Frisch, leicht, entzückend
“My Fair Lady” in der Neuinszenierung des Trierer Theaters ist alles andere als ein alter Hut. Die Premiere des Musicalklassikers sprühte nur so vor Ideen, Musikalität und Spielfreude. Die Leichtigkeit der Inszenierung, das kreative Bühnen- und Kostümbild, die beschwingte Musik und die charmanten Sänger-Darsteller-Tänzer machten die Premiere zu einem rauschenden Fest. Das begeisterte Publikum dankte mit minutenlangem Applaus.
TRIER. Das Musical von Frederick Loewe nach dem Stück “Pygmalion” von George Bernard Shaw wurde 1956 in New York uraufgeführt. Die Geschichte um das Blumenmädchen Eliza Doolittle und den Phonetik-Professor Higgins, der sie mittels experimenteller Sprachförderung in die gehobene Gesellschaft katapultieren will, ist eines der bekanntesten Musicals überhaupt. Nicht nur die charmant-witzigen Songs auch die Story vom sozialen Aufstieg durch die “richtige” Sprache sind nach wie vor aktuell: “Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft macht es nicht.”
Regisseur Marc Pierre Liebermann tupft die Szenen mit leichter Hand dahin, sorgt dabei aber für die Stringenz der turbulenten Handlung. Das Philharmonische Orchester unter der Leitung von Christoph Jung musiziert duftig und swingend und bewahrt die dezente Zurückhaltung, die dem Bühnengeschehen dient. Manch ein Ohrwurm (“Es grünt so grün”) klingt dabei so frisch, als hörte man ihm zum ersten Mal.
Diese Frische ist vor allem auch das Verdienst des phänomenal aufspielenden Ensembles, allen voran Gastsängerin Nadine Eisenhardt als Eliza und Michael Ophelders als Professor Higgins. Nadine Eisenhardt zeichnet die Metamorphose des Blumenmädchens zur selbstbewussten Frau mit ungeheurer Intensität und Glaubwürdigkeit. Schrille Stimme und ungestüme Körpersprache – dieses Mädchen steckt im Überlebenskampf. Mit warmem Timbre dagegen singt sie von ihrer aufkeimenden Liebe, um gleich darauf wieder in Aggression und Wut auszubrechen. Am Ende ist sie die glückliche Frau, die über sich selber lachen kann.
Mit Souveränität und Nonchalance spielt Michael Ophelders den zynischen Junggesellen Higgins, der schlussendlich mit Eliza doch noch sein “schwesterliches Schlachtschiff” bekommt. Ophelders rückt auch gesanglich von Interpretationsklischees ab und gibt vielen Songs einen neuen Dreh. In weiteren Hauptrollen brillieren der charmante Ferry Seidl als steifer aber wohlwollender Oberst Pickering und der sehr präsente Pawel Czekala als Elizas rüpelhafter Vater.
Die Inszenierung hat ein besonderes Händchen für die exzellent besetzte und komplex gestaltete Nebenrolle. Eine grandiose Teresa Pek als Higgins’ Hausdame Mrs. Pearce, eine kapriziöse Angelika Schmid als Higgins Mutter, ein verschmitzter Peter Koppelmann als Elizas einfältiger Verehrer Freddy – es sind diese und viele andere Figuren, die das Musical wie nebenbei amüsant und lebendig machen.
Mit Akrobatik und Witz verbindet das fröhlich auftrumpfende Tanzensemble den Reigen der Darsteller, Sänger, der Chöre und Statisten zu einem großen Ganzen. Hier werden keine Nummern aneinandergereiht, sondern die Choreografie (Jean-Pierre Lamperti) durchzieht das gesamte Musical mit großer Leichtigkeit und dramaturgischer Intelligenz.
Das Bühnenbild (Wendelin Heisig) erzeugt mit einfachen und genialen Mitteln zugleich ästhetische Opulenz, höchste Konzentration auf die Darsteller und große Dynamik der Szenenwechsel. Wie in einem magisch bewegten Scherenschnitt verwandeln Statisten in phantastischen Kostümen die Bühne, während im Vordergrund noch geschmachtet, gestritten und gelästert wird.
Carola Vollaths Kostümkonzept birgt Ideen für gleich mehrere Schauen der Fashion Week. Die Kostüme der Tänzer, Chöre und Statisten strotzen nur so vor ironischen Anspielungen auf die Tücken der Mode (z.B. Gaultiers Madonna-Spitzbusen oder weißes Corporate-Clothing). Die Schwarz-Weiß-Roben und Hutkreationen der Damen beim Rennen in Ascot sind schlichtweg eine Augenweide. Mit den Kostümen Eliza Doolittles dagegen zeichnet Vollath deren persönliche Entwicklung nach: Ethno-Lagen-Look des Blumenmädchens, braves Trägerkleid der Sprachschülerin, glitzernde Empire-Robe der ausstaffierten Gesellschaftsdame bis hin zum eleganten Look der modernen Frau.
Die Trierer Inszenierung des Musicals “My Fair Lady”- ist eine Sternstunde der leichten Muse. Wunderschönes, sinnliches Entertainment verbindet sie mit Witz und Poesie. Selbst Frösche und Elektro-Punks kommen dabei unweigerlich gut drauf – garantiert.
Weitere Aufführungen im März: Dienstag, 8. März, 20 Uhr; Samstag, 12. März, 19.30 Uhr; Sonntag, 13. März, 19.30 Uhr; Freitag, 18. März, 20 Uhr und Freitag, 25. März, 20 Uhr.
von Christa Blasius





