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“In der Tat nicht prickelnd”

Die Saison 2009/2010 am Theater Trier war die zuschauerschwächste seit fast fünf Jahrzehnten. Mit dieser Nachricht überraschten Kulturdezernent Thomas Egger (FDP) und Intendant Gerhard Weber am Mittwochabend die Mitglieder des Kulturausschusses. Man werde nun auf Ursachenforschung gehen müssen, erklärte ein noch ratloser Egger, derweil Weber deutlich machte, woran es seiner Meinung nach nicht gelegen haben kann, dass die Zahl der Besucher nur noch knapp über der 100.000er-Marke lag: “Ich stehe mit meinem Team zu dieser Spielzeit”, die Produktionen seien “künstlerisch gut, zum Teil auch hervorragend” gewesen. Fest steht: Verhagelt wurde die Bilanz auch von den Antikenfestspielen, die gerade mal 7.159 Besucher zählten. Die Stadt hat sich die letzte Auflage des Festivals mehr als eine halbe Million Euro kosten lassen.

TRIER. Unter “Berichte und Mitteilungen” hatte der Dezernent das Thema gepackt, doch gerne werde man sich in der nächsten Sitzung ausführlicher mit den Zahlen beschäftigen. Als sogenannte Tischvorlage fanden die Mitglieder des zuständigen Dezernatsausschuss vor, was eigentlich schon im vergangenen Herbst hätte vorliegen müssen: die Zuschauerbilanz des Theater Triers für die Spielzeit 2009/2010. Die verspätete Präsentation der Zahlen begründete Heidi Schäfer, Verwaltungschefin des Theaters, mit “technischen Schwierigkeiten”: Offenbar hatte ein in der besagten Saison genutztes Buchungssystem derart versagt, dass man noch einmal nachzählen musste. Das Buchungssystem wurde zwischenzeitlich ausgetauscht.

Technische Ursachen dürften für die bescheidene Resonanz auf die erstmalige Konzeptspielzeit, die seinerzeit unter dem Oberbegriff “Stand.Ort.Suche.Deutschland” stand, nicht infrage kommen. Mit exakt 102.551 Besuchern in mehr als 370 Aufführungen – darunter auch die der Antikenfestspiele – verzeichnete das Theater ein Minus von rund 12,5 Prozent gegenüber der Vorsaison, in der die Festspiele ausgesetzt worden waren. Schlimmer noch für Weber und seine Kollegen: Nie zuvor in der seit 1964 geführten Statistik lagen die Besucherzahlen einer Saison niedriger. Nun lässt sich die Saison 65/66, als noch mehr als 153.000 Besucher am Augustinerhof gezählt wurden, nicht mit heutigen Maßstäben messen; aber dass man beinahe die 100.000er-Marke unterschritten hätte, das gibt den Verantwortlichen in Theater und Rathaus doch zu denken.

Lustige Witwe lockt mehr als der Staatsfeind

Egger kündigte denn auch an, dass man nun in die Ursachenforschung gehen müsse. Er selbst sei noch nicht davon überzeugt, dass es sich um “einen strukturellen Trend” handele, aber man müsse sehr wohl schauen, “wo wir mehr tun können”. Mehrere Ausschussmitglieder beklagten, dass sie die Zahlen erst in der Sitzung erhalten hatten – eine ernsthafte Diskussion über die Bilanz war so natürlich nicht möglich. Der Intendant räumte derweil offen ein, dass die Zahlen “in der Tat nicht prickelnd” seien; da gebe es vonseiten des Theaters auch ” nichts zu beschönigen”. Doch Weber sagte auch: “Ich stehe mit meinem Team zu dieser Spielzeit, die künstlerisch gute, zum Teil auch hervorragende” Produktionen geboten habe. Der Intendant verwies auf Faust I und II, aber auch auf “Joseph Süß“. Tatsächlich lockte die zeitgenössische Inszenierung des Goethe-Werks beachtliche 6.611 Zuschauer in insgesamt zwölf Aufführungen, was im Schnitt 551 Besuchern und einer Auslastung von ordentlichen 88,85 Prozent entsprach. Die Oper “Joseph Süß” hingegen schnitt mit einer Auslastung von durchschnittlich knapp 42 Prozent deutlich schlechter ab, und auch die Uraufführung “Ich war der Staatsfeind Nr. 1” kam auf nur 51,13 Prozent. Besser lief erwartungsgemäß das Märchen “Die Bremer Stadtmusikanten”, das mit 19.281 Besuchern für fast ein Fünftel der Zuschauer der gesamten  Spielzeit sorgte, oder die Lehár-Operette “Die lustige Witwe” mit 7.856 Besuchern.

Insgesamt zählte das Programm im Großen Haus in der Saison 09/10 gerade mal 75.800 Besucher – und da sind die Produktionen der Antikenfestspiele “König Ödipus/Antigone” und “Nerone” schon mit eingerechnet. Zum Vergleich: In der Spielzeit 08/09 wurden im Großen Haus noch 84.400 Besucher verzeichnet. Wenn es denn etwas gab, was die Mienen der Verantwortlichen aufhellen konnte, dann war es die Bilanz des Philharmonischen Orchesters: 8.100 Zuhörer kamen, außerdem lauschten 2.000 bei Gastspielen. Weber lobte die Arbeit von Generalmusikdirektor Victor Puhl, die Bilanz sei kontinuierlich und mit leichtem Aufwärtstrend. Was die aktuelle Saison anbelangt, rechnet man im Theater mit besseren Zahlen. Derzeit läuft die zweite Konzeptspielzeit, dieses Mal unter dem Motto “Welt.Eroberung”. Möglicherweise habe man dieses Mal bei der Mischung der Stücke zwischen populär und rar “mehr Glück gehabt”, mutmaßt Weber, der heute das Programm für die Spielzeit 2011/2012 vorstellen wird.

Unterdessen liegt nun auch der Rechnungsabschluss der Antikenfestspiele 2010 vor. Zwar lagen die Kosten nur geringfügig über dem Plan – statt der kalkulierten 1,127 Millionen waren es am Ende 1,163 Millionen Euro. Aber wegen der desaströsen Zuschauerresonanz lagen die Erträge, sprich Einnahmen aus Eintrittsgeldern, Zuschüssen und Zuwendungen von Sponsoren bei lediglich 636.274 Euro. Kalkuliert hatte man mit knapp 806.000 Euro. Der städtische Gesamtzuschuss erhöhte sich von 321.000 auf fast 527.000 Euro oder mehr als 73 Euro pro tatsächlichem Besucher. Eine Antwort auf die Frage, wie viele Zuschauer am Ende tatsächlich den vollen Eintrittspreis zahlten, blieben die Verantwortlichen im Rathaus bis heute schuldig. Im August war in einer “Grobabrechnung” von 2.789 Festivalbesuchern die Rede.

 

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6 Leserbriefe | RSS-Abo

  1. thesa schreibt:

    Bestimmt könnte man das gebotene Programm noch attraktiver machen, zuersteinmal sollte aber an der Erreichbarkeit der Theaterkasse gearbeitet werden. z.B. durchgängige Öffnungszeiten unter der Woche. Ausserdem habe ich die Erfahrung gemacht, dass wenn ich mal die richtige Zeit erwischt hatte, in der Warteschleife gelandet bin und nach ewiger Zeit aufgelegt habe. Fazit: 4 Anrufe ohne Erfolg! Ich hoffe sehr, dass ich da ein Einzelfall bin. Oder wird hier tatsächlich am falschen Ende (bzw. an Personal) gespart?

  2. Burkhard Vogel schreibt:

    Ich stimme Thesa zu, dass auf dem Gebiet des Kartenvorverkaus einiges verbessert werden könnte. Es gibt zwar die Option “Online Karten kaufen”, aber da soll man dann ein Web-Formular ausfüllen – mich persönlich animiert das nicht dazu, von dieser Option Gebrauch zu machen.

    Es wäre vielleicht zu überlegen, einen Online-Kartenverkauf mit Saalplanbuchung zu machen, wie es andere Schauspielhäuser anbieten, so dass die Besuchenden der Homepage direkt sehen können, ob für die gewünschte Vorstellung noch Karten zu haben sind und dann den Kartenkauf inkl. Bezahlung direkt abwickeln können.

  3. Florian Burg schreibt:

    Bedauerlich, dass so wenige Zuschauer den Weg ins Theater finden. Dringend notwendig wäre es, neue Zuschauerschichten zu erreichen, jenseits des aussterbenden Bildungsbürgertums. Die bloßen Zahlen sind dafür aber uninteressant. Aus ihnen geht nicht hervor, wie das Publikum strukturiert ist. Erreicht man junge Menschen? Ausgebildetete oder Studierte? Aus Trier, dem Umland, dem Ausland? Das einzige, was sicher ist: Die Abonenten werden immer weniger und es ist höchste Zeit, Strategien für anderes Publikum zu finden. Ob diese aber zünden findet man durch bloßes Kartenzählen nicht heraus.

  4. Jürgen Förster schreibt:

    Intendant Weber hat ja in einem Recht: es liegt am wenigsten – bis auf einzelne Fehlgriffe – an den Produktionen, denn die sind häufig gut, manchmal sogar klasse. Ursache des Problems sind andere Faktoren, ein Mix aus Nachlässigkeit, Behäbigkeit und Unfähigkeit – insbesondere bei Ambiente, Marketing und Umgang mit dem Kunden.
    Beispiele: Kennt jemand noch ein anderes Theater, das keinen online-Ticketverkauf anbietet? Ein absolutes Muss heutzutage! Die Telefon-Warteschlangen sind ebenfalls häufig ein Ärgernis. Wie wäre es mit einer Aufwertung des eher lausigen Speisen- und Getränkeangebotes? Und wo macht das Theater eigentlich Werbung? In der Stadt kaum zu sehen, und auch auf der Homepage der Tourist-Info sehr verborgen. Dort bei der TIT an der Porta kann man zuwar Tickets für die Koblenzer BuGa bekommen… – nicht aber für’s Trierer Theater! Wie wäre es z. B. mit Auslage der Jahres- und Monatsprogramme in den Foyers der Spielstätten der Quattropole-Partnerstädte? Kosten minimal, man erreicht jede Menge Kulturinteressierte, die nicht regelmäßig das Trierer Theaterprogramm und -kritiken in den Heimatmedien finden. Nur machen muss man es!

    Mir scheint, das Theater braucht mehr als eine bauliche Runderneurung!

    Dafür, wie man Kultur hochwertig aufstellt, stets kundenfreundlich anbietet und damit dann eben erfolgreich ist, bietet auch unsere Region einige Beispiele unterschiedlicher Ausrichtung und Größe: Eifel-Literaturfestival, Mosel-Musikfestival, Philharmonie Luxemburg,…

  5. gebürtiger Trierer schreibt:

    vieleicht sollte man jetzt endlich mal erkennen, daß wohl doch nicht die derart preite masse an diesem kulturangebot interesse hat und auch endlich einmal damit beginnen, in zeiten derart klammer kassen, an der heiligen kuh “kultur” den rotstift anzusetzten….man muß sich einfach fragen, ob wir bei einer derart schiefen finanzlage in der stadt trier noch ein hoch mit steuergeldern finanziertes angebote in voller breite erhalten kann, wie tufa, kunstakademie, musikschule, theater mit DREI spaten und etwaigen neubau, und, und, und…..?!?!?!?!

  6. KulturBanane schreibt:

    Jetzt entspinnt sich eine typische “Klein-Kleindiskussion” – aber ich denke, das ist wenig zielführend und vernebelt den Blick aufs Wesentliche.
    Die Fragen, die sich vielmehr stellen sind:
    -Wieviel tatsächliche ProKopf Subventionen ist der öffentlichen Hand das Stadt Theater wert ?
    - Braucht Trier wirklich drei Sparten?
    - Wohin will die Stadt mit ihrem beschränkten Kulturetat mittelfristig?
    - Entspricht die Grundkponzeption “Stadt-theater” überhaupt noch den kulturellen Bedürfnissen von dauerhaft mehr als hunderttausend Besuchern im jJahr?

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