Letzter Vorhang für die Festspiele
Die Trierer Antikenfestspiele stehen offenbar endgültig vor dem Aus. Zwar wird der Kulturausschuss am Donnerstagabend in nichtöffentlicher Sitzung eine Vorlage beraten, die ein abgespecktes Konzept und eine Verlegung der Spielstätte vom Amphitheater in die Kaiserthermen vorsieht, doch verzichtet die Verwaltung nach Informationen von 16vor ausdrücklich auf eine Empfehlung, das Festival fortzuführen. Aus den Reihen von CDU, SPD und FDP ist deutliche Skepsis zu vernehmen, derweil FWG-Chef Hermann Kleber schon jetzt klare Worte für die von Intendant Gerhard Weber vorgelegten Ideen für 2011 findet: Hierbei handele es sich um eine “überwiegend hausbackene Sparversion, die den Ansprüchen der Neukonzeption von 2009 nicht mehr genügt”.
TRIER. Mehrere Seiten umfasst die Vorlage, die der Kulturausschuss hinter verschlossenen Türen beraten wird. Der vielleicht bemerkenswerteste Satz findet sich am Ende des Textes: “Die Verwaltung kann hierzu nicht raten”, heißt es dort – was, je nach Lesart, eigentlich nur bedeuten kann, dass der Stadtvorstand von einer Fortführung der Festspiele abrät oder eine Neuauflage des Festivals zumindest nicht mehr empfiehlt. Tatsächlich heißt es in dem Papier auch, dass der Stadtrat sich darüber klar werden müsse, ob Trier weiterhin jedes Jahr sechsstellige Summen in das Projekt investieren wolle.
Einiges spricht inzwischen dafür, dass das Schicksal der Antikenfestspiele, die 1998 vom damaligen Theaterintendanten Heinz Lukas-Kindermann ambitioniert gestartet wurden, nun endgültig besiegelt ist. Nach 16vor-Informationen ist für Freitag ein Pressegespräch geplant. Zuvor will sich der zuständige Wirtschafts- und Kulturdezernent Thomas Egger nicht zum Stand der Dinge äußern. Der Freidemokrat möchte nicht der Diskussion im Ausschuss vorgreifen.
Für Diskussionsstoff dürfte in jedem Fall gesorgt sein, denn obschon es nach der diesjährigen Auflage aufgrund der schwachen Besucherresonanz erhebliche Zweifel an der weiteren Zukunft der Festspiele gab, hatte die Verwaltung Intendant Gerhard Weber damit beauftragt, ein Konzept für 2011 auszuarbeiten. Das liegt nun vor und erfüllt nur bedingt das künstlerische Konzept, das in diesem Jahr erstmals erprobt wurde und für das Weber noch vor zwei Monaten mit Verve geworben hatte: “Ich plädiere eindringlich dafür, die Festspiele in dieser Form weiterzuführen”, appellierte der Intendant.
“Hausbackene Sparversion”
Nun sehen seine Pläne für 2011 nicht nur eine Verlegung der Spielstätte vom Amphitheater in die Kaiserthermen vor, sondern auch eine Oper, die es in punkto Bekanntheitsgrad zwar nicht mit Werken wie Verdis Nabucco oder Aida aufnehmen kann, sich aber auch schwerlich unter dem Label “Wiederentdeckte Meisterwerke” aufführen lassen dürfte: Mozarts “Titus”. Eine Inszenierung der wenig bekannten Oper feierte erst vor wenigen Tagen Premiere im Berliner Bode-Museum, im vergangenen Jahr stand sie auf dem Programm des Heidelberger Theaters – als barrierefreie Höroper, speziell für Blinde und Sehbehinderte. 2006 wurde “La Clemenza di Tito”, wie der Titel des Werks vollständig lautet, im Frankfurter Opernhaus aufgeführt, 2003 stand Mozarts letzte Oper auf dem Programm der Salzburger Festspiele, im vergangenen Jahr war sie im Theater Bielfeld zu sehen. “La Clemenza di Tito, Mozarts Oper über das Verzeihen, haben viele ihm nie verziehen”, schreibt ZEIT-Feuilletonist Thomas Assheuer in einem Beitrag über das “politische Stück über die Macht der Ohnmacht”. Wie schon in diesem Jahr will Weber zudem auch 2011 wieder ein Gastspiel einkaufen: Jean Racines klassisches Liebesdrama “Phädra”, das noch bis zum Silvesterabend auf dem Spielplan der Frankfurter Kammerspiele steht.
Ob “Titus” und “Phädra” tatsächlich in Trier zur Aufführung gelangen, scheint indes mehr als fraglich. Denn auch wenn die meisten Fraktionen Webers Konzept noch beraten und eventuell erst kommende Woche über ihre abschließende Haltung entscheiden werden, verdichten sich die Stimmen aus den Reihen des Rats, die von einer Fortführung der Festspiele abraten. “Die CDU-Stadtratsfraktion hat sich stets zu den Antikenfestspielen bekannt, da wir sie als wichtiges Aushängeschild der Trierer Kulturszene betrachten”, erklärt beispielsweise Bertrand Adams, um dann zu ergänzen: “Doch wir waren angesichts der seit Jahren beträchtlichen Haushaltsdefizite auch immer kritische Begleiter der kostspieligen Veranstaltung”. Die Strategie “künstlerisch höchst anspruchsvoller Nischenproduktionen” sei “offenkundig gescheitert”, gibt der Unionsmann zu bedenken. Bei der Auswahl der Opern und Schauspiele solle deshalb nicht mehr an ein “internationales Nischenpublikum, sondern an das regionale Publikum” gedacht werden. Da Webers Konzeption für 2011 kein allzu gefälliges Massenprogramm vorsieht, werden die Christdemokraten der Vorlage wohl kaum zustimmen können.
In der SPD herrsche “große Skepsis”, ließ Fraktionschef Sven Teuber am Mittwoch gegenüber 16vor wissen. Eine “abschließende Meinung” sei aber erst nach Kenntnis “aller Fakten der neuen Vorlage” möglich. In der nächsten Woche werde seine Fraktion dann entscheiden, “ob sich die Skepsis bestätigt oder die Rahmenbedingungen eine Fortführung sinnvoll erachten lassen, weil die hohe künstlerische Leistung aus diesem Jahr auch in 2011 und den folgenden Jahren aufgezeigt werden kann und dadurch die Festspiele vom Publikum angenommen werden, was folglich zu besseren Zahlen führt”.
Skepsis über Fraktionsgrenzen hinweg
Die Hoffnung auf bessere Zahlen hegt man in der FWG-Fraktion nicht mehr. Vereinschef Professor Hermann Kleber findet stattdessen klare Worte: “Das jetzt zur Beratung und Beschlussfassung anstehende Konzept ist eine überwiegend hausbackene Sparversion, die den Ansprüchen der Neukonzeption von 2009 nicht mehr genügt”, kritisiert er und ergänzt: “Außerdem ist es viel zu spät, um Antikenfestspiele 2011 noch mit Erfolg zu bewerben und zu vermarkten”. Ferner seien das vorgelegte Konzept und der beigefügte Finanzierungsplan “mit etlichen Risiken behaftet. Für ein solches Produkt ist bereits der kalkulierte städtische Eigenanteil angesichts der Haushaltslage zu hoch, vollends aber, wenn man zu dem für 2011 kalkulierten Eigenanteil noch den Verlustvortrag von 220.000 Euro aus 2010 hinzurechnet”.
Skepis herrscht auch bei den Liberalen vor: “Auch wenn sich die Intendanz alle Mühe gibt, eine adäquate Fortsetzung der Spiele zu geringeren Kosten in den Kaiserthermen durchzuführen, bedarf die neue Konzeptidee noch einer intensiven Diskussion”, so Fraktionschef Dr. Karl-Josef Gilles. Seine Fraktion will am kommenden Montag die Vorlage erörtern und eine endgültige Entscheidung treffen, doch der Filscher sagt schon jetzt: “Trotz günstigerer Kalkulation bleiben entscheidende Fragen unbeantwortet, wie die nach der Akzeptanz und damit vor allem der zu erwartenden Besucherzahlen und Auslastung, die immer größer werdenden Vorbehalte der Sponsoren und letztlich auch der Lärmschutz, der zusätzliche Ausgaben in unbekannter Höhe erforderlich macht”. Die Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen wollte sich auf Anfrage nicht äußern.
Kaum vorstellbar, dass sich vor diesem Hintergrund noch eine Mehrheit für eine Fortführung der Antikenfestspiele finden wird. Doch ohne eine möglichst breite Unterstützung des Stadtrats wäre eine so kostspielige und aufwändige Veranstaltung nicht zu stemmen. Schon einmal, Ende 2008, hatten Intendant und Verwaltung den Stadtrat nicht wirklich überzeugen können. Zwar beschloss der Stadtrat, die Festspiele 2009 durchzuführen, doch dann traute man am Augustinerhof plötzlich dem eigenen Konzept nicht mehr. Als Rechtfertigung für die Absage der Festspiele musste dann ein kritischer Kommentar in der Lokalzeitung herhalten.
von Marcus Stölb




4. November 2010 (00:09 Uhr)
Die lokale und überregionale Wertigkeit der Trierer Kulturszene hängt mit Sicherheit nicht vom Durchführen von schlecht besuchten, also mangelhaft akzeptierter Antikenfestspiele ab, das sinnlose Versenken von mehreren hunderttausend Euro schon.
Gleichermaßen ist es nicht notwendig auf das Bespielen Antiker Stätten zu verzchten… , aber es geht eben auch erheblich kostengünstiger und auch nachaltiger…
4. November 2010 (11:13 Uhr)
Besser ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende!
4. November 2010 (15:33 Uhr)
Die sich jetzt abzeichnende Entscheidung ist richtig! ich hätte einer Fortführung der Antikenfeststspiele auch unter keinen Umständen mehr zugestimmt.
Gleichwohl war die Grundidee, das Alleinstellungsmerkmal “Antike” für Trier nutzen zu wollen, prinzipiell richtig. Jetzt muss ein anderer Ansatz gefunden werden.
Ich hatte schon mehrfach vorgeschlagen, Festwochen zu dem Thema Antike veranstalten, in denen Veranstaltungen wie „Brot und Spiel“ aber auch ein verändertes Altstadtfes ein fester Bestandteil wären. Die Veranstaltungen um die Konstantin-Ausstellung herum haben seinerzeit , was da so alles möglich ist. Im Rahmen dieser Festwochen könnten dann durchaus auch Theatherstücke mit prominenter Besetzung zum Thema “Antike” aufgeführt werden, je nachdem, wie sich die Gelegenheit ergibt. Das würde m.E. für Touristen attraktiv sein und könnte die Wirtschaftskraft Triers stärken. Trier wäre töricht, wenn es nicht die besondere Stellung als die Römerstadt Deutschlands stärker nutzen würde!
Thomas Albrecht, Mitglied der CDU-Stadtratsfraktion
4. November 2010 (15:48 Uhr)
Es ist ein schöner Zufall, daß der Bericht über das Ende der Antikenfestspiele am selben Tag wie der Bericht über die Fortsetzung der ADAC-Rallye erfolgt. Man muss sich den Tenor der jeweiligen Formulierungen und Stellungnahmen aufmerksam durch den Kopf gehen lassen, um herauszufinden, was den Trierern wirklich wichtig ist.
Denselben Kommentar schreibe ich zu “Circus maximus live im TV”.
4. November 2010 (17:54 Uhr)
@ THomas Albrecht:
ich finde Ihren Beitrag absolut paradox – so waren doch nicht die Antikenfestspiele selbst das Problem, sondern die absolute Fehlleitung Gerhard Webers plus Team. Wenn man sich die Regie dieses Mannes und die Musikalische Intelligenz ansieht, dann merkt man, das Trier hier einen Dilletanten ans Werk gehen lässt.
So ist auch zb. der Titus im Rahmen seines “neuen” aufgeblasenen Konzeptes doch ein Witz.
Mit Gerhard Weber als Intendant wird auch ein Theaterstück im Rahmen “Antike” genauso schlecht kalkuliert werden – denn das Handwerk fehlt. Ausserdem sehe ich persönlch keinen UNterschied, ob ich nun Theater im Rahmen eines “Antike” Konzepts mache, oder das Antikenfestspiele nenne. Fest steht doch – die FEstspiele, die einst Massen an Leuten mit elektraisierenden Momenten angezogen haben sind das nun das, was sie vor drei Jahren mit Nabucco und Weber auf dem Regiestuhl angefangen haben – nämlich Trash (people) … Ich persönlich wünsche Trier weiterhin viel Spaß mit Fehlkalkulationen und Regieprovinz – Das der Macbeth ncht ausgelastet ist, liegt laut ihrer Argumentation dann wohl auch nur am fehlenden Rahmen!
4. November 2010 (18:30 Uhr)
‘Schade um ein kulturelles Alleinstellungsmerkmal für Trier, vielleicht irgendwann wieder, wenn es kommerziell erfolgreicher vom Boden gebracht werden kann…
Je nun. Man kann klagen und heulen, doch wenn nunmal die Leute gern Dung kaufen, dann wird es aus den Krämerläden künftig streng riechen, fürchte ich…
4. November 2010 (23:27 Uhr)
Raimund Scholzen ist absolut beizupflichten.
Armes Trier! Zum Glück ist Luxusburg mit seinem subventionierten Kulturprogramm nicht weit.
Andererseits: Gut dass das unwürdige Gewürge um die Finanzen jetzt ein Ende hat.
Thomas Albrecht mag vielleicht ein Laienspiel mit den beliebten Toga-Führern in der Fußgängerzone aufführen. Vielleicht könnte die Touri-Info auch noch einen weiteren ihrer bewährten Gladiatoren oder Tribunen durch die Viehmarktthermen treiben. Oder eine ADAC-Rallye im römischen Streitwagen à la Ben Hur???
Wär doch ein ausgezeichnetes, äh? wie heisst es noch gleich, ‘Alleinstellungsmerkmal’ für Trier.
5. November 2010 (18:49 Uhr)
@Thomas Albrecht Dem Kommentar von Hybris kann ich nur zustimmen. Ebenso Raimund Scholzen und Malte Beyer-Katzenberger. Daher beschränke ich mich nur auf den merkwürdigen Vorschlag von Herrn Albrecht. Die Festspiele sollen aus Kostengründen aufgegeben werden, um dann mit neuem Etikett (noch billiger?) als “Römerfestwochen” wieder aufzuerstehen. Das nenne ich durchdacht und kaufmännisch. So werden die Antikenfestspiele genauso zum Abbruch freigegeben wie die evangelische Kirchengemeide, denn auch da hält ja die gleiche Touristengeilheit mit Römer-Häppchen Einzug. Stammen die beiden Konzepte am Ende aus der gleichen Feder? Anspruch? Net nöötisch. Hauptsaach de Touris kummen unn kaafen unn fräässen ebbes! Und die offensichtlich inhaltlich und kaufmännisch überforderten Protagonisten bleiben auf ihren Sesseln.
5. November 2010 (22:17 Uhr)
Wenn nun gewählte Stadtvolkvertreter fordern – Herr Albrecht war übrigens erstmals 1989 (!) im Stadtrat -, Triers antikes Erbe müsse nun aber endlich einmal “stärker” genutzt werden, bleibt mir die Spucke weg. Die Antikenfestspiele sind ja in allererster Linie wegen einer fehlenden städtischen Strategie und einem ehrlich empfundenen und gelebten Markenverständnis der Verantwortlichen gescheitert. Dass Herr Albrecht sich nun sogar die Blöße gibt, auf dünne “Brot & städtisch kofinanzierte Spiele”-Visionen zu setzen, ist fast schon erheiternd. Herrn Albrechts irgendwie-antikem Potpourri aus Gladiatoren, Theater und Altstadtfest fehlt höchstens noch das: “gewerbliche” Damen aus der Karl-Marx(!)-Straße fahren wie weiland Ben Hur auf Pferdewagen bei einer Sonderwertung zur ADAC-Rallye, Zieleinlauf ist im ehemaligen Römerlager auf dem Petrisberg, wo Guildo Horn vom Fernsehturm das größte Nußeckenfeuerwerk seit Ausonius eröffnet.
6. November 2010 (03:54 Uhr)
Im Grunde genommen hat Herr Albrecht recht. Wobei das Kultivieren der vorhandenen antiken Resourcen eben nicht einzig und allein durch antike “Gewandung” passieren muß.
Es sollte eben die Synthese von klassischer und zeitgenössischer Kunst und Kultur sein – vor dem Hintergrund antiker Stätten. Spannungsbögen über 2000 Jahre in die Zukunft ziehen. Geprägt von Charme und Originalität – das würde Trier ein weiteres Alleinstellungsmerkmal verschaffen. Konzepte unterschiedlicher Herkunft hierzu existieren wohl schon einige dem Vernehmen nach … ;-)