Trier will mit Kreativwirtschaft punkten
Die Stadt will ihr Profil als Standort für Kultur- und Kreativwirtschaft schärfen und Existenzgründer aus Triers kreativer Szene stärker unterstützen. Das kündigten OB Klaus Jensen sowie Kultur- und Wirtschaftsdezernent Thomas Egger an. Bereits im kommenden Jahr soll es in der städtischen Wirtschaftsförderung einen Lotsen für Künstler und Kulturschaffende geben. Eine Untersuchung der Taurus ECO Consulting sieht zudem Bedarf an Ausstellungsflächen im öffentlichen Raum. Zudem müsse sich der Standort Trier insgesamt zeitgemäßer vermarkten – vor allem überregional werde die Stadt bislang “eher als konservativ” wahrgenommen.
TRIER. Von einem “hochinteressanten Themenkomplex” schwärmte der OB, es gebe “viele Hinweise, dass Trier bereits jetzt eine Kreativ- und Kulturstadt ist”, meinte Jensen und berichtete von seinem persönlichen “Schlüsselerlebnis”: Als der Stadtchef wenige Monate nach seinem Amtsantritt zu Gast bei der großen Modenschau der FH-Diplomanden war, da sei ihm erstmals bewusst geworden, was für ein “herausragender Modestandort” Trier doch sei, berichtete Jensen im Rahmen eines Pressegesprächs. Doch auch in anderen Bereichen der kreativen Szene könne sich die Stadt sehen lassen, so der OB.
Mit Unterstützung des Landes hatte die Stadt bei der Trierer Taurus ECO Consulting GmbH eine Untersuchung in Auftrag gegeben, die die “Potenziale der Kultur- und Kreativwirtschaft in Trier” aufzeigen soll. Ein “weites und schwer zu definierendes Feld” sei das, räumte Taurus-Chef Dr. Klaus Sauerborn bei der Präsentation der Ergebnisse ein. Man habe sich an die Definition des Bundeswirtschaftsministeriums angelehnt, “die den schöpferischen Akt, in dem Leistungen erbracht werden, als gemeinsames Merkmal nennt”. Zur Kultur- und Kreativwirtschaft zählen demnach Produkte und Dienstleistungen mit “kreativen Inhalten”, beispielsweise literarischer oder gestaltender Art, deren Schöpfer zudem das Gewinnstreben eint, die ihre Produkte und Dienstleistungen also auch erfolgreich vermarkten wollen.
Mehr als 350 Betriebe in Trier
Doch gerade hierbei hapert es oft. Für viele freiberufliche Kreative, beispielsweise aus der Design-, Kultur- oder auch Medienszene, kommt das eigene Schaffen kaum über den Status der brotlosen Kunst hinaus. Sich selbstständig zu machen, für das eigene Produkt oder die Dienstleistung zu werben, gar betriebswirtschaftlich zu denken und auch zu handeln, fällt zahlreichen Kreativen schwer. Nach der Definition des Bundeswirtschaftsministeriums gibt es laut Taurus in der Stadt Trier dennoch aktuell immerhin mehr als 350 Betriebe der Kreativwirtschaft – das entspricht rund 8 Prozent der Unternehmen überhaupt, womit die Moselstadt über dem Landes- und nur knapp unter dem Bundesdurchschnitt liegt.
Es könnten noch deutlich mehr sein, sind sich Jensen, Egger und auch Sauerborn sicher. Denn schließlich verlassen jedes Jahr Dutzende Kommunikations- und Modedesigner, Informatiker und Medienwissenschaftler oder auch Kunsthistoriker die Hochschulen der Stadt. “Viele Absolventen wandern derzeit nach dem Abschluss in größere Städte ab, anstatt in Trier den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen”, berichtet Sauerborn von einer nicht wirklich neuen Beobachtung.
Zwei, die blieben, sind die Modedesignerinnen Kathrin Greve und Julia Schwab. Mit ihrem Unternehmen “Fräulein Prusselise” beweisen sie, dass man kreativ und zugleich wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Im Mai debüttierten die Beiden mit einer selbst organisierten Designmesse in der Tufa, mehr als 1.500 Besucher kamen. Damit seien die eigenen Erwartungen übertroffen worden, berichtet Julia Schwab und kündigt schon mal die Neuauflage an: im März 2011 werde es die zweite “DesignersInc.” geben.
Schwab kommt viel herum in der Republik. Gefragt nach dem Image Triers in der deutschen Kreativszene, meint die 32-Jährige: “Das ist eigentlich gar nicht vorhanden; viele wissen ja nicht einmal, wo Trier liegt”. Irgendwann falle dem ein oder anderen dann ein, dass Trier ja die älteste Stadt Deutschlands ist, doch mit Kultur- und Kreativwirtschaft bringe die Stadt jenseits von Eifel und Hunsrück niemand in Verbindung. Allerdings fällt Schwab auf Anhieb auch keine andere deutsche Stadt vergleichbarer Größenordung ein, die in der heterogenen Branche besonders angesagt wäre; im Zweifel läuft es doch immer auf Berlin und Köln hinaus, und mit den beiden Millionenstädten braucht es die selbsternannte “Moselmetropole” nicht aufzunehmen.
Trier wird als eher konservative Stadt wahrgenommen
Dennoch sieht man im Rathaus noch erhebliches Potenzial. Das zeigte sich auch in den insgesamt drei Workshops, die im Rahmen der Untersuchung durchgeführt wurden. Chancen sieht Sauerborn vor allem in der “Verbindung zwischen dem kulturellen Erbe mit mordernen Formen der Inszenierung und Nutzung” und verweist in diesem Zusammenhang auf das Beispiel Landesmuseum, wo seit Juni das bundesweit einmalige multimediale Raumtheater “Im Reich der Schatten” zu sehen ist. Bislang beschränke sich die Außenwahrnehmung Triers doch sehr auf sein “Alleinstellungsmerkmal” römisches Erbe, so Sauerborn; doch das führe auch dazu, dass die Stadt bis dato als “eher konservativ” wahrgenommen werde und bislang kein Profil als moderner und kreativer Standort entwickelt hat, obwohl gerade dank der Hochschulen optimale Voraussetzungen gegeben sein müssten.
Design und Kunst müsse im öffentlichen Raum stärker sichtbar werden, regt die Untersuchung an. Das sieht auch Julia Schwab so, die vorschlägt, inmitten der Stadt einen Bauwagen aufzustellen, in dem bislang noch weitgehend unbekannte und kleine Kreativschaffende in Wechselausstellungen auf ihre Produkte aufmerksam machen könnten. Auch Veranstaltungen wie die Antikenfestspiele, über deren Zukunft erst noch entschieden werden muss, oder das Altstadtfest könnten verstärkt als Bühne für Design und Kunst dienen. Sauerborn rät den Verantwortlichen im Rathaus zudem zu einer “Weiterentwicklung des Stadtmarketings”.
Jensen verspricht Lotsen für Kreativschaffende
Diesen Ball griff auch Jensen auf: Da müsse man selbstkritisch einräumen, dass sich Trier in der Vergangenheit unter Wert vermarktet habe. Der OB wie auch Dezernent Egger wollen auch den Eindruck vermeiden, die Ergebnisse der Untersuchung könnten wie so manches Konzept aus der jüngeren Vergangenheit wieder in der Schublade verschwinden und folgenlos bleiben. Jensen versprach, dass es ab dem nächsten Jahr in der städtischen Wirtschaftsförderung die Funktion eines Lotsendienstes für Kunst- und Kulturschaffende geben werde, der für alle Fragen der Projektentwicklung und Unternehmensgründung zuständig sein soll. Auch die weiteren Anregungen würden aufgegriffen, beispielsweise die Gründung eines Kreativzentrums für kleine Firmen, die an einem Ort produzieren, präsentieren und vermarkten könnten. Jensen brachte in diesem Zusammenhang den Standort Jägerkaserne in Trier-West ins Gespräch.
Allerdings dürfte ein solches Zentrum aus vielen Gründen noch auf sich warten lassen. Viel geholfen wäre den Kreativschaffenden schon, wenn kleinere, in Eigeninitiative entstandene Projekte von der Stadt engagierter unterstützt würden, beispielsweise der Design-Kiosk in der Südallee. Kulturdezernent Egger kündigte an, sich mit den Betroffenen zu treffen und nach Lösungen zu suchen, wie das Angebot aufrecht erhalten werden kann. Und der OB appellierte an die Kreativschaffenden, sich mit Anregungen und Wünschen an die Stadt zu wenden. Die dürften Jensen und Egger nun beim Wort nehmen und verlangen, dass die Stadtspitze den Ankündigungen Taten folgen lässt. Bislang jedenfalls hält sich das Vertrauen in die Verwaltung bei vielen Vertretern der Szene in Grenzen.
von Marcus Stölb





2. September 2010 (12:28 Uhr)
Es ist doch wirklich schön, dass man hier Wissenschaftler mit einer weiteren extrem sinnvollen Studie in Lohn und Brot setzt! Leider hat Herr Dr. Sauerborn übersehen, dass die von ihm lobend erwähnte multimediale Inszenierung „Im Reich der Schatten“ von einer Berliner Gesellschaft produziert wurde.
Wir – als eine von nicht mal einer Handvoll in Trier ansässigen Produktionsgesellschaften – haben noch nicht einmal eine Anfrage zu dem Projekt erhalten. So fördert man die Trierer Kreativwirtschaft sicher nicht, sondern hält sie schön im Reich der Schatten. Dies ist übrigens kein Einzelfall – aus meiner bald 20 jährigen Erfahrung im kreativen Bereich darf ich berichten, dass es meist kein Spaß ist, für die Region zu produzieren. Dies gilt gleichsam für Stadt und Land. Die wenigen lokal vergebenen Budgets gleichen oft eher Almosen, größere Aufträge werden gerne und – den Eindruck hatte ich schon häufig – gezielt ins Reich der Schatten vergeben.
Auch wenn ich mein Brot für gewöhnlich außerhalb der Region verdiene, bin ich doch auf die Erholung an der Mosel und das Radfahren in Trier angewiesen. Auch hier wird sich zeigen, ob die schönen Studien, z.B. zur Gestaltung der Stadt am Fluss, wirklich Sinn machen. Und so träume ich weiter davon sicher und unbeschadet mit meinem Fahrrad von Olewig non stop bis an den Trierer Bahnhof zu fahren. Denn von dort aus gelange ich dann ganz bequem ins Reich der Schatten.
(Anm. d. Red.: Uwe Thein ist geschäftsführender Inhaber von “theinmedia”)
3. September 2010 (15:58 Uhr)
“größere Aufträge werden gerne und – den Eindruck hatte ich schon häufig – gezielt ins Reich der Schatten vergeben.”
Wohl leider wahr!
“Des Kaisers neue Kleider” galten eben in Trier schon immer mehr, als “die Propheten im eigenen Lande”. Natürlich: Wenn man “große überregionale Kapazitäten” beauftragt, dann ist man wer! Da spielt dann auch Geld keine Rolle. So hatte auch der selige Herr Ungers die Möglichkeit, kreuz und quer über die Stadt verteilt seine “eindrucksvollen” Spuren zu hinterlassen, gerade so, als ob es in dieser Stadt keine Architekten gäbe.
Ein Beispiel, dass diese Vorgehensweise vielleicht am klarsten illustriert, geht noch etwas weiter zurück: Die Gestaltung des Plakates zur 2000 Jahr-Feier der Stadt im Jahre 1984.
Ein einziges Mal habe ich während meines Studiums einen Dozenten, der ansonsten für seine durch nichts zu erschütternde Ruhe bekannt war, aufgeregt und offensichtlich stark verärgert erlebt. Als er die Vorgänge um die Vergabe eben dieses Gestaltungsauftrages schilderte. Das Ganze wurde wohl an der FH im Fachbereich Kommunikationsdesign, Schwerpunkt Illustration, als Semesterprojekt angeboten. Sämtliche Studenten des Schwerpunkts fertigten also Entwürfe, aus denen sich die Stadt für “ein Trinkgeld” den schönsten hätte aussuchen können. Die Stadt allerdings hat es vorgezogen, den Auftrag für einen fünfstelligen D-Mark Betrag an den schweizer Illustrator Celestino Piatti zu vergeben, ohne die Trierer Entwürfe auch nur eines Blickes zu würdigen.
Klar: “was nix kost, is auch nix” und, wer sich einen Piatti leistet, zeigt damit schließlich deutlich, dass er kein Provinzkaff ist. Viel scheint sich seit damals nicht geändert zu haben.
3. September 2010 (16:11 Uhr)
“die vorschlägt, inmitten der Stadt einen Bauwagen aufzustellen, in dem bislang noch weitgehend unbekannte und kleine Kreativschaffende in Wechselausstellungen auf ihre Produkte aufmerksam machen könnten.
Wird nicht just in diesem Moment einem genau solchen “Bauwagen” von dem aufstrebenden “Standort für Kultur- und Kreativwirtschaft” durch extrem kleinkarierte Auslegung irgendwelcher bürokratischen Satzungen der Garaus gemacht?
http://www.16vor.de/index.php/2010/08/11/keine-ausnahme-fur-design-kiosk/
4. September 2010 (03:58 Uhr)
Vorab die Ergebnisse dieser Studie sind schon seit Jahren alltägliches Thekengespräch in diversen “Szenekneipen”.
Stefan Jäger und Uwe Thein üben ihre Kritik aufgrund “stadtbekannter” Erfahrungen – derartige “Erlebnisse” in der “Kreativmetropole” Trier hatten einheimische Gestalter mutmaßlich im zigfachen dreistelligen Bereich.
Die von Jensen und Egger geäußerten Grundideen sind dennoch sehr gut!
Als Primat für die Umsetzung kann jedoch nur gelten: Keine(!) dieser zukünftigen personellen als auch strukturellen Maßnahmen darf an vorhandene, etablierte “Klüngel”strukturen angebunden sein.
Vertreter dieser existenten Strukturen kennen zwar einen Teil der Szene , haben jedoch allesamt einen sehr eingeengten Blickwinkel, dies gilt für die existente Kultur- als auch Wirtschaftsförderung !
Diese ganze neue Struktur muß direkt dem Egger Dezernat unterstehen – nur dann kann es erfolgreich sein, nur dann könnte die sog. Ampel ein nachhaltiges Signal setzen.
Richtig angewendet würde dieses Vorhaben eine dermaßen positive Auswirkung auf die Entwicklung unserer Stadt haben, daß in einigen Jahren keiner mehr über die Sinnhaftigkeit von megateuren Antikenfestspielen diskutieren würde.
5. September 2010 (16:54 Uhr)
Es ist so schön zu lesen, wie sich Leute in Trier Kunst und Kultur auf die Fahnen schreiben und dieses auch jedes Jahr wieder neue größer und bunter übermalen und trotzdem kommt nichts bei rum. Vielleicht bin ich noch nicht lange genug in der Stadt aber die letzte 7 Jahre haben mir doch schon gezeigt, dass die Führungsriege im Rathaus genauso wie die kulturellen Veranstaltungen nur auf 50+ aus sind. Sorry, aber unser OB schmückt sich mit der großen Modenschau in der Arena, Mode ist und bleibt halt mal ein Aushängeschild aber für den Rest ist kein Geld da.
Ich bin auch ehrlich gesagt in Fremdscham versunken, als ich das Angebot der Designinc-Veranstaltung in der Tufa gesehen hab. Hier gab es wirklich Basteln und Malen für Fortgeschrittene und sehr gute aufstrebende Künstler aus Trier waren dort nicht vertreten, anstatt waren über die Hälfte aus anderen Städten. Ich frag mich manchmal echt, wer sich mit was in dieser Stadt auseinandersetzt. Vom zeitlichen Rahmen ist das so ca. 11 Monate Brot und Spiele, Antikenfestspiele mit überdimensionierten Budget und 1 Monat all die anderen schönen Dinge in dieser Stadt bloss dabei kann halt echt nicht viel rumkommen.
Kunst und Design hat absolut nicht mit Batiktüchern zu tun.
Sascha Timplan, Typograf , http://www.stereotypes.de