Denk ich an Deutschland…
Wie sehen Migranten Deutschland? Was ist dieses Deutschland überhaupt? Ist Nationalstolz angebracht? Zur Beantwortung solcher Fragen fand sich unter Leitung des Regie-Trios Martin Grünheit, Wanja van Suntum und Juliane Hahn vom “cobratheater.cobra” eine Gruppe von Laiendarstellern aus Trier zusammen – darunter Schüler der Kurfürst-Balduin-Hauptschule, Senioren, Studenten, Migranten und Asylbewerber. Gemeinsam schuf das Kollektiv mit “Deutschland. Ein Bilderbuch” eine sehenswerte Collage aus verschiedenen Sichtweisen zum Land der Dichter und Denker, die zu Diskussionen anregt. Am Freitagabend feierte die “TheaterUmriss”-Produktion Premiere in der Skatehalle Trier-West.
TRIER. In Thomas Bernhards Text “Ein eigenwilliger Autor” platziert sich ein Stückeschreiber vor der Premiere seines neuesten Werkes auf einem für das Publikum nicht sichtbaren Platz, nimmt sein Maschinengewehr in Anschlag und knallt nach Vorstellungsbeginn jeden Zuschauer ab, der seiner Meinung nach an der falschen Stelle gelacht hat. Am Ende sitzt im Publikum kein Lebender mehr, während sich das Schauspielensemble von der ungewöhnlichen Maßnahme nicht weiter stören lässt und routiniert seine Arbeit auf der Bühne verrichtet.
Auch bei “Deutschland. Ein Bilderbuch” bricht an denkbar unpassenden Stellen Gelächter aus, Widerspruch scheint sich in den saturierten Kulturkonsumenten selten zu regen. Das Publikum lässt sich – bei vollständigem Gewaltverzicht der Autoren – fast eineinhalb Stunden von dem berieseln, was da auf der Bühne zur Schau gestellt wird. In zahlreichen Schlaglichtern zeigt das Laien-Ensemble, wie es Deutschland sieht. Das geschieht mal offenkundig und mal unterschwellig, aber stets aus kritischer Perspektive und meist mit auffallender Lust an der Darstellung größtmöglicher Opposition – ob nun eine junge Frau kommentarlos den Brief eines Lehrers aus der Nazi-Gefangenschaft als Mahnung der Geschichte vorliest, oder eine ältere Dame emphatisch fordert, Deutschland endlich ausländerfrei zu machen.
Diese Gegensätze schlagen vollends durch, wenn jene Ausländer selbst die Bühne betreten. Manche berichten davon, wie ihnen Behörden, Mitmenschen und absurde soziale Normen das Leben bis zum Rand des Erträglichen erschweren. Eine polnische Migrantin erzählt hingegen voller Stolz und Identifikation, dass es vor allem die Kloses und Podolskis waren, die Deutschland während der Fußball-WM in eine schier endlose Partymeile verwandelten. Offensichtlicher hätte der erst kürzlich durch einen gewissen Thilo Sarrazin und dessen Steigbügelhalter von Bild und Spiegel offengelegte Unterschied zwischen nützlichen und nutzlosen Ausländern kaum verdeutlicht werden können. Rassismus ist also nicht einmal das große Problem der Deutschen, denn als Gefahr werden vielmehr alle Menschen gesehen, die auf Sozialleistungen angewiesen und damit aus ökonomischer Sicht nichts als schmarotzende Mitesser sind.
Genau hier liegt auch der Schwachpunkt des Stückes, denn diese recht simple Erkenntnis wird nicht eindeutig genug vermittelt. Stattdessen steht auf der einen Seite die exzessive Überzeichnung des Klischees vom typischen Deutschen als Sandalen-mit-Socken-tragendem, offen rassistischem Senior, in dessen eintönigem Leben der einzig akzeptable Migrationshintergrund Roberto Blancos Schlager “Ein bisschen Spaß muss sein” ist. Dem gegenüber finden sich sowohl junge, weltoffene Deutsche, die aus der Nazi-Vergangenheit gelernt haben, als auch bemitleidenswerte Migranten, die ihre tragische Lebensgeschichte erzählen und deren einziges Vergnügen darin besteht, sich in ihrem minderwertigem Job als “DJ Alligator” ein glitzerndes Outfit inklusive übergroßer Sonnenbrille zuzulegen, um den spießigen Deutschen nicht nur ihre lustigen Heile-Welt-Musikanten vorzuspielen, sondern sie gelegentlich auch mit den pornographischen Songs von Lady Bitch Ray zu schockieren.
Lächerliche Provokation am Set
Diese satirische Zuspitzung kann im Zuschauer durchaus den Eindruck erwecken, als bestünde der zentrale gesellschaftliche Konflikt hierzulande zwischen den modernen Jungen und den ewig gestrigen Alten oder wahlweise zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen. Die Tatsache, dass sich all die dargestellten Antagonismen im Wesentlichen auf den Gegensatz zwischen Arm und Reich zurückführen lassen, wird im Stück zwar sichtbar, dem Publikum aber eben nicht nachdrücklich ins Bewusstsein gehämmert. Keine Szene zeigt dies deutlicher als jene, in der ein als Hitler Maskierter erscheint und sich für seinen “Freund Safet hier mal umschauen” möchte – eine kleine Reminiszenz an die Probenzeit, in welcher die Trierer NPD als lächerliche Provokation am Set auftauchte. Als der Maskierte nämlich mit Pauken und Trompeten hinausgeprügelt wird, johlen weite Teile des Publikums drauflos und bestätigen damit den dramaturgischen Schwachpunkt des Bühnenwerkes.
An Kritik des politischen Tagesgeschäfts wird dagegen nicht gespart. Eine köstliche Persiflage etwa bildet die Sequenz, in der sich einer der Schauspieler eine Helmut-Kohl-Maske aufsetzt und mit einer der amtierenden Bundeskanzlerin (“Kohls Mädchen”) verdächtig ähnelnden Puppe in der Hand einen Asylbewerber des Landes verweist. Gleiches gilt für ein späteres Bild, wenn Marion Gräfin Dönhoff und Rosa Luxemburg in seltsamer Eintracht einen Hilfe suchenden Ausländer gewaltsam wegsperren. Das mit einer Couchgarnitur und karnevalesken Luftschlangen spartanisch dekorierte Bühnenbild lässt den Darstellern ausreichend Raum zur Entfaltung ihrer Rollen, die entsprechend authentisch wirken.
So wird deutlich, dass das Stück einen erstaunlich realen Blick auf jene Ressentiments enthält, die leider vor allem in den einkommensschwachen Gesellschaftsteilen immer wieder fröhliche Urständ feiern. Dem Schauspielkollektiv gebührt das Verdienst, dem Betrachter die Existenz längst überwunden geglaubter Aversionen gegen alles Fremde auf humorvolle Weise nahe zu bringen. Dabei – so eine Botschaft des Stückes – ist es die Verantwortung der hochgebildeten Zuschauer, diesen durch Politik und Medien manipulierten Menschen aktiv dabei zu helfen, sich des völlig falschen Feindbildes “Ausländer” zu entledigen, statt sich genüsslich über deren vermeintliche Dummheit zu amüsieren und in den Feuilletons lieber so zu tun, als sei der Traum von der multikulturellen Gesellschaft bereits verwirklicht.
Dazu passend fordert das Ensemble die Zuschauer am Ende auf, die Bühne zu betreten und gemeinsam zu Vicky Leandros’ “Ich liebe das Leben” zu tanzen. Nach der schweren Kost hat sich das Publikum schließlich ein bisschen Party verdient und kommt der Einladung gerne nach. Eine äußerst clevere Schlusspointe. Und natürlich viel besser, als gleich alle mit dem Maschinengewehr totzuschießen.
Weitere Aufführungen am Samstag und Sonntag, 2. und 3. Oktober, jeweils um 20 Uhr in der Skatehalle Trier-West (Aachener Straße 65). Der Eintritt kostet 12,00 Euro (ermäßigt 6,00 Euro).
von Christian Baron




26. September 2010 (02:40 Uhr)
“Als der Maskierte nämlich mit Pauken und Trompeten hinausgeprügelt wird, johlen weite Teile des Publikums drauflos und bestätigen damit den dramaturgischen Schwachpunkt des Bühnenwerkes.” verstehe ich nicht… Welcher Schwachpunkt soll in dieser Szene offenbar werden?
27. September 2010 (00:11 Uhr)
Low-Budget-Produktion mit Laiendarstellern und trotz kleiner Schwächen beachtlichem Niveau –>
Unbedingt ansehen!!!
29. September 2010 (12:59 Uhr)
Ich glaube an Mehrschichtigkeit und dass es verschiedene Lesarten dieses Stücks gibt. Der Zuschauer wird mehr in die Verantwortung genommen, sich sein eigenes Stück zu bauen, als dass es in sich stimmige Aussagen gäbe, wie hier dargestellt wird. Viel offenbarer an dieser Kritik wird das Denken, dass uns dogmatisch werden lässt, dass uns in Vorurteilen und Gutem Willen ersticken lässt. Ich habe das Stück viel mehr als ein Angebot an mich als Zuschauer gesehen, mir meinen Abend selbst zu bauen. Als einen Abend, der mich mit meinen Sichtweisen konfrontiert. Ich, der Zuschauer, bin die tragische Figur. Es gibt keine Eindeutigkeit, es gibt verschiedene Mitteilungen, die aber in ihrer Fülle keine Klare Formulieren, sodass diese Kritik mehr eine Unterstellung ist, als eine tatsächliche Kritik. Die einzige für mich zulässige Kritik an diesem STück wäre, die vielleicht ab und an auftauchende Eindeutigkeit.
Und das die Gutgebildeten die Anwälte der armen und schwachen sein solln, hab ich auch nicht gesehen. Vielleicht verlangt ein solches Stück vom Kritiker das Wort “Ich” oder die Forumlierung: “was ich gesehen habe”. Demnach finde ich nicht erstaunlich, dass das Stück einen “erstaunlich realen Blick” auf Deutschland gibt, weil es sowieso nur um die jeweils differente, individuelle Realität des Zuschauers geht, der für die Zeit der Aufführung, in der er zuschaut, ja nur Real sein kann.
Thomas Bernhardt als Klammer finde ich nicht interessant. Zumal die von ihm problematisierte Autorenschaft, in diesem Stück eine ganz andere ist.
13. Oktober 2010 (11:15 Uhr)
“Rassismus ist also nicht einmal das große Problem der Deutschen, denn als Gefahr werden vielmehr alle Menschen gesehen, die auf Sozialleistungen angewiesen und damit aus ökonomischer Sicht nichts als schmarotzende Mitesser sind.
Genau hier liegt auch der Schwachpunkt des Stückes, denn diese recht simple Erkenntnis wird nicht eindeutig genug vermittelt. ”
“So wird deutlich, dass das Stück einen erstaunlich realen Blick auf jene Ressentiments enthält, die leider vor allem in den einkommensschwachen Gesellschaftsteilen immer wieder fröhliche Urständ feiern.”
Die Thesen Ihrer Interpretation des Stückes sind laut aktueller Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung einfach falsch:
http://www.tagesschau.de/inland/studierechtsextremeeinstellungen100.html
“Decker betonte im Gespräch mit tagesschau.de, die Ergebnisse zeigten “eindeutig, dass rechtsextreme Einstellungen kein rein ostdeutsches Phänomen sind”, sondern seien vielmehr “in allen gesellschaftlichen Gruppen, in allen Altersgruppen zu finden – eben bis in die Mitte der Gesellschaft hinein”.”