Die große Stille

Nach dem inszenatorischen Desaster von Verdis “Macbeth” zog mit Leonard Bernsteins “Trouble in Tahiti” ein Silberstreif am Trierer Opernhimmel auf. Wie überzeugend, wie aktuell Oper heute sein kann, wenn Inszenierung und Musik absolut kohärent sind, das demonstrierte Benedikt Borrmann mit seiner Sicht einer im Scheitern begriffenen Paarbeziehung.

TRIER. Die Geschichte, die Bernstein hier erzählt, ist so alltäglich, dass sie beinahe schon zu banal ist, um als Stoff für einen – wenn auch mit etwa 45 Minuten rechten knappen – Opernabend herzuhalten. Und doch gelingt ihm ein zutiefst packendes Psychogramm zweier Menschen, die sich hinter der gutbürgerlichen Fassade ihres Vorstadthäuschens insgeheim nach der Zeit zurücksehnen, als sie noch glücklich miteinander waren. Doch nun ist schon beim Frühstück Streit angesagt. Man versucht sich aus dem Weg zu gehen. Sam, tagsüber ein erfolgreicher Geschäftsmann, steht abends seinen Mann im Boxring; Dinah, Hausfrau und Mutter, flüchtet sich in Psychiater- und Kinobesuche. Bei einem Abendessen wollen beide über ihre Eheprobleme sprechen, doch der morgendliche Streit hat längst die Stufe des Schweigen erklommen. Um die schier unerträgliche Stille des Miteinander erträglich zu machen, schlägt Sam vor, gemeinsam ins Kino zu gehen, in “Trouble in Tahiti”. Dinah, die den Film schon gesehen hat und ihn einfach nur fürchterlich findet, stimmt trotzdem zu. Statt klärender Worte verschließen beide die Augen vor ihren wahren Sorgen.

Benedikt Borrmann hat sich in seiner Inszenierung auf das Wesentliche konzentriert. Wenn Bernstein selbst im Vor- und Zwischenspiel der siebenteiligen Handlung mit reichlich Augenzwinkern etwa das Klischee vermeintlicher Vorstadtidylle kolportiert, so meidet Borrmann weitgehend die abgedroschenen Klischeebilder des Amerikas der 1950er Jahre. Wenn überhaupt, kommentiert er das Geschehen eher dezent und im Hintergrund – etwa die unvermeidliche Hornbrille samt zu großer Strickweste des Psychiaters (Kostüme: Carola Vollath). Damit schafft er Raum für Darsteller und für die Musik.

Und genau hier spielt sich dann auch das eigentliche Drama ab. Claudia-Denise Beck singt mit großer Intensität, verleiht der Figur der Dinah eine unsagbare Ausdrucksstärke. Ohne jede Affektiertheit, ohne überzogenes Pathos gibt sie der Dinah jene Schlichtheit, die diese Rolle so hautnah erlebbar, so ungemein glaubwürdig macht. Ihr zur Seite steht mit Carlos Aguirre ein stimmlich überzeugender Sam, dessen mitunter statuarische Gestik seinem Rollenspiel etwas im Wege steht. Dennoch weiß er mit nuancierter Stimmführung seiner Partie ein breites Spektrum an Stimmungen zu verleihen.

Mit Joana Caspar (Girl), Thomas Kießling (Boy 1) und Carsten Emmerich (Boy 2) steht den beiden Hauptakteuren ein mit unaufdringlichen Tonfall das Geschehen vorantreibendes Trio zur Seite, das mit sichtlicher Spielfreude die Handlung begleitet. Genau dies tut auch die Musik von Bernstein. Anders etwa als Verdis “Macbeth” ist sie weniger psychologisch deutend, als vielmehr beschreibend, kommentierend. Bernsteins Musik ist wohl der bis heute gelungenste Spagat zwischen den Stilen, ein exzellenter Mix aus perkussiver Rhythmik, kombiniert mit harmonisch-melodischen Anleihen aus Jazz und Klassik, ein Mix aus jugendlicher Wildheit und geordneter Konventionalität, die sich ohne Scheu auch mal in gefühlsbetonten Kantilenen verlieren kann. Gerade dies wiederum gibt der Musik eine gewisse Zeitlosigkeit, macht “Trouble in Tahiti” zeitlos aktuell.

Unter der souveränen Leitung von Dirk Erdelkamp musizieren die Mitglieder des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier in ungewohnter Formation. Die sparsame Instrumentation war auch hier eine Konzentration auf das Wesentliche. Neben vorbildlichem Ensemblespiel gab die Partitur dabei immer wieder Raum für solistisches Hervortreten. Besonders eindringlich gelang Dirk Erdelkamp und seinen Musikern die abschließende Szene: In einem letzten Versuch, ihre Beziehungsprobleme offen anzusprechen, verdichtet sich die Musik zu höchster Intensität, bevor jegliche Illusion hin zu einer glücklichen Wendung in einer Generalpause erstickt wird. Diese schmerzvolle Stille aber, diese unweigerliche Kapitulation voreinander im Nicht-Sprechen ist in eben diesem Moment wahrhaft zum Greifen nahe.

Ein wenn auch kurzer, so doch großer Opernabend für Trier.

Weitere Termine im Forum (Hindenburgstraße): Dienstag, 19. Oktober; Freitag, 22. Oktober; Dienstag, 23. November; Samstag, 27. November; Sonntag, 28. November; Freitag, 17. Dezember; Samstag, 18. Dezember, und Dienstag, 28. Dezember, jeweils um 20 Uhr.

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