Ex-Stadtchefs kritisieren Jensen

TRIER. Unmittelbar vor der für heute Abend vorgesehenen posthumen Aberkennung der Ehrenbürgerwürde Adolf Hitlers haben sich die Ex-Stadtchefs Schröer und Wagner zu Wort gemeldet.

Auf Vorschlag von OB Klaus Jensen soll der Stadtrat heute Abend beschließen, sowohl Hitler als auch dem ehemaligen Reichsminister Bernhard Rust die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen. Mit deutlichen Worten kritisieren nun seine Vorgänger Helmut Schröer und Dr. Carl-Ludwig Wagner dieses Vorhaben, das von Jensen bereits im April 2008 angekündigt worden war.

“Dieser Vorgang, der uns in unserer Amtszeit auch schon mehrfach beschäftigt hat und den wir nunmehr aus den Presseverlautbarungen erfahren haben, ist aus unserer Sicht überflüssig”, schreiben die beiden Christdemokraten in einer gemeinsamen Erklärung. Es werde “der Eindruck erweckt, dass die Stadt Trier sich erst heute dazu entschlossen hätte, sich von der Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Adolf Hitler mit Nachdruck zu distanzieren”. Das Gegenteil sei aber der Fall, so Wagner und Schröer.

Bereits unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkrieges habe der Ältestenrat der Stadt Trier die Frage diskutiert und erklärt, “dass Adolf Hitler die Ehrenbürgerwürde durch sein verbrecherisches und würdeloses Verhalten verwirkt” habe. Als 1979 ein Antrag im Stadtrat gestellt wurde, Adolf Hitler formal die Ehrenbürgerwürde abzuerkennen habe sich der damalige OB Dr. Carl-Ludwig Wagner auf die Behandlung dieses Themas unmittelbar nach dem Krieg bezogen und eine Erklärung abgegeben, die der Stadtrat akzeptiert habe. Auch Wagners Nachfolger Zimmermann und Schröer seien dieser Linie gefolgt.

Der für heute Abend vorgesehene Beschluss ist aus Sicht der beiden ehemaligen Oberbürgermeister “überflüssig und sogar irreführend”. Wagner und Schröer fragen: “Sind der Stadtrat und der Stadtvorstand über die gesamte Diskussion nicht informiert? Oder möchten der heutige Stadtrat und der heutige Stadtvorstand das Verhalten ihrer Vorgänger relativieren und so tun, als ob erst heute ein wirklicher Schlussstrich unter die Ehrenbürgerschaft Hitlers gezogen wird?” Man solle doch “froh sein, dass dieser Schlussstrich bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt, nämlich unmittelbar nach dem Kriege und danach mehrfach im Stadtrat gezogen worden ist”.

Bemerkenswert ist der letzte Satz der gemeinsamen Erklärung: “Dem amtierenden Stadtrat steht es selbstverständlich frei, den Umgang ihrer Vorgänger mit der Ehrenbürgerwürde von Adolf Hitler in einer neuerlichen Erklärung zu würdigen und zu bekräftigen”.

Tatsächlich heißt es in der vom Stadtvorstand verfassten Vorlage schon jetzt, dass sich “die Bürgerinnen und Bürger sowie die politischen Gremien der Stadt nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Terror-Regimes immer wieder ohne jeden Zweifel mit Nachdruck von der an Hitler und Rust verliehenen Ehrenbürgerschaft distanziert haben”. Die “formaljuristische Aberkennung sei bislang jedoch ausgeblieben, und auch wenn man die “unzweideutig richtige Einschätzung” teile, dass “nach den Statuten das Ehrenbürgerrecht mit dem Tode des Geehrten automatisch erlischt und darüber hinaus von Hitler und Rust aufgrund ihrer menschenverachtenden verbrecherischen Politik verwirkt wurde”, so komme es doch bis heute immer wieder zu “Nachfragen und Missverständnissen”.

Zum selben Thema: OB: Stadtrat soll sich distanzieren und Adolf Hitler – Triers “verwirkter” Ehrenbürger

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5 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. Susanne Andres schreibt:

    distanziert aber nicht konsequent.
    ich finde die aberkennung gerade jetzt ein gutes und richtiges zeichen triers für die neo-nazi-szene.

  2. Exiltrierer schreibt:

    Wen wunderts, wenn die betroffenen Hunde bellen. Die Ehrenbürgerschaft wurde formell verliehen, also ist sie auch formell abzuerkennen. Damit wird ein deutliches Zeichen gesetzt. Die Behandlung dieser Frage war in der Vergangenheit dadurch geprägt, dass sie eben nicht wirklich behandelt wurde. Ich kann es gut nachvollzihen, wenn noch lebende Opfer des NS-Saates oder deren Nachkommen nach einem deutlichen Zeichen verlangen.

  3. gebürtiger Trierer schreibt:

    leider mal wieder einer der vielen showanträge der ampel und unserers oberbrügermeisters, statt sich mal endlich um die probleme dieser stadt zu kümmern und sie nicht an runden tischen kaputt zu reden und sich vor den entscheidungen zu drücken.

  4. AlexH schreibt:

    Ich finde die auch juristische Aberkennung richtig und wichtig. Die Positionen und Entscheidungen von Schröer und Wagner sind für mich schwer nachvollziehbar, sie sind halbherzig, und das sollte bei diesem Thema sicherlich nicht sein. Schreien die einen hierzu “Reine Symbolpolitik!”, so sage ich “Ja, genau! Darum!”.

  5. Otto schreibt:

    In Zeiten da in Deutschland wieder Bücher ausverkauft werden in denen es um Judengene etc. geht kann man sich unter keinen Umständen genug distanzieren.
    Niemand der sich heute die Liste der Trierer Ehrenbürger anschaut weiss, wer sich davon irgendwann mal distanziert hat.
    Nationalsozialismus gehört weder in den Stadtrat noch in die Reihe der Ehrenbürger. Hoffentlich wird er aus beidem zeitnah entfernt werden.

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