Die Geschichte der Armut in der Kunst
“Wir haben es geschafft, Exponate an Land zu ziehen, von denen wir nur geträumt haben”, schwärmt Dr. Elisabeth Dühr, die Leiterin des Stadtmuseums. Gemeint sein dürften unter anderem Pieter Brueghels d.J. “Die sieben Werke der Barmherzigkeit”, Max Liebermanns “Hof des Waisenhauses in Amsterdam” und Pablo Picassos “Das karge Mahl”, die zu den insgesamt 150 Stücken der Ausstellung “Armut – Perspektiven in Kunst und Gesellschaft” gehören, die am Sonntag eröffnet wurde und sich mit der Darstellung dieses Themas vom Mittelalter bis heute beschäftigt. Weitere 100 Werke sind in einer Teilausstellung im Landesmuseum zu sehen, die sich der Armut in der griechischen und römischen Antike widmet.
TRIER. Die Gestaltung der Ausstellung im Stadtmuseum ist schlicht und erfreulich übersichtlich. Die Exponate sind nicht chronologisch angeordnet, sondern nach Themen. Unterschiedlich farbige Wände gliedern die fünf Bereiche “Perspektive Dokumentation”, “Perspektive Appell”, “Perspektive Ideal”, “Perspektive Stigma” und “Perspektive Reform”. Der Begriff “Perspektive” ist hier im Sinne von “Betrachtungsweise” zu verstehen und nicht als Aussicht für die Zukunft.
Die “Perspektive Dokumentation”, mit der die Ausstellung im ersten Geschoss des Stadtmuseums beginnt, zeigt buchstäblich Armutszeugnisse – von Trierer Steuerlisten aus dem 14. Jahrhundert bis zu aktuellen Fotos. In diesem Bereich geht es darum, zu dokumentieren, was Armut ist, welche Statistiken über Armut vorliegen und wie Armut aussieht.
Darstellungen von Armut und Hilfsbedürftigkeit, die in erster Linie darauf abzielen, den Betrachter zum Engagement gegen Armut aufzurufen, gibt es im Block “Perspektive Appell” zu sehen. Dazu gehören auf der einen Seite deutsche Spendenplakatwerbungen der vergangenen Jahrzehnte und auf der anderen Seite unter anderem finstere und erschütternde Bilder von Käthe Kollwitz und der Expressionisten Max Beckmann und George Grosz, die von den Erfahrungen der Hungerkrisen des Ersten Weltkrieges und der Weltwirtschaftskrise 1929 geprägt sind.
Die “Perspektive Ideal” ist in die Themen “Freiwillige Armut”, “Nächstenliebe und Solidarität” und “Armut und Menschenrecht” unterteilt. Exemplarisch für eine selbst gewählte Armut sind der “Heilige Simeon als Eremit”, der im Ostturm der Porta Nigra lebte, und Januarius Zicks “Alexander und Diogenes”. Spätestens hier wird deutlich, dass dem Stadtmuseum auch in der aktuellen Ausstellung daran gelegen ist, ebenfalls einen Blick auf Trier zu richten und Stücke der eigenen Sammlung zu integrieren.
Werke der Barmherzigkeit sind seit dem 12. Jahrhundert Thema in der Bildenden Kunst und nehmen im christlichen Glauben eine zentrale Stellung ein. Brueghels “Die sieben Werke der Barmherzigkeit”, eine der bedeutendsten Arbeiten der Ausstellung, löst sich aus dem religiösen Rahmen und stellt eine bürgerlich-städtische Armenfürsorge dar.
Zum Thema “Armut und Menschenrecht” finden sich wieder einige Arbeiten von Käthe Kollwitz, die Weberaufstände als Motiv wählte, um Armut als Verstoß gegen Menschenrechte anzuprangern. Den gleichen Anlass wählte zuvor auch schon Carl Wilhelm Hübner, dessen Bild “Die schlesischen Weber” laut Friedrich Engels “wirksamer für den Sozialismus agitiert hat als hundert Flugschriften”. Dessen Werk und Heines gleichnamiges Lied hätten weite Teile der Bevölkerung für die Soziale Frage sensibilisiert.
Die “Perspektive Stigma” beschäftigt sich mit einem Thema, das heute noch hochaktuell ist und zuletzt durch Thilo Sarrazins Bestseller “Deutschland schafft sich ab” neue Nahrung erhielt: Die Stigmatisierung schwacher gesellschaftlicher Gruppen als “Asoziale”, “Sozialschmarotzer” und “Feinde des Gemeinwohls”, die Teile der Gesellschaft vor allem in Krisen- oder Umbruchsituationen am liebsten von Unterstützungsmaßnahmen ausschließen möchten. Die Darstellung der Würdigkeit von Hilfesuchenden steht in diesem Bereich im Zentrum. Der Zusammenhang von Armut und Fremdheit spielt hier eine große Rolle.
Im letzten Block “Perspektive Reform”, der sich wie der vorherige komplett auf der zweiten Etage befindet, werden Initiativen thematisiert, die Armut nicht als Ideal sehen, sondern als zu bekämpfendes Übel. In dem Maße, in dem Staaten Arme und Armut als gemeinschaftsgefährdendes soziales Problem erkannten, nahmen kirchliche oder staatliche Versuche zu, bereits der Entstehung von Armut entgegenzuwirken – sowohl aus philantropischen Gründen als auch aus einem Interesse an der Aufrechterhaltung bestehender politisch-gesellschaftlicher Strukturen. Als Beispiel für eine besonders fortschrittliche Institution der Armutsprävention galt das Bürgerwaisenhaus, das der deutsche Impressionist Max Liebermann in seinem Bild “Hof des Waisenhauses in Amsterdam” festhielt.
Als einer der ersten setzte sich bereits im 16. Jahrhundert der Trierer Reformator und Calvinist Caspar Olevianus für Bildung als Armutsprävention ein. Von den großen Sozialreformern dürfen natürlich auch nicht der Philosoph Karl Marx und der Theologe Oswald von Nell-Breuning fehlen, der laut Altkanzler Helmut Schmidt die deutsche Sozialpolitik der Nachkriegszeit wesentlich mitgeprägt hat. Am Ende des Raumes schließt die Ausstellung mit aktuellen Werken von Künstlern wie Jonathan Meese und Jörg Immendorf.
Die umfangreiche Schau mit mittelalterlicher Tafelmalerei, Gemälden des Barock über Druckgrafik bis zu Positionen der Gegenwartskunst wird abgerundet durch die Dokumentation von Armut in der Antike und der Darstellung von Armut in der Kunst der Antike im Landesmuseum. Bis zum Aufkommen des Christentums in der Spätantike galt Armut in Rom und Griechenland immer als selbstverschuldet und war weitestgehend negativ besetzt. Darstellungen von Bettlern und Krüppeln – das Landesmuseum zeigt eine große Sammlung an Grotesken – sollten erheitern und bildeten einen bewusst gesuchten Kontrast zur bürgerlichen Welt. Mitleid für Arme oder gar öffentliche Unterstützung gab es nicht.
Mit der Ausstellung, die bis zum 31. Juli geöffnet ist, wird nicht nur die Tradition der Zusammenarbeit der Trierer Museum – das Karl-Marx-Haus beteiligt sich neben mehr als 20 weiteren Institutionen an einem Begleitprogramm mit über 80 Veranstaltungen – fortgesetzt, sondern auch die Kooperation mit den hiesigen Hochschulen. Idee und Konzeption der einmaligen Schau, die schon vor der Eröffnung zahlreiche Journalisten überregionaler Medien anlockte, stammt vom Sonderforschungsbereich “Fremdheit und Armut” der Universität Trier. Mit Entwürfen für die Architektur und interaktiven Medienstationen beteiligte sich auch die Fachhochschule an der Ausstellungskonzeption.
Der leuchtend grüne, 450 Seiten starke Begleitband (herausgegeben von Herbert Uerlings, Nina Traut und Lukas Clemens) bildet mit seinen mehr als 60 Beiträgen ein noch nicht dagewesenes Überblicks- und Referenzwerk zur Geschichte der Armut und ihrer bildlichen Darstellung. Der eigentliche Katalog nimmt gerade einmal ein Viertel des gesamten Werkes ein.
Weitere Informationen zur Ausstellung “Armut – Perspektiven in Kunst und Gesellschaft” und zum umfangreichen Begleitprogramm finden Sie hier.



