“Ich möchte geliebt werden”
Wenn Jess Jochimsen seine Texte auf der Bühne vorträgt, wirkt der vielschichtige Kabarettist wie eine wohltuende Mischung aus Thomas Bernhard und Ekel-Alfred. Vor eineinhalb Jahren durften die Trierer sein Können bereits im Duett mit Sascha Bendiks bewundern. Am Freitag, 28. Januar, tritt der 40-Jährige mit seinem aktuellen Solo-Programm “Durst ist schlimmer als Heimweh” in der Tufa auf. 16vor sprach mit dem gebürtigen Münchener über den tragischen Kern der Komik, die deutsche Verbotsmanie und die Hoffnung auf eine neue Protestkultur.
16vor: Herr Jochimsen, worin unterscheiden Sie sich von anderen Kabarettisten?
Jess Jochimsen: Ich behandele eher selten die tagesaktuelle Politik, sondern übertrage sie auf Leute, die unter dieser Politik leiden. Das finde ich viel spannender und auch politischer, auch wenn es meist nicht so gesehen wird im Kabarett, speziell im kommerziellen Kabarett.
16vor: Ihr aktuelles Programm trägt den weisen Titel “Durst ist schlimmer als Heimweh”. Was steckt dahinter?
Jochimsen: Der Spruch stammt nicht von mir, sondern ist schon uralt und wurde irgendwann mal Erich Kästner zugeschrieben. Ich finde, dass das ein schöner Reisesatz ist. Mein ganzes Programm ist sehr entschleunigt und ruhig. Diesem ganzen Stress und der Hektik im Alltag will ich ganz bewusst etwas entgegensetzen mit einer Melange aus Texten, Liedern und Dias, die sich zu einem literarischen Roadmovie verdichten. Es hat aber auch so einen leicht privat-depressiven und schwermütigen Einschlag. Beispielsweise gibt es Passagen, bei denen das Publikum vor Lachen fast auf dem Boden liegt und ich selbst gar nicht wirklich weiß, warum (lacht). Aber es scheint den Leuten gut zu tun, diese Gefühle von Ärger, Wut und Überforderung durch tragisch anmutende Komik auch mal auszuhebeln.
16vor: Ihr Ansatz liegt also darin, den tragischen Kern der Komik zu treffen?
Jochimsen: Natürlich, ohne Tragik geht’s ja sowieso nicht. Ich bin ja kein Kabarettist, der sich oberlehrerhaft vorne hinstellt und sagt: So sieht es aus im Land und nicht anders. Ich beschreib dann lieber mich selbst in diesem Land oder erfinde mir Leute, denen bestimmte Dinge passieren und erzähle Geschichten, von denen ich hoffe, dass sie es wert sind, erzählt zu werden.
16vor: Einer dieser Themenkomplexe scheint in Ihren Auftritten immer wieder Ihre Aversion gegen Verbote zu sein. In Ihrem letzten Programm sagten Sie: “Ich halte Nichtrauchen ja für legal, aber es ist eine perfide Form der Steuerhinterziehung”.
Jochimsen: Ja, das Raucher-Thema war ja in den vergangenen Jahren eine große Sache. Ich finde es zwar ganz prima, dass man in einem Restaurant nicht rauchen darf, aber ich finde es auch gut, wenn man abends in einer Bar zusammensitzt, in der man rauchen darf. Grundsätzlich hab ich aber mit Verboten aller Art Probleme. Ich politisiere das aber nicht, sondern behandle es auf eine ganz persönliche Art und Weise.
16vor: Kann man in diesem Punkt das Politische und das Private überhaupt trennen?
Jochimsen: Klar, das geht nur bedingt. Wenn ich Geschichten über Verbote erzähle, dann ist das aber dennoch eher als Kritik eines Privatmanns an der Verbotskultur gemeint. Der große Trierer Karl Marx würde sagen: Die produktivkraftschwächenden Dinge werden immer zuerst verboten. Also Rauchen und Alkohol. Meine Ablehnung ist da sicher auch eine politische Haltung, die ich habe, aber ich füge mich dem ja auch und rufe in dem Fall nicht zum Protest auf. Dann gehe ich eben raus zum Rauchen, was soll’s. Das ist jetzt nichts, worunter ich schwer leide. Es ist nur zu beobachten, dass man hierzulande dazu neigt, zu immer rigideren Formen der sozialen Kontrolle zu kommen. Ich meine einfach, es gäbe weitaus wichtigere Dinge, als das Rauchen und das Trinken zu verbieten.
16vor: Diese wichtigeren Dinge sparen Sie auf der Bühne ja auch nicht aus. Beispielsweise erzählen Sie manchmal von Ihrem Großvater, der Nationalsozialist war. Warum parlieren Sie auf der Bühne über derart Intimes?
Jochimsen: Das hat wieder mit meinem Ansatz zu tun. Im Kabarett gibt es ja gern mal diesen moralisierenden Reflex: “Oh, wir müssen aufpassen vor dem Neofaschismus.” Ein anderer Reflex ist diese Neigung, Hitler zu kabarettisieren. Ich fand es dagegen immer schon spannender, mir eine einzelne Person aus einem schlechten System herauszupicken. Meinen Opa hab ich rausgesucht, weil ich ihn als Kind sehr geliebt habe. Mit sechzehn Jahren, als er schon tot war und ich mich politisierte, begann ich zu begreifen, dass er ein Nazi war. Das ist ein unglaubliches Spannungsverhältnis von familiären Gefühlen und der vernünftigen Einsicht. Ich finde, dass das eine gute Art ist, Geschichten zu erzählen.
16vor: Eine andere Art, mit der Sie Ihre Storys erzählen, sind Ihre tragikomischen Photographien. Wie kamen Sie denn dazu?
Jochimsen: Die Idee kam mir vor einigen Jahren in Dinkelsbühl. Dort sind alle Schilder in Frakturschrift gehalten, weil die Einwohner dort das offenbar so mögen. Ich hatte dort einen Laden entdeckt, der hieß “Schmidts Fashion Point”, natürlich mit sächsischem Genitiv und falschem Apostroph. Und dann auch noch ein derart biederes Modegeschäft in Fraktur, das hab ich nicht mehr ausgehalten (lacht). Da hab ich mir dann direkt eine Kamera gekauft und fünf Filme nur mit diesem Schild verknipst. Allmählich habe ich mich dann autodidaktisch ein bisschen fotographisch weitergebildet
16vor: Sind diese Dia-Shows im digitalisierten Zeitalter nicht ein wenig altbacken?
Jochimsen: Ja und nein. Auf der einen Seite sind sie es, die bis heute am meisten Arbeit machen. Würde ich die neueste Computer-Technik verwenden, wäre alles viel unkomplizierter. Aber ich finde, diese Old-School-Dias sind eine sehr direkte Art der Gesellschaftserzählung. Und mein Herz hängt daran, weil die Diatechnik einfach näher dran und atmosphärisch stimmiger ist. Das rattert immer so schön, außerdem ist das Bild besser.
16vor: Bücher schreiben, Musik, Kabarett, Fotographie – Sie scheinen ein echtes Multitalent zu sein. Aber haben Sie denn auch etwas “Richtiges” gelernt?
Jochimsen: Ich könnte auch als Lehrer arbeiten. Studiert habe ich Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie. Aber für mich wäre das nix, weil ich mir den Künstlerberuf durchaus ganz bewusst ausgesucht hab. Da muss man natürlich manchmal schauen, wie man seine Brötchen zusammenkriegt, bisweilen läuft es gut und dann und wann weniger. Aber es geht meistens, so wie in jedem anderen Beruf auch. Die Freiheiten, die ich habe, möchte ich auf keinen Fall missen. Und hin und wieder ist diese Existenzangst des Künstlers ja auch gar nicht so verkehrt, weil sie einen dann antreibt.
16vor: Was treibt Sie denn darüber hinaus hauptsächlich an? Ist es eher die Provokation oder der Wunsch nach sozialer Anerkennung?
Jochimsen: Die reine Provokation sicher nicht, das wäre reine Koketterie. Ich kenne solche Kollegen, die von sich behaupten, nur die Leute aufrütteln zu wollen und erst zufrieden zu sein, wenn die Hälfte des Publikums empört den Saal verlässt. Aber ich glaube, wenn man sich schon auf eine Bühne stellt und sich angreifbar macht, dann will man auch gemocht werden. Bei mir ist das nicht anders. Eine Provokation um der Provokation willen würde ich auf der Bühne nie anzetteln, denn da sitzt ja nicht der Feind vor einem. Das ist ja so ein populärer Aberglaube im Kabarett, dass man denkt, man müsse die Leute überzeugen. Meist gehen ja eigentlich doch die Leute hin, die was in der Birne und eine klare Haltung haben, die muss ich gar nicht überzeugen. Ich möchte geliebt werden, wenn es mir gelingt, dem Publikum einen schönen Abend zu bereiten.
16vor: Sie haben auf der Bühne schon den Irrsinn von Stuttgart 21 angeprangert, als jene Bürger, die sich heute von der CDU mit Wasserwerfern aus dem Weg räumen lassen, diese noch selbst brav gewählt haben. Entwickelt sich in Deutschland derzeit endlich eine echte Protestkultur?
Jochimsen: Ich hab das Thema zwar schon lange auf der Agenda, doch das haben andere vor mir zum Glück auch schon erkannt, da bin ich gar keine leuchtende Ausnahme. Ich bin aber sehr gespannt darauf, wie es weitergeht, weil das tatsächlich ein breiter Prozess ist, den man im Zusammenhang betrachten muss, was die Beispiele Tunesien, Frankreich oder Griechenland zeigen. Historisch war es ja fast immer so, dass die Revolten von Schülern oder Studenten ausgingen, weil die deutlich weniger zu verlieren haben als ein abhängig beschäftigter Familienvater, der erpressbar ist. Das ist bei Stuttgart 21 und vielen aktuellen internationalen Protesten nicht so. Da könnte sich durchaus etwas Nachhaltiges entwickeln.
16vor: Zumindest Stuttgart 21 dürfte aber auch von einer rot-grünen Landesregierung durchgedrückt werden.
Jochimsen: Ja, wenn die klug sind, werden sie auch nicht in den Wahlkampf ziehen mit dem Versprechen, dieses Projekt abzubrechen, denn je mehr in den nächsten Monaten gebaut wird, desto teurer wäre das. Das ist auch das Ziel der Schlichtung gewesen. Da werden jetzt irgendwelche Stellschrauben verändert und dadurch wird dann die Teuerung gerechtfertigt und dieses schwachsinnige Projekt wird trotzdem umgesetzt. Das ist ganz schön bitter. Aber wer weiß, vielleicht tut sich da ja doch noch was Gutes.
16vor: Das ist ja so was wie die zentrale Frage: Sollen wir die Hoffnung bewahren oder resignieren? Zur Wirtschaftskrise sagten Sie: “Ich hatte immer schon Schulden, jetzt hat halt meine Bank auch mal welche.” Eine recht gelassene Haltung, der Sie den Satz gegenüberstellen: “Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt.” Was ist denn nun der richtige Weg?
Jochimsen: Ich finde, beide sind gute Ratgeber. Diese Verzweiflung, dass alles sinnlos ist und nichts hilft, kennt doch jeder – vom ganz Privaten bis hin zum Politischen. Es ist schon viel getan, wenn man das mal klar benennt und künstlerisch fruchtbar macht. Wichtig sind dann die Momente, in denen es gelingt, im Alltag diese existenzialistischen Grundgedanken von Sinnlosigkeit und Absurdität zu durchbrechen und zu sagen: “Trotzdem.” Ich bin ein großer Fan des infantilen Trotzes. Trotz kann etwas ganz Würdiges sein. Man muss sich immer wieder motivieren, und wenn es noch so sinnlos ist und man es mit noch so vielen Arschlöchern zu tun hat. Die Gelassenheit, die man dazu braucht, um Anlauf nehmen zu können beim entschlossenen Dagegen-Gehen, das ist mein zentrales Kraftreservoir, denn ohne Gelassenheit kommt man nicht durch dieses Leben.
von Christian Baron



