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“Ich höre wenig Rockmusik”

Dap, dap, daaa, dap dap dadaaa. Dap, dap, daaa dapda – Deep Purples “Smoke on the Water”, dessen Intro hier nur sehr laienhaft wiedergegeben wurde, ist neben “Stairway to Heaven” von Led Zeppelin der weltweit wohl berühmteste Rocksong. Seit über 40 Jahren lässt die englische Band es auf der Bühne krachen – heute noch mehr als damals, wie der Bassist Roger Glover im Interview mit 16vor erzählt. In Trier kann man sich davon am 13. November überzeugen. Dann treten Deep Purple in der Arena als Hauptact vor Marillion auf.

16vor: Auf Ihrer Homepage geben Sie Musiker und Bands an, die Sie jährlich ab Ihrem neunten Lebensjahr gehört haben. Sie wollen mir nicht erzählen, dass Sie sich an alle erinnern können?

Roger Glover: Doch, an sehr viele. Denn es gab bestimmte Songs, die mein Leben veränderten. Sie sind in meinem Blut. Wenn man aufwächst, sind das Einflüsse, die einem zu dem machen, was man ist.

16vor: Haben Sie diese Stücke im Radio gehört oder auf Platten?

Glover: Als Kind hatte ich keine Platten. Die erste Platte, die ich gekauft bekam, war von Lonnie Donegan. Später habe ich mir dann selbst Platten gekauft. Bis zu den frühen 80ern war es eine Lieblingsbeschäftigung von mir, mich nach Ende einer Tour damit zu belohnen, dass ich in einen Plattenladen ging und mir sechs, sieben Alben kaufte. Am Ende dieser Phase hat mich die Musik aber immer weniger beeindruckt. Sie wurde vorhersehbar und Disco-Musik kam auf. Das hat für mich alles zerstört.

16vor: Was hören Sie zur Zeit gerne?

Glover: Absolut alles. Ich bin vor allem Songwriter und deshalb daran interessiert, wie Leute Stücke schreiben. Ich mag Songs, die mich überraschen, die mich anregen und die ich nicht selbst hätte schreiben können.

16vor: Wann war das zuletzt passiert, dass Sie ein Stück überrascht hat?

Glover: Das passiert täglich. Wenn ich am Computer sitze, höre ich Internetradio. Es gibt verschiedene gute Sender, aber am häufigsten läuft bei mir Radio Paradise. Um ehrlich zu sein, höre ich wenig Rockmusik. Das geschieht entweder zufällig oder ich lege Jimi Hendrix auf. Oder Cream. Ich mag natürlich ein paar Sachen, die Teil meines Lebens sind. Es gibt auch aktuell einige gute Sachen, ich kann mir nur nicht immer die Namen merken. Da gibt es zum Beispiel eine Band namens Elbow. Die schreiben fantastische, ungewöhnliche Stücke, und die Stimme des Sängers ist großartig. Ich höre zudem viele Avantgarde-Sachen, afrikanische Musik, und ich liebe indische und türkische Musik.

16vor: Was geschieht, wenn Sie “Smoke on the Water” im Radio hören? Wechseln Sie den Sender oder können Sie das noch genießen?

Glover: Ich drehe die Lautstärke hoch. “Hey, das bin ich im Radio.” Dieser Kick ist immer noch da.

16vor: Wie würden Sie die Unterschiede zwischen Tourneen früher und heute beschreiben? Wenn es denn Unterschiede gibt?

Glover: Der Hauptunterschied liegt in der Logistik. Früher sind wir nicht sehr komfortabel gereist und die Hotels waren nicht so toll. Außerdem waren die Auftritte verrückter. Die Band war ungebunden, musikalisch ungebunden. Wenn man das ist, muss man mehr wie ein Jazz-Musiker als wie ein Rock-Musiker sein. So lässt sich für mich Deep Purple zusammenfassen. Es ist mehr wie Rock-Jazz, denn es war so schwer zu sagen, was als nächstes passieren wird.

Es war auch alles sehr unbeständig. Wir waren jung und hatten viel Energie. Jetzt sind wir alt und haben merkwürdigerweise noch mehr Energie. Früher stand ich immer still, wenn ich spielte. Heute nicht mehr.

Wenn man jünger ist, will man zudem stets Coolness ausstrahlen. Wenn man älter wird, kümmert das einen nicht mehr so sehr. Man denkt nicht mehr so viel daran, was andere über einen denken.

16vor: Hat sich das Groupie-Aufkommen geändert?

Glover: Groupies sind größtenteils verschwunden. Zumindest da, wo ich bin. Die Groupie- und die Party-Szene war in den 70ern. Das Alter ändert alles.

16vor: Wann haben Sie das letzte Mal Ritchie Blackmore getroffen?

Glover: Ungefähr sechs Wochen, nachdem er die Band verlassen hatte (Anm. d. Red.: 1993). Ich habe ihn in einer Bar in New York getroffen, wir tranken zusammen etwas und plauderten ein bisschen. Nach einer halben Stunde musste er gehen, und ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen.

16vor: Wie war Ihr Verhältnis zu Blackmore? Ian Gillan wurde zweimal von ihm aus der Band geschmissen, weil es Konflikte gab.

Glover: Es heißt immer, dass die Auseinandersetzungen nur zwischen ihm und Ian Gillan stattgefunden hätten. Natürlich gab es da einige, aber im Grunde ist es Ritchie gegen den Rest der Welt. Dennoch ist er der größte Gitarrist, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Ich bin voller Bewunderung für ihn als Gitarrist.

16vor: Gab es Versuche seit der Trennung, ihn wieder aufzunehmen?

Glover: Warum sollten wir? Er hätte die Band fast zerstört. Nach “Perfect Strangers” ging es zehn Jahre bergab. Die Band hatte viel an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Als Ritchie ging, tat er uns damit den größten Gefallen. Wir haben uns neu formiert und fanden Steve Morse. Ich habe nichts gegen Ritchie. Ich bin glücklich, wenn er glücklich ist.

16vor: Als im Mai Ihr fast gleichaltriger Freund und Kollege Ronnie James Dio starb, dachten Sie dann an Ihre eigene Vergänglichkeit? Hatte sein Tod Einfluss auf Ihr Leben?

Glover: Nein. Jeder denkt zwar irgendwann an seine Sterblichkeit, aber Ronnies Tod hat dies nicht verstärkt. Ich bin jetzt 64. Man kommt so langsam in ein Alter, wo es mehr Beerdigungen als Hochzeiten gibt. Aber so ist das Leben.

Ich bin natürlich unglaublich traurig. Ronnie war einer der einflussreichsten Menschen in meinem Leben. Ich habe ihn mehr oder weniger bei “Elf” entdeckt. Er war in dieser kleinen Band und der beste Sänger, den ich bis dahin gehört hatte. Ich wollte unbedingt mit ihm zusammenarbeiten und habe schließlich auch drei Alben von “Elf” produziert. Er war eine Inspiration für mich. Ich vermisse ihn sehr.

16vor: Vor fünf Jahren hat Deep Purple das letzte Studio-Album veröffentlicht. Ist ein neues in Planung?

Glover: Ja, das nächste erscheint in ungefähr 24 Jahren (lacht). Ich weiß nicht. Wir haben zwar darüber gesprochen, aber es ist nicht mehr das gleiche wie früher. Früher musste man Alben veröffentlichen. Man war vertraglich gebunden und die Tour basierte auf dem Album. Aber das waren die 70er. Es ist jetzt eine andere Welt. Platten bringen im Allgemeinen kein Geld mehr. Es sei denn, man ist in den Charts, wo Deep Purple schon seit Jahrzehnten nicht mehr war. Wir sind keine Pop-Band, keine Single-Band, keine Fernseh-Band und keine radiofreundliche Band – wir sind eine Live-Band. Wir verkaufen zwar einige Platten, aber damit holt man kein Geld rein. Der Antrieb, ein Album zu machen, ist nicht da, wenn du auf Tour bist. Und wir sind seit fünf Jahren fast ununterbrochen unterwegs.

Vom Künstlerischen her liebe ich es Platten zu machen. Ich liebe es, ins Studion zu gehen, ich liebe es, Songs zu schreiben. Ich würde das jährlich tun, wenn ich könnte. Aber wir bekommen das sicherlich noch hin. Ich weiß, dass es noch mindestens ein Album geben wird. Falls nicht, dann sechs weitere.

16vor: 1965 platzte Ihnen bei Ihrem ersten Deutschlandaufenthalt der Blinddarm und Sie mussten hier ein paar Wochen im Krankenhaus verbringen. Was war seitdem das bemerkenswerteste Ereignis für Sie in Deutschland?

Glover: Seitdem (lacht)? Einer der ersten Krawalle, die wir hatten, war in Lüdenscheid Anfang der 70er. Ritchie war krank und musste nach England zurückkehren. Es war zur spät, den Auftritt abzusagen, und wir sagten uns, dass wir das durchziehen würden. Wir vier spielten also das Konzert so gut es ging, doch das Publikum drehte durch. Es stürmte die Bühne, zerstörte das Equipment und wir mussten durch das Garberobenfenster fliehen. Ich weiß nicht, was sie mit uns getan hätten, wenn sie uns gefunden hätten. Es war ziemlich beängstigend. Wir mussten zwei oder drei Konzerte absagen, weil wir neues Equipment brauchten. Das war schon ein Erlebnis. Seitdem hatten wir einige Ausschreitungen. Vier oder fünf richtig ernste (lacht). Aber die ersten Randale gab es in Lüdenscheid.

16vor: Ich drücke die Daumen, dass dies nicht mehr passiert.

Glover: Ich hoffe nicht.

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