“Da müssten ganz Andere Position beziehen”
Dass seiner Kirche die Abschaffung des Pflichtzölibats ins Haus steht, glaubt auch Stephan Wahl nicht. Doch mit seinem “Wort zum Sonntag” und Interviews am Montag hat der Monsignore der seit Jahrzehnten andauernden Diskussion neuen Stoff gegeben. Bischof Stephan Ackermann wollte die Äußerungen seines Mediendirektors am Montag nicht kommentieren – so wie er auch verbale Attacken des Trierer Theologen Professor Wolfgang Ockenfels unkommentiert ließ. Der hatte die Verfasser des Memorandums “Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch” als “Zwerge, die sich als Koryphäen aufspielen” bezeichnet. Ockenfels beklagte sich zudem über “windelweiche Bischöfe” und “verkrachte 68er-Theologen”.
TRIER. Stephan Wahl ist ein Mann des Wortes. Die Wirkung dessen, was er am vergangenen Samstagabend via ARD sagte, wird er kalkuliert haben. Als der Beitrag mit dem Fernsehpfarrer um 23.17 Uhr auf Sendung ging, da hatten schon einige Gelegenheit gehabt, den kompletten Text vorab zu lesen; unter ihnen auch der Bischof, Wahls Chef hinter dem Dom. Dem Vernehmen nach fand Stephan Ackermann aber weder Zeit noch Muße, sich das “Wort zum Sonntag” vor seiner Ausstrahlung durchzulesen. Auf Anfrage erklärte ein Sprecher am Montag lediglich: “Bischof Ackermann hat sich zum Thema Dialogprozess im Paulinus deutlich geäußert und sich für ein offenes Gespräch auch über kritische Fragen ausgesprochen. Diese Aussage gilt weiter und ihr ist nichts hinzuzufügen.”
In besagtem Interview hatte sich Ackermann auch zum Thema Zölibat geäußert: Es schmerze ihn, “dass die Diskussion, so wie sie jetzt geführt wird, die zölibatäre Lebensweise zunehmend diskreditiert. Zwar wird in einer Art politischer Korrektheit immer wieder die Wertschätzung gegenüber dem Zölibat betont. Das ganze Hin und Her führt aber dazu, dass die zölibatäre Lebensform doch ausschließlich kritisch angeschaut wird, und die, die zölibatär leben, immer mehr in den Ruf kommen, arme, bedauernswerte Typen zu sein”. Dadurch würden der Dienst und die Lebensform “wahrhaftig nicht attraktiver. Das ist auch für die Berufungspastoral verheerend”.
Stephan Wahl teilt Ackermanns Wahrnehmung in weiten Teilen, doch zeigt er auch einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma auf: Er sei der festen Überzeugung, dass “der Zölibat in seiner positiven Bedeutung” nur bestehen könne, “wenn er freigestellt wird. Dann wird er auch in der Gesellschaft mehr respektiert als jetzt. Ohne Hintergedanken, als ganz persönliches Zeugnis, neben anderen ebenso glaubwürdigen und kostbaren Lebensformen”. Ihm gehe es im Kern um eine Aufwertung des Zölibats, konkretisierte Wahl am Montag im Gespräch mit 16vor. Die Erfahrung zeige, dass nicht wenige Priester das Versprechen der Ehelosigkeit nicht einhalten könnten. Komme es dann zu einer Situation wie der, dass sich ein Pfarrer nach etlichen Jahren zölibatärer Lebensweise doch in eine Frau verliebe, seien Konflikte und “oft unschöne Lösungen” programmiert.
Trierer Theologe kanzelt Kollegen ab
Für Wahl ist aber auch entscheidend, dass es nicht zu Ungleichbehandlungen innerhalb des Klerus kommen darf. Dass der Kölner Kardinal Joachim Meisner just an diesem Dienstag einen vor sieben Jahren von der Evangelischen zur Katholischen Kirche übergetretenen Ehemann und zweifachen Vater zum Priester weihen wird, derweil katholische Priester weiterhin zur Ehelosigkeit gezwungen sind, sei nicht mehr vermittelbar, so Wahl. Papst Pius XII. hatte diese Möglichkeit geschaffen, der amtierende Pontifex, Benedikt XVI., öffnete seine Kirche vor etwas mehr als einem Jahr für den Übertritt anglikanischer Geistlicher. Drei von ihnen, allesamt Ehemänner, ließen sich vor wenigen Wochen in der Londoner Westminster-Kathedrale zu katholischen Priestern weihen.
Dennoch hält man in Rom und auch in Freiburg, wo der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz residiert, am Pflichtzölibat fest. In einem Beitrag für die Welt am Sonntag schrieb Erzbischof Robert Zollitsch an die Adresse der Zölibatkritiker und Autoren des Memorandums “Kirche 2011″, die sich für eine Änderung im Kirchenrecht aussprechen, dass diese “über den erhofften praktischen Nutzen hinaus auch theologisch argumentieren” müssten. Die Kritiker sollten “dann auch darüber Auskunft geben, ob und wie auch nach einer Reform das für die kirchliche Identität wesentliche Charisma der Ehelosigkeit – als ein Zeichen der radikalen Nachfolge und Christus-Zugehörigkeit – erhalten und gestärkt werden kann.”
Möglich, dass die Worte des Freiburgers bei Wolfgang Ockenfels auf Wohlgefallen stießen. Denn der Professor für christliche Sozialwissenschaft der Theologischen Fakultät Trier, deren Großkanzler der Bischof ist, kanzelte die Autoren des Memorandums kürzlich in beispielloser Manier ab: Von einem “grotesken Aufstand theologischer Zwerge, die sich als Koryphäen aufspielen”, spricht Ockenfels in einem Interview mit kath.net, mit “verkrachten 68er-Theologen und manchen windelweichen Bischöfen” könne er nichts anfangen. Der Theologe konnte offenbar kaum an sich halten: “Dieses psychologisierende Gesäusel, diese gestelzten Pathosformeln, diese dialektische Doppeldeutigkeit: Das alles ist inzwischen zu einem großen Ärgernis geworden, zu einem Problem kirchlicher Glaubwürdigkeit”. Man wisse bei der Kirche in Deutschland “kaum mehr, woran man ist”. Bei Ockenfels weiß man es spätestens jetzt.
Der Bischof wollte dessen Äußerungen am Montag nicht kommentieren, und auch Stephan Wahl verliert nicht viele Worte über den streitbaren Kollegen. Nur soviel: “Die Wortwahl disqualifiziert sich von selbst”. Ob er der Diskussion ums Zölibat nun neuen Schwung gegeben habe? Monsignore Wahl ist da wenig optimistisch: “Ich bin ja nur ein kleines Licht, da müssten jetzt schon ganz andere Position beziehen”.
von Marcus Stölb




22. Februar 2011 (08:06 Uhr)
Respekt für Stephan Wahl, wer ihn für einen Apparatschik gehalten hat, ist jetzt eines besseren belehrt worden. Das waren klare und deutliche Worte, die sich in der Debatte als fruchtbar erweisen werden. Gut, könnte man Ockenfels zugute halten, auch er hat klare und deutliche Worte benutzt. Doch im Gegensatz zu Stephan Wahl hat der offensichtlich altersstarre Ockenfels keinen Funken Respekt für die Gegenseite aufgebracht. Mit Schrecken lese ich die verbalen Entgleisungen dieses Professors, der wie ein Großinquisitor Kritiker als theologische Zwerge abkanzelt, anstatt auf ihre Argumente einzugehen.
Bischof Ackermann sollte bei seinem Vorgänger Marx in Bayern nachfragen, ob im Altersheim von Walter Mixa nicht noch ein Platz für Ockenfels übrig ist. Und wenn wir gleich dabei sind, sollte auch Meisner aus Kölle besser heute als morgen dort einziehen.
22. Februar 2011 (13:33 Uhr)
“Da müssten ganz Andere Position beziehen”. Tja, dass isses. Obwohl ich beinahe mal in den Orden der Spiritaner eingetreten werden sollte, bin ich der Verkehrte.
26. Februar 2011 (00:35 Uhr)
Der Zölibat ist ein Lebenselexier der heiligen Mutter Kirche!!!
7. August 2011 (18:39 Uhr)
Der Zwangszölibat ist eine Quelle für Vertuschung und Heuchelei innerhalb der kath. Kirche,die andererseits Wahrheitsliebe fordert.Dieses schizophrene Verhalten zeigt wes Geistes Kind die Kirchenleitung ist.Kein Wunder dass die Dunkelziffer der Priester die alkoholkrank sind oder an Depressionen leiden hoch ist, und dass 63% aller Neurosen religiös oder kirchlich bedingt sind.Daraus resultiert die sofortige und unabdingbare Abschaffung des Zwangszölibats, der auch überhaupt nicht biblisch ist. Augustinus ist dafür verantwortlich,der sich selbst jedoch sexuell total ausgetobt hat, bis er alt war.Wäre er verheiratet gewesen, hätte er sich disziplinieren müssen, aber dann anderen vorschreiben, wozu er selbst nicht im Enferntesten in der Lage war.Die Kirche hat sich in ihrem rigiden Verhalten schon lange von den Worten Jesu (Bibel) entfernt. und so kommt mir heute der größte Teil des klerus vor wie die Pharisäer zur Zeit Jesu.