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Frivoles in Pink und Türkis

Guiseppe Verdis Oper “Macbeth” feierte am Sonntagabend Premiere im Großen Haus des Trierer Theaters, zumindest aus musikalischer Sicht gesehen. Die Inszenierung von Gerhard Weber gab wahrlich keinen Anlass zum Jubel, bewegte sie sich doch über extrem weite Strecken unter der Gürtellinie in einer amourösen Halbwelt lasziv-frivoler Männerphantasien.

TRIER. Verdis Opernklassiker ist sicherlich nicht prädestiniert, als opulente Ausstattungsoper mit großen Bildern für kurzweiligen Operngenuss zu sorgen. Hier wie in Shakespeares Vorlage ist der Blick ein ganz und gar nach Innen gerichteter – einer, der psychologische Verhaltensmuster und -konstellationen aufdeckt und hinterfragt, und letztlich menschliches Handeln unter dem Aspekt der Moral wertet. Doch am Ende steht nicht der erhobene Zeigefinger, der genau zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden vermag. Folglich gibt es auch kein Happy End, keinen wirklichen Helden, der die Welt mal wieder in letzter Minute gerettet hat.

Für Gerhard Weber ist Macbeth eine politische Parabel, sind Figuren wie Macbeth, Duncan oder dessen Sohn Malcolm Herrscher, die sich in der “Grauzone zwischen Miliz, Volkstribun und Militärherrschaft bewegen”. Dass man den Handlungsort nach Südamerika verlegt, weil diese Konstellation bis heute dort noch häufig zu beobachten sei, mag ja noch angehen. Dann aber steht in dicken, fetten Lettern im Programmheft zu lesen: “Verdi begleitet die Mordlust seines Ehepaares mit fröhlicher Musik!” Also rückten für ihn südliche Gefilde wie von selbst ins Blickfeld. Spätestens bei dieser Aussage des Intendanten darf man aber seine Zweifel anmelden, darf man, ja, muss man an der Fähigkeit seines musikalischen Hörens zu zweifeln beginnen.

Die Folgen für die Trierer Inszenierung sind eklatant. Südländisches Temperament, oder was sich der Mitteleuropäer darunter gemeinhin so vorstellt, und schwül-tropische Hitze generieren in der Deutung des Regisseurs eine schon fast mit Penetranz daherkommende Szenerie lasziv-frivoler Anbiederung. Leicht bekleidete Mädchen in Pink und ein Gespiele im knappen Türkis-Trikot bilden etwa den Rahmen für eine unentwegt im Genitalbereich hantierende Lady Macbeth. Die Frau als die große Verführerin einer simpel gestrickten Männer-Klientel – der Apfel lässt mal wieder grüßen.

Als Kontrast dann die in unschuldiges Weiß gekleideten Volksmassen, die in entlegenen Winkeln des Gehirns Assoziationen an Befreiungsaufstände und Widerstandskämpfe aufkommen lassen sollen. Und wenn dem Regisseur dann nichts mehr einfällt, erscheinen Macbeth in seinen Träumen Jedi-Ritter und sonstige absonderlich deformierte Figuren aus den entlegensten Galaxien des Sternensystems.

Mit seiner Inszenierung hat Gerhard Weber provoziert. Provoziert, weil das Trierer Publikum sicherlich zu Recht mehr von seinem Intendanten erwarten darf als solch nichtssagende Banalitäten, mit denen er eine Oper wie Verdis “Macbeth” ausstaffiert. Provoziert hat er einmal mehr, weil man sich fragen muss, ob solch niederschwelliges “Theater” im Blick auf die Zukunft überhaupt noch eine Daseinsberechtigung hat.

So wie in der Oper am Ende die übelsten Schurken alle tot sind, so kann man an diesem Abend konstatieren: Die Oper ist tot, es lebe die Musik! Welch suggestive Kraft die Musik dieser Oper hat, dass hat Victor Puhl vorbildlich mit seinen Musikern des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier herausgearbeitet. Entgegen der Behauptung des Intendanten begleitet Verdi das Geschehen eben nicht mit fröhlicher Musik. Vielmehr deutet er das Geschehen mit seiner Musik, und diese ist folglich überlagert von dunklen Schatten.

Die beiden Opernchöre aus Metz und Trier, einstudiert von Jean-Pierre Aniorte und Angela Händel, bieten stimmlich opulente Fülle, zeigen besonders im Piano klanglich ausgefeilte Gesangskultur. Hingegen im Forte preschen die hohen Stimmen forciert vor und erzeugen eine schwirrende Vibrato-Gemengelage.

László Lukács Bariton ist nicht gerade geschmeidig, und seine Aussprache des Italienischen hat die Eleganz einer holprigen Schotterpiste. Dennoch gelingt seinem Macbeth zeitweise die überzeugende Darstellung einer durch und durch zerrissenen Persönlichkeit. Vera Wenkert als Lady Macbeth vermag mit ihrem scharf-schneidenden Sopran sicherlich nicht die gesamte Männerwelt zu betören. Bei ihrem Macbeth indes schafft sie es mühelos, zumal sich beide auch als Duo bestens verstehen. Mit tenoralem Schmelz sang sich Svetislaw Stojangovic als Macduff geradewegs in die Herzen des Publikums und ließ dem auf distanziert-klare Tongebung bedachten Peter Koppelmann alias Malcolm nur als politischer Nachfolger Macbeths den Vortritt.

Am Ende urteilte das Publikum sehr gerecht. Der Applaus für Musiker und Darsteller war freundlich, jedoch nicht wirklich überschwänglich, mit feinen dynamischen Abstufungen die jeweiligen Leistungen der Ausführenden würdigend. Lautstarke Buh-Rufe hingegen eskortierten das Erscheinen von Gerhard Weber auf der Bühne.

Weitere Aufführungen im Oktober: Heute, 20 Uhr; Freitag, 20 Uhr; Sonntag, 17. Oktober, 16 Uhr; Sonntag, 24. Oktober, 19.30 Uhr und Samstag, 30. Oktober, 19.30 Uhr jeweils im Großen Haus. Zudem wird die Oper noch drei Mal in Metz aufgeführt: Freitag, 8. Oktober, 20.30 Uhr; Sonntag, 10. Oktober, 15 Uhr und Dienstag, 12. Oktober, 20.30 Uhr.

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4 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. KB schreibt:

    Eine Rezension, die den Finger an die wunden Stellen legt und mit unbestechlicher Sachkompetenz die richtigen Fragen stellt, geschrieben vom aktuell fähigsten Opernrezensenten weit und breit. Klasse!

  2. Rainer Hülsmann schreibt:

    Der Intendant ist tapfer und zu loben, wenn er eine Inszenierung wagt, die sich auf die Moderne bezieht. Es ist nämlich kein großes Kunststück, die alten Stehtheaterinszenierungen zu wiederholen. Dass in einer Kritik eine sinnliche Inszenierung “eher sinnfrei” genannt wird, was in anderen Stücken, wie z.B. Samson und Dalila hochgelobt wurde, wirkt befremdlich. Schade, dass die phantastischen Kostüme keine Erwähnung finden, und dass der hochdramatische Sopran von Vera Wenkert nicht fachmännisch eingeschätzt wurde: endlich konnte man nämlich in Trier große Oper spielen und ideal besetzen! Zumal Dirigent und Orchester große Oper orchestral begeisternd bedienen!
    Rainer Hülsmann, Trier

  3. miristdieFarbeNICHTegal! schreibt:

    @Rainer Hülsmann:
    Das ist ja wohl nicht Ihr ernst!!!
    Tapfer und zu Loben? Die Inszenierung war darauf ausgelegt zu provozieren und war dabei handwerklich SO dermaßen schlecht, dass es schlicht gelangweilt hat. Modern wäre es gewesen, vielleicht mal was anderes als Aggropop zu inszenieren.
    MIt der Programmaussauge, das Stück sei LUSTIG hat Weber so DERMASSEN daneben gehauen, dass es wehtut.
    Und dass Sie Vera WEkert so empfunden haben kann nur daran liegen, dass Sie wahrscheinlich die Einspringerin in der zweiten Vorstellung gehört haben, denn an dieser Frau ist leider NICHTS hochdramatisch.
    Trier besetzt seit Jahren niemand anderen im Hochdramatischen Fach als Wenkert – und deshalb hat niemand einen Klangeindruck, wie es wirklich klingen könnte.
    Falls es Ihnen nicht aufgefallen ist: von den Spitzentönen in den drei Arien und in den Ensembles war nicht EINER intonationsmßig auch nur in der NÄHE des geschriebenen.
    Mein Tipp: Nehmen Sie sich eine Partitur, hören Sie eine Aufnahme durch (tipp: Callas live!) und dann gehen Sie sich das Desaster nochmal anhören und Sie stellen fest: Upps, da stimmt ja gar nichts.
    Und schauspielerisch müssen wir über die zwanghaften BEwegungen gar nicht sprechen.
    Solche Meinungen lösen bei mir mittlerweile nur noch Entsetzen aus – weil das auch kein subjektives Empfinden mehr ist, sondern schieres Missverständnisse. WÄRE Wenkert hochdramatisch, würde sie an großen Häusern singen, denn diese Stimmen sind selten und ÄUSSERST gesucht!

  4. Alex Corralejo schreibt:

    Das einzige Hochdramatische an Frau Wenkerts Stimme ist, daß sie nicht singen kann.Das hohe c im Rezitativ der Auftrittsarie kam nicht, der Koloraturabstieg davon war ein Glissando.Überhaupt wurden Töne fortgelassen, das hohe des am Schluß der Nachtwandelszene ist ein ungelöstes Problem – und überhaupt die Intonation….. – umso befremdlicher, daß die Musik – und Gehörbildung in Trier hier wohl nicht stattgefunden hat.

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