“Gegen die Armut der Phantasie”
Ein in jeder Hinsicht atmosphärisch dichter Auftritt gelang Corvus Corax am Donnerstagabend mit der Inszenierung von “Cantus Buranus” in den Kaiserthermen. 350 Gäste wurden in den Bann einer opulenten Vertonung der mittelalterlichen Liedersammlung “Codex Burana” gezogen, die schon Carl Orff als Grundlage seiner “Carmina Burana” diente. Der unverwechselbare Stil der Mittelalterband setzt jedoch deutlich andere und sehr überzeugende Akzente.
TRIER. Eine rauhe, tief kehlige Stimme breitet sich über den Abend aus, die bildgewaltigen Worte sickern in die Phantasie der Zuhörer, zeichnen Szenerien einer Zeit, in der die “Anarchie Krönungsmessen feiert”, der “Wahnsinn die Schwester der Vernunft” ist, der “Tod die Sehnsucht der Verlorenen und die Mörder die Hoffnung der Narren”. Eintauchen in das 13. Jahrhundert mit den Blicken jenes Teils der Bevölkerung, der unter selbstherrlichen Monarchen und inquisitorischem Klerus zu leiden hat.
Corvus Corax widmen sich in ihrem Selbstverständnis als Vaganten, fahrende Spielleute vor allem den satirischen, scharfzüngig anklagenden und frivol forschen Liedern des etwa 250 Texte umfassenden “Codex Burana” in ihrer Interpretation. Sie verleihen “Hoffnung, Sehnsucht, Verrat, Verlierern, Trauer, Mut der Schwachen” kraftvolle Stimmen, forciert durch ihren typischen, Raum nehmenden Klang aus Dudelsäcken, Trommeln und Flöten.
Schlagwerk in jeder Größe, aus aller Herren und Knechte Länder in bühnenfüllender Vielzahl, bespielt von dreien der sieben Spielleuten gibt über zwei Stunden einer durchkomponierten und choreographierten Darbietung ihren Rhythmus. Nicht stillos fulminant, sondern durchdacht in einem stetigen Spannungsbogen, der auch einmal verharrt und wieder leisere Töne anzuschlagen weiß. Den Hintergrund bilden Orchester und Chor, die auf der für diese Fülle an Instrumenten und Spielleuten viel zu kleinen Bühne der Kaiserthermen jedoch nur optisch in selbigen rücken, akustisch eine beeindruckende Präsenz besitzen.
Wer ein Konzert in der Manier Orffs erwartet hat und dementsprechend im operntauglichen Outfit erschienen ist, zählt zu der Handvoll Besucher, die alsbald das “Totenschiff des Glücks” verlassen. Manch ein ähnlich falsch Informierter bleibt hingegen neugierig in der Menge hier und da mittelalterlich oder schwarz Gewandeter. Und wird für seine kulturelle Offenheit belohnt. Kann sich wohlmöglich an den kunstvoll eigens kreierten Kostümen der Band für den nächsten Besuch noch Inspiration holen. Staunt aber sicherlich über die Virtuosität der vier stattlichen Herren, die nicht nur Dudelsack und Flöten, sondern auch allerlei anderen historischen Instrumenten berauschende Töne entlocken. So etwa einer großen Drehleiher, die von zwei Musikern bespielt werden muss, oder auch zwei riesigen Krummhörnern, deren Laute durch Mark und Bein gehen. Hinzu kommt die klare, voluminöse Stimme der Sopranistin Ingeborg Schöpf, die dem Werk zusätzliche Strahlkraft verleiht.
So hält es einen kaum auf dem Stuhl. Ungewohnt für eingefleischte Fans, bei einem Corvus-Corax-Konzert sitzen zu sollen, herrscht nach den ersten beiden Stücken denn auch noch ein wenig Unsicherheit, ob wohl geklatscht werden dürfe bei diesem Gesamtwerk. Aber nach dem ersten skandierten “Jubel!” eines beherzten Fans ist die Zurückhaltung passé. Zwar bleiben die meisten Zuschauer brav sitzen, der Beifall wird von Lied zu Lied jedoch lauter und mündet erwartungsgemäß in die Forderung einer stehenden Gemeinschaft nach freudig gewährten Zugaben.
Der Band ist es gelungen, eine neben Orffs Werk gleichwertige, weil eigenständige Interpretation zu setzen. Sie geht “gegen die Armut der Phantasie mit dem Akkord des Lasters” an, benebelt förmlich in synästhetischer Wucht alle Sinne, bleibt dabei jedoch jedem überzogenen Kitsch fern. Die Väter der musikalischen Mittelalterbewegung in Europa bleiben ihren Ursprüngen der Märkte und Kleinbühnen treu, ohne einen status quo zu festigen. Sie erfinden sich stets neu. Und bereichern die Szene damit immer wieder aufs Neue.
Wer hier, ob Fan oder Neuling, nicht anwesend war, hat eines jener seltenen Konzerte verpasst, die durch die gelungene Mischung aus Aufführungsort und Band das im Journalismus rar zu verwendende Wort “perfekt” verdient haben. 350 Zuschauer wussten dies mit “Jubel!” zu schätzen.
von Annika Hand




