“Wir haben gebrannt für Willy Brandt”
Mit einer Fest-Gala in der Europahalle hat die Trierer SPD am Freitagabend das 120-jährige Bestehen ihres Stadtverbands und den 90. Jahrestag ihres erstmaligen Einzugs in die Trierer Stadtverordnetenversammlung gefeiert. Musik- und Tanzeinlagen sowie eine Talkrunde mit Andrea Nahles und Kurt Beck sollten den rund 400 Gästen einen kurzweiligen Abend bescheren. Doch den Zuhörern dürfte vor allem der Auftritt des früheren Bundesvorsitzenden und SPD-Kanzlerkandidaten von 1983, Hans-Jochen Vogel, in Erinnerung bleiben. In einer bewegenden Rede bot der nicht nur eine Tour d’Horizon durch die Geschichte der Sozialdemokratie, sondern rührte auch einige Genossen zu Tränen.
TRIER. Die Fest-Gala hat noch nicht begonnen, da muss der Ehrengast schon seinen Blick abwenden. Auf einer großen Leinwand werden Momentanaufnahmen aus der Geschichte der Trierer SPD gezeigt. Plötzlich erscheint auch Oskar Lafontaine. Hans-Jochen Vogel dreht sich zur Seite, sein Blick lässt eine Mischung aus altersmildem Amüsement und altväterlichem Grausen erahnen. Vor zwei Jahrzehnten muteten sich die Beiden viel zu: hier der SPD-Bundesvorsitzende und Wiedervereinigungsbefürworter Vogel, da der Kanzlerkandidat aus dem Saarland, dem Paris immer näher war als Leipzig.
Es waren die Wochen, in denen sich die in den Wendemonaten neu formierte ostdeutsche Sozialdemokratie (SDP) mit den westdeutschen Genossen zusammenschloss. Nur zwei Tage nach dem Vereinigungsparteitag, am 29. September 1990, reiste Vogel an die Mosel. Dort stand der Festakt zum 100-jährigen Bestehen der Trierer SPD an, und Vogel trat als Festredner auf. Die zwei Jahrzehnte seither sind naturgemäß nicht spurlos vorüber gegangen an ihm, doch auch die Genossen der Moselstadt haben in den vergangenen 20 Jahren manch Höhen und Tiefen durchgemacht; während man auf Bundesebene noch halbwegs einträchtig “Seit’ an Seit”" schritt, kam es in Trier schon 1992 zum Bruch und zur Abspaltung von der SPD. Bei der Fest-Gala fehlten die Hauptprotagonisten der damaligen Ereignisse: Während mit Manfred Maximini ernsthaft wohl niemand gerechnet hatte, fiel das Fehlen des ehemaligen Landtagspräsidenten Christoph Grimm einigen auf.
Doch auch so war die örtliche SPD-Chefin Malu Dreyer schon einige Zeit damit beschäftigt, die Gäste namentlich zu begrüßen. Neben Vogel waren der SPD-Landeschef und ehemalige Bundesvorsitzende der Partei, Kurt Beck, sowie SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles gekommen. Nahles vermied in der von SPD-Ratsmitglied Markus Nöhl moderierten Talkrunde zum Auftakt der Fest-Gala jeden überraschenden oder zumindest originellen Gedanken. Die SPD-Generalsekretärin sprach sich für ein Verbot der NPD aus und berichtete, dass der “Name Willy Brandt uns bis heute weltweit Türen öffnet”. Kurt Beck nutzte die Gelegenheit, die eigene landespolitische Bilanz in bestem Licht erscheinen zu lassen und schon jetzt für die bevorstehende Landtagswahl zu trommeln. Der Ministerpräsident lobte auch die gegenwärtige innerparteiliche Diskussionskultur unter dem SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel.
Bewegende Worte, gerührte Genossen
Sowohl von seinem als auch von Nahles’ Auftritt dürfte den meisten Gala-Gästen eher wenig in Erinnerung bleiben, und so bedurfte es schon eines Hans-Jochen Vogel, um dem Anlass entsprechend die historische Dimension von 120 Jahren Trierer SPD aufzuzeigen. Vogel, der “große alte Mann der deutschen Sozialdemokratie” (O-Ton Malu Dreyer), erinnerte in bewegenden Worten an die stolze Tradition der ältesten Partei Deutschlands. Vorab lieferte der 84-Jährige aber ein paar selbstironische Einlangen. Er habe sich überlegt, ob es etwas zu bedeuten habe, dass er gleich nach der “Rocky Horror-Show” sprechen dürfe, meinte er in Anspielung auf eine Gesangseinlage von Michael Ophelders. Nachdem er an seinen Auftritt vor 20 Jahren erinnert hatte, kündigte Vogel schon mal vorsorglich an: “Zum 140. könnt’ ihr mit mir aber nicht mehr rechnen”.
Gleich darauf schlug der Ex-SPD-Chef ernstere Töne an. Vogel widmete sich zunächst der jüngeren Vergangenheit seiner Partei und attestierte seinem siebten Nachfolger im Parteivorsitz, Kurt Beck, in der für ihn so schwierigen Situation auf Bundesebene eine Haltung an den Tag gelegt zu haben, die ich “besonders respektiere”. Sodann machte sich Vogel auf den Weg durch fast 150 Jahre Geschichte deutscher Sozialdemokratie. Er erinnerte an die Verdienste von Männern wie Ferdinand Lassalle, August Bebel, Friedrich Ebert, Kurt Schumacher, Fritz Erler und Carlo Schmid. Doch ehrte Vogel auch Rosa Luxemburg, denn “ich werde nie vergessen, dass sie zu den ersten Kritikerinnen Lenins zählte”. Es betrübe ihn deshalb ein wenig, “dass wir Rosa Luxemburg immer den anderen überlassen haben”, bekannte Vogel.
Ausführlich ging der frühere Münchner OB, Bundesjustizminister und kurzzeitige Regierende Bürgermeister von Berlin auf das Godesberger Programm seiner Partei ein – an diesem habe schließlich der Trierer Jesuit und Nestor der Katholischen Soziallehre, Oswald von Nell-Breuning, intensiv mitgearbeitet. Gemeinsam mit seinem Bruder wurde Vogel 2009 der Oswald-von-Nell-Breuning-Preis der Stadt Trier verliehen; der Sozialdemokrat musste seine Teilnahme an dem Festakt damals aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen, am vergangenen Freitag nun ehrte die Stadt Vogel mit einem Empfang im Rathaus.
Edith Centner ausgezeichnet
Vogel schloss mit der “impulsiven Anmerkung eines alten Mannes”: Als er am 8. Mai 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft vom Ende des Krieges erfahren habe, da habe er nicht im Traum daran gedacht, dass auf diesen Horror mehr als sechs Jahrzehnte Frieden folgen könnten; dass der größte Teil Deutschlands schon nach wenigen Jahrzehnten komplett wieder aufgebaut sein würde; dass einer der Hauptgegner des Krieges, die USA, den Deutschen maßgeblich beim Wiederaufbau und dem Formen einer Demokratie helfen würden; oder dass mit Willy Brandt einmal ein deutscher Kanzler den Friedensnobelpreis erhalten würde. All das sei für ihn unvorstellbar gewesen, und hätte er derartiges geäußert, man hätte ihn wohl für verrückt erklärt, mutmaßt Vogel. Doch diese Bilanz sei nicht trotz oder gegen das Engagement von Parteien und Politikern erreichbar gewesen, sondern zu einem guten Teil auch das Ergebnis von Politik. Bei diesen Sätzen traten einigen Genossinnen Tränen in die Augen. Als Vogel seine Rede beendet hatte, erhoben sich die Zuhörer von ihren Plätzen und applaudierten stehend.
Wenig später kämpft auch Edith Centner mit den Tränen. Da hatte die Trierer SPD erstmals in ihrer Geschichte die Willy-Brandt-Medaille verliehen – an sie, die seit 41 Jahren in der Partei aktiv ist. Centners Stimme bebt als sie davon berichtet, was ihr der damalige Alt-Kanzler und SPD-Vorsitzende Willy Brandt 1975 in einem persönlichen Brief versichert habe: “Wir werden nie untergehen!” Der Mann sei ihr “Idol” gewesen, erzählt die 84-jährige, “wir haben gebrannt für Willy Brandt”, ruft sie in den Saal. Ob der amtierende Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel für seine Genossen auch als Idol taugt, ist noch nicht ausgemacht. Seine Video-Grußbotschaft erreichte die Trierer Genossen am Freitagabend jedenfalls nicht. Versagt hatte allerdings nicht Gabriel, sondern die Technik.
Zur Geschichte der Trierer SPD: “Wir wollen eine saubere Partei”
von Marcus Stölb





5. September 2010 (20:04 Uhr)
Mir macht dieser Bericht mal wieder deutlich: Marcus Stölb ist der Hofberichterstatter der Trierer SPD.
6. September 2010 (00:21 Uhr)
Dieser Bericht hat sachlichen Charakter – Hofberichterstattung liest sich anders.
Ohne Partei für eine Partei ergreifen zu wollen, aber die Geschichte der SPD ist schon beeindruckend.
6. September 2010 (10:01 Uhr)
@ Norbert Damm: Für die CDU hätte Herr Stölb sicher zu einem ähnlichen Anlass identisch geschrieben. Und das nicht anders, nicht kritischer und mindestens genauso ausführlich! Den Bericht empfinde ich als weitestgehend “neutral” und “angemessen” – Ihr Einschätzung teile ich daher überhaupt nicht. Ich denke, dies sehen 90 Prozent der Leserinnen und Leser so… auch Nichtsozialdemokraten.