die Bundespartei bewegt. Im neuen Steuerkonzept sind die Forderungen der Jusos aufgenommen worden: Das Ehegattensplitting soll zugunsten einer individuellen Besteuerung geändert werden. Ich hoffe, die eingesparten Gelder können nun für eine zeitgemässe Förderung von Familie und Kindern statt der Institution Ehe genutzt werden.
Es bewegt sich doch einiges in der alten Tante SPD ;-) Jetzt bleibt zu hoffen, dass das auch in der Regierung beherzt angepackt wird!
Wen es interessiert:
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-08/spd-plaene-steuer
Markus Nöhl, SPD-Mitglied
1. September 2010 (15:48 Uhr)
@andreas
na, ein mensch, welcher bereits in vorständen auf landesebene aktiv ist, der sollte wohl auch eine gewisse professionalität erworben haben. und natürlich tunlichst vermeiden, den landesvater zu kritisieren ;-) wäre mir aber dennoch neu, daß das nürburgringdesaster nur ein ministerfehler ist. das keine öffentlichen rücktrittsaufforderungen (von seiten der cdu) erfolgen, liegt doch am ende daran, daß diese selber für das projekt waren. und, was ja nun gar nicht geht: zugleich cello & richterin :-))
1. September 2010 (16:40 Uhr)
Ich fürchte durch eine alleinige Änderung der Politik wird kein Nichtakademiker zu den Parteien laufen. Traditionelle Verbände wie Kirchen, Gewerkschaften und eben auch Parteien leiden alle gleichermaßen an Mitgliederschwund.
Die heutigen Arbeitsprozesse und -belastungen sind derart komplex geworden, dass die wenigsten noch Kraft und Lust haben ihre Freizeit in solchen Verbänden zu investieren und sich für kollektive Interessen einzusetzen.
Zulauf hingegen bekommen Gruppen und Sozialverbände, die sich für Einzelinteressen einsetzen und in denen nicht unbedingt langfristiges Engagement vorausgesetzt wird, sondern bereits vorübergehendes und projektbezogenes Engagement ausreicht um kurzfristige Ziele zu erreichen.
Daher finde ich es um so bemerkenswerter, dass Frau Gros sich bereits in so jungen Jahren derart zeitintensiv einsetzt; und dies neben dem Jura-Studium und der Promotion. Soweit ich das beurteilen kann, ist Frau Gros auch maßgeblich an dem Erfolg der Jusos in Trier beteiligt. Durch ihr Engagement ist dies wieder eine sehr aktive Truppe geworden.
1. September 2010 (17:48 Uhr)
Wie tief Kurti Beck “mit dringehangen hat” wird sich noch zeigen. Dass der Oberlandesvati, der jeden Stein von jeder Seite kennt, der immer über alles und jeden informiert ist (jedenfalls, wenn es gut läuft), plötzlich von diesem Projekt angeblich keine Ahnung haben soll? Pruha.
Laut eigener Aussage gehört er doch zu den handverlesenen Wenigen, die das Finanzierungskonzept Deubels verstanden hatten…
4. September 2010 (13:33 Uhr)
Natürlich ist die “finanzielle Umverteilung” von tragender Bedeutung, da nicht die Reichen reicher (aufgrund ihrer öftmals vorhandenen Dreistigkeit) und die Armen immer ärmer (wegen nicht günstigeren Möglichkeiten) werden dürfen.
Würde sich die SPD in ihrer angeblichen sozialistischen Ader mehr an die schon von Karl Marx, der wegen den damaligen Zuständen in seiner Heimatstadt Trier schon seine politische Überzeugung zu gewinnen hatte, vorgegeben Inhalte und Maßstände orientieren, könnte die heutige SPD gewählt werden.
Aber da die SPD in vereinzelten Themenbereichen sogar die konservative CDU (einschl. CSU) rechts überholt, auch sich der Zusammenarbeit mit den Linken vehement verweigert, ist deren Einsatz für den Nutzen des Bürgers nicht erkennbar. Und so lange die Konservativen in der SPD die Denkanstösse vorgeben, die dann auch von der Mehrheit mitgetragen werden, scheidet die SPD für den “kleinen Mann” als Wahlalternative einfach aus.Dann ist mir sogar ein “hauseigener Krach” bei den Linken lieber, als mich durch – angebliche – “Sozial”demokraten gemeinsam mit der “Arbeitgeberpartei” oder “Klientelpartei” in meinen Existenzrechten beschneiden zu lassen.
7. September 2010 (17:01 Uhr)
Andreas S. ist zuzustimmen. Fehlende Sachlichkeit und blinder Opportunismus sind in der Politik leider sehr oft anzutreffen. Wenn Politiker allgemein derart klare Positionen verträten wie Anna Gros, würde das Niveau der öffentlichen Diskussion ohne Zweifel aufgewertet. Es wirkt daher erfrischend und ist sehr zu begrüßen, wenn junge Menschen wie sie auf Grund sachlicher Überzeugung politisch aktiv sind.