“Die Grünen sind heute eine Feelgood-Partei”
Seit einigen Jahren engagiert sich Fabian Jellonnek im Multikulturellen Zentrum. Einer Kampagne für die sofortige Schließung des “Ausreisezentrums” widmet er einen Großteil seiner Freizeit. Dass für ihn eine Parteimitgliedschaft lange Zeit nicht infrage kam, räumt der 25-Jährige offen ein. Im Gespräch mit 16vor erklärt Fabian Jellonnek, weshalb die rot-grünen Jahre auf Bundesebene ihn davon abhielten, den Grünen beizutreten, und warum er schon jetzt keine Ämter mehr anstrebt. Als klassischen Nachwuchspolitiker will sich der gebürtige Münsteraner, der in Saarbrücken aufwuchs, nicht sehen. Im Gegenteil: Jellonnek, der an der Trierer Uni Politik, Soziologie und Ethnologie studiert, lockt mehr ein Leben für die Literatur denn für die Parteipolitik.
16vor: Herr Jellonnek, Sie sind schon seit einigen Jahren politisch engagiert, vor allem im Rahmen der Flüchtlingsarbeit im Multikulturellen Zentrum. Erst vor einem halben Jahr traten Sie den Grünen bei. Hatten Sie Hemmungen, sich auch parteipolitisch zu organisieren?
Fabian Jellonnek: Ja, auf jeden Fall. Grundsätzlich mache ich mich nicht so gerne mit Gruppen gemein, egal ob nun Parteien oder Verbände. Das dauert eine Weile, bis ich da warm werde.
16vor: Mit den Grünen scheinen Sie inzwischen warm geworden zu sein. Was gab denn den Ausschlag, dieser Partei beizutreten?
Jellonnek: In erster Linie, dass ich gesehen habe, dass sich bei den Trierer Grünen schon seit längerem Menschen für die Themen einsetzen, die auch mir wichtig sind. Beispielsweise die Schließung des “Ausreisezentrums” in der Dasbachstraße.
16vor: Wie erklären Sie sich eigentlich den anhaltenden demoskopischen Höhenflug der Grünen?
Jellonnek: Einerseits mit der Schwäche der Volksparteien. Andererseits: So wenig es mir gefällt, wie sich die Partei auf Bundesebene entwickelt hat, so scheint sie doch gerade junge Menschen, die sich wenig mit Politik befassen, anzusprechen; die finden die Partei sympathisch, weil ihnen die CDU vielleicht zu konservativ ist und sie mit den Traditionen der SPD nichts anfangen können. Die Grünen sind heute eine “Feel-good”-Partei, mit der sich viele Leute identifizieren, gerade weil sie kaum noch Reibungspunkte setzt.
16vor: Zu Zeiten der rot-grünen Bundesregierung hatte man bisweilen den Eindruck, Ihre Partei würde alles über Bord werfen um Schröder und Genossen zu gefallen. Halten Sie die Bilanz der Regierung Schröder/Fischer eigentlich für eine Empfehlung, die Grünen zu wählen?
Jellonnek: Auf keinen Fall! Die Bundesrepublik ist unter Fischer erstmals in einen Krieg eingestiegen. Bei den Grünen, aber auch bei der SPD wurden Ideale verraten. Aber auch das Verhalten der Koryphäen von Rot-Grün nach dem Ende der Regierung, die Jobs, die Schröder und Fischer übernommen haben – das war für mich eine Form von Korruption. Um aber mal etwas Positives zu sagen: Das Dosenpfand finde ich wirklich klasse, da habe ich schon das Gefühl, dass die Umwelt sauberer geworden ist.
16vor: Gemeinsam mit Mitstreitern haben Sie vor einigen Monaten eine neuerliche Kampagne für die sofortige Schließung des ‘Ausreisezentrums’ gestartet. Glauben Sie ernsthaft, dass diese Kampagne zu einem Erfolg führt?
Jellonnek: Ja! Ich bin zwar einer der wenigen, die an den Erfolg glauben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es das “Ausreisezentrum” nicht mehr lange geben wird.
16vor: Was macht Sie denn da so sicher?
Jellonnek: Aus Gesprächen mit den Betroffenen weiß ich, wie hoch die Frustration inzwischen ist. Die Leute haben keine Angst mehr, auch zu drastischen Maßnahmen zu greifen. Sie sagen sich, dass sie ohnehin nichts mehr zu verlieren haben und es für sie kaum schlimmer kommen kann.
16vor: Im März nächsten Jahres stehen Landtagswahlen an, die Grünen hoffen auf eine Regierungsbeteiligung. Halten Sie es für denkbar, dass in Sachen Ausreisezentrum schon deshalb vorher nichts geschieht, damit die SPD dieses Thema in die Verhandlungsmasse möglicher Koalitionsverhandlungen einbringen kann?
Jellonnek: Es ist so, dass alle Grünen, die auf vorderen Listenplätzen stehen, für eine Schließung der Einrichtung sind. Wenn die SPD also mit den Grünen eine Regierung bilden sollte, dann wird es das Zentrum nicht mehr geben. Aber inwiefern die SPD da strategisch vorgeht, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe eher das Gefühl, dass man das Thema nicht so ernst nimmt. Das ist den Leuten in Mainz eigentlich ziemlich egal. So oder so, die Schließung des Ausreisezentrums wäre immer ein Grund zum Feiern.
16vor: Wenn man Sie in Ihrer politischen Arbeit erlebt, hat es den Anschein, dass Ihnen eine Neigung zur Profilisierungssucht fehlt. Deshalb mal ein Versuch: Wenn Sie morgen für ein Amt zur Wahl stünden, warum sollte ich dann Fabian Jellonnek wählen?
Jellonnek: Ich werde für kein Amt zur Wahl stehen. Ämter sind mir schlichtweg nicht wichtig, und mir geht’s auch nicht darum, politische Macht zu bekommen. Ich will auch kein Politprofi werden. Ansonsten könnte man mich wählen, weil ich denke, dass ich ein ehrlicher Typ bin. Ich glaube auch, dass ich nicht so abgehoben bin wie das andere Jungpolitiker vielleicht sind.
16vor: Gibt es prägende Erlebnisse in Ihrem Leben, die auch mit ein Grund dafür sind, dass Sie sich politisch engagieren?
Jellonnek: Vor etwa 10 Jahren habe ich in Saarbrücken bei einem Projekt mitgemacht. Es ging darum, ein Jugendkneipenschiff zu bekommen. Wir hatten das Konzept und auch einen Investor, aber dann hat die Stadtverwaltung das Ganze abgelehnt. Da war ich erst einmal für ein paar Jahre bedient…
16vor: In Trier haben Sie sich dann aber doch wieder engagiert.
Jellonnek: Ja, meine heutige Ehefrau hat mich zum Mulitkultikulturellen Zentrum gebracht. Mir hat die Stimmung hier sehr gut gefallen, vor allem, dass ich früh Verantwortung übernehmen und mich ganz konkret einbringen konnte.
16vor: Dass für viele, wahrscheinlich die meisten jungen Menschen parteipolitisches Engagement undenkbar ist, ist hinlänglich bekannt. Was sagen Sie denen, warum sie sich dennoch einbringen sollen?
Jellonnek: Weil es Spaß machen kann! Ich fände es aber jetzt verlogen, wenn ich sagen würde, dass sich jeder engagieren sollte. Meine Erfahrung ist, dass man in so ein Engagement hineinschlittern muss. Und dann sollte das Umfeld auch stimmen.
16vor: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Jellonnek: In Hamburg! Jedenfalls nicht mehr in Trier. Ich möchte gerne Schriftsteller werden, mit meinem ersten Roman habe ich auch schon begonnen. Wie ich das Geld fürs Leben verdiene, wird sich zeigen.
In der Reihe Nachwuchs auf dem Vormarsch stellen wir Trierer Nachwuchspolitiker vor. Bereits erschienen: “Allzu empfindlich sollte man nicht sein” (Anna Gros, Jusos) und “Man muss auch mal über die Bande spielen”
von Marcus Stölb





8. September 2010 (16:32 Uhr)
Schön, dass es so einen unter den “Grünen” gibt.
8. September 2010 (17:31 Uhr)
oh, das dosenpfand haben wir aber nicht trittin zu verdanken sondern dem töpfer bzw. der unfähigkeit der getränkeindustrie auch nur minimalste quoten der selbstverpflichtung einzuhalten. aber dennoch: das dosenpfand zeigt auch, daß es manchmal sehr hilfreich – erfolgreich im sinne der ökologie – ist, “staats-dirigistisch” in den ach so freien markt einzugreifen. für den finanzmarkt müssen wir das ja anscheinend erst noch lernen…
noch ein paar worte zu der beschreibung als feel-good-partei: m.e. absolut den nagel auf den kopf getroffen. denn dies macht auch einen wichtigen unterschied zu den (sich links nennenden) parteien aus und macht insofern vielleicht aus den grünen eben eine mittlerweile oft behauptete bürgerliche partei. nicht wegen weltrevolution & pflicht, sondern aufgrund des eigenen, hedonistischen wohlgefühls wird von vielen bei den grünen politik gemacht (und gewählt). dazu noch ein schuß (deutsche) romantik ;-) mein paradebeispiel für diese these: prenzlauer berg.
9. September 2010 (17:45 Uhr)
sehr sympathisch!
10. September 2010 (01:11 Uhr)
@Robert und Norbert Damm:
Das sehe ich genauso!
Menschen die, nach so sorgfältiger Abwägung, “irgendwo” (einem Verein, einer Partei oder Initiative) beitreten und sich dennoch, oder gerade deswegen, ihr Recht nach kristischer Meinung nicht nehmen lassen, sind nicht immer bequem oder einfach, aber IMMER eine Bereicherung.
@Fabi: chapeau!
Thorsten Kretzer, Kreisvorstandssprecher von Bündnis 90/Die Grünen
12. Oktober 2010 (19:34 Uhr)
Tjoah…Supi!
Die Grünen haben sich meines Wissens nie vom Kosovo-Einsatz oder dem Einsatz in Afghanistan distanziert…
Eure Partei mag zwar gerade auf einer bürgerlich-alternativ-populistischen Welle mitschwingen (Stuttgart 21, Ausstieg vom Ausstieg etc.), jedoch bleibt sie eine “demokratische Partei” in unserem “schönen tollen demokratischen Deutschland”.
Wenn Wahlen was ändern würden, wären sie verboten!
Wenn B90/Die Grünen was ändern würden, wären sie auch verboten!
Farbbeutel für alle!!!
P.S.: Und selbst wenn die das Ausreisezentrum dichtmachen…in der nordafrikanischen Wüste gibt´s jetzt “Einreisezentren” (gefördert von der EU).